Eine fremde Geschichte von einem fremden Gott

Josua 6, 11 – 27

 11 So ließ er die Lade des HERRN rings um die Stadt ziehen “einmal” und sie kamen zurück in das Lager und blieben darin über Nacht. 12 Und Josua machte sich früh am Morgen auf und die Priester trugen die Lade des HERRN. 13 So trugen die sieben Priester die sieben Posaunen vor der Lade des HERRN her und bliesen immerfort die Posaunen; und die Kriegsleute gingen vor ihnen her, und das übrige Volk folgte der Lade des HERRN und man blies immerfort die Posaunen. 14 Am zweiten Tage gingen sie auch “einmal” um die Stadt und kamen zurück ins Lager. So taten sie sechs Tage.

 Bisher war alles nur Vorspiel. Vorbereitung. Jetzt folgt der Bericht über die Durchführung der Anordnungen des HERRN. Denn es sind seine Anordnungen. Josua ist nur der Befehlsweitergeber, nicht der, der selbst diese Eroberung inszeniert. Sechs Tage lang Umzug im Schweigen, nur die Posaunen werden geblasen.

 15 Am siebenten Tage aber, als die Morgenröte aufging, machten sie sich früh auf und zogen in derselben Weise siebenmal um die Stadt; nur an diesem Tag zogen sie siebenmal um die Stadt. 16 Und beim siebenten Mal, als die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: Macht ein Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben.

 Dann kommt der siebte Tag, an dem sich alles beschleunigt. Erstaunlich genug, dass es keine Rücksicht auf den Sabbat gibt. Dieser siebte Tag steht in starkem Kontrast zum siebten Tag der Schöpfung – da ist die Ruhe Gottes. Hier das Geschrei des Kriegsvolkes. Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben. Auf diesen Satz kommt es der Erzählung an. Es stimmt nicht, was das Spiritual singt: „Joshua fit the battle of Jericho.“ Es ist der HERR, der die Stadt gibt. Josua schlägt keine Schlacht. Er und das Volk nehmen nur in Empfang, was Gott gibt.

 17 Aber diese Stadt und alles, was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein. Nur die Hure Rahab soll am Leben bleiben und alle, die mit ihr im Hause sind; denn sie hat die Boten verborgen, die wir aussandten.

 Es ist eine Rede, die irgendwie den Gang des Geschehens bremst, die Ereignisse stört. Ihr Inhalt ist die Vollstreckung des Bannes: Alles in der Stadt ist Gottes Eigentum. Das ist fremd für unser Denken, dass sich das im Bann zeigen soll. Wir würden sagen: Es zeigt sich in der Verschonung.

 Davon ist dann auch sofort die Rede: Es gibt bei dem ausnahmslos zu vollstreckenden Bann doch eine Ausnahme: Rahab und alle, die mit ihr im Hause sind, ihre Sippe. So hoch wird das Versprechen der Kundschafter an sie geachtet, dass ihr Leben durch dieses Versprechen geschützt ist. Die Wohltaten für die Leute Gottes bleiben nicht unvergolten.

18 Allein hütet euch vor dem Gebannten und lasst euch nicht gelüsten, etwas von dem Gebannten zu nehmen und das Lager Israels in Bann und Unglück zu bringen. 19 Aber alles Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät soll dem HERRN geheiligt sein, dass es zum Schatz des HERRN komme.

Dann eine Mahnung, die später noch erneut Gewicht gewinnen wird: Ein Bann ist keine Freigabe zur Plünderung. Auch wenn die Stadt fällt, darf sich nicht jeder nach Gutdünken bedienen, Es geht nicht ums Beute-machen. Was in der Stadt ist, ist Gottes Eigentum und was es an Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät gibt, gehört in den Schatz des HERRN. Ob hier historische Erinnerungen an Kostbarkeiten mitspielen, die in einem Tempel in Gilgal gelandet sind, aber ursprünglich kanaanäischen Ursprungs sind, mag dahin gestellt bleiben.

 20 Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei und man blies die Posaunen. Und als das Volk den Hall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei. Da fiel die Mauer um und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder stracks vor sich hin. So eroberten sie die Stadt 21 und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, Jung und Alt, Rindern, Schafen und Eseln.

 Nach dem siebten Umzug: Das Kriegsgeschrei wird angestimmt. Die sieben Priester blasen in das Schofar. Und die Mauer fällt um, stürzt in sich zusammen. Der Weg zur Eroberung der Stadt ist frei. Hörte die Erzählung hier auf, wäre ich ganz einig mit ihr, auch mit der viel späteren Deutung des Geschehens. „Durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos, als Israel sieben Tage um sie herumgezogen war.“(Hebräer 11,30)

Wäre hier Schluss – das würde auch die „frommen Deutungen“ begünstigen. Die Mauern um die Herzen müssen fallen, damit von Gott her neues werden kann. Die Mauern des Hochmutes stürzen ein, die Mauern der Selbstgerechtigkeit werden geschleift. Alles schöne Gedanken, die gerne an die einstürzenden Mauern von Jericho angehängt werden.

 Aber die Erzählung geht weiter und wird mir schwer. Es beginn ein großes Gemetzel – anders mag ich die Vollstreckung des Banns nicht nennen. Was da geschieht, gehört für mich zu den dunklen, mir lebenslang unbegreiflichen Seiten Gottes. Da tröstet mich auch wenig, dass Exegeten gerne einmal sagen: So blutig sei es wohl bei der ganzen Landnahme nicht zugegangen. Und überhaupt sei die Eroberung Jerichos Legende. Fakt ist: Israel erzählt diese Geschichte, um die Macht, die schreckliche Gewalt seines Gottes herauszustellen. Das bleibt mir fremd.

22 Aber Josua sprach zu den beiden Männern, die das Land erkundet hatten: Geht in das Haus der Hure und führt die Frau von da heraus mit allem, was sie hat, wie ihr es ihr geschworen habt. 23 Da gingen die Männer, die Kundschafter, hinein und führten Rahab heraus samt ihrem Vater und ihrer Mutter und ihren Brüdern und alles, was sie hatte, und ihr ganzes Geschlecht und brachten sie außerhalb des Lagers Israels unter.

 Mitten in der Raserei ein Lichtschein von Menschlichkeit. Rahab und ihre Leute werden gerettet. Herausgeführt aus dem großen Sterben, der Gewaltorgie. Josua hilft dazu, dass die Kundschafter ihr Wort halten können. Sie bleibt bewahrt. Das gibt es immer wieder; Mitten in der großen Katastrophe Bewahrungen, Rettungen. Zeichen der Hoffnung.

 24 Aber die Stadt verbrannten sie mit Feuer und alles, was darin war. Nur das Silber und Gold und die kupfernen und eisernen Geräte taten sie zum Schatz in das Haus des HERRN. 25 Rahab aber, die Hure, samt dem Hause ihres Vaters und alles, was sie hatte, ließ Josua leben. Und sie blieb in Israel wohnen bis auf diesen Tag, weil sie die Boten verborgen hatte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften.

 Und noch einmal wird es herausgestellt: Rahab findet in diesem ihr so fremden Eroberervolk ihren Platz. Sie darf leben. Weil sie Leben bewahrt hat, wird ihr Leben bewahrt. Bis auf diesen Tag ist wohl als Hinweis auf Menschen in der Mitte Israels zu lesen, die von der Hure Rahab abstammen. „Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai.“ (Matthäus 1,5) So gelangen ihre Nachkommen in den Stammbaum Jesu. Bewahrtes Leben mit Langzeitwirkung.

 Bemerkenswert: Auch die Verschonung Rahabs wird in der frühen Christenheit auf ihren Glauben zurückgeführt. „Durch den Glauben kam die Hure “Rahab” nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter freundlich aufgenommen hatte.“ (Hebräer 11,31) Das sollen Christen an ihr lernen: Glauben hat gute Folgen. Er kann im Chaos bewahren.

 26 Zu dieser Zeit ließ Josua schwören: Verflucht vor dem HERRN sei der Mann, der sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn! 27 So war der HERR mit Josua, dass man ihn rühmte im ganzen Lande.

 Eine Schlussbemerkung, Jericho soll für immer wüst bleiben. Es ist sozusagen verbotenes Land. Es gibt eine schreckliche Erfüllung dieses Fluchwortes. „Zur selben Zeit baute Hiël von Bethel Jericho wieder auf. Es kostete ihn seinen erstgeborenen Sohn Abiram, als er den Grund legte, und seinen jüngsten Sohn Segub, als er die Tore einsetzte, nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch Josua, den Sohn Nuns.“(1.Könige 16,34) Was aber an alter Tradition hinter diesem Fluch steht, erschließt sich mir nicht.

Wichtiger ist dem Erzähler das Andere: Durch dieses Geschehen wird Josua berühmt im ganzen Land. Es wird darin sichtbar, was wirklich zählt: Der HERR war mit Josua. Das wird sich durch das ganze folgende Buch bestätigen.

 Heiliger Gott                                                                                                                         wie nah und wie fremd zugleich                                                                                              Nah in Deinem Erbarmen                                                                                                     das sich im gehaltenen Wort zeigt                                                                                      Nah darin                                                                                                                            dass Du Menschen hilfst                                                                                                        ihr Versprechen zu halten                                                                                               Barmherzigkeit zu üben

Und fremd in der Strenge des Banns                                                                                 Müsstest Du nicht Leben schützen?                                                                               Müsstest Du nicht solchen Geschichten den Boden entziehen                                        Weißt Du nicht                                                                                                                         wie sie missbraucht werden können                                                                          Rechtfertigung für Blutbäder                                                                                                   für Gewalt gegen Fremde                                                                                              Heiden

Heiliger Gott                                                                                                                          ich verstehe Dich nicht                                                                                                        immer wieder nicht                                                                                                               Ich halte mich an die Geschichten                                                                                         die von Deinem Erbarmen erzählen mitten im Untergang                                                    Das lässt mich Dir vertrauen                                                                                               auch wo ich Dich nicht verstehe. Amen