Wir bleiben beieinander

Josua 22, 21 – 34

21 Da antworteten die Söhne Ruben und die Söhne Gad und der halbe Stamm Manasse und sagten zu den Obersten über tausend in Israel: 22 Der starke Gott, der HERR, der starke Gott, der HERR, weiß es; so wisse es auch Israel: Fallen wir ab oder lehnen wir uns auf gegen den HERRN, so helfe er uns heute nicht! 23 Und wenn wir darum den Altar gebaut haben, dass wir uns von dem HERRN abwenden wollten, um Brandopfer oder Speisopfer darauf zu opfern oder Dankopfer darauf darzubringen, so suche es der HERR heim!

 Die Söhne Ruben, Gad und Manasse antworten – durch ihre Führer doch wohl. Gott weiß. Gott kennt die Herzen. Schon dieser ersten Sätze zeigen: Sie sind sich keiner Schuld bewusst. Sie sind reinen Herzens. Es ist wie ein Reinigungseid: Wenn wir nicht die Wahrheit sagen, soll der HERR sich gegen uns stellen. Und: Er soll uns heimsuchen, wenn wir uns vergangen haben.

 In der Argumentation spielt die spätere Praxis in Israel eine Rolle. Der Ort für Brandopfer, Speisopfer oder Dankopfer ist allein der Altar im Tempel zu Jerusalem. Das aber – so die Aussage sei nicht der Sinn dieses Altars. Und ein wenig verwundert fragt man sich: Wofür ist er denn dann da? Eine Antwort fehlt – zunächst.

24 Haben wir es nicht vielmehr aus Sorge darum getan, dass wir dachten: Künftig könnten eure Söhne zu unsern Söhnen sagen: Was geht euch der HERR, der Gott Israels, an? 25 Der HERR hat den Jordan zur Grenze gesetzt zwischen uns und euch, ihr Söhne Ruben und Gad, ihr habt kein Teil am HERRN. Damit würden eure Nachkommen unsere Nachkommen von der Furcht des HERRN abwenden.

 Es kommt ein argumentativer Neueinsatz. Der Altar ist da, damit es nicht zu einer Entfremdung vom HERRN kommt. Er ist der Entfernung zwischen Ostjordanland und Westjordanland geschuldet. Da droht doch die Gefahr der Entfremdung: Ihr seid ja gar keine richtigen Israeliten. Ihr seid keine richtigen Angehörigen des Volkes. Zwischen euch und uns ist der Jordan, eine Grenze, die der HERR gesetzt hat. Der Jordan trennt.

 Es ist schwer, solche Argumente abzuweisen, zurück zu weisen. Weil es die Erfahrung vieler ist: Je weiter Menschen vom zentralen Heiligtum entfernt leben, umso größer ist die Gefahr, dass sie sich absondern, eigene Wege gehen, eigenen Gedanken folgen. Und es gibt die Gefahr der Arroganz: Die nahe am zentralen Kultort leben, halten sich für die besseren Gläubigen, die treueren Diener, die allein Richtigen.

 26 Darum sprachen wir: Lasst uns einen Altar bauen, nicht zum Brandopfer noch zum Schlachtopfer, 27 sondern damit er ein Zeuge sei zwischen uns und euch und unsern Nachkommen, dass wir dem HERRN Dienst tun wollen vor ihm mit unsern Brandopfern, Dankopfern und Schlachtopfern, und eure Söhne künftig nicht sagen dürfen zu unsern Söhnen: Ihr habt kein Teil an dem HERRN.

Um diesem Entfremdungs-Prozess vorzubeugen, wird der Altar gebaut. Gerade keine Opferstätte, sondern ein Zeuge, ein Mahnmal zur Treue gegen den HERRN. Ein Erinnerungsort daran, zu wem die Söhne Ruben, Gad und der halbe Stamm Manasse gehören. Auch ein Ort, der Arroganz der Westjordan-Leute verhindert, verhindert, dass sie dem Stämmen im Ostjordanland ihr Teil an dem HERRN absprechen. Das kann ja ganz schnell gehen. Wer nicht präsent ist, wird rasch abgeschrieben als einer, der dazu gehört. Ganze Gruppen geraten so ins Abseits.

 28 Und wir sagten uns: Wenn sie künftig zu uns oder zu unsern Nachkommen so reden würden, so könnten wir sagen: Seht, wie der Altar des HERRN gebaut ist, den unsere Väter gemacht haben, nicht zum Brandopfer noch zum Schlachtopfer, sondern zum Zeugen zwischen uns und euch. 29 Das sei ferne von uns, dass wir uns auflehnen gegen den HERRN und uns heute von ihm abwenden und einen Altar bauen zum Brandopfer und zum Speisopfer und zum Schlachtopfer außer dem Altar des HERRN, unseres Gottes, der vor seiner Wohnung steht.

 Und noch einmal die Unschuldsbeteuerung: Dieser Altar ist keine Konkurrenz für den Altar im Tempel in Jerusalem, für den einen Opferaltar für ganz Israel. Hinter diesen Worten steht – so denke ich – ein Wissen um die bitteren Auseinandersetzungen in Israel zwischen den großen Kultorten – Silo, Sichem, Samaria, Jerusalem. Diese Auseinandersetzungen werden gewissermaßen zurückdatiert in die Zeit Josuas.

 Es ist dann doch wie ein später Nachklang dieser Auseinandersetzungen: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“ (Johannes 4, 20) Es kann Blut fließen über dem Streit um den richtigen Ort der Anbetung, um die richtige Weise der Anbetung, Blut, das den Glanz Gottes verdunkelt. Es ist Folge menschlichen Starrsinns und nicht der Wille Gottes, wenn es darüber so zur Entzweiung kommt.

 Wer meint, mit seinem Streiten für die allein richtige Form von Gottesdienst, für den allein richtigen Ort in der Spur Gottes zu sein, tut schon gut, die Antwort Jesu auf die angedeutete Frage der Frau am Jakobsbrunnen zu hören und zu Herzen zu nehmen. „Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. …. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4, 21. 23-24) Da bleibt kein Raum für Streit und Recht behalten wollen.

 30 Als aber Pinhas, der Priester, und die Fürsten der Gemeinde, die Obersten über tausend in Israel, die bei ihm waren, diese Worte hörten, die die Söhne Ruben, Gad und Manasse sagten, gefielen sie ihnen gut. 31 Und Pinhas, der Sohn Eleasars, der Priester, sprach zu den Söhnen Ruben, Gad und Manasse: Heute erkennen wir, dass der HERR unter uns ist, weil ihr euch nicht an dem HERRN versündigt habt mit dieser Tat. Nun habt ihr die Israeliten errettet aus der Hand des HERRN.

 Das ist stark: Die Worte der Sohne Ruben, Gad und Manasse überzeugen den Priester Pinhas und die Fürsten der Gemeinde. Sie finden Gefallen daran. Es reicht ihnen, dass das Zentralheiligtum anerkannt wird als der eine Ort des Opfers. Diese Auskunft und diese Übereinkunft ist ihnen ein Zeichen der Gegenwart des HERRN. Mehr noch: Dieses Geschehen ist Rettung für ganz Israel. Hätten sie sich im Bruderkampf zerfleischt, so wären sie unter die Hand Gottes gefallen.

 Das so festzustellen ist gleichzeitig ein Urteil über spätere Geschichte Israels, in der Trennungen und Bruderkriege fast regelmäßig an der Tagesordnung waren. Auch die spätere Spaltung in Nord- und Südreich, Israel und Juda wird doch mit diesem Wort als versündigen an dem HERRN markiert.

 32 Da kehrten Pinhas, der Sohn Eleasars, der Priester, und die Obersten aus dem Land Gilead von den Söhnen Ruben und Gad ins Land Kanaan zu den Israeliten zurück und sagten’s ihnen an. 33 Das gefiel den Israeliten gut, und sie lobten Gott und sagten, dass sie nicht mehr gegen sie zu Felde ziehen wollten, um das Land zu verderben, darin die Söhne Ruben und Gad wohnten. 34 Und die Söhne Ruben und Gad benannten den Altar; denn »Zeuge ist er zwischen uns, dass der HERR Gott ist«.

 Hier dagegen ist die Gefahr eines Krieges abgewendet. „In der Tat ist jener Altar nun ein Zeuge dafür, dass Israeliten östlich und westlich des Jordan in der Anbetung des Herrn zusammengehören.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 127) Diese Zusammengehörigkeit ist stärker als alle räumliche Trennung.

 Später wird das wieder wichtig sein, wenn Israel zerrissen ist in Gruppen – die einen zurückgelassen im zerstörten Land, die anderen verschleppt in das Exil nach Babylon. Auch da wird die Frage wieder auftauchen, ob Gott denn nicht nur bei den Einen ist und die Anderen sind heraus gefallen aus der Gegenwart Gottes. Die Antwort auf diese so schmerzhafte Frage gibt Gott durch seinen Propheten: „So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will die Israeliten herausholen aus den Heiden, wohin sie gezogen sind, und will sie von überall her sammeln und wieder in ihr Land bringen und will ein einziges Volk aus ihnen machen im Land auf den Bergen Israels, und sie sollen allesamt einen König haben und sollen nicht mehr zwei Völker sein und nicht mehr geteilt in zwei Königreiche.“ (Hesekiel 37, 21-22)

Daran erinnert der Altar: Die Einheit Israels ist Gabe Gottes. Sie festzuhalten ist Aufgabe an die Menschen im Volk Gottes. Und wo sie das tun, hat der Frieden Boden gewonnen.

Ich wage kaum zu fragen: Was bedeutet ein solcher Text für eine getrennte Christenheit, die viele Altäre kennt – evangelische, römisch-katholische, orthodoxem freikirchliche, stadtmissionarische? Haben wir aus der Wunde nicht längst eine Tugend gemacht und nennen Vielfalt, was doch Zerrissensein zeigt? Mich beunruhigt das, weil es das Zeugnis der Christenheit verdunkelt: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17, 20-21)

Herr                                                                                                                                      wie leicht trennen wir                                                                                                               werten ab                                                                                                                       schreiben ab

Wir fragen so oft nicht zuerst danach                                                                                 wie wir Einheit bewahren können                                                                                           Es reichen Signale                                                                                                                  die wir missverstehen                                                                                                             um auf Abgrenzungen zu drängen                                                                                         um auf Unterwerfung unter unsere Sicht zu bestehen

Gib uns ein weites Herz                                                                                                      weil es innerlich an Dich gebunden ist                                                                                     das andere sein lässt wie sie sind                                                                                      und ihnen ihre Freiheit zugesteht

Gib uns ein Herz                                                                                                                  das Verständigung sucht                                                                                                    nicht aus Konflikt-Scheu                                                                                                       sondern aus der Liebe zu denen                                                                                          die Deine Leute sind. Amen