Leidenschaftliches Werben

Josua 22, 1 – 20

 1 Da rief Josua die Rubeniter und Gaditer und den halben Stamm Manasse 2 und sprach zu ihnen: Ihr habt alles gehalten, was euch Mose, der Knecht des HERRN, geboten hat, und habt gehorcht meiner Stimme in allem, was ich euch geboten habe. 3 Ihr habt eure Brüder diese lange Zeit bis zum heutigen Tag nicht verlassen und habt festgehalten an dem Gebot des HERRN, eures Gottes. 4 Weil nun der HERR, euer Gott, eure Brüder zur Ruhe gebracht hat, wie er ihnen zugesagt hat, so wendet euch nun und zieht hin zu euren Wohnstätten in das Land eures Erbes, das euch Mose, der Knecht des HERRN, gegeben hat jenseits des Jordans. 5 Achtet aber nur genau darauf, dass ihr tut nach dem Gebot und Gesetz, das euch Mose, der Knecht des HERRN, geboten hat, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und wandelt in allen seinen Wegen und seine Gebote haltet und ihm anhangt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele. 6 So segnete sie Josua und ließ sie gehen, und sie gingen zu ihren Wohnstätten.

 Nach getaner Arbeit aus dem Dienst entlassen. Die Männer aus den Stämmen Ruben, Gad und Manasse sind einen Weg gegangen, der ihnen nichts mehr eingebracht hat. Ihre Wohnstätten waren doch längst erreicht. Aber so funktioniert das Volk Gottes nicht: Wenn ich auf der sicheren Seite bin – was gehen mich die anderen an.

Sie sind weiter mitgegangen. Sie haben gekämpft für ihre Brüder. Darin haben sie alles gehalten, was Mose, der Knecht des HERRN, geboten hat. Dieses Halten der Worte des Mose ist unlösbar verbunden mit dem Gehorchen gegen die Worte Josuas. Und in diesem Halten und Gehorchen erfüllen sie das Gebot des HERRN. Das ist ein Ineinander, das nicht aufgelöst werden kann: Gotteswort und Menschenwort schieben sich ineinander. Es gibt das Gotteswort nicht jenseits des Menschenwortes. Und das Menschenwort ist durchlässig für die Aufträge Gottes.

Aus dem Dienst, dem Mitwirken an der Landnahme sind sie entlassen, aus dem Leben nach dem Gebot und Gesetz, das euch Mose, der Knecht des HERRN, geboten hat, nicht. Dieses Leben aber ist keine Sache äußeren Gehorsams. Darauf liegt der Ton der Ermahnung: dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und wandelt in allen seinen Wegen und seine Gebote haltet und ihm anhangt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Das ist ganz nahe bei dem, was als das höchste Gebot im Mund Jesu so klingt: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.“ (Matthäus 22, 36-39)

 Mit diesen Worten im Rücken und in der Seele werden sie entlassen. Gesegnet von Josua. So dürfen sie ihren Weg nach vorne gehen.

 7 Dem einen halben Stamm Manasse hatte Mose Erbteil gegeben in Baschan, der andern Hälfte gab Josua ihr Erbteil unter ihren Brüdern diesseits des Jordans nach Westen zu. Und als er sie gehen ließ zu ihren Wohnstätten und sie gesegnet hatte, 8 sprach er zu ihnen: Ihr kommt wieder heim mit großem Gut zu euren Wohnstätten, mit sehr viel Vieh, Silber, Gold, Kupfer, Eisen und Kleidern. So teilt nun die Beute eurer Feinde mit euren Brüdern. 9 Da kehrten zurück die Söhne Ruben, die Söhne Gad und der halbe Stamm Manasse und gingen von den Israeliten weg aus Silo, das im Lande Kanaan liegt, damit sie ins Land Gilead zögen zum Lande ihres Erbes, das sie nach dem Befehl des HERRN durch Mose geerbt hatten.

Sie gehen nicht mit leeren Händen. Sie werden auch nicht nur mit guten Worten zurück geschickt. Sie haben Anteil an dem großem Gut, an der Beute. Nicht nur für sich, auch für die, die schon in den Stammesgebieten in Gilead geblieben waren. Dort ist nach dem Befehl des HERRN durch Mose ihr Platz.

 Immer wieder wird die Autorität des Josua aus Mose abgeleitet, die das Mose aus dem Befehl des HERRN. Aber sie können auch gleichwertig nebeneinander stehen, wenn Mose dem einen halben Stamm Manasse sein Erbteil gibt und Josua der anderen Hälfte.

10 Und als sie zu den Steinkreisen des Jordans kamen, die noch im Lande Kanaan liegen, bauten die Söhne Ruben, die Söhne Gad und der halbe Stamm Manasse dort am Jordan einen Altar, groß und ansehnlich.

 Es hört sich an wie ein Akt der Dankbarkeit. Nach den Gefahren des Kampfes errichten die Heimkehrer einen Altar. Bei den Steinkreisen ist wohl eine altüberlieferte Ortsangabe, vielleicht gibt es dort eine entsprechende Gesteinsformation. Sie sind dabei nicht knauserig. Der Altar wird groß und ansehnlich. Weil Gott doch groß ist, darf auch der Altar für ihn groß sein.

11 Als aber die Israeliten sagen hörten: Siehe, der Stamm Ruben, der Stamm Gad und der halbe Stamm Manasse haben einen Altar gebaut an den Grenzen des Landes Kanaan, bei den Steinkreisen des Jordans, an der Grenze des Gebiets von Israel, 12 da versammelte sich die ganze Gemeinde Israel in Silo, um gegen sie zu Felde zu ziehen.

 Dieser Altar löst einen Konflikt aus, die Bereitschaft zum Kampf sogar. Eben noch Verbündete, Brüder, stehen sie jetzt einander feindlich gegenüber. Wie ist das zu begreifen? Worum geht es? Eine Möglichkeit scheint mir zu sein, dass es einen Streit um die „Vorherrschaft“ von Altären gibt. Eine andere: Es geht um die Einheit Israels. Wenn jeder irgendwo seinen Altar errichtet, wie wird das dargestellt, dass Israel an den einen Gott glaubt?

 Im Hintergrund mag zur Zeit der Abfassung des Josua-Buches – nach dem Exil – das Ringen darum stehen, dass der Tempel in Jerusalem die geistliche Mitte des Volkes bleibt. Dieses Ringen in der eigenen Zeit wird gespiegelt in den erzählten Konflikten der Anfangszeit. Soviel wird schon hier – erschreckend – deutlich: Die Ruhe, zu der Israel gekommen (21,44) ist, ist kein beschaulich-stabiler Dauerzustand.

 13 Und Israel sandte zu ihnen ins Land Gilead den Pinhas, den Sohn Eleasars, den Priester, 14 und mit ihm zehn Fürsten, aus jeder Sippe der Stämme Israels einen, und jeder war Haupt seiner Sippe über tausend in Israel. 15 Und als sie zu ihnen ins Land Gilead kamen, redeten sie mit ihnen und sprachen: 16 So lässt euch sagen die ganze Gemeinde des HERRN: Wie versündigt ihr euch an dem Gott Israels, dass ihr euch heute abkehrt von dem HERRN und dass ihr euch einen Altar baut und von dem HERRN abfallt? 17 Ist’s nicht genug mit der Schuld von Peor, von der wir bis zum heutigen Tag noch nicht gereinigt sind und um derentwillen eine Plage unter die Gemeinde des HERRN kam? 18 Und ihr wendet euch heute von dem HERRN weg. Dann wird es geschehen: Heute lehnt ihr euch auf gegen den HERRN, und morgen wird er über die ganze Gemeinde Israel zürnen. 19 Haltet ihr das Land eures Erbes für unrein, so kommt herüber ins Land, das dem HERRN gehört, wo die Wohnung des HERRN steht, und empfangt Erbteil unter uns; aber lehnt euch nicht auf gegen den HERRN und gegen uns, dass ihr euch einen Altar baut außer dem Altar des HERRN, unseres Gottes. 20 Versündigte sich nicht Achan, der Sohn Serachs, am Gebannten, und kam nicht der Zorn über die ganze Gemeinde Israel, obgleich er nur ein einzelner Mann war? Ging er nicht zugrunde wegen seiner Missetat?

 Es ist eine lange Rede, die Pinhas, der Gesandte der anderen Stämme an Ruben, Gad und Manasse richtet. Der Ort dieser Rede ist Gilead. Und Pinhas hält keine Privatrede. Er ist der Bote der ganzen Gemeinde des HERRN.

 Das Erste in dieser Rede: Der Altarbau wird als Abfall von dem Gott Israels gewertet, aber auch als Abfall vom Volk. Das macht die Angelegenheit ja so ernst. Es ist nicht einfach ein weiterer Altar für den HERRN. Es ist ein fremder Altar. „Wir erkennen an alledem den großen Ernst des Anliegens: der Israelit, der außerhalb des einen Heiligtums, d. h. später Jerusalems, opfert, muss seine Sünde mit dem Leben bezahlen. Anbetung an einem anderen Ort war die Infragestellung des Einen, heiligen Gottes selber.“(H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S.127) Man kann und darf nicht Altäre bauen, wie und wo man will.

 Der zweite Gedanke: Wenn Ruben, Gad und Manasse abfallen, fällt das auf die ganze Gemeinde Israel zurück. Es ist kein Zufall, dass an dieser Stelle an Achan erinnert wird. Die Tat eines Einzelnen hat Israel die Kraft geraubt. Wie viel mehr wird der Abfall von gleich drei Stämmen Israel in Gefahr bringen. Heute lehnt ihr euch auf gegen den HERRN, und morgen wird er über die ganze Gemeinde Israel zürnen. Gott schaut doch nicht gleichmütig zu.

 Wieder ist es gut, sich vor Augen zu halten: Das alles wird aufgeschrieben nach der großen Katastrophe des Untergangs und des Exils. Es ist die Erfahrung Israels, dass der Ungehorsam, der Unglaube, kein individuelles Problem bleibt, sondern dass das ganze Volk in Mitleidenschaft gezogen wird. Unsere moderne Trennung von individueller Schuld und kollektivem Schicksal greift hier nicht. Die Autoren des Josua-Buches würden diese Trennung wohl verneinen.

 Und schließlich: Es ist ein leidenschaftliches Werben um die Brüder. Ich höre nicht nur die Angst vor möglichen Konsequenzen, weil Gott zürnen könnte. Ich höre vor allem den Willen, die Einheit des Volkes, die Einheit des Glaubens zu wahren. Das geht so weit, dass sie sagen: Wenn ihr das Ost-Jordan-Land als unrein empfindet, dann kommt zu uns. Es ist Platz genug, auch für Euch. Ins Land, das dem HERRN gehört, wo die Wohnung des HERRN steht, dorthin rufen sie die anderen. Verständlich ist diese Wendung mit der Wohnung des HERRN in meinen Augen nur, wenn es ein Zentral-Heiligtum wie den Tempel in Jerusalem gibt. Auch das mag ein Indiz sein für die spätere Abfassung des Buches.

 Und noch einmal: lehnt euch nicht auf gegen den HERRN und gegen uns. Wo wir unterscheiden, da trennt das Buch nicht. Es ist nicht voneinander zu lösen – Auflehnung gegen Gott und Auflehnung gegen das Volk. Es gibt den Weg mit Gott nicht jenseits des Volkes. Es wird lange dauern in den Schriften der hebräischen Bibel, bis es an dieser Stelle zu Unterscheidungen kommt, bis der einzelne neu in den Blick kommt.

 Es sei doch angemerkt, weil es mir auffällt: Josua selbst spielt in diesem ganzen Geschehen der Auseinandersetzung um den Altar am Steinkreis keine Rolle. Es geht um eine Auseinandersetzung, in der der Priester gefragt ist und nicht der militärische Führer.

Mein Gott                                                                                                                               Es sitzt tief in mir                                                                                                                 Jeder ist für sich selbst verantwortlich                                                                               Keiner wird verantwortlich gemacht für das                                                                             was andere tun                                                                                                                        Ich habe es schwer zu sehen                                                                                                dass der Weg des Einzelnen direkte Auswirkungen haben kann                                            auf den Weg des Volkes Gottes                                                                                          der Gemeinde

Dabei könnte ich es doch besser wissen                                                                            Die Schuld eines Volkes schlägt auf den Einzelnen zurück                                                Und die Entscheidungen Einzelner können ein ganzes Volk ins Unglück stürzen

Hilf Du uns                                                                                                                        miteinander zu ringen um den Weg des Glaubens                                                            andere nicht einfach gehen zu lassen                                                                                   aber sie auch nicht zu zwingen                                                                                      unseren Weg ohne eigene Einsicht zu gehen. Amen