Sei getrost und unverzagt

Josua 1, 1 – 18

 1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:

 Die Geschichte Gottes mit seinem Volk geht weiter. Sie endet nicht mit dem Tod des Mose. Da ist ja an seiner Seite, unter seiner Obhut längst einer herangewachsen, der das Volk jetzt führen soll. Josua, der Sohn Nuns, Moses Diener. Es sind nur kleine, aber feine Unterscheidungen. Mose ist der Knecht des HERRN, ebed jahwe, Josua der Diener Moses. Der Diener „empfängt die Dinge sozusagen aus zweiter Hand“(H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 14) Er wird in die Rolle des Knechtes hinein wachsen. Auch davon erzählt dieses Buch.

 2 Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. 3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. 4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. 5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.

 Mose ist nicht mehr. Aber das Volk ist noch nicht dort, wo Gott es hinführen will. Diesen Weg soll Josua jetzt mit dem Volk gehen, Schritt für Schritt. Er vollzieht einen Weg, den Gott will, nimmt ein Land ein, das ihm und dem Volk schon gegeben ist, hat es Gott doch Mose zugesagt. Mit den Worten Gottes ist das Land schon gegeben. Wenn wir mit dem Josua-Buch gerne von der „Landnahme“ reden, so ist das schief. Im Sinn des Buches müsste man von der „Landgabe“ sprechen. Israel nimmt ja nur, was Gott ihm gegeben hat. Was Gott ihm gibt, wird in seinen Grenzen abgesteckt. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. In diesen Grenzen soll Israel leben.

Es folgt so etwas wie eine Beistandsformel. So wie Gott mit Mose war, wird er mit Josua sein. Da ist kein Abstieg, keine Minderung der Zuwendung, der Nähe, der Hilfe. Hat Gott mit Mose wie mit einem Freund gesprochen, so wird er auch in unverbrüchlicher Treue mit Josua sein. Was sein Name sagt – Jahwe ist Retter – wird Josua erfahren.

 6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. 7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. 8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten. 9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

 Gleich dreimal in diesen kurzen Worten heißt es: Sei getrost und unverzagt. Das ist die Antwort, die der Beistandszusage Gottes entspricht. Das ist die Antwort, die Gott sucht. Eindringlich. Nachdrücklich. Und zugleich muss man wohl sagen: In dieser dreifachen Wiederholung zeigt sich die Größe der Aufgabe, die vor Josua steht. Da mag einem schon das Verzagen ankommen – mit Wüstenwanderern die festen Städte Kanaans einnehmen. Über den Jordan gehen. „Die Überschreitung des Jordan und natürlich auch die Besetzung des Landes sind große, ja, für das aus der Wüste kommende und diese Dinge ungewohnte Israel unlösbare Aufgaben. Das weiß jeder Leser dieser Verse.“ (H.W. Hertzberg, Die Bücher Josua, Richter, Ruth, ATD 9; Göttingen 1953, S. 14) Für diese Aufgabe wird Josua durch das mehrfache Sei getrost und unverzagt gestärkt.

 Was hilft zu diesem Getrostsein? Über die direkte Aufforderung hinaus? Halte dich in allen Dingen nach dem Gesetz. Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen. Merkwürdige Hilfe – würden wir heute wohl sagen. Ein Leben mit den Weisungen Gottes. Ein Leben nach den Weisungen Gottes. Innere Stabilität wird so gewonnen, dass ich mich an das Wort halte, in das Wort einübe, es mir verinnerliche.

 Für den Schreiber des Josua-Buches, der wohl aus dem Kreis derer kommt, die auch das 5. Buche Mose verfasst haben, die in der exegetischen Wissenschaft „Deuteronomisten“ genannt werden, wird hier eine Lebensbedingung Israels genannt. Das Leben nach dem Gesetz, nach den Weisungen Gottes wird von Gott geschützt, gesegnet.

 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                                 noch tritt auf den Weg der Sünder                                                                                     noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                                                                                   sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                                                         und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!                                                                    Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,                                                     der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,                                                                                 und seine Blätter verwelken nicht.                                                                                     Und was er macht, das gerät wohl.               Psalm 1, 1 – 3

 Wir Christen sind mit unserer Kritik an der gesetzlichen Frömmigkeit, die wir Israel unterstellt haben, wohl häufig am Ziel vorbei geschossen. Weit. Es geht im Achten auf die Tora um ein Leben, das sich im glaubenden Gehorsam von Gott leiten lässt. Das gilt unverändert auch für die, die auf die Gnade trauen.

 10 Da gebot Josua den Amtleuten des Volks und sprach: 11 Geht durch das Lager und gebietet dem Volk und sprecht: Schafft euch Vorrat; denn nach drei Tagen werdet ihr hier über den Jordan gehen, dass ihr hineinkommt und das Land einnehmt, das euch der HERR, euer Gott, geben wird.

 So angesprochen gibt Josua den Befehl an das Volk, sich auf den Aufbruch vorzubereiten. Es gilt das Land einzunehmen, das der Herr geben wird. Menschliches Nehmen und göttliches Geben werden hier ineinander gebunden. Ohne das Geben Gottes gäbe es kein Nehmen der Menschen. Aber es braucht auch das Nehmen der Menschen, damit Gott geben kann. Bei Jesus hört sich das so an: „Bittet, so wird euch gegeben, suchtet, so werdet ihr finden. Klopft an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)

 12 Und zu den Rubenitern, Gaditern und dem halben Stamm Manasse sprach Josua: 13 Denkt an das Wort, das euch Mose, der Knecht des HERRN, geboten hat: Der HERR, euer Gott, hat euch zur Ruhe gebracht und euch dies Land gegeben. 14 Eure Frauen und Kinder und euer Vieh lasst im Land bleiben, das euch Mose gegeben hat, diesseits des Jordans. Ihr aber sollt, so viele von euch streitbare Männer sind, vor euren Brüdern gerüstet hinüberziehen und ihnen helfen, 15 bis der HERR eure Brüder auch zur Ruhe bringt wie euch, dass auch sie einnehmen das Land, das ihnen der HERR, euer Gott, geben wird. Dann sollt ihr wieder zurückkehren in euer Land, das euch Mose, der Knecht des HERRN, zum Besitz gegeben hat diesseits des Jordans, gegen den Aufgang der Sonne.

 Die Stämme rüsten sich zum Aufbruch. Es ist zu ahnen, dass es nicht ohne Konflikte gehen wird. Darum werden Frauen und Kinder in sicherem Gebiet zurück gelassen. Die Männer aber werden „über den Jordan“ gehen. Darin schwingt bis heute etwas von der Gefahr mit, die mit diesen Schritten verbunden ist. Aber das Ziel ist nicht der Kampf, das Ziel ist die Ruhe. So hat es Mose ja schon gesagt: Der HERR, euer Gott, hat euch zur Ruhe gebracht und euch dies Land gegeben.

 Das ist die große Verheißung über Israel, durchgehalten in allen Unruhen der Königszeit, durchgehalten auch im Exil und mit der Rückkehr aus dem Exil. „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.“ (Hebräer 4,9-10) Da weitet sich dieses Wort von der Ruhe zum Ausblick in die Ewigkeit.

 16 Und sie antworteten Josua und sprachen: Alles, was du uns geboten hast, das wollen wir tun, und wo du uns hinsendest, da wollen wir hingehen. 17 Wie wir Mose gehorsam gewesen sind, so wollen wir auch dir gehorsam sein; nur, dass der HERR, dein Gott, mit dir sei, wie er mit Mose war! 18 Wer deinem Mund ungehorsam ist und nicht gehorcht deinen Worten in allem, was du uns gebietest, der soll sterben. Sei nur getrost und unverzagt!

 Die Beistandsformel Gottes sucht den Glauben und Gehorsam Josuas. Und der Glaube und Gehorsam Josuas findet sein Echo in der Antwort des Volkes. Alles, was du uns geboten hast, das wollen wir tun, und wo du uns hinsendest, da wollen wir hingehen. Am Ende des Buches wird es so ähnlich zu hören sein. Es ist der Gehorsam gegen Gott, der sich hier in der Gefolgsschaftsformel gegenüber dem Diener Gottes zeigt. In dem sichtbaren Mann Josua wird die Frage nach Vertrauen und Gehorsam gestellt und beantwortet.

 Man kann es leicht überlesen. Sei nur getrost und unverzagt! Aus der Aufforderung Gottes an den Diener Josua ist jetzt eine Aufforderung des Volkes an seinen Führer geworden. Das Wort Gottes wandert weiter als Menschenwort, als Mutmach-Wort aus Menschenmund.

Heiliger Gott                                                                                                                         wie oft hast Du das gesagt                                                                                                   einem Josua                                                                                                                      Deinem Volk Israel                                                                                                                uns                                                                                                                                          Sei getrost und unverzagt                                                                                                   Wie oft habe ich das schon gehört                                                                                      am Anfang eines neuen Weges                                                                                            am Anfang eines neuen Jahres

Ein Leben lang werde ich daran zu lernen haben                                                                   diesem Ruf Vertrauen zu schenken                                                                                         ihm zu folgen in den vielen Situationen                                                                                  in denen mir das Verzagen so nahe ist und mir um Trost bange ist

Ich danke Dir                                                                                                                      dass Du dieses Wort immer neu an uns richtest. Amen