Gott führt Regie

Josua 4,1 – 5,1

1 Als nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der HERR zu Josua: 2 Nehmt euch aus dem Volk zwölf Männer, aus jedem Stamm einen, 3 und gebietet ihnen: Hebt mitten aus dem Jordan zwölf Steine auf von der Stelle, wo die Füße der Priester stillstehen, und bringt sie mit euch hinüber und legt sie in dem Lager nieder, wo ihr diese Nacht bleiben werdet.

Sie sind alle beteiligt an dem Übergang über den Jordan, alle zwölf Stämme. Der Durchzug ist nicht nur die Sache einer Elite-Truppe. Und sie werden alle daran beteiligt, ein Erinnerungsmal für diesen Übergang zu errichten. Dieses Mal wird errichtet werden aus den Jordan-Steinen, genommen von der Stelle, wo die Füße der Priester still gestanden haben. Es mag einer Erinnerung an den Ruhepunkt mitten in der Gefahr sein.

 4 Da rief Josua die zwölf Männer, die er bestellt hatte aus Israel, aus jedem Stamm einen, 5 und sprach zu ihnen: Geht hinüber vor der Lade des HERRN, eures Gottes, mitten in den Jordan und ein jeder hebe einen Stein auf seine Schulter, nach der Zahl der Stämme Israels, 6 damit sie ein Zeichen seien unter euch. Wenn eure Kinder später einmal fragen: Was bedeuten euch diese Steine?, 7 so sollt ihr ihnen sagen: Weil das Wasser des Jordans weggeflossen ist vor der Lade des Bundes des HERRN, als sie durch den Jordan ging, sollen diese Steine für Israel ein ewiges Andenken sein.

 Eigentlich gehört diese Anweisung Josuas im Erzählzusammenhang weiter nach vorne, in den Bericht über den Übergang. Hier wirkt es wie ein Nachtrag. Aber es geht wohl mehr um die Deutung. Ein Zeichen sollen die Steine sein.

Mir fällt die Ähnlichkeit auf zur Anweisung auf, die im Zusammenhang der Gebote überliefert ist: „Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen:“ (5. Mose 6,20-21) Es geht um Zeugnisse für die Taten Gottes, die weitergegeben werden sollen. Die Einweisung in die Gebote ist das Eine, das Erzählen von den Taten Gottes das Andere. Zusammen dient beides der Weitergabe des Glaubens.

 8 Da taten die Israeliten, wie ihnen Josua geboten hatte, und trugen zwölf Steine mitten aus dem Jordan, wie der HERR zu Josua gesagt hatte, nach der Zahl der Stämme Israels, und brachten sie mit sich hinüber in das Lager und legten sie dort nieder. 9 Und Josua richtete zwölf Steine auf mitten im Jordan, wo die Füße der Priester gestanden hatten, die die Bundeslade trugen; diese sind noch dort bis auf den heutigen Tag.

 Hier liegt eine Spannung im Bericht vor. Einmal ist die Rede von Steinen, die aus dem Jordan geholt werden (4,5). Zum anderen aber von einem Denkmal aus zwölf Steinen, das im Jordan errichtet wird. Der Schluss der Exegeten liegt so nahe: Zwei verschiedene Überlieferungen sind hier ineinander geflossen.

 10 Die Priester aber, die die Lade trugen, standen mitten im Jordan, bis alles ausgerichtet war, was der HERR dem Josua geboten hatte, dem Volk zu sagen, genau wie Mose dem Josua geboten hatte. Und das Volk ging eilends hinüber. 11 Als nun das Volk ganz hinübergegangen war, da ging die Lade des HERRN auch hinüber und die Priester vor dem Volk her. 12 Und die Rubeniter und Gaditer und der halbe Stamm Manasse gingen gerüstet vor den Israeliten her, wie Mose zu ihnen geredet hatte. 13 An vierzigtausend zum Krieg gerüstete Männer gingen vor dem HERRN her zum Kampf ins Jordantal von Jericho.

 Wieder wird zurück geblendet im Geschehen. Die Lade des HERRN hatte den Zug eröffnet. Jetzt, so der Erzähler, beschließt sie auch den Zug. Gottes Gegenwart – so lese ich das – ist Vorhut und Nachhut. „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.“ (2.Mose 13,21) So berühren sich ach hier die Schilfmeer-Durchquerung und der Übergang über den Jordan.

 In diesem Geschehen zeigt sich Josua als gehorsamer Diener des Mose. Das wird gleich doppelt unterstrichen. Josua führt aus, was der HERR geboten hatte,… genau wie Mose dem Josua geboten hatte. Das ist sicherlich eine Anweisung an die Leser. Im Hören auf Mose bewährt sich der Gehorsam gegen das Gebieten Gottes.

 14 An diesem Tage machte der HERR den Josua groß vor ganz Israel. Und sie fürchteten ihn, wie sie Mose gefürchtet hatten, sein Leben lang.

 Auch daran liegt dem Erzähler. Josua wird bestätigt als der Anführer Israels. Denn Gott selbst, der HERR macht Josua in diesem Geschehen groß. „Dass Mose hier besonders erwähnt wird, soll die Kontinuität der Heilsführung unterstreichen“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 30)

 15 Und der HERR sprach zu Josua: 16 Gebiete den Priestern, die die Lade mit dem Gesetz tragen, dass sie aus dem Jordan heraufsteigen. 17 Da gebot Josua den Priestern: Steigt herauf aus dem Jordan! 18 Und als die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, aus dem Jordan heraufstiegen und mit ihren Fußsohlen aufs Trockene traten, kam das Wasser des Jordans wieder an seine Stätte und floss wie vorher über alle seine Ufer.

 Nichts in dem ganzen Geschehen geschieht auf eigene Faust. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Gott die Regie hat. Er ist der eigentliche Führer. Josua ist nur der, der auf ihn hört und ihm gehorcht. Darin aber ist er Beispiel für alle, die diese Geschichte lesen und von ihr hören: Es ist gut, sich dem Führen Gottes anzuvertrauen.

 19 Es war aber der zehnte Tag des ersten Monats, als das Volk aus dem Jordan heraufstieg. Und sie lagerten sich in Gilgal, östlich der Stadt Jericho. 20 Und die zwölf Steine, die sie aus dem Jordan genommen hatten, richtete Josua auf in Gilgal 21 und sprach zu Israel: Wenn eure Kinder später einmal ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Steine?, 22 so sollt ihr ihnen kundtun und sagen: Israel ging auf trockenem Boden durch den Jordan, 23 als der HERR, euer Gott, den Jordan vor euch austrocknete, bis ihr hinübergegangen wart, wie der HERR, euer Gott, am Schilfmeer getan hatte, das er vor uns austrocknete, bis wir hindurchgegangen waren; 24 damit alle Völker auf Erden die Hand des HERRN erkennen, wie mächtig sie ist, und den HERRN, euren Gott, fürchten allezeit.

 In Gilgal ist ein vorläufiges Ziel erreicht. Hier wird das Erinnerungsmal für diesen Übergang aufgerichtet. Und hier wird noch einmal von Josua der Umgang mit dem Denkmal angemahnt. Es geht um die Weitergabe dieser Erfahrung an die späteren Generationen. Fast könnte man auf die Idee kommen: Wenn der Durchzug durch den Jordan liturgisch nach-gespielt wird im Gottesdienst, dann wird er mit solchen Fragen: Was bedeuten diese Steine? und der folgenden Antwort szenisch in seiner Bedeutung dargestellt.

Noch einmal: Es ist für aufmerksam Lesende deutlich, dass die Wendung Wenn eure Kinder später einmal ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Steine?, 22 so sollt ihr ihnen kundtun und sagen eine Doppelung zu Vers 6 ist. Das kann man durch Hinweis auf den Entstehungsprozess literarisch erklären. Wichtig ist mir über diese Erklärung hinaus, dass die Doppelung die Bedeutung dieses Vorganges Frage-Antwort unterstreicht. Es geht um eine ausgeprägte Erinnerungs-Kultur, die mit solchen Sätzen angestoßen wird.

 „Lobe den HERRN, meine Seele,                                                                                      und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:“            Psalm 103, 2

 Wie ein roter Faden zieht sich das durch die Schriften. Die Erinnerung an die Taten Gottes in der Vergangenheit hilft, den Glauben in der Gegenwart zu stärken. „Nicht in unserem Leben muss sich Gottes Hilfe und Gegenwart erst noch erweisen, sondern im Leben Jesu Christi hat sich Gottes Gegenwart und Hilfe für uns erwiesen. Es ist in der Tat wichtiger für uns zu wissen, was Gott an Israel, was er an seinem Sohn Jesus Christus tat, als zu erforschen, was Gott heute mit uns vorhat.“ (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben. München 1970, S. 44) Diese herben Sätze Bonhoeffers helfen aus dem Kreisen um das eigene, mehr oder weniger fromme Ich heraus. Sie ermutigen dazu, den Weg Gottes mit seinem Volk genau zu betrachten. Es wird der Stärkung des eigenen Glaubens dienen.

 Was da geschieht, was da erzählt wird, hat nicht nur für Israel Bedeutung. Alle Völker auf Erden sollen die Hand des HERRN erkennen. Israel ist das Beispiel dafür, wie Gott handelt, wie er in der Geschichte führt. Das wird nun auch durch den nachfolgenden Vers sofort unterstrichen. Das ist für mich wichtig, wie ein Ereignis der Nationalgeschichte Israels zur Folie für das Handeln Gottes in der Welt geweitet wird. Wie kurz greift unser Denken, das so leicht sagt: Das hat alles als „Geschichtsschreibung Israels“ nichts mit uns zu tun.

 5,1 Als nun alle Könige der Amoriter, die jenseits des Jordans nach Westen zu wohnten, und alle Könige der Kanaaniter am Meer hörten, wie der HERR das Wasser des Jordans ausgetrocknet hatte vor den Israeliten, bis sie hinübergegangen waren, da verzagte ihr Herz und es wagte keiner mehr zu atmen vor Israel.

 „Lähmender schrecken erfasst alle vor dem starken Gott Israels und denen, die als eine Gefolgschaft in das Land eingezogen sind.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 31) Wer diesen Gott zum Beistand hat, muss sich vor niemand mehr fürchten. Gleich 22-mal taucht in dem Abschnitt 4,1 – 5,1 das Wort „hindurchziehen“ auf. In dieser steten Wiederholung wird aus dem Durchzug ein geradezu unwiderstehlicher Vorgang. Das ist der Weg Gottes. Wer will da hindern?

 Mit dieser knappen Notiz werden auch schon die nachfolgenden Erzählungen vorbereitet – die ja davon berichten, wie das eher schlecht gerüstete Volk aus der Wüste die Waffen-technisch hoch überlegenen Städter und Könige besiegen wird.

Mein Herr und Gott                                                                                                               so klare Wegweisung wünsche ich mir manchmal auch                                                     Ich finde sie nicht immer                                                                                                     auch nicht im Hören auf Dein Wort                                                                                      Ich muss Entscheidungen treffen                                                                                             Ich bin oft unsicher                                                                                                                wie der richtige Weg aussieht

Es ist gut zu hören                                                                                                              dass Du Deine Leute führst                                                                                              auch über schier unüberwindliche Hindernisse                                                                    Es ist gut zu glauben                                                                                                            dass Du den Weg freimachst                                                                                            voran gehst

Solche Worte brauche ich                                                                                                      immer wieder                                                                                                                    Damit ich durch den Jordan in meinem Leben hindurch gehen kann. Amen