Vorzeichen einer neuen Zeit

Josua 5,( 2 -12) 13 – 15

2 Zu dieser Zeit sprach der HERR zu Josua: Mache dir steinerne Messer und beschneide die Israeliten wie schon früher. 3 Da machte sich Josua steinerne Messer und beschnitt die Israeliten auf dem Hügel der Vorhäute.

Der Einzug wird gestoppt. Der Vormarsch unterbrochen. Wie so häufig macht die Bibelwissenschaft darauf aufmerksam: Hier werden ältere Materialien eingearbeitet. Mich beschäftigt die Frage: Warum gerade hier? Worauf ich niemals von selbst käme: Es gibt wohl bei Gilgal eine Bergformation mit diesem seltsamen Namen Hügel der Vorhäute. So ähnlich wie im Negev, wo bis heute eine bizarre Säule als Lot’s Weib bezeichnet wird. Man kann fragen: Entstehen Geschichten aus solchen Namen oder ist es umgekehrt, dass solche Namen auf Geschichten zurück gehen?

4 Und das ist der Grund, warum Josua sie beschnitten hat: Das ganze Volk, das aus Ägypten gezogen war, die Männer, alle Kriegsleute, waren unterwegs in der Wüste gestorben, als sie aus Ägypten zogen. 5 Und das ganze Volk, das auszog, war beschnitten gewesen; aber das ganze Volk, das unterwegs in der Wüste geboren war, als sie aus Ägypten zogen, das war nicht beschnitten. 6 Denn die Israeliten wanderten vierzig Jahre in der Wüste, bis es mit dem ganzen Volk, den Kriegsmännern, die aus Ägypten gezogen waren, zu Ende gegangen war, weil sie der Stimme des HERRN nicht gehorcht hatten; wie denn der HERR ihnen geschworen hatte, sie sollten das Land nicht sehen, das der HERR, wie er ihren Vätern geschworen hatte, uns geben wollte, ein Land, darin Milch und Honig fließt. 7 Ihre Söhne, die er an ihrer statt hatte aufwachsen lassen, beschnitt Josua; denn sie waren noch unbeschnitten und unterwegs nicht beschnitten worden.

 Ein wenig umständlich wird erklärt, was geschieht und warum es geschieht. Auf dem 40 Jahre dauernden Weg durch die Wüste ist die Auszugs-Generation gestorben, die noch beschnitten war. Ihnen war ja, um ihres Kleinglaubens willen, der Einzug in das versprochenen Land verwehrt. Jetzt ist eine neue Generation da – aber unbeschnitten. Wegen fehlender Hygiene? Weil es in der Wüste Wichtigeres gab als alte Rituale durchzuführen? Eine Begründung für das Unterlassen fehlt. Aber damit der Weg nach vorne frei wird, holt Josua das Unterlassene jetzt nach.

Es hat Logik für sich: Der Einzug in das neue, versprochene, gelobte Land wird zur Prozession, zum Gottesdienst. Aber gottesdienstfähig ist in Israel nur, wer beschnitten ist. Darum muss das Volk beschnitten werden, um an diesem Einzug teilnehmen zu können.

 Noch ein Hinweis steckt wohl in dieser alten Erzählung: Ursprünglich war die Beschneidung wohl kein Ritual, das an neugeborenen Kinder am 8. Tag nach der Geburt vollzogen worden. „Die Beschneidung, die etwas mit der Pubertät zu tun hat, stellt von hause aus die Aufnahme des jungen Israeliten in die „Gemeinde“ dar, der er nun als zeugungs-, wehr- und kultfähiger Mann zugehört. Die Verlegung in die Kindheit (2. Mose 4, 24-26) ist erst eine zweite Stufe der Entwicklung“. ((H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 32) Wenn ich dem Exegeten Glauben schenke, so ist das eine Parallele zur Entwicklung der Taufe im Christentum. Auch da steht am Anfang der Entwicklung ein Geschehen an Erwachsenen, dass dann mehr und mehr ins Kleinstkinderalter verlegt wird. Heute erleben wir, wie sich der Umgang mit der Taufe wieder den Ursprüngen öffnet.

8 Und als das ganze Volk beschnitten war, blieben sie an ihrem Ort im Lager, bis sie genesen waren. 9 Und der HERR sprach zu Josua: Heute habe ich die Schande Ägyptens von euch abgewälzt. Und diese Stätte wurde Gilgal genannt bis auf diesen Tag.

Die Pause wird von der Medizin diktiert. Die Beschnittenen müssen warten, bis ihre Wunde geheilt ist. Sie sind nicht marschfähig und nicht kampffähig. Vielleicht sind sie nur so tauglich als Werkzeuge Gottes. Mit dieser Beschneidung aber ist endgültig der Weg nach vorne frei. Die Schande Ägyptens ist erledigt – ich lese das so: Ihr hängt nicht mehrt fest im Denken und Leben verachteter und kleingemachter Sklaven. Ihr seid jetzt vorbereitet für den Weg in die Freiheit.

 10 Und als die Israeliten in Gilgal das Lager aufgeschlagen hatten, hielten sie Passa am vierzehnten Tage des Monats am Abend im Jordantal von Jericho 11 und aßen vom Getreide des Landes am Tag nach dem Passa, nämlich ungesäuertes Brot und geröstete Körner. An eben diesem Tage 12 hörte das Manna auf, weil sie jetzt vom Getreide des Landes aßen, sodass Israel vom nächsten Tag an kein Manna mehr hatte. Sie aßen schon von der Ernte des Landes Kanaan in diesem Jahr.

 Nach der nachgeholten Beschneidung folgt das Passa. Auch das als nachgeholtes Fest? In der Wüste versäumt? Jedenfalls ist es das erste Passa im gelobten Land. Auch das wieder eine erzählerische Deutung der Landnahme als Gottesdienst und nicht als Kriegstat.

 Die Wüstenzeit ist vorbei. Das Manna hört auf. Israel wird jetzt wieder zum „Selbstversorger“ werden aus den Ernten des Landes. Das Gotteswunder des Manna hat seine Zeit gehabt. Jetzt ist sie zu Ende.

 Mir fällt – ein wenig assoziativ – der Satz eine Freundin aus früheren Jahren ein: „Solange ich auf Spendenbasis gelebt habe, haben mir Leute alles Mögliche geschenkt, einmal auch ein Auto. Seit ich ein festes Gehalt bekomme, ist es mit den Geschenken vorbei.“

Beschneidung und Passa am Anfang des Weges in das gelobte Land, nach dem Übergang. Es wirkt wie das Schaffen von Voraussetzungen für den weiteren Weg. Nicht Aufrüstung, sondern die Hinwendung zu Gott stehen am Anfang.

 13 Und es begab sich, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und gewahr wurde, dass ein Mann ihm gegenüberstand und ein bloßes Schwert in seiner Hand hatte. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörst du zu uns oder zu unsern Feinden? 14 Er sprach: Nein, sondern ich bin der Fürst über das Heer des HERRN und bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht? 15 Und der Fürst über das Heer des HERRN sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig. Und so tat Josua.

Das alles ist nur Vorgeschichte der Vorgeschichte. Jetzt führt die Erzählung weiter, vor Jericho. Josua sieht die Stadt. Aber wichtiger: Er sieht einen Mann mit einem blanken Schwert. Und erfährt: Der Fürst über das Heer des HERRN. Ein Engel.

 Was dann geschieht, was der Engel sagt, stellt Josua neben Mose: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig. Es sind die Worte aus der Begegnung Mose’s mit dem Herrn im brennenden Dornbusch (2. Mose 3,5). Mehr braucht es nicht. Dass der Fürst über das Heer des HERRN keine Auskunft gibt über Warum oder Wozu seines Kommens, mag befremden. Er bringt keine Botschaft. Ob da alte Worte ausgefallen sind? Beistandszusagen? Ich weiß es nicht. Aber es genügt Josua, dass er da ist. Das ist die Botschaft: Er ist da.

 Alles, was geschehen wird, steht von nun an unter diesem Vorzeichen der Gottesgegenwart. Mehr braucht es nicht.

 Mein Gott                                                                                                                               es geht nicht unaufhörlich vorwärts                                                                                      Es geht nicht Schlag auf Schlag                                                                                     Manchmal sind Pausen                                                                                                      weil wir verwundet sind                                                                                                         neue Kräfte sammeln müssen                                                                                      Orientierung brauchen

Und manchmal braucht es die Pausen                                                                              das Innehalten                                                                                                                          damit wir gewahr werden                                                                                                     Du bist da                                                                                                                             Wir sind in Deiner Gegenwart                                                                                              Du lenkst unseren Blick weg von den Aufgaben                                                     Herausforderungen                                                                                                                 hin auf Dich. Amen