Ich will keine heiligen Kriege mehr

Josua 8, 1 – 29

 1 Und der HERR sprach zu Josua: Fürchte dich nicht und verzage nicht! Nimm mit dir das ganze Kriegsvolk und mache dich auf und zieh hinauf nach Ai! Sieh, ich habe den König von Ai samt seinem Volk in seiner Stadt und seinem Land in deine Hände gegeben. 2 Und du sollst mit Ai und seinem König tun, wie du mit Jericho und seinem König getan hast, nur dass ihr die Beute und das Vieh unter euch teilen sollt. Lege einen Hinterhalt hinter die Stadt!

Zum wiederholten Mal. Fürchte dich nicht und verzage nicht! Wie ein beständiger Grundton zieht sich diese Ermutigung und Mahnung durch das Josua-Buch. Es geht darin nicht nur um ein bisschen mehr Mut. Es geht darum, dass Josua das Vertrauen auf den HERRN bewährt. Diesem Wort glauben heißt handeln. Und nicht handeln ist eben auch nicht glauben, nicht vertrauen. So fremd es uns sein mag: Der Glaubensgehorsam zeigt sich in dem Angriff auf Ai.

Darum – und nur darum -kommt zu einem zweiten Angriff auf Ai. Diesmal ist Israel auf der sicheren Seite – es hat das Wort des HERRN, seine Zusicherung: Sieh, ich habe den König von Ai samt seinem Volk in seiner Stadt und seinem Land in deine Hände gegeben. „Auch Ai wird nicht durch Israel, seine Tapferkeit oder Klugheit erobert…Es wird überhaupt nicht erobert, sondern es ist erobert, durch das nunmehr dekredierende Gotteswort.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 56) Und: An Ai ist nicht der Gottesbann zu vollstrecken. Es soll zur Beute für das Volk werden. Für unser-einen ganz daneben: Gott gibt auch noch strategische Ratschläge zur Kampfführung!

 3 Da machte sich Josua auf und das ganze Kriegsvolk, um nach Ai hinaufzuziehen. Und Josua erwählte dreißigtausend streitbare Männer und sandte sie aus bei Nacht 4 und gebot ihnen: Seht zu, ihr sollt der Hinterhalt sein hinter der Stadt. Entfernt euch aber nicht allzu weit von der Stadt und seid allesamt bereit! 5 Ich aber und das ganze Kriegsvolk, das bei mir ist, wollen nahe an die Stadt heranrücken. Und wenn sie ausziehen uns entgegen wie das erste Mal, so wollen wir vor ihnen fliehen, 6 damit sie uns nachjagen, bis wir sie von der Stadt weglocken. Denn sie werden denken, wir fliehen vor ihnen wie das erste Mal. Und wenn wir vor ihnen fliehen, 7 sollt ihr hervorbrechen aus dem Hinterhalt und die Stadt einnehmen; denn der HERR, euer Gott, wird sie in eure Hände geben. 8 Wenn ihr aber die Stadt eingenommen habt, so steckt sie mit Feuer an und tut nach dem Wort des HERRN. Siehe, ich hab’s euch geboten.

Im Befehl an seine Männer enthüllt Josua den Plan. Er setzt darauf, dass die Leute aus Ai vom ersten Erfolg her glauben, sie könnten Israel wieder in die Flucht schlagen. So will er sie durch eine Scheinflucht aus der Stadt locken, die dann dem Hinterhalt preisgegeben sein wird. Dann wird die Stadt dem Zugriff der Truppen Josuas schutzlos preisgegeben sein.

9 So sandte sie Josua hin. Und sie zogen in den Hinterhalt und lagerten sich zwischen Bethel und Ai, westlich von Ai. Josua aber blieb die Nacht unter dem Volk 10 und machte sich früh am Morgen auf und ordnete das Volk und zog hinauf mit den Ältesten Israels vor dem Volk her nach Ai. 11 Und das ganze Kriegsvolk, das bei ihm war, zog hinauf, und sie kamen nahe vor die Stadt und lagerten sich nördlich von Ai, sodass nur ein Tal war zwischen ihnen und Ai. 12 Er hatte aber etwa fünftausend Mann genommen und in den Hinterhalt gelegt zwischen Bethel und Ai westlich von der Stadt. 13 Und sie stellten das Volk des ganzen Lagers, das nördlich vor der Stadt war, so auf, dass sein Ende reichte bis westlich von der Stadt. Und Josua zog hin in dieser Nacht mitten in das Tal. 14 Als aber der König von Ai das sah, machten die Männer der Stadt sich eilends früh auf und zogen aus an einen bestimmten Ort nach dem Jordantal zu, um Israel zum Kampf zu begegnen, er mit seinem ganzen Kriegsvolk. Denn er wusste nicht, dass ihm ein Hinterhalt gelegt war auf der andern Seite der Stadt. 15 Josua aber und ganz Israel stellten sich, als würden sie vor ihnen geschlagen, und flohen auf dem Wege zur Wüste. 16 Da wurde das ganze Volk in der Stadt zusammengerufen, um ihnen nachzujagen. Und sie jagten Josua nach und wurden von der Stadt weggelockt, 17 sodass nicht “ein” Mann in Ai und Bethel zurückblieb, der nicht ausgezogen wäre, um Israel nachzujagen, und ließen die Stadt offen stehen und jagten Israel nach.

 Der Plan funktioniert perfekt. Die Leute aus Ai glauben sich auf der Siegerstraße und jagen den „flüchtenden Kämpfern“ Josuas nach. Nicht ein Mann bleibt zurück. Die stadt ist völlig schutzlos.

 18 Da sprach der HERR zu Josua: Strecke die Lanze in deiner Hand aus auf Ai zu; denn ich will es in deine Hand geben.

 Wieder ist es der HERR, der Josua leitet. Zum Kampf. Zum Sieg. Es ist ein Bild von Gott, das mir innerlich widerstrebt. Ich will nicht an einen Gott glauben, der militärische Ratschläge gibt, sich als oberster Generalstabschef betätigt. Ich glaube und denke (in dieser Reihenfolge!), dass solche Geschichten durch das Kommen Jesu auch endgültig jede leitende Kraft verloren haben. Sie sind nichts zum Nachahmen. Keine Wegweisung. Sie helfen uns auch nicht zum Glauben.

 Und als Josua die Lanze in seiner Hand gegen die Stadt ausstreckte, 19 da brach der Hinterhalt eilends auf aus seinem Versteck und sie liefen, nachdem er seine Hand ausgestreckt hatte, und kamen in die Stadt und nahmen sie ein und eilten und steckten sie mit Feuer an. 20 Und die Männer von Ai wandten sich um und sahen hinter sich und sahen den Rauch der Stadt aufsteigen gen Himmel und vermochten nicht zu fliehen, weder hierhin noch dorthin. Denn das Volk, das zur Wüste floh, kehrte um gegen die, die ihnen nachjagten. 21 Und als Josua und ganz Israel sahen, dass der Hinterhalt die Stadt eingenommen hatte, weil von der Stadt Rauch aufstieg, kehrten sie um und schlugen die Männer von Ai. 22 Und die in der Stadt kamen auch heraus ihnen entgegen, und die Männer von Ai gerieten mitten unter Israel, von hierher und von dorther. Und sie erschlugen sie, bis niemand mehr von ihnen übrig blieb noch entrinnen konnte, 23 und ergriffen den König von Ai lebendig und brachten ihn zu Josua. 24 Und als Israel alle Einwohner von Ai getötet hatte auf dem Felde und in der Wüste, wohin sie ihnen nachgejagt waren, und alle durch die Schärfe des Schwerts gefallen und umgekommen waren, da kehrte sich ganz Israel gegen Ai und schlug es mit der Schärfe des Schwerts. 25 Und alle, die an diesem Tage fielen, Männer und Frauen, waren zwölftausend, alle Leute von Ai. 26 Josua aber zog nicht eher seine Hand zurück, mit der er die Lanze ausgestreckt hatte, bis der Bann vollstreckt war an allen Einwohnern von Ai. 27 Nur das Vieh und die Beute der Stadt teilte Israel unter sich nach dem Wort des HERRN, das er Josua geboten hatte.

Was jetzt erzählt wird, gleicht dem Schlachtgetümmel aus unzähligen Filmen. Ob „Herr der Ringe“ oder „Der längste Tag“ – jedesmal geht es darum, dass die „Guten“ siegen und die Bösen verlieren und untergehen. Dazu ist fast jedes Mittel recht. Mitleidloses töten. Bis der Tod errungen ist. Josuas Lanze und Gandalfs Stab – sie sind Zeichen der Sieger. Besser wird dadurch nichts an solchen Kriegsgeschichten.

 28 Und Josua brannte Ai nieder und machte es zu einem Schutthaufen für immer, der noch heute daliegt, 29 und ließ den König von Ai an einen Baum hängen bis zum Abend. Als aber die Sonne untergegangen war, gebot er, dass man seinen Leichnam vom Baum nehmen sollte, und sie warfen ihn unter das Stadttor und machten einen großen Steinhaufen über ihm, der bis auf diesen Tag da ist.

 Auch das soll nicht verschwiegen werden. Die Rohheit der Sieger. Der König von Ai wird an einem Baum gehängt. Genauer: Sein Leichnam wird zur Schau gestellt. Und dann abgehängt und ins Tor geworfen und es folgt eine Steinigung. Posthum.

 Wie human ist demgegenüber, was das Evangelium erzählt: „Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab…. Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.“ (Johannes 20, 38. 41-42)

 Ich merke beim genauen, langsamen Lesen dieser Erzählung, wie viel Widerspruch sie in mir weckt. Ich muss aufpassen, dass ich sie nicht innerlich für irrelevant erkläre, gar für schädlich. Man könnte sie ja auch lesen als eine Rechtfertigung heiliger Kriege. Und dann ist es nicht mehr weit bis zu irgendwelchen Selbstmordanschlägen.

Ich will auch nicht den Weg gehen, sie zu entschärfen, indem ich sie zur Volksfabel erkläre, in der ein eher ohnmächtiges Volk sich schöne Sieges-Sagen erzählt, um sich zu erfreuen. Ich höre hier, wie unheimlich Gott sein kann, wie wenig er zu begreifen ist. Und spüre, wie harmlos mein Gottesbild oft genug ist. Es wird unter den harten Schlägen des Lebens zertrümmert, zum Ai, zur „Trümmerstätte“.

Mein Gott                                                                                                                     wie schwer tue ich mich mit solchen Geschichten                                                          Sie sind wie Nachrichten von heute                                                                                die mich das Entsetzen lehren über das                                                                          was sich Menschen antun                                                                                             Sie verwehren mir die Flucht in eine heile Welt

Herr                                                                                                                                     und doch glaube ich                                                                                                      dass Du einen anderen Weg mit uns gehen willst                                                            Einen Weg                                                                                                               auf dem Du die Realität der Welt trägst                                                                         durchleidest und sie so verwandelst                                                                               Um dieses Weges willen folge ich Dir. Amen