Alles Verhalten hat Folgen

Josua 7, 1 – 26

 1 Aber die Israeliten vergriffen sich an dem Gebannten; denn Achan, der Sohn Karmis, des Sohnes Sabdis, des Sohnes Serachs, vom Stamm Juda, nahm etwas vom Gebannten. Da entbrannte der Zorn des HERRN über die Israeliten.

 So streng die Warnungen Josuas vor den Übergriffen auf das Bann-Gut waren – sie werden überhört. Heimlich. In Kleinigkeit. Einer nahm etwas vom Gebannten. „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner.“ (H. Scheibner) Wie oft kommt es so zu Übergriffen. In der Überzeugung, dass es doch keine Rolle spielen wird, keine Aufregung wert ist. Die Gelegenheit ist verlockend. Achan findet durch die kleine und große Welt-Geschichte hin viele Nachahmer. Und Gott sieht. Übersieht nicht.

 2 Und Josua sandte Männer aus von Jericho nach Ai, das bei Bet-Awen liegt östlich von Bethel, und sprach zu ihnen: Geht hinauf und erkundet das Land. Und als sie hinaufgegangen waren und Ai erkundet hatten, 3 kamen sie zu Josua zurück und sprachen zu ihm: Lass nicht das ganze Kriegsvolk hinaufziehen, sondern etwa zwei- oder dreitausend Mann sollen hinaufziehen und Ai schlagen, damit nicht das ganze Volk sich dorthin bemühe; denn ihrer sind wenige. 4 So zogen hinauf vom Volk etwa dreitausend Mann; aber sie flohen vor den Männern von Ai. 5 Und die Männer von Ai erschlugen von ihnen etwa sechsunddreißig Mann; sie hatten sie nämlich von dem Tor bis zu den Steinbrüchen gejagt und am Abhang erschlagen.

 Das gewachsenen Selbstvertrauen macht mutig. Übermütig. Nur ein kleines Kommando-Unternehmen, so denken die Kundschafter. Zwei- oder dreitausend Mann, reichen, um Ai zu schlagen. So eine Truppe kann Ruhm für sich sammeln.

 Es kommt anders. Das Unternehmen geht schief. Statt Ruhm Flucht, statt Sieg sechsunddreißig Tote. Die Mission hatte sich als gefährlicher erwiesen als gedacht.

 Da verzagte das Herz des Volks und ward zu Wasser. 6 Josua aber zerriss seine Kleider und fiel auf sein Angesicht zur Erde vor der Lade des HERRN bis zum Abend samt den Ältesten Israels, und sie warfen Staub auf ihr Haupt.

 Waren sie eben noch hochgemut, siegessicher, so sind sie jetzt verzagte und wie Wasser. Kein Halten. Aus der erhofften Siegesfeier wird ein Bußakt. Zerrissene Kleider, Staub auf dem Haupt. Demut ist angesagt und Demütigung. Und das Suchen der Gegenwart Gottes. Darum der Weg zur Lade.

 7 Und Josua sprach: Ach, Herr HERR, warum hast du dies Volk über den Jordan geführt und gibst uns in die Hände der Amoriter, um uns umzubringen? O dass wir doch jenseits des Jordans geblieben wären! 8 Ach, Herr, was soll ich sagen, nachdem Israel seinen Feinden den Rücken gekehrt hat? 9 Wenn das die Kanaaniter und alle Bewohner des Landes hören, so werden sie uns umringen und unsern Namen ausrotten von der Erde. Was willst du dann für deinen großen Namen tun?

 Packt Josua den HERRN bei seiner Ehre? Er fragt nach dem Warum. War der Weg über den Jordan ein Fehler? Haben wir uns übernommen? Und er fragt zugleich nach dem Willen Gottes, der ihm fremd und fragwürdig geworden ist. Es kann doch nicht Gottes Ziel sein, das Volk im Land der Kanaaniter untergehen zu lassen.

10 Da sprach der HERR zu Josua: Steh auf! Warum liegst du da auf deinem Angesicht? 11 Israel hat sich versündigt, sie haben meinen Bund übertreten, den ich ihnen geboten habe, und haben von dem Gebannten genommen und gestohlen und haben’s verheimlicht und zu ihren Geräten gelegt. 12 Darum kann Israel nicht bestehen vor seinen Feinden, sondern sie müssen ihren Feinden den Rücken kehren; denn sie sind dem Bann verfallen. Ich werde hinfort nicht mit euch sein, wenn ihr nicht das Gebannte aus eurer Mitte tilgt.

 Es ist eine harte Rede, mit der der HERR auf die Fragen Josuas antwortet. Die Ursache für dieses Desaster liegt bei euch, in eurer Mitte. Es ist der Ungehorsam gegen meinen Befehl, der Übergriff in mein Eigentum. Einer hat gestohlen aus dem Gebannten.

 Wir sind gewohnt, säuberlich zu unterscheiden – da ist mein Privatleben, das ist mein öffentliches Leben. Das ist meine Privatangelegenheit, das ist eine Sache des Staates oder der Gesellschaft. Und seit vielen Jahren läuft bei uns immer die gleiche Argumentation: Solange ich keinem schade, kann ich doch in meinem Privatleben machen, was ich will.

 Dahinter steht ein Denken, das die Gemeinschaft als Bezugsrahmen verloren hat und nur noch vom Einzelnen her denkt: Was hat mein Verhalten mit dem Weg meines Volkes zu tun? Was hat mein Verhalten mit dem Weg meiner Kirchengemeinde zu tun? Was hat mein Verhalten mit dem Weg der Welt zu tun?

 Die biblische Erzählung denkt anders. Sie zeigt, „dass der Fehltritt Eines als Verschuldung Aller angesehen wird. Der Einzelne existiert eben nur als Glied der Gemeinschaft.,“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 49) Achans Verhalten ist eben keine Privatangelegenheit. Es verbaut Israel die offene Tür. Sein Verhalten lähmt die Kräfte der Männer Israels. Achans Verha1ten lässt die Herzen verzagt und zu Wasser werden.

 13 Steh auf, heilige das Volk und sprich: Heiligt euch auf morgen! Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Es ist Gebanntes in deiner Mitte, Israel; darum kannst du nicht bestehen vor deinen Feinden, bis ihr das Gebannte von euch tut. 14 Und morgen früh sollt ihr herzutreten, ein Stamm nach dem andern; und welchen Stamm der HERR treffen wird, der soll herzutreten, ein Geschlecht nach dem andern; und welches Geschlecht der HERR treffen wird, das soll herzutreten, ein Haus nach dem andern; und welches Haus der HERR treffen wird, das soll herzutreten, Mann für Mann. 15 Und wer so mit dem Gebannten angetroffen wird, den soll man mit Feuer verbrennen mit allem, was er hat, weil er den Bund des HERRN übertreten und einen Frevel in Israel begangen hat.

 Gott legt den Weg fest, auf dem der Schuldige zu suchen ist. Gott ist es ja auch, der „verletzt“ ist. Genauer: Der Bund (7,11, 7,15), den er mit Israel geschlossen hat, ist verletzt. Es geht nicht um materielle Schädigungen Gottes, sondern um die gebrochenen Bundestreue. Die Strafe wird hart sein: Feuer. Mit allem, was er hat. Man kann sicherlich fragen, ob nicht weit über den „Fall Achan hinaus“ hier schon der Fall Jerusalems im Feuer 586 gedeutet wird – als Folge der gebrochenen Bundestreue.

 16 Da machte sich Josua früh am Morgen auf und ließ Israel herzutreten, einen Stamm nach dem andern; und es wurde getroffen der Stamm Juda. 17 Und als er die Geschlechter Judas herzutreten ließ, wurde getroffen das Geschlecht der Serachiter. Und als er das Geschlecht der Serachiter herzutreten ließ, wurde Sabdi getroffen. 18 Und als er sein Haus herzutreten ließ, Mann für Mann, wurde getroffen Achan, der Sohn Karmis, des Sohnes Sabdis, des Sohnes Serachs, aus dem Stamm Juda.

 Es beginnt die Suche nach dem Schuldigen. Unheimlich. Kein Detektiv-Spiel. Es ist eine Suche nach Regeln, die wir nicht beherrschen. Schritt für Schritt, bis er gefunden ist. Achan, der Sohn Karmis. Einer aus dem Stamm Juda.

 19 Und Josua sprach zu Achan: Mein Sohn, gib dem HERRN, dem Gott Israels, die Ehre und bekenne es ihm und sage mir, was du getan hast, und verhehle mir nichts. 20 Da antwortete Achan Josua und sprach: Wahrlich, ich habe mich versündigt an dem HERRN, dem Gott Israels. So habe ich getan: 21 Ich sah unter der Beute einen kostbaren babylonischen Mantel und zweihundert Lot Silber und eine Stange von Gold, fünfzig Lot schwer; danach gelüstete mich und ich nahm es. Und siehe, es ist verscharrt in der Erde in meinem Zelt und das Silber darunter. 22 Da sandte Josua Boten hin, die liefen zum Zelt; und siehe, es war verscharrt in seinem Zelt und das Silber darunter. 23 Und sie nahmen’s aus dem Zelt und brachten’s zu Josua und zu allen Israeliten und legten’s nieder vor dem HERRN. 24 Da nahmen Josua und ganz Israel mit ihm Achan, den Sohn Serachs, samt dem Silber, dem Mantel und der Stange von Gold, seine Söhne und Töchter, seine Rinder und Esel und Schafe, sein Zelt und alles, was er hatte, und führten sie hinauf ins Tal Achor. 25 Und Josua sprach: Weil du uns betrübt hast, so betrübe dich der HERR an diesem Tage. Und ganz Israel steinigte ihn und verbrannte sie mit Feuer. Und als sie sie gesteinigt hatten, 26 machten sie über ihm einen großen Steinhaufen; der ist geblieben bis auf diesen Tag. So kehrte sich der HERR ab von dem Grimm seines Zorns. Daher nennt man diesen Ort »Tal Achor« bis auf diesen Tag.

 Achan ist geständig. „Bemerkenswert ist, wie väterlich Josua mit dem Todgeweihten verfährt“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S.54 ) Er ist ein Opfer seiner Augen geworden, seiner Gelüste. Das erklärt seine Tat, aber entschuldigt sie nicht. Mit ihm stirbt seine ganze Familie und all sein Hab und Gott wird vernichtet. Seine Familie und sein Hab und Gut ist in gewisser Weise „kontaminiert“ durch das gestohlen Gut und muss deshalb aus der Mitte des Volkes entfernt werden.

 „Hast du uns gebracht in Ach und Weh, so bringt der HERR dich in Ach und Weh – an diesem Tag.“ (Übersetzung H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S.47) In dieser Übersetzung wird deutlicher, was gemeint ist. Die Niederlage und der Tod der Männer werden gesühnt mit dem Tod Achans.Es ist Sache des ganzen Volkes, die hier verhandelt wird, darum auch die Steinigung durch das Volk.

 Es mag sein, dass die Erzählung sich festmacht an einem Steinhaufen im Tal Achor. Auch hier ist dann wieder die Frage: Deutet die Geschichte den Steinhaufen oder wird der Steinhaufen durch die Geschichte zu einer Art „stummen Zeugen“? Es könnte ja sein, wenn Israel das Zeugnis für den Bund schuldig bleibt, dass es diese Steine braucht. So ähnlich sieht es Jahrhunderte später Jesus: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.(Lukas 19,40)

 Hoch über den Bergen des Tales Achor, des Unglückstales liegt der Berg Golgatha. Und auf diesem Berg wird eines Tages ein Kreuz aufgerichtet. An dieses Kreuz wird einer dran geschlagen. Und von ihm sagt Gott: Ich lege alle Sünde auf dich. Ich lege alle Sünde, die ich hasse, auf dich. Ich lege alle Verfehlung, die mein heiliges Recht gekränkt hat, auf dich. Ich lege alle offene und alle heimliche Gottlosigkeit auf dich. Ich lege alle zerbrochene Beziehung auf dich.

Mein Gott                                                                                                                              wie oft habe ich mich vergriffen in Worten                                                                         Gedanken                                                                                                                          aber auch an fremdem Eigentum                                                                                       Wie oft habe ich mich vergriffen                                                                                            Dir gegenüber                                                                                                                           bin Dir Treue und Gehorsam                                                                                            Vertrauen und Liebe Schuldig geblieben

Und Du hast mich gesucht in Deiner väterlichen Liebe                                                        Wege gesucht                                                                                                                      mich zurecht zu bringen                                                                                                       den Schaden zu heilen

Herr Gott                                                                                                                              Dein Richten ist Heilen                                                                                                        Lass mich das nie vergessen                                                                                              wenn ich mich verrenne. Amen