Das Leben wählen

Josua 24, 1 – 15

 1 Josua versammelte alle Stämme Israels nach Sichem und berief die Ältesten von Israel, seine Obersten, Richter und Amtleute. Und als sie vor Gott getreten waren, 2 sprach er zum ganzen Volk:

Noch einmal: Landtag zu Sichem. Ein Vermächtnis-Tag. Eine Doppelung? Es wirkt auf den ersten Blick wie eine Wiederholung des vorhergegangen Kapitels. Aber es wird eine andere Szene vor Augen gestellt. Das Volk wird in seinen Repräsentanten an das Heiligtum nach Sichem berufen. Aber man ist nicht unter sich. Vor Gott tritt diese Versammlung zusammen. Das gibt allem, was jetzt gesagt wird, sein Gewicht. Nicht mehr das wird betont, dass Josua alt ist, hochbetagt, und eine „testamentartige“ Rede hält, sondern hier ist im Vordergrund, dass das Volk vor Gott steht. Darum folgt hier auch eine Gottesrede und nicht eine Ansprache des Josua an das Volk. Nicht nur die Szene wechselt. Es ist auch ein anderer, der ganz Andere, der das Wort nimmt.

 

So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vorzeiten jenseits des Euphratstroms, Terach, Abrahams und Nahors Vater, und dienten andern Göttern. 3 Da nahm ich euren Vater Abraham von jenseits des Stroms und ließ ihn umherziehen im ganzen Land Kanaan und mehrte sein Geschlecht und gab ihm Isaak. 4 Und Isaak gab ich Jakob und Esau und gab Esau das Gebirge Seïr zum Besitz. Jakob aber und seine Söhne zogen hinab nach Ägypten. 5 Da sandte ich Mose und Aaron und plagte Ägypten, wie ich unter ihnen getan habe. 6 Danach führte ich euch und eure Väter aus Ägypten. Und als ihr ans Meer kamt und die Ägypter euren Vätern nachjagten mit Wagen und Gespannen ans Schilfmeer, 7 da schrien sie zum HERRN. Der setzte eine Finsternis zwischen euch und die Ägypter und ließ das Meer über sie kommen und es bedeckte sie. Eure Augen haben gesehen, was ich in Ägypten getan habe. Und ihr habt gewohnt in der Wüste eine lange Zeit. 8 Und ich habe euch gebracht in das Land der Amoriter, die jenseits des Jordans wohnten. Und als sie gegen euch kämpften, gab ich sie in eure Hände, sodass ihr ihr Land einnahmt, und vertilgte sie vor euch her. 9 Da machte sich auf Balak, der Sohn Zippors, der König der Moabiter, und kämpfte mit Israel und sandte hin und ließ rufen Bileam, den Sohn Beors, um euch zu verfluchen. 10 Aber ich wollte ihn nicht hören, sondern er musste euch segnen, und ich errettete euch aus seinen Händen.

So spricht der HERR, der Gott Israels. So kühn sind die Schreiber biblischer Bücher. Sie schreiben, was Gott sagt. Nicht nur, was er sagen könnte. Der Herr, der Gott Israels gibt einen regelrechter Aufriss der Geschichte Israels. Dieser Geschichte Gottes, die Israel erst zu Israel werden lässt, zum Volk Gottes. Der Bogen wird weit gespannt – vom Aufbruch Abrahams bis zu Balak, der das Volk in der Wüste segnen musste. Die Heilstaten Gottes werden genannt. Und Israel, das Volk wird zum Zeugen gerufen: Eure Augen haben gesehen. Es bekommt damit zugleich den Weg gezeigt, den Weg von den anderen Göttern zu Gott, der sie errettete, immer wieder errettete.

 11 Und als ihr über den Jordan gingt und nach Jericho kamt, kämpften gegen euch die Bürger von Jericho, die Amoriter, Perisiter, Kanaaniter, Hetiter, Girgaschiter, Hiwiter und Jebusiter; aber ich gab sie in eure Hände. 12 Und ich sandte Angst und Schrecken vor euch her; die trieben sie vor euch weg, die beiden Könige der Amoriter, und nicht dein Schwert noch dein Bogen. 13 Und ich habe euch ein Land gegeben, um das ihr euch nicht gemüht habt, und Städte, die ihr nicht gebaut habt, um darin zu wohnen, und ihr esst von Weinbergen und Ölbäumen, die ihr nicht gepflanzt habt.

 Dann kommt der zweite Blick – auf das Land. Das ist die Szene: sie müssen sich nur umschauen in Sichem. So weit das Auge reicht – sie sehen Gottes Gabe. Ich habe euch ein Land gegeben. Es ist wie die Zusammenfassung des ganzen Josua-Buches: Das Land ist nicht erobert worden, sondern gegeben. Und wie es jetzt da liegt, offen, als das gelobter Land, ist es nicht das Ergebnis der Mühe des Volkes. Die Städte sind nicht Israels Gründungen. Die Weinberge und Ölbäume nicht Israels Pflanzung.

 Das ist ja auch historisch richtige Erinnerung: Israel war ein Wüstenvolk. Es hat halbnomadisch gelebt und Ackerbau und Stadtkultur gewissermaßen „geerbt“ von den kanaanäischen Ur-Einwohnern. Hier freilich wird nicht auf die Geschichte abgehoben: Gott, der HERR hat gegeben, gründet, gepflanzt. Es ist seine Mühe, von der Israel lebt.

 14 So fürchtet nun den HERRN und dient ihm treulich und rechtschaffen und lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits des Euphratstroms und in Ägypten, und dient dem HERRN. 15 Gefällt es euch aber nicht, dem HERRN zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt.

 Aus alledem folgt der Aufruf, der Entscheidungsruf. In ihm erst hat Josua das Wort. Er zieht aus der Gottesrede die Konsequenz: Wählt, ob ihr den Göttern folgt, denen die Väter dienten, damals in grauer Vorzeit, im Elend in Ägypten oder ob ihr dem HERRN dienen wollt. „Es ging dabei um die Annahme des Gottes Israels, Jahwe, und um die Absage an andere Götter, und zwar an die früh von den Vorvätern verehrten wie auch an die Götter des neugewonnenen Landes.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 133) Es scheint so zu sein, dass alle Entscheidungsrufe von Menschen als Begründung, als ihre Ermöglichung das Reden Gottes brauchen. Ist Israel frei in dieser Wahl?

 Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.

 Für Josua ist die Wahl längst entschieden. Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen. Anders gesagt: Josua wählt das Leben. Er macht sich fest in der Treue Gottes und antwortet mit seiner Wahl auf diese Treue Gottes. Wer das Buch Josua bis hierhin gelesen hat, der kann gar nicht anders als denken: Es wäre geradezu widersinnig, sich gegen Gott zu entscheiden. Es würden ja alle seine Gaben in den Wind geschlagen. Alle seine Wohltaten geleugnet. So frei steht Josua dem Volk gegenüber – und hofft doch, dass sie seinem Beispiel folgen. Das Leben wählen.

Herr                                                                                                                                 Wohin sollen wir gehen ohne Dich                                                                                      Wo finde ich das Leben                                                                                                         wenn ich mich abwende von Dir                                                                                          Wo finde ich Halt                                                                                                              wenn ich mich nicht mehr an Dich halte

Ich bin wie ein Hund                                                                                                              der sich verlaufen hat                                                                                                         herrenlos herum irrt ohne Dich

Ich bin wie ein Blatt                                                                                                             das im Wind treibt                                                                                                               hierhin und dorthin                                                                                                             wenn ich mich löse von Dir

Herr bleibe Du bei mir                                                                                                      damit ich bei Dir bleiben kann. Amen