Heimlichkeiten im öffentlichen Haus

Josua 2, 1 – 24

 1 Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho.

 Dem großen Zuspruch folgt der Blickwechsel in den Alltag des Heer-Führers Josua. Er gibt Anweisungen an Kundschafter. Sie sollen sich ein Bild von dem Land und Stadt Jericho machen. Fast könnte man fromm sagen: Völlig überflüssig. Gott hat doch zugesagt, dass er das Land gibt. Ist es nicht regelrecht Unglaube, jetzt doch heimlich Kundschafter los zu schicken? Aber zum Ineinander von göttlicher Zusagen und menschlichen Empfangen gehört auch das vernünftige Handeln. Menschliches Handeln wird durch die Verheißungen Gottes nicht überflüssig.

 Heimlich sendet Josua die Kundschafter. Wohl nicht nur, um dem Feind die eigenen Absichten zu verbergen. Eher noch, um die eigenen Leute nicht zusätzlich zu ängstigen. Aller Verheißung zum Trotz – angstfrei geht das Volk diesen Weg der Landnahme nicht.

 Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. 2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von Israel hereingekommen, um das Land zu erkunden. 3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. 4 Aber die Frau verbarg die beiden Männer und sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. 5 Und als man die Stadttore zuschließen wollte, als es finster wurde, gingen sie hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen.

 Die Beiden gehen und kehren in das Haus einer Hure ein, die hieß Rahab. Einkehren hat auch einen sexuellen Beiklang, ohne dass das hier irgendwie vertieft wird. Wer häufiger Spione-Romane liest, weiß, dass solche Häuser gerne aufgesucht werden, sind sie doch Orte, an denen viele Informationen abzugreifen sind.

 Der König von Jericho – ein großer Titel für einen Stadtherren! – erfährt von den beiden, die so unauffällig wie „graue Herren“( M. Ende, Momo) also nicht sind. Er weiß um ihre Absicht. Vielleicht vermutet er sie auch nur. Aber Rahab verbirgt die beiden Israeliten und führt die Leute des Königs mit falschen Auskünften in die Irre.

 Es wird öfters davon erzählt in der Bibel, wie Verbergen Leben rettet und dem Gang der Geschichte dienen muss. „Als sie ( die Eltern des Mose) ihn aber nicht länger verbergen konnte, machte sie ein Kästlein von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils.“(2. Mose 2,3) Er wird vor aller Augen als „Treibgut auf dem Nil“ und dann am Hof des Pharao als Zögling der Pharaos-Tochter verborgen. Von Elia wird immer wieder erzählt, wie er dem Zugriff des Ahab verborgen wird – ein Beispiel: „Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.“ (1. Könige 17, 2-4) Und Jesus schließlich wird vor dem tödlichen Zugriff des Herodes in Ägypten verborgen. (Matthäus 2, 13-15)

 6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. 7 Die aber jagten den Männern nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als die draußen waren, die ihnen nachjagten. 8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg sie zu ihnen hinauf auf das Dach 9 und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. 10 Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. 11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. 12 So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, 13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

 Die Männer Jerichos jagen in die falsche Richtung nach den Kundschaftern. Die aber erfahren in ihrem Versteck nun, warum Rahab sie versteckt. Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat. Rahab stellt sich mit ihrem Handeln auf die Seite Gottes. Sie gibt Gott Recht. Sie hat den Durchblick durch die Situation und sieht in der festen Stadt Jericho schon, dass Widerstand sinnlos ist.

 Es liest sich auf der einen Seite wie eine Analyse der inneren Lage Jerichos. Die Kundschafter erfahren, dass die Mauern zwar hoch sind, aber die Menschen in den Mauern verzagt. Für einen Heerführer sind das möglicherweise kriegsentscheidende Informationen. Dem Schreiber aber noch wichtiger ist das andere, das Bekenntnis der Rahab: Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. Das ist der eigentliche Grund, warum Widerstand gegen Israel zwecklos ist. Gott ist auf seiner Seite. Hier ist nicht vom „Gottesschrecken“ ausdrücklich die Rede, aber in der Sache ist genau das gemeint. Der „Gottesschrecken“ erfasst die Stadt sozusagen schon vorlaufend. Die bloße Ankunft der Kundschafter reicht dafür.

 Es ist das Bekenntnis Israels im Mund der Hure aus Jericho. „So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner.“ (5.Mose 4,39) Und im Danielbuch kommt der persische König Darius zu dem folgenden Bekenntnis: „Das ist mein Befehl, dass man in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und sich vor ihm scheuen soll. Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende.“(Daniel 6,27) Was für eine weit gespannte Überzeugung: Das Bekenntnis Israels wandert weiter zu den Heiden.

 14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst. 15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hernieder; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. 16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass euch nicht begegnen, die euch nachjagen, und verbergt euch dort drei Tage, bis sie zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eure Straße. 17 Die Männer aber sprachen zu ihr: Wir wollen den Eid so einlösen, den du uns hast schwören lassen: 18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herniedergelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. 19 Und wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über ihn, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause sind, soll über uns kommen, wenn Hand an sie gelegt wird. 20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir des Eides los, den du uns hast schwören lassen.

 Es kommt – in diesem Haus des wechselhaften Lebens und Treibens – zu einem Treueschwur. Die Männer Josuas versprechen Rahab Barmherzigkeit und Treue. Wenn es zur Einnahme der Stadt kommt, soll sie und ihre Sippe verschont werden. Wer sich in dieses Haus birgt, soll geborgen sein. Nur eines braucht es: Dass Rahab dicht hält über alles, was in dieser Nacht geschehen ist, nichts verrät. Schweigt.

 Es ist ein ironisches Spiel in dieser Erzählung, um ein Haus voller Heimlichkeiten, voller Wünsche und Geschichten. Wo Männer sich enthüllen in ihren Begierden, Frauen sich enthüllen, oft mehr oder weniger freiwillig. Hier werden Geheimnisse verborgen und hier dürfen sich später Menschen bergen.

 21 Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster. 22 Sie aber gingen weg und kamen aufs Gebirge und blieben drei Tage dort, bis die zurückgekommen waren, die ihnen nachjagten. Denn sie hatten sie gesucht auf allen Straßen und doch nicht gefunden. 23 Da kehrten die beiden Männer um und gingen vom Gebirge herab und setzten über und kamen zu Josua, dem Sohn Nuns, und erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war, 24 und sprachen zu Josua: Der HERR hat uns das ganze Land in unsere Hände gegeben, und es sind auch alle Bewohner des Landes vor uns feige geworden.

 Rahab stimmt zu. Lässt sie gehen. Wie der Leser aus den Sätzen wenig vorher weiß: Sie lässt sie sich „abseilen“(2,15). Die rote Schnur wird zum Zeichen werden, zum Zeichen der Verschonung. Das mag auch eine Erinnerung sein an das rote Blut auf den Türbalken in der Passah-Nacht, Zeichen der Verschonung.

 Die Kundschafter kehren zurück zum Volk und berichten Josua, alles, was ihnen begegnet war. Sie lassen nichts aus. Für Josua ist die Episode um Rahab nur ein Detail. Aber er wird helfen, dass seine Leute ihr Wort halten können. Kriegswichtig ist das andere: Es sind auch alle Bewohner des Landes vor uns feige geworden. Die innere Widerstandskraft in Jericho entspricht nicht der Mauerhöhe der Stadt.

Herr                                                                                                                                        es lässt mich staunen                                                                                                          dass an diesem Ort Zuflucht zu finden ist                                                                               menschliche Zuverlässigkeit                                                                                                                Treue                                                                                                                                  Vertrauen findet sein Echo im Vertrauen                                                                    Menschlichkeit ihr Echo im Versprechen

So führt Gott mitten in der Zwielichtigkeit und braucht Menschen am Rand                     um sein Werk voran zu bringen

Herr                                                                                                                                       mache Du unsere Herzen weit                                                                                            dass wir das Staunen über Deine Wege zulassen                                                            und nicht in unserer Enge bleiben. Amen