Achtung für Lohn-Abhängige

Epheser 6, 5 – 9

 5 Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens als dem Herrn Christus; 6 nicht mit Dienst allein vor Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern als Knechte Christi, die den Willen Gottes tun von Herzen.

 Nach Männern, Frauen und Kindern wendet sich der Blick zu den Sklaven. Ihr Sklaven. Die Anrede signalisiert Mehrzahl. Erstaunlich genug, dass es sie in der Gemeinde überhaupt gibt, dass sie wahrgenommen werden. Sklaven „gelten im römischen Recht nicht als Rechtspersonen, sondern als Sachen, über die ihr Herr verfügen kann.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.269) Auf diesem Hintergrund ist es ein bemerkenswerter Schritt, dass sie als eigene Gruppe in der Gemeinde gesehen und angesprochen werden.

 Inhaltlich ist auf den ersten Blick nichts Revolutionäres zu sehen. Kein Wort von gleichberechtigter Stellung. Kein Wort: sucht die Freiheit. Sondern eine Ermahnung zum Gehorsam. Und das auch noch mit Furcht und Zittern, gemeint ist wohl: Voller Ehrfurcht. In Einfalt eures Herzens Die gleiche Wendung kommt in einem sehr inhaltsreiche Satz des Paulus vor: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“(Philipper 2,12-13) Fast scheint es, als stehe der Gehorsam gegen die irdischen Herren – Sklavenhalter in unseren Augen – irgendwie gleichwertig, zumindest ähnlich neben dem Gehorsam gegen Gott.

 Es ist einer Einweisung in das Leben als Sklave. In diesem Stand kann man gleichwohl Gott dienen. Das erinnert an Luthers Satz: «Auch Kühe melken ist Gottesdienst. Du darfst im Namen Jesu den Stall versorgen und zur Ehre Gottes deine Kühe melken!». So nimmt der Schreiber die Sklaven in ihren Aufgaben und ihrer Unfreiheit ganz ernst. Im Tun des Willens ihrer Herren sind sie zugleich Knechte Christi.δου̃λοι χριστου̃. So bezeichnet Paulus auch sich selbst (Römer 1,1). „Achtung für Lohn-Abhängige“ weiterlesen

Kinder sind pfleglich zu behandeln

Epheser 6, 1 – 4

 1 Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. 2 »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: 3 »auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden« (5.Mose 5,16). 4 Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.

 Nach dem langen Abschnitt mit seinen Weisungen für Mann und Frau wird es jetzt erheblich knapper. Der Auftakt ist die Anweisung an die Kinder zum Gehorsam gegen die Eltern. Das ist recht – hört sich an wie: Das ist so Usus, Gewohnheit. Dass die Kinder, τά τέκνα – das ist eine Neutrums-Form, weil Kinder in der Antike oft halbwegs als Sache gesehen werden – überhaupt direkt angesprochen werden, ihr Kinder, ist ungewöhnlich genug.

 Es ist in den antiken Gesellschaften wohl tatsächlich so, dass die Gehorsamspflicht gegenüber den Eltern selbstverständliche Sicht der ganzen Gesellschaft war. „Gehorche deinem Vater, der dich gezeugt hat, und verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird.“(Sprüche 23,22) mag für eine Fülle an Worten stehen, die den Gehorsam gegen die Eltern einfordern. Es ist ein Ziel der Erziehung, dass Kinder solchen Gehorsam lernen.

 Aber es ist nicht einfach nur das, was alle sagen. Die Weisung wird begründet: in dem Herrn. Es geht um ein Verhalten, das Christus-gemäß ist, das sich aus dem Verhalten Christi ableitet. Es mag weit her geholt erscheinen: So wie Christus dem Vater im Himmel gehorcht, wie er Gehorsam lernt, so sollen auch die Kinder in der Gemeinde Gehorsam lernen. „Kinder sind pfleglich zu behandeln“ weiterlesen

Seid achtsam

 

Epheser 5, 21 – 33

21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

Es geht um das Miteinander. Und am Anfang aller nachfolgenden Gedanken steht das Grundsätzliche: Ordnet euch einander unter. In einem anderen Brief klingt das so: „Seid nicht selbstsüchtig; strebt nicht danach, einen guten Eindruck auf andere zu machen, sondern seid bescheiden und achtet die anderen höher als euch selbst.“ (Philipper 2,3) In der Nachfolge Jesu, der gesagt hat: Ihr wisst, dass in dieser Welt die Könige Tyrannen sind und die Herrschenden die Menschen oft ungerecht behandeln. Bei euch soll es anders sein. Wer euch anführen will, soll euch dienen, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave werden.“(Matthäus 20, 25-27) ist kein Platz für Hochmut, Selbstherrlichkeit, Machtgehabe. Das schreibt sich leichter als es sich lebt. Diese Generalklausel wird jetzt weiter entfaltet.

22 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. 24 Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.

Jetzt wird das Hören, das unaufgeregte Zuhören, für unsere Zeit kompliziert. Es klingt so nach Männerherrschaft, nach Rechtfertigung patriarchalischer Verhältnisse. nd der Schreiber greift hoch: so wie die GemeindeChristus als Haupt hat, so ist der Mann das Haupt der Frau. Es ist mehr als ein Bild, das er gebraucht. Er sieht das als die Wirklichkeit, der sich keine verweigern darf. Und dann auch noch: in allen Dingen. Kann das heute, in einer Zeit der mühsam erkämpften Gleichberechtigung der Frau überhaupt noch vorgelesen werden, geschweige denn: ernsthaft bedacht als eine Leitlinie zum Leben? Vielleicht wird es erträglich, wenn man einfach weiterliest.

 

 

 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben, 26 um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er 27 sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei.

Jetzt folgt der Satz, ohne den der erste Satz zwangsläufig missverstanden werden muss. Es geht mit dem Satz an die Frauen nicht um Unterwerfung. Jedenfalls höre ich das nicht so. „Durch die Art, wie Christus seine Stellung als Haupt gegenüber der Kirche ausübt, ist eine unwürdige „Unterordnung ausgeschlossen.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 252) Für mich ist die Weisung an die Männer das, was mir den Atem nimmt. Maß nehmen in der Liebe zur Frau an der Liebe Christi zur Gemeinde. Hingabe bis zum Äußersten. Das meint: Sich selbst geben. Alles geben, damit sie schön sei, ένδοξον, herrlich. Und dann folgt eine Aufzählung, die die äußere Schönheit beschreibt, aber eine von innen her geförderte meint. Eine, die aus dem Angesehen-Sein wächst, der Ankerkennung, der Wertschätzung.

 Das ist die Aufgabe, die Rollenzuweisung an die Männer. Die Würde der Frau zu achten und sie durch die eigene Achtung zu mehren. „Seid achtsam“ weiterlesen

angewiesen

Epheser 5, 15 – 20

 15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, 16 und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. 17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.

 Achtsam heißt das heutzutage, was hier mit sorgfältig sehen gesagt ist. Achtsam mit sich selbst umgehen. Achtsam auch mit dem, was einem anvertraut ist. An Gütern, Aufgaben, Menschen. Das Leben mit Christus entlässt nicht aus der eigenen Verantwortung, sondern stellt in sie hinein. Darum geht es, nicht einfach in den Tag hinein zu leben, sondern sich Gedanken zu machen, was möglich ist und was unmöglich ist. Das entscheidet sich nicht allein an den Grenzen, die das eigene Können und Vermögen setzen. Daran auch.

 Aber es entscheidet sich vor allem an der Zugehörigkeit zu Christus. Was sich mit ihm verträgt, das können Christen tun. Was kompatibel ist mit ihm, das ist auch weise. Und wieder geht der Schreiber davon aus: Das wissen die Christen. Sie sind ja verständig. Sie kennen den Willen des Herrn. Sie haben in der bösen Zeit eine klare Orientierung.

 Es gehört zu den Mahnungen, die auch andernorts auftauchen: Die Zeit auskaufen, nicht träge werden, nicht müßig sein, nicht tatenlos sich durch die Zeit treiben lassen.“Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie still ihrer Arbeit nachgehen und ihr eigenes Brot essen.“(2. Thessalonicher 3, 10-12) Auch wenn es hier nicht ausdrücklich angesprochen wird. Dieses Aussteigen aus der Arbeit ist deshalb ein Thema, weil es wohl in den Gemeinden Stimmen gab, die sagen: Wenn das Ende sowieso vor der Tür steht, lohnt es nicht mehr, sich um die Welt zu mühen, einer Arbeit nachzugehen. „angewiesen“ weiterlesen

Früher und jetzt

Epheser 5, 1 – 14

 1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder 2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

 Es ist ein langer Weg durch den Brief bis dahin, dass es um ethische Konsequenzen des Glaubens geht. Und auch jetzt wird es nicht so „praktisch“, wie wir uns das gerne vorstellen – mit Problembeschreibung und Lösungswegen. Folgt nun Gottes Beispiel. Wie macht man das? Wie kann Gott beispielhaft für uns sein? Das ist doch eine hoffnungslose Überforderung. Aber dieser Hinweis ist nicht einmalig im Neuen Testament. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48) Offensichtlich hat die erste Gemeinde nicht so viel Angst wie wir zu sagen: Mache es doch einfach wie Gott, werde Mensch.

 Gott als Vorbild,Christus in seiner Liebe als Vorbild, als Beispiel für das eigene Leben. Wir sollen nicht in allem Christus nachmachen. Nicht besitzlos werden, nicht ehelos und kinderlos leben. Uns ja auch nicht ans Kreuz nageln lassen, zum Martyrium drängen. Es geht nicht um äußerlich perfektes Nachahmen. Sein wie er. Aber es geht um Hingabe. Es geht darum, sich an seiner Liebe zu orientieren, die sich nach unten beugt und nicht hoch hinaus will.

 3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. 4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

 Sind das jetzt Konkretionen? Wenn ja, so besteht die Konkretion in Warnungen. Das klingt alles so moralisch, streng, auch ein wenig abgestanden. Mein erster Gedanke: Es ist offensichtlich schon damals einfacher, „das nicht“ zu sagen als positiv zusagen, was denn dann. Im Raum der Freiheit die Grenzen zu benennen, liegt mehr auf der Hand, als die Gestalt der Freiheit zu beschreiben.

 Aber auch inhaltlich haben wir heute ja Probleme mit solchen Worten. Unzucht, das verstehen wir gerade noch, wenn auch wahrscheinlich nicht so streng wie frühere Zeiten. Was ist Unreinheit in einer Zeit, in der nackte Frauen vom Plakat grüßen, Sex zu jedem ordentlichen Film gehört? Geht es um Übergriffe in Gedanken, Worten und Werken, um wilde Phantasien? Oder ist nicht auch das Unreinheit, dass einer Unterwerfen fordert, die totale Kontrolle beansprucht, sich selbst zum Maß aller Dinge macht? Schon, dass ich nur Fragen stelle und keine Aussagen mache, zeigt, wie unklar ich die Situation empfinde. „Früher und jetzt“ weiterlesen

Der Alltag zeigt, wer wir sind

Epheser 4, 25 – 32

 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel.

 Mit den Versen zuvor ist die Grundlage gelegt. Es geht um ein verwandeltes Leben, in der Spur Christi. Das wird mit der umfassenden Formel Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn eingeführt. Jetzt folgen auf die allgemeine Formel Ausführungsbestimmungen. Glaube wird immer konkret im Tun.

 Die erste Konkretion ist die Abkehr von der Lüge und die Hinkehr zur Wahrheit. Die Logik der Lüge beruht darauf, dass sie Vorteile zu verschaffen verspricht. Der Schreiber dagegen mahnt zur Wahrheit, weil er die Gemeinschaft als die Basis im Blick hat. Wer lügt, wer die Wahrheit verdreht, schädigt das Miteinander. Weil die Christen zusammen gehören, braucht es die Wahrheit. Sie verhindert, dass sich der Eine vom Anderen trennt. Man darf es einander zumuten, die Wahrheit auszuhalten.

 Der zweite Schritt: Dem Zorn Grenzen setzen. Inhaltlich und zeitlich. Die inhaltliche Grenze ist, dass es nicht zu Trennungen kommen soll. Der Zorn darf nicht so die Oberhand gewinnen, dass es keinen Weg mehr zueinander gibt. Das ist eine Aufforderung zur Mäßigung. Auch gerechter Zorn muss begrenzt werden.

 Die zeitliche Begrenzung lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen ist seelsorgerliche Weisheit. Es ist die Erfahrung, dass es gut ist, das Gespräch miteinander nicht auf die lange Bank zu schieben. Auch wo man sich vergriffen hat, in Worten und Werken – Versöhnung duldet keinen Aufschub. Der Groll, der nicht zeitnah bereinigt wird, setzt sich als Bitterkeit in den Herzen fest.

 Es betreibt das Geschäft des Teufels, an den wir nicht glauben, mit dem wir aber nüchtern rechnen, wenn man den Zorn maßlos werden lässt, sich durch Lügen Vorteile verschafft oder sich im Glauben an das eigene Recht der Bitte um Versöhnung verschließt. Es gehört zur „Grundausstattung“ des Christseins, dass die eigene Rechtsposition nicht das erste und einzige und letzte Wort sein kann. Mancher behauptet sein Recht und verliert darüber seine Nächsten. „Der Alltag zeigt, wer wir sind“ weiterlesen

Neu werden

Epheser 4, 17 – 24

 17 So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. 18 Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens. 19 Sie sind abgestumpft und haben sich der Ausschweifung ergeben, um allerlei unreine Dinge zu treiben in Habgier.

 Das ist kein freundliches Bild von den Heiden. Schon das Wort hat heute den Klang von Diskriminieren, abwerten, nicht für voll nehmen. Da war die Welt der Antike nicht zimperlich. Sie kennt Heiden – jeweils aus der Perspektive derer, die einen bestimmten Glauben haben, gehören die andere nicht dazu, sind eben Heiden. Manchmal nennt man sie auch schlicht „Barbaren“ – weil sich ihre Sprache so fremd anhört. Rau. Guttural. Hart. Unverständlich. Eben barbarisch.

 Ein bisschen spielt aber auch die Übersetzung hier mit. Τά έθνη sind schlicht: die Völker. Oder anders übersetzt: „die Menschen, die Gott nicht kennen“( NGÜ, Gute Nachricht Bibel, Hoffnung für alle) Aber gleichwie, ob Heiden oder Menschen, die Gott nicht kennen – es ist das Urteil aus der Sicht dessen, der beansprucht, Gott zu kennen, auf der richtigen Seite zu sein. Da hören wir heute sehr rasch Arroganz und Überheblichkeit.

Das verstärkt sich noch durch die Urteile, die der Schreiber über die Heiden fällt. Ihr Verstand ist verfinstert. Sie sind abgestumpft. Sie haben sich der Ausschweifung ergeben: Sie treiben unreine Dinge in Habgier. Kurz: mit dem Prädikat Heiden verbindet sich Menschlichkeit zweiter Klasse, sie sind minderwertig in ihrem Verhalten, moralisch defizitär. Es klingt ungefähr so wie heute manche Politiker vom Prekariat reden. Da kann man eigentlich nur noch sagen: Das wollen wir nicht!

 Es ist ein erschreckendes Bild vom Leben, das hier gezeichnet wird. Und das Urteil ist hart: So ein Leben läuft ins Leere. Genau das meint: sie leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Es ist das harte Urteil, das der Schreiber aber keineswegs exklusiv für sich hat, das auch nicht nur Verständnis der jungen Christenheit widerspiegelt. „Der Mensch, dem die Gotteserkenntnis fehlt, verfällt in seinen eigenen Gedanken der Torheit, geht fehl in seinem Sinn-Suchen, verirrt sich an selbstgemachte Idole.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.200) „Neu werden“ weiterlesen

Wachsen geht nur miteinander

Epheser 4, 11 – 16

 11 Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer,

 Es ist Christus, der in der Christenheit die Aufträge vergibt. Es ist Christus, der die Dienste schafft und Menschen für diese Dienste vorbereitet, wählt, aussondert. Es ist nicht so, dass sich irgendwelche Leute ausdenken, beispielsweise: „Es wäre doch schön, Propheten zu haben…“ Das ist weit eher unser Bild. Wir suchen und finden zweckdienliche Organisationsstrukturen.

 Hier dagegen: Christus, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, der weiß, was seine Gemeinde braucht an Diensten und Begabungen und er setzt sie ein. Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.“(Markus 3, 13-15) Es ist sein Wille, der die Gemeinde auch „organisatorisch“ gestaltet.

 Ein später Reflex darauf ist die dritte These der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennende Kirche: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“(EG – EKHN, 1994, Nr. 810) Die Organisation der Institution Kirche ist nie nur eine Frage der Effektivität, der Zweckmäßigkeit. Sie ist immer zutiefst eine Frage, ob denn die Form dem Weg Christi entspricht und seinen Willen sucht und ihm dient.

 Natürlich fällt es auf: Die Reihe dieser Dienste ist ein wenig „wortlastig“. Es sind Aufgaben, die in erster Linie der Verkündigung dienen. Diakonische Dienste sind hier nicht benannt, wenn man nicht die Hirten als solche sehen will, die durch ihre Fürsorge für die Gemeinde diakonisch aktiv sind. Das mag auch daran liegen, dass sich solche diakonische sozial fürsorgliche Haltung in den kleinen Gemeinden des Anfangs als geschwisterliche Solidarität „wie von selbst“ ergab. Dafür brauchte es (noch) keine Spezialisten. Obwohl die Erzählung der Apostelgeschichte 6, 1 – 6 ein anderes Bild zeigt. Bei näherem Hinsehen sieht man aber auch an dieser Stelle: Diese Diakone waren in erster Linie Verkündiger, Prediger, Gemeindeleiter.

 12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.

 Als die zentrale Aufgabe wird genannt, die Heiligen zuzurüsten. Offensichtlich ist die Vorstellung, dass die Menschen, die in den Gemeinde sind, als Christen leben wollen, nicht zuerst „Versorgungsempfänger“ sind. Sie sind Menschen, die Gaben haben, die das Evangelium ergriffen und verwandelt hat, und die nun mit ihren Gaben selbst dienen. „Wachsen geht nur miteinander“ weiterlesen

Nach unten – nach oben: für uns

Epheser 4, 7 – 10

 7 Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

Was für ein starker Satz. So sieht `Paulus‘ die Gemeinde. So sieht er einen jeden. Hinter dem alle und hinter dem eins, einer, eine verschwindet der Einzelne, die Einzelne nicht. Die Gnade Gottes ist nicht allgemein, nur am großen Ganzen orientiert und interessiert, sondern einem jeden zugewandt. Individuell. Maßgeschneidert.

Das besonders gefällt mir. Es gibt die Gnade nicht im Einheitsmaß. Es gibt sie – oder genauer: Er, Gott, gibt sie so, wie es jede und jeder in seiner Existenz nötig hat, wie sie not-wendig ist. Für den einen mag Gnade der Freispruch von alter Schuld sein, die ihn quält. Für eine andere ist die Gnade vielleicht der so ganz andere Satz: Du darfst Dich trauen und du darfst Deinem Herzen trauen. Und für wieder einen dritten mag es Gnade sein, dass er loslassen kann, freigeben und sich nicht immer neu verfangen in einem Pflichtgefühl, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Immer aber leuchtet in der Gnade das Gesicht Christi auf, der sich uns zuwendet. Und immer ist sie Geschenk, Gabe.

 Er kennt das Maß, das wir brauchen. Und sein Geben macht uns nicht zu willenlosen Fürsorge-Empfängern. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“(Markus 10,51) Selbst wenn er wüsste, im Voraus wüsste, was für uns gut ist – und oft genug wird ja in den Evangelien von seinem Vorherwissen erzählt – er fragt zuerst. Er lässt uns die Freiheit, die sich beschenken lassen kann. Er hat diesen letzten Respekt, der die Gnade nicht überstülpt, sondern sie gibt und sie so annehmbar macht.

 Wie so oft ist auch hier `Paulus` in der Spur des Paulus unterwegs. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ (Römer 12,3) Das Maß des Glaubens und das Maß der Gabe der Gnade sind nicht zweierlei Maß – sie legen sich gegenseitig aus. Es ist eine große Befreiung, die in unseren Gemeinden noch neu zu lernen ist. Wir müssen nicht alles auf einer Linie und in einer Reihe stehen – weder im Zuschnitt des Glaubens noch im Zuschnitt der Gnade. Christus schlägt nicht alle über einen Leisten. Er misst individuell zu. „Nach unten – nach oben: für uns“ weiterlesen

Eins

Epheser 4, 1 – 6

 1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.

 Bis jetzt hat `Paulus` den Blick seiner Leserinnen und Leser vor allem auf Christus gelenkt, auf sein Tun. Weil er erwartet, dass dieser Blick ihnen Rückenwind gibt. Jetzt spricht er sie darauf an, dass sie in Christus auf einen Weg gerufen sind. Mehr noch: sie haben eine Berufung empfangen. κλη̃σις, Ruf meint Einladung, auch Vorladung und – „im NT: Berufung zur Seligkeit“.(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul u. Hand-Wörterbuch; München 1957, S.440) Das also sollen sie leben, das soll in ihrem Lebensstil sichtbar werden, dass sie schon dem Himmel angehören, dass sie nicht mehr eingesperrt sind in den engen Horizont der Welt.

Die Art, wie das gelebt wird, ist weit entfernt von Hochmut und Selbstsicherheit, von Übermut und Verachtung der Welt: In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Das Wort für Demut hat einen Beiklang von „Selbsterniedrigung“, in der Sanftmut schwingt Milde mit, vielleicht auch Güte. Und Geduld lässt sich gut übersetzen mit Großmütigkeit. Es sind Tugenden, die nichts Schwächliches haben, sondern ein starkes Herz brauchen. Mut.

 Es sind Tugenden, die aus den Verheißungen heraus ihre Stärke beziehen und wachsen. „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich….Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,3+5) Wer sich um den Besitz des Himmels und der Erde keine Sorgen mehr machen muss, der kann sich auch Demut, Sanftmut und Geduld leisten. „Eins“ weiterlesen