Gottesschrecken

Josua 10, 1 – 15 (16 – 42)

 1 Als aber Adoni-Zedek, der König von Jerusalem, hörte, dass Josua Ai erobert und an ihm den Bann vollstreckt und mit Ai samt seinem König getan hatte, wie er mit Jericho und seinem König getan hatte, und dass die von Gibeon Frieden mit Israel gemacht hätten und mitten unter ihnen wohnten, 2 fürchteten sie sich sehr; denn Gibeon war eine große Stadt wie eine der Königsstädte und größer als Ai und alle seine Bürger streitbare Männer. 3 Und Adoni-Zedek, der König von Jerusalem, sandte zu Hoham, dem König von Hebron, und zu Piram, dem König von Jarmut, und zu Jafia, dem König von Lachisch, und zu Debir, dem König von Eglon, und ließ ihnen sagen: 4 Kommt herauf zu mir und helft mir, dass wir Gibeon schlagen; denn es hat mit Josua und den Israeliten Frieden gemacht.

 Der Weg Josuas mit dem Volk verbreitet Angst und Schrecken bei denen im Land. Das ist nachvollziehbar: Wenn das Volk überall den Bann vollstreckt, dann ist das eine Botschaft an die anderen, die noch nicht „erobert“ sind. So versucht der König von Jerusalem – König ist wohl ein bisschen hoch gegriffen für den Stadtfürsten – ein Bündnis gegen Josua zu schmieden. Ihr erstes Ziel: Gibeon. Die haben sich ja auf Josuas Seite geschlagen und eine mögliche Abwehrfront gegen die nahenden Israeliten aufgebrochen.

 5 Da sammelten sich und zogen hinauf die fünf Könige der Amoriter, der König von Jerusalem, der König von Hebron, der König von Jarmut, der König von Lachisch, der König von Eglon mit ihrem ganzen Kriegsvolk und belagerten Gibeon und kämpften gegen die Stadt. 6 Aber die von Gibeon sandten zu Josua ins Lager nach Gilgal und ließen ihm sagen: Zieh deine Hand nicht ab von deinen Knechten; komm eilends zu uns herauf, rette und hilf uns! Denn es haben sich gegen uns versammelt alle Könige der Amoriter, die auf dem Gebirge wohnen.

 Gibeon wird von den vereinten Königen angegriffen und belagert. Darum senden die Gibeoniten Botschaft an Josua nach Gilgal und rufen ihn zur Hilfe. Es ist ein weiter Weg nach Gilgal, bis in die Jordansenke.

 7 Da zog Josua hinauf von Gilgal und das ganze Kriegsvolk mit ihm und alle streitbaren Männer. 8 Und der HERR sprach zu Josua: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich habe sie in deine Hände gegeben. Niemand unter ihnen wird vor dir bestehen können.

 Josua lässt sich rufen. Er zieht hinauf, in das Bergland. Und er hat „Rückenwind“, weil er das Wort des HERRN für sich hat. Was er hier vor dieser Schlacht hört, ist nahe bei dem, was er auch vor dem Fall Jerichos gehört hat. Zusage über Zusage. Und damit ist klar: „Der Kriegsmut Josuas und seiner Leute braucht im Grunde nichts anderes als Glaubensgehorsam zu sein.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S.73) So fremd uns das heute sein mag, es ist die Botschaft an Israel: Im Vertrauen auf Gott könnt ihr eure Feinde besiegen. Heutzutage heißt das eher: Man muss an sich selbst und die eigene Stärke glauben.

9 So kam Josua plötzlich über sie; denn die ganze Nacht war er heraufgezogen von Gilgal. 10 Und der HERR erschreckte sie vor Israel, dass sie eine große Schlacht schlugen bei Gibeon, und sie jagten ihnen nach, den Weg hinab nach Bet-Horon, und schlugen sie bis nach Aseka und Makkeda hin. 11 Und als sie vor Israel flohen den Weg hinab nach Bet-Horon, ließ der HERR große Steine vom Himmel auf sie fallen bis Aseka, dass sie starben. Und von ihnen starben viel mehr durch die Hagelsteine, als die Israeliten mit dem Schwert töteten.

 Die Schlacht selbst ist, wieder einmal, rasch erzählt. Sie wird entschieden durch den „Gottesschrecken“. So wie an Schilfmeer: „Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.“(2. Mose 14,24) In panischer Angst flüchten die Könige samt ihren Truppen. Im Steinhagel Gottes, im Hagelschlag endet ihre Flucht.

 12 Damals redete Josua mit dem HERRN an dem Tage, da der HERR die Amoriter vor den Israeliten dahingab, und er sprach in Gegenwart Israels: Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! 13 Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte. Ist dies nicht geschrieben im Buch des Redlichen? So blieb die Sonne stehen mitten am Himmel und beeilte sich nicht unterzugehen fast einen ganzen Tag. 14 Und es war kein Tag diesem gleich, weder vorher noch danach, dass der HERR so auf die Stimme eines Menschen hörte; denn der HERR stritt für Israel. 15 Josua aber kehrte ins Lager nach Gilgal zurück und ganz Israel mit ihm.

Es folgt der „längste Tag“. Die Sonne steht still, damit der Sieg vollständig werden kann. Es ist müßig und ein ziemlich krasses Missverständnis, hier nach astronomischen Möglichkeiten zu fragen. Die biblischen Autoren sind nicht doof oder naiv. Gemeint ist anderes: Der Kampf zieht sich so lange hin, dass die Zeit still-zustehen scheint.

 Es ist die Frage, die sich angesichts dieser Schlachten und der Rede vom Gottesschrecken stellt: Steht Gott so auf der Seite Israels, dass er zum Kriegsgott wird? Mir geht der Spruch durch den Sinn, der Moshe Dayan nach dem Sechs-Tage-Krieg zugeschrieben wird: „Wir haben aufgrund eines Wunders und einer natürlichen Tatsache gesiegt. Die natürliche Tatsache war: Gott ist mit uns. Das Wunder: Unsere Verbündeten sind nicht gegen uns.“ Mir will es schwer sein, so zu denken. Diese Denke hat ja früher dazu geführt, dass auf Koppelschlössern stand: Gott mit uns. Ich glaube anders: „Selig sind die Friedfertigen, die Frieden stiften. Sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,9)

Mein Gott                                                                                                                                   so bist Du doch nicht                                                                                                               dass Du Dich auf die Seite der Einen schlägst                                                                     und die Anderen vernichtest                                                                                                 So bist Du doch nicht                                                                                                              dass Du Dich vereinnahmen lässt                                                                                    fromm                                                                                                                          militärisch                                                                                                                         wirtschaftlich                                                                                                            propagandistisch

Was ich glaube                                                                                                                     Du suchst unser Vertrauen                                                                                                  Du suchst uns in unseren Nöten                                                                                         Du suchst uns auch in unserem Streit

Aber Du suchst nicht unsere Siege. Amen

16 Aber die fünf Könige waren geflohen und hatten sich versteckt in der Höhle bei Makkeda. 17 Da wurde Josua angesagt: Wir haben die fünf Könige gefunden, verborgen in der Höhle bei Makkeda. 18 Josua sprach: So wälzt große Steine vor den Eingang der Höhle und stellt Männer davor, die sie bewachen; 19 ihr aber, bleibt nicht stehen, sondern jagt euren Feinden nach und fasst sie von hinten; lasst sie nicht in ihre Städte entrinnen; denn der HERR, euer Gott, hat sie in eure Hände gegeben. 20 Und als Josua und Israel sie ganz geschlagen hatten in dieser sehr großen Schlacht – was übrig blieb von ihnen, entkam in die festen Städte -, 21 da kam das ganze Volk ins Lager zurück zu Josua nach Makkeda mit Frieden, und es wagte niemand, gegen Israel seine Zunge zu regen.

 Das ist jetzt nur noch anekdotischer Nachschlag. Ein wenig ironisch auch. Die fünf Herrscher flüchten in eine Höhle und werden dort festgesetzt. Ihr Zufluchtsort wird zum Gefängnis. Das Volk Israel sichert derweil den endgültigen Sieg, der ja längst feststeht, denn der HERR, euer Gott, hat sie in eure Hände gegeben. Als dann der Sieg errungen ist, kehrt Josua zurück – mit Frieden – und kann sich jetzt den Königen widmen.

 22 Josua aber sprach: Macht den Eingang der Höhle auf und bringt die fünf Könige heraus zu mir! 23 Sie taten so und brachten die fünf Könige zu ihm aus der Höhle: den König von Jerusalem, den König von Hebron, den König von Jarmut, den König von Lachisch, den König von Eglon. 24 Als aber die fünf Könige zu ihm herausgebracht waren, rief Josua alle Männer Israels zu sich und sprach zu den Obersten des Kriegsvolks, die mit ihm zogen: Kommt her und setzt eure Füße auf den Nacken dieser Könige. Und sie kamen und setzten ihre Füße auf ihren Nacken.

 Das ist eine Demütigung sondersgleichen. Die Könige im Staub und die Füße der Soldaten auf ihrem Nacken. Es ist ein Bild wie bei Großwildjagden. Da stehen die Jäger stolz da, mit dem Fuß auf dem erlegten Wild. Was wirkt mehr – dass die Feinde so geschwächt oder die eigenen Leute so gestärkt werden.

 Zugleich greift die Bedeutung der Erzählung weit über den engeren Text und eine zufällige Episode hinaus. „Kanaan ist der Knecht, Sem der Herr. Die Verheißungen sind erfüllt.“ ((H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 75) Das Wort Noahs erfüllt sich. „Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte! Und sprach weiter: Gelobt sei der HERR, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht! Gott breite Jafet aus und lasse ihn wohnen in den Zelten Sems und Kanaan sei sein Knecht! (1. Mose 9, 25 – 27) Fluch und Segen sind nicht nur Augenblicksworte. Sie haben Langzeit-Wirkung.

 25 Und Josua sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht, seid getrost und unverzagt; denn ebenso wird der HERR allen euren Feinden tun, gegen die ihr kämpft.

 Darum geht es Josua. Sein Volk soll die Furcht verlieren – vor den Königen, vor den festen Städten, vor der technischen Überlegenheit der Kanaaniter. Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht, seid getrost und unverzagt. Das sind fast genau die Worte, mit den der Engel des Herrn Josua vor Jericho den Rücken stärkt. Das macht sichtbar: Es ging nie nur um eine persönliche Ermutigung für Josua, sondern immer schon um das ganze Volk. Er ist gestärkt worden, um das Volk zu führen. Und jetzt gibt er die Ermutigung, die Beistandszusage An das Volk weiter. So wie es in allen Schritten seither um seinen Glaubensgehorsam ging, so geht es jetzt in allen Schritten um den Gehorsam des Glaubens des Volkes.

 26 Und Josua schlug sie danach tot und hängte sie an fünf Bäume, und sie hingen an den Bäumen bis zum Abend. 27 Als aber die Sonne untergegangen war, gebot er, dass man sie von den Bäumen nehmen und in die Höhle werfen sollte, in die sie sich verkrochen hatten. Und sie legten große Steine vor den Eingang der Höhle. Die sind noch da bis auf diesen Tag. 28 An diesem Tag eroberte Josua auch Makkeda und schlug es mit der Schärfe des Schwerts samt seinem König und vollstreckte den Bann an der Stadt und an allen, die darin waren, und ließ niemand übrig und tat mit dem König von Makkeda, wie er mit dem König von Jericho getan hatte. 29 Da zogen Josua und ganz Israel mit ihm von Makkeda nach Libna und kämpften gegen Libna. 30 Und der HERR gab auch dieses mit seinem König in die Hand Israels; und er schlug die Stadt mit der Schärfe des Schwerts und alle, die darin waren, und ließ niemand darin übrig und tat mit ihrem König, wie er mit dem König von Jericho getan hatte. 31 Danach zogen Josua und ganz Israel mit ihm von Libna nach Lachisch, und er belagerte die Stadt und kämpfte gegen sie. 32 Und der HERR gab auch Lachisch in die Hände Israels, dass sie es am nächsten Tag eroberten und es schlugen mit der Schärfe des Schwerts und alle, die darin waren, ganz wie sie mit Libna getan hatten. 33 Zu dieser Zeit zog Horam, der König von Geser, hinauf, um Lachisch zu helfen; aber Josua schlug ihn und sein Kriegsvolk, bis niemand übrig blieb. 34 Und Josua zog von Lachisch mit ganz Israel nach Eglon und belagerte die Stadt und kämpfte gegen sie; 35 und sie eroberten sie an diesem Tag und schlugen sie mit der Schärfe des Schwerts, und Josua vollstreckte den Bann an allen, die darin waren, an diesem Tage, ganz wie er mit Lachisch getan hatte.

 36 Danach zog Josua hinauf mit ganz Israel von Eglon nach Hebron, und sie kämpften gegen die Stadt 37 und eroberten sie und schlugen sie mit der Schärfe des Schwerts, samt ihrem König und allen ihren Städten und allen, die darin waren; und er ließ niemand übrig, ganz wie er mit Eglon getan hatte, und vollstreckte an ihm den Bann und an allen, die darin waren. 38 Da kehrte Josua um mit ganz Israel nach Debir und kämpfte gegen die Stadt 39 und eroberte sie samt ihrem König und allen ihren Städten, und sie schlugen sie mit der Schärfe des Schwerts und vollstreckten den Bann an allen, die darin waren, und er ließ niemand übrig. Wie er mit Hebron getan hatte und wie er mit Libna und seinem König getan hatte, so tat er auch mit Debir und seinem König. 40 So schlug Josua das ganze Land auf dem Gebirge und im Süden und im Hügelland und an den Abhängen mit allen seinen Königen und ließ niemand übrig und vollstreckte den Bann an allem, was Odem hatte, wie der HERR, der Gott Israels, geboten hatte. 41 Und er schlug sie von Kadesch-Barnea an bis Gaza und das ganze Land Goschen bis Gibeon 42 und unterwarf alle diese Könige mit ihrem Lande auf einmal; denn der HERR, der Gott Israels, stritt für Israel. 43 Und Josua kehrte ins Lager nach Gilgal zurück mit ganz Israel.

 Das ist die Historie des Kriegszuges. Makkeda – Libna – Lachisch – Eglon – Hebron – Debir. Überall das gleiche Bild. Josua siegt und vollstreckt den Bann. Blutig. Gnadenlos. Das ganze Südland von Kadesch-Barnea an bis Gaza und das ganze Land Goschen bis Gibeon kommt unter die Herrschaft Israel. Und wieder wird daran erinnert, wer der eigentliche Kriegsherr und der eigentliche Sieger ist. Der HERR, der Gott Israels, stritt für Israel.

 Ich gehe kaum zu weit, wenn ich sage: das ist die Erzählabsicht des Ganzen, dass Israel daran erinnert wird, wer ihm beisteht, ihm Siege gibt, es erhält. Exegeten heutzutage sind sich ziemlich sicher: Das alles wird aufgeschrieben und erzählt nach der Rückkehr aus dem Exil im Jahr 520. Damit wird der Generation nach dem Exil eingeschärft: Zukunft hat Israel nur auf dem Weg des Gehorsams des Glaubens.

 Dass sich dieser Glaubensgehorsam hier „militärisch verkleidet“, ist insofern Ironie, weil das Israel nach dem Exil kein militärischer Machtfaktor mehr war. Es hat noch für Bürgerkriege – Makkabäer-Kämpfe – und Aufstände gereicht. Aber erst im 20. Jahrhundert ist Israel wieder eine Militärmacht. Und seitdem ist es, in meiner Sicht, nicht unproblematisch, dass es ultraorthodoxe Kreise in Israel gibt, die die Landnahme wörtlich zu nehmen geneigt sind.

Mein Gott                                                                                                                                 wie gut                                                                                                                                  dass wir kein Land mehr erobern müssen                                                                          dass Du uns nicht in Kriege schickst                                                                                    dass wir keinem Gottesschrecken nachjagen müssen                                                      um Feinde zu überwältigen

Wie gut                                                                                                                                 dass an Dich zu glauben nicht heißt                                                                                       an den Gott zu glauben                                                                                                        der Eisen wachsen ließ

Ich glaube an den Gott                                                                                                          der Weinstöcke wachsen lässt                                                                                                 Brot und Wein teilt                                                                                                         Menschen mit Güte überschüttet                                                                                      sein Leben austeilt                                                                                                            damit unser Tod überwunden wird. Amen