Eine Abschiedsrede

Josua 23, 1 – 16

 1 Und nach langer Zeit, als der HERR Israel Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden ringsumher und Josua nun alt und hochbetagt war, 2 berief er ganz Israel, seine Ältesten, Häupter, Richter und Amtleute und sprach zu ihnen:

 Menschen können nicht für immer bleiben. Irgendwann müssen sie gehen. Josua spürt wohl, dass seine Zeit sich zum Ende neigt. . Er ist alt und hoch betagt. Darum ruft er ganz Israel. Das stellt sich dar in seinen Ältesten, Häupter, Richter und Amtleute. Es müssen nicht alle Israeliten da sein, damit ganz Israel da ist. So wie ja auch heute, wenn „ganz Deutschland“ dies oder jenes diskutiert durch aus nicht alle Deutschen an der Diskussion beteiligt sein müssen. Es reicht, dass einige das für alle anderen „stellvertretend“ tun. Aber nun ist es für Josua Zeit für letzte Worte. Sie haben besonderes Gewicht. Und sie wirken wie eine Predigt. Diese Predigt „nimmt ihren Standort zur Zeit des Abschlusses der Landnahme, hat ihr Auditorium indessen Jahrhunderte später; sie geht also über die Zeiten hinweg und fasst deren Lehre und Sinn ins Auge.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 129)

 Ich bin alt und hochbetagt, 3 und ihr habt alles gesehen, was der HERR, euer Gott, getan hat an allen diesen Völkern vor euch her; denn der HERR, euer Gott, hat selber für euch gestritten. 4 Seht, ich hab euch diese Völker, die noch übrig waren, durchs Los zugeteilt, einem jeden Stamm sein Erbteil, alle Völker, die ich ausgerottet habe vom Jordan an bis zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. 5 Und der HERR, euer Gott, wird sie vor euch ausstoßen und vor euch vertreiben, und ihr werdet ihr Land einnehmen, wie euch der HERR, euer Gott, zugesagt hat.

Josuas Rede-Anfang gibt seinen Worten Gewicht. Es sind die Worte eines Mannes, der einen langen Weg mit dem HERRN gegangen ist. Darum beginnt er mit der Erinnerung an das, was der HERR, euer Gott getan hat. Er ist es ja in Wahrheit, der jeden Stamm sein Erbteil zugeteilt hat. Er hat das Land gegeben. Er hat die Völker vor Israel vertrieben. Und es ist sein Tun, das Israel das Land einnehmen lässt.

 6 So haltet nun ganz fest daran, dass ihr alles tut, was geschrieben steht im Gesetzbuch des Mose, und nicht davon weicht, weder zur Rechten noch zur Linken, 7 damit ihr euch nicht mengt unter diese Völker, die noch übrig sind bei euch, und nicht anruft und schwört bei dem Namen ihrer Götter noch ihnen dient noch sie anbetet, 8 sondern dem HERRN, eurem Gott, anhangt, wie ihr bis auf diesen Tag getan habt.

 Damit diese Wohltaten Gottes nicht vertan werden, verspielt werden, mahnt Josua zur Treue, zum Gehorsam. Zum Festhalten an allem, was im Gesetzbuch des Mose geschrieben steht. Hier wird deutlich das Gesetz als Schrift, als Buch vorgestellt. Es ist der Weg zur Buchreligion, der hier sichtbar wird.

 Wichtiger ist allerdings die Forderung des ungeteilten Gehorsams. „Der All-Macht Gottes entspricht der völlige Gehorsam des Volkes, und nur das in seiner Haltung ungeteilte Volk kann das ungeteilte Land besitzen.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 130) Beispielhaft für diesen ungeteilten Gehorsam werden genannt: Das Meiden von Mischehen – mengt euch nicht unter diese Völker – das Meiden fremder Götter, sowohl im Schwur als auch in der Anbetung. Damit werden deutlich Probleme angesprochen, die sich durch das Miteinander mit Fremdvölkern im eigenen Land ergeben, so wie es in der nachexilischen Zeit der Fall ist. Die Haltung, die Josua sucht: Dem HERRN anhangen.

 Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll; ich bin stets sein Gesell.           Paul Gerhardt 1647

 Es ist die Lebenshaltung, die aus der Freude an Gott entspringt, österlich geprägt. Aus dem Wissen: es gibt nichts Besseres in der Welt als an Gott zu hängen.

„Gott nahe sein ist mein Glück.“             Psalm 73,28

 9 Der HERR hat vor euch große und mächtige Völker vertrieben, und niemand hat euch widerstanden bis auf diesen Tag. 10 Einer von euch jagt tausend; denn der HERR, euer Gott, streitet für euch, wie er euch zugesagt hat. 11 Darum achtet ernstlich darauf um euer selbst willen, dass ihr den HERRN, euren Gott, lieb habt. 12 Denn wenn ihr euch abwendet und diesen Völkern, die noch übrig sind, anhangt und euch mit ihnen verheiratet, dass ihr zu ihnen eingeht und sie zu euch, 13 so wisst, dass der HERR, euer Gott, nicht mehr alle diese Völker vor euch vertreiben wird, sondern sie werden euch zum Fallstrick und Netz werden und zur Geißel für euren Rücken und zum Stachel in euren Augen, bis ihr ausgerottet seid aus dem guten Land, das euch der HERR, euer Gott, gegeben hat.

 Noch einmal wird das Thema der Treue aufgegriffen, eindringlich geradezu verschärft. Dazu verwendet der Prediger das Bild von der Ehe. Das ist die Gefahr, dass sich Israel eheähnlich mit den Fremdvölkern einlässt – und damit auch mit ihren Göttern. Das ist ja ein häufiges Bild im AT – bei Hosea, Jeremia, Micha. Es macht sichtbar, dass es nicht um Kleinigkeiten geht, nicht um Kleinlichkeiten, sondern um die grundlegende Beziehungsfrage: Wem bin ich treu? Wenn Israel sich mit den Fremden einlässt, wird es zu Fall kommen.

Es ist sicherlich auch gewollt und kein Zufall, dass hier das Schema Israel anklingt: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6,4-5) Es geht um die Liebe zu Gott, in einer durchaus innig und persönlich gefärbten Weise.

Wieder ist das, was gesagt wird, nicht nur Warnung vor zukünftigen Fehlern. Es ist zugleich Urteil über das, wie Israel gelebt hat, über seine Könige, wie Salomo(!), Ahab, die sich mit Frauen verheiratet haben, die ihre Götter mitbrachten. Der Dienst an Baal ist nicht einfach nur eine Verirrung. Er ist Treuebruch, der die Treue Gottes leichtsinnig und unbedacht verwirkt.

 14 Siehe, ich gehe heute dahin wie alle Welt; und ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass nichts dahingefallen ist von all den guten Worten, die der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat. Es ist alles gekommen und nichts dahingefallen.

 Genau darauf hebt der predigende Josua jetzt noch einmal ab: Gott hat keines seiner guten Worte hinfallen lassen. Er hat alles erfüllt. Er hat zu seinen Verheißungen gestanden. Gott ist treu. Sich selbst, seinem Wort und seinem Volk,

 15 Wie nun all das gute Wort gekommen ist, das der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat, so wird der HERR auch über euch kommen lassen all das böse Wort, bis er euch vertilgt hat aus diesem guten Lande, das euch der HERR, euer Gott, gegeben hat. 16 Wenn ihr übertretet den Bund des HERRN, eures Gottes, den er euch geboten hat, und hingeht und andern Göttern dient und sie anbetet, so wird der Zorn des HERRN über euch entbrennen, und ihr werdet bald ausgerottet sein aus dem guten Land, das er euch gegeben hat.

 Umso deutlicher wird deshalb auch die Warnung ausgesprochen. Gott wird auch zu dem stehen, was er für den „unmöglichen Fall der Untreue des Volkes“ als seinen Zorn angesagt hat. Das Volk wird alles verlieren – das gute Land und den Beistand Gottes. „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.“(2. Mose 20,5)

Auch hier gilt wieder: Diese Worte sind nicht nur drohende Zukunftsansage. Sie sind für die ersten Leser des Josua-Buches die Begründung für das, was ist, für das Exil und das Elend der nach-Exils-Zeit. Wenn Israel die Verheißungen Gottes in Garantien verwandelt hat, die gelten ohne jeden Bezug zum eigenen Verhalten, dann hat es sich selbst getäuscht – über die Art Gottes, über die Gabe des Bundes, über die Konsequenz, mit der Gott es zur Treue ruft. Auch über den Besitz des Landes. „Das Land ist heiliges Land, weil Gott es zu den bestimmten Aufgaben vorgesehen hat; damit ist nicht dem Volk überlassen, zu tun, was es will.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 131) Gott ist kein harmloser Papier-Tiger.

 Herr unser Gott                                                                                                                     an Dir hänge ich                                                                                                                     zu Dir flüchte ich mich                                                                                                              in Dir gründe ich mein Leben                                                                                               mein Wollen und Planen                                                                                                          Tun und Lassen

Ich weiß ja keinen anderen                                                                                                      mit dem ich das Leben bestehen könnte                                                                               Du hast mir Menschen gegeben                                                                                              die zu mir stehen                                                                                                                  bei denen ich geborgen bin                                                                                                  die mich mit Freude erfüllen

Du hast mir Menschen gegeben                                                                                         um die ich mich sorgen darf                                                                                                  für die ich da sein will                                                                                                              die mir Geschenk Deiner Güte sind auch in dem                                                                 wo ich durch sie gefordert werde

Verleihe es mir                                                                                                                      dass ich in Treue zu Dir lebe                                                                                                 Tag um Tag bis ans Ende meiner Tage. Amen