Eine Zuflucht für Schuldige

Josua 20, 1 – 9

 1 Und der HERR redete mit Josua und sprach: 2 Sage den Israeliten: Bestimmt unter euch Freistädte, von denen ich euch durch Mose gesagt habe. 3 Dahin kann ein Totschläger fliehen, der jemand aus Versehen und ohne Vorsatz erschlägt, damit sie euch eine Freistatt sind vor dem Bluträcher.

 Eroberung ist das eine. Die Sicherung des Friedens das andere. Und Frieden ist eben nicht nur so zu sichern, dass man nach außen wehrhaft ist. Frieden braucht Sicherungsmaßnahmen nach innen. Befriedungsmöglichkeiten auch in schweren Konflikten. Eine besonders schöne Befriedung ist die Einrichtung von Asylorten. Freistädte. Dort kann Zuflucht finden, wer zum Totschläger geworden ist. Dort ist er sicher vor Blutrache und vor der Verfolgung seiner Tat. Diese Einrichtung geht auf das Gesetz zurück: „Wer einen Menschen schlägt, dass er stirbt, der soll des Todes sterben. Hat er ihm aber nicht nachgestellt, sondern hat Gott es seiner Hand widerfahren lassen, so will ich dir einen Ort bestimmen, wohin er fliehen kann. Wenn aber jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit Hinterlist umbringt, so sollst du ihn von meinem Altar wegreißen, dass man ihn töte.“(2. Mose 21, 12 – 14) Hier werden auch die Grenzen gezogen: es geht um den Schutz von nicht vorsätzlichen Tätern. Die Freistädte sind kein Freibrief für Gewalt.

4 Und wer zu einer dieser Städte flieht, soll draußen vor dem Stadttor stehen bleiben und vor den Ältesten der Stadt seine Sache vorbringen; dann sollen sie ihn zu sich in die Stadt nehmen und ihm Raum geben, bei ihnen zu wohnen. 5 Und wenn der Bluträcher ihm nachjagt, sollen sie den Totschläger nicht in seine Hände übergeben, weil er ohne Vorsatz seinen Nächsten erschlagen hat und ihm vorher nicht Feind gewesen ist.

 „Voraussetzung für das Ganze ist die Gültigkeit der Blutrache.“(H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 115) Die Blutrache ist eine Form des Rechts, nicht einfach eine Ausgeburt zügelloser Wut. Das ist für uns Mitteleuropäer schwer zu begreifen, gehört aber zum Verständnis dazu. Und, eine Differenzierung wird hier sichtbar, die gleichfalls gegen das Austoben blinder Wut spricht: Die saubere Unterscheidung von Mord und Totschlag. Die Ältesten in den Freistädten haben diese Aufgabe – juristische Klärungen herbei zu führen, den Gejagten zu schützen – den Rechtsfrieden zu wahren. Und: man kann dieses Recht nicht einklagen, man kann es nur vorbringen und suchen.

 6 So soll er in der Stadt wohnen, bis er vor der Gemeinde vor Gericht gestanden hat und bis der Hohepriester gestorben ist, der zu jener Zeit im Amt sein wird. Dann darf der Totschläger zurückkommen in seine Stadt und in sein Haus, zur Stadt, aus der er geflohen ist.

 Stadtluft macht frei.“ Dieser Satz aus dem Mittelalter, in dem es um die Freiheit aus Knechtschaft und Frondienst ging, hat hier einen frühen Vorläufer. Der Totschläger gewinnt in der Stadt, in die er geflüchtet ist, Lebensraum auf Zeit. Nicht für immer. Und auch das fällt auf: Es geht um die Rückkehr in seine Stadt und sein Haus. In die Heimat. Auch der Totschläger verwirkt das Recht auf Heimat nicht.

 7 Da weihten sie Kedesch in Galiläa auf dem Gebirge Naftali und Sichem auf dem Gebirge Ephraim und Kirjat-Arba – das ist Hebron – auf dem Gebirge Juda; 8 und jenseits des Jordans, im Osten von Jericho, bestimmten sie Bezer in der Wüste auf der Ebene im Gebiet des Stammes Ruben und Ramot in Gilead im Gebiet des Stammes Gad und Golan in Baschan im Gebiet des Stammes Manasse. 9 Das waren die Städte, bestimmt für alle Israeliten und die Fremdlinge, die in ihrer Mitte wohnten, dass dahin fliehen könne, wer jemand aus Versehen erschlägt, damit er nicht stirbt durch den Bluträcher, bis er vor der Gemeinde gestanden hat.

 Es sind sechs Städte, die zu Freistädten werden. Alles Städte, in denen es ein Heiligtum gibt, einen Altar. An den Hörnern des Altars hält sich fest, wer Zuflucht sucht. Dort ist sein Leben sicher. Es ist das schrecklichste Vergehen, wenn dieser heilige Asylort durch mörderische Gewalt besudelt wird. Davon erzählt „Mord im Dom“, die Geschichte vom Tod des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Becket, am 29. Dezember 1170. Davon erzählt auch das Buch der Könige, das berichtet, wie Salomo Joab im Zelt des HERRN töten lässt (1.Könige 2, 28-31) mit dem Schein des Rechtes, aber unter Verletzung des Asylrechtes.

 Auf die Einrichtung dieser Freistädte, die auch den Fremdlingen, die in ihrer Mitte wohnten, dass sie dahin fliehen können, offenstehen, berufen sich heute Kirchengemeinden, wenn es um das Beherbergen von Flüchtlingen geht, die ausgewiesen werden sollen. Das Institut der Asylorte ging weiter in seiner Reichweite.

Heiliger Gott                                                                                                                      unser Zufluchtsort bist Du                                                                                                     Bei Dir suche ich Halt und Bergung                                                                                     Hilfe und Beistand                                                                                                                     In Deinem Haus bin ich geborgen                                                                                    muss mich nicht fürchten vor Feinden                                                                         Anklagen                                                                                                                            Vorwürfen                                                                                                                           auch des eigenen Herzens

Weil Du mich freisprichst                                                                                                     bin ich frei                                                                                                                             Weil Du mich unter Deinen Schutz nimmst                                                                     kann mich nichts mehr zugrunde richten

Gib mir                                                                                                                                 dass ich Anderen diese Freiheit gönne und gewähre                                                        Leite uns                                                                                                                             dass Deine Gemeinde ein Zufluchtsort in der Zeit ist                                                           für Schuldlose und Schuldige. Amen