Über den Jordan

Josua 3, 1 – 17

  Und Josua machte sich früh auf und sie zogen aus Schittim und kamen an den Jordan, er und alle Israeliten, und blieben dort über Nacht, ehe sie hinüberzogen.

 Also bricht Josua mit den Israeliten, gemeint sind diesmal nur die Männer, auf. Gilt es doch, das Land einzunehmen. Am Jordan wird noch einmal kurz, über Nacht, angehalten, um an nächsten Tag hinüber zu ziehen. Zum ersten Mal taucht dieses Wort âbar hier auf, das dem ganzen Abschnitt seinen Stempel aufdrücken wird. Es geht um das hinüberziehen, hindurchgehen, durch das Israel das Land nimmt, das Gott ihm gibt.

 2 Nach drei Tagen aber gingen die Amtleute durchs Lager 3 und geboten dem Volk: Wenn ihr die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, seht und wie die Priester aus dem Stamm Levi sie tragen, so brecht auf von eurem Ort und folgt ihr nach; 4 doch dass zwischen euch und ihr ein Abstand sei von ungefähr zweitausend Ellen! Ihr sollt ihr nicht zu nahe kommen. Aber ihr müsst ja wissen, auf welchem Wege ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher noch nicht gegangen. 5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. 6 Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.

Dieser Aufbruch, der hier angeordnet wird, wirkt nicht wie der Aufbruch zu einer Eroberung. Er gleicht eher der Anordnung einer Prozession. Und das Volk soll sich heiligen, wie zu einem Gottesdienst! Dazu passt die Mahnung zum Abstand von der Lade des Bundes. Es ist ihrer Heiligkeit geschuldet, weil es gefährlich ist, ihr nahe zu kommen. Die Philister werden später ein Lied davon zu singen wissen (1.Samuel 5). Sie führt die Prozession an.

 Wieder kommt die Erinnerung an früher Erzähltes: „Als nun der HERR herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges und Mose stieg hinauf. Da sprach der HERR zu ihm: Steig hinab und verwarne das Volk, dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, ihn zu sehen, und viele von ihnen fallen. Auch die Priester, die sonst zum HERRN nahen dürfen, sollen sich heiligen, dass sie der HERR nicht zerschmettere.“(2. Mose 19, 20-22) Es ist gefährlich, der Wirklichkeit Gottes nahe zu kommen.

Das ist zugleich auch ein Hinweis: Was sie erleben werden, ist nicht ihre Tat. Es ist der HERR, der Wunder unter euch tun wird. Für mich liest sich das wie eine Leseanweisung für die ganze folgende Erzählung: Nicht weltliche Eroberungsgeschichte, sondern göttliches Wunder ist die Landnahme.

 7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. 8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.

 Was da zu geschehen anhebt, wird nicht nur dem Volk eine neue Perspektive geben. Es wird auch Josua in ein neues Licht rücken. Groß soll er gemacht werden, der bis dahin Diener (1,1) war. An die Stelle des Mose treten soll er, der bis dahin nur Nachfolger war. Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Josua ist nicht mehr nur Ersatzmann für Mose. Er wird in ein eigenes Gegenüber zum HERRN erhoben. Das zeigt sich auch darin, dass er nicht nur Heerführer ist, sondern auch den Priestern gebieten soll.

 9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! 10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: 11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrschers über alle Welt wird vor euch hergehen in den Jordan. 12 So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen. 13 Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrschers über alle Welt, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.

 Josua befolgt die Anweisungen Gottes. Die Priester mit der Lade ziehen vorneweg. Sie sind der Auftakt. Und es ist die Wirkung der Lade, dass das Wasser des Jordans stillstehen wird.

 Man muss nicht allzu weit zurück gehen, um auf die Idee zu kommen. Hier ist ein zweiter Durchzug im Blick. Die Parallele zum Durchzug am Schildmeer drängt sich auf. „Die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.“(2. Mose 14,22) Diesmal nicht mehr auf der Flucht, sondern auf dem „Heimweg“. Und diesmal wird das Wunder angekündigt!

 14 Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und als die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen 15 und an den Jordan kamen und ihre Füße vorn ins Wasser tauchten – der Jordan aber war die ganze Zeit der Ernte über alle seine Ufer getreten -, 16 da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall, sehr fern, bei der Stadt Adam, die zur Seite von Zaretan liegt; aber das Wasser, das zum Meer hinunterlief, zum Salzmeer, das nahm ab und floss ganz weg. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho. 17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Gleich dreimal kommt es hier wieder: Sie gingen hindurch – durch den Jordan. Der Fluss ist kein Hindernis. Sein Hochwasser zur Erntezeit ist kein Hindernis. Es ist, so könnte man meinen, wie ein „Spaziergang“. Kinder waten sorglos durch einen Fluss. So sorglos können die Kinder Israel den Jordan durchwaten. Nicht einmal das müssen sie – sie queren ihn auf trockenem Boden.

 „Das Jordanwunder selbst wird so berichtet, dass in einer ziemlich weiten Entfernung von der Durchzugsstelle sich das Wasser aufgestaut habe. …Von einem solchen Ereignis aus historischer Zeit (1267) berichtet ein arabischer Schriftsteller, und zwar auch bei ed-damije, dem „Adam“ des AT, das unweit der Jabbokmündung zu suchen ist….. Als Ursache erscheint dort der Einsturz eines Stücks vom Steilufer. Zehn Stunden habe es gedauert, bis der Fluss sich wieder sein Bett gegraben habe.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 29) An einer Erklärung des Wunders, am Wie hat der Erzähler kein Interesse. Für ihn ist nur wichtig, den Blick auf Gott hinter dem Geschehen zu richten.

 „Mit meinem Gott über Mauern springen.“ (Psalm 18,30) singt ein Beter. Er könnte auch singen: „Mit meinem Gott kann ich Flüsse durchqueren.“ Und der Prophet greift auch auf diese Flußdurchquerung zurück, wenn er im Namen Gottes verspricht: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen.“ (Jesaja 43,1-2) Es ist die Erfahrung aus vergangener Zeit, die die Hoffnung nach vorne stärkt. Und der Durchzug durch den Jordan wird auch deshalb erzählt, damit das Volk weiß, dass es einem Gott glaubt und gehört, der Wort hält. Dieser Gott kommt mit seinen Plänen ans Ziel. Das Volk darf ihm getrost auf seinem Weg folgen.

Heiliger Gott                                                                                                                           Du machst Wege frei                                                                                                             die uns verschlossen sind                                                                                                   Du bringst durch Ängste und Nöte                                                                                           in denen wir allein untergehen würden                                                                                  Du führst in Gefahr und bringst doch durch alle Gefahr hindurch in das gelobte Land

Es sind nicht unsere Taten                                                                                                       nicht unser Mut                                                                                                                  unser Weitblick                                                                                                                      die uns solche Wege eröffnet                                                                                             Hinter Dir her geht der Weg zum Leben

Du hast es versprochen                                                                                                       Du hältst Dein Versprechen                                                                                                   Ich danke Dir für Deine Treue                                                                                                mit der Du zu Deinem Wort stehst. Amen