Nicht mehr aus zweiter Hand

Johannes 4, 39 – 42

39 Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen, die bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.

 Der Blick wird auf die Leute aus Sychar gerichtet. Sie hatten die Frage gestellt bekommen, zu sehen, ob dieser Jesus nicht der Christus sei. Sie haben sich von dem Reden der Frau herausfordern lassen. Ob aus Neugier oder aus einer Suchbewegung, aus dem Warten auf den Messias heraus – das alles ist nicht Thema. Es mag ein winziger Hinweis sein, dass der Evangelist formuliert: sie bezeugte. Μαρτυρούσης steht da, das gleiche Wort, mit dem das Zeugnis des Täufers ausgedrückt wird. Die Frau hat nicht nur einfach etwas gesagt, sondern sie ist wie der Täufer ( 1,19; !,32) zur Zeugin Jesu geworden.

 Die unbenannte Frau, deren Namen wir nicht kennen und der Täufer – beide sind Vorbilder für die Christen. Das ist eine der Aufgaben, die Christen haben. Sie sollen Zeugen Jesu werden. Hinweisen auf ihn. Sagen, was sie mit ihm erfahren haben, was er ihnen gesagt hat. Sagen, was sie an ihm gesehen haben. Nicht aufdringlich, aber so, dass sie einladen, dass andere sich ihr Bild machen können.

 40 Als nun die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb zwei Tage da.

Die erste Folge dieses Redens ist eine Einladung an Jesus. Die Einladung zu bleiben. Und er lässt sich einladen. Es mag schrecklich fromm klinge: Aber wo Jesus eingeladen wird zu kommen und zu bleiben, da lässt er sich das nicht zweimal sagen. Es wird ja auch andernorts in den anderen Evangelien erzählt: Jesus lässt sich gerne zu Gast laden und bleibt. Und tritt in das Gespräch ein.

Darum ist es nicht nur eine nette religiöse Übung zu singen:

 Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.                          Georg Weissel 1642

 Und zu beten, immer wieder:

 Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast                                                                              und segne, was du uns bescheret hast. Amen

 Das Risiko solchen Singens und Betens ist: Er könnte kommen, auch heute. Vielleicht inkognito. Aber er könnte kommen.

 41 Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen 42 und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.

 Sein Dasein und Bleiben hat folgen. Sie glaubten um seines Wortes willen. Er schließt ihnen das Leben auf – hier steht wieder einmal λόγος. Die Logik der Welt, die Logik des Glaubens, die nicht von dieser Welt ist.

 Dieser Glaube, der da entsteht, ist Glaube aus erster Hand. Er macht es aber nicht überflüssig, dass zuvor die Frau geredet hat, „gelallt“ hat, könnte man auch sagen. Weil da für ihr Reden das griechische Wort λαλιά steht, das lautmalerisch genau unserem Lallen entspricht.

 Es ist ein spannendes Ineinander. Es braucht dieses Wort der Frau, ihr Zeugnis. Das ist unverzichtbar. Aber es ist nicht das End-Ziel, dass man dieses Zeugnis glaubt. Das Ziel des christlichen Zeugnisses ist nie Glauben aus zweiter Hand. Sondern es soll zu einem Glauben kommen, der sich an Jesus und sein Wort bindet. „Es entsteht also die eigentümliche Paradoxie, dass die unentbehrliche Verkündigung, die den Hörer zu Jesus führt, doch gleichgültig wird, indem der Hörer im glaubenden Wissen selbstständig und damit auch zum Kritiker an der Verkündigung wird, die ihn zum Glauben führte.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 149)

Das ist die Bewegung, die nicht nur in Sychar stattfindet, sondern immer wieder, ein Übergang vom gelernten zum eigenen Glauben, der sagt: Ich glaube… Aus dem Glauben, den mir andere vorgesprochen und – hoffentlich – auch vorgelebt haben, wird ein eigener, selbst verantworteter Glaube. Dabei geschieht aber etwas: Manche Sätze kann ich nicht mehr ohne weiteres mitsprechen. Manche übernommenen Sätze werden für mich frag-würdig. Manche Erfahrungen müssen neu durchdacht werden.                                    


 Das ist das Ziel: Wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland. Verkündigung, die nicht auf diese Selbstständigkeit der Hörerinnen und Hörer hofft, greift zu kurz. Wer als Prediger Menschen an sich binden will – und welcher Prediger ist von dieser Versuchung schon ganz frei? – steht ihrem Glauben im Weg. Wo es zu diesem Wir haben gehört und erkannt kommt, da ist große Freude. Da ist Freiheit. Es steht einer Kirche gut an, diese Freiheit des eigenen Glaubens nach Kräften zu fördern. Sie dabei selbst an Stärke und Strahlkraft gewinnen.

Und unermüdlich wiederholen Christen seitdem dieses Zeugnis der Leute aus Sychar: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland. Mehr haben wir auch heute nicht zu sagen. Aber weniger auch nicht. Der Retter der Welt: Jesus. An ihn zu glauben macht resistent gegenüber allen anderen Versuchen, uns Welt-Retter und Weltrettungs-Programme anzudienen. In dieser Ideologie-Skepsis zeigt sich etwas von der Freiheit des Glaubens.

Ich lebe nicht aus zweiter Hand mit meinem Glauben                                                          Ich habe gehört                                                                                                                       was andere mir vorgesprochen haben                                                                                 Ich habe gelernt                                                                                                                       was andere mir beigebracht haben                                                                                     Ich stehe in einer Kette                                                                                                            die das Evangelium bewahrt                                                                                                  tradiert und bis zu mir heute weitergetragen hat                                                                   Ich war nicht mit unterwegs                                                                                                  damals in Galiläa und Jerusalem

Und doch lebt mein Glaube nicht aus zweiter Hand                                                           Du hast mich berührt                                                                                                            mein Herr                                                                                                                         durch die Worte der Brüder und Schwestern                                                                         durch die Liebe                                                                                                                     durch ihre Geduld                                                                                                             durch ihr Handeln an mir                                                                                                   Dafür danke ich Dir                                                                                                              Du auferstandener und gegenwärtiger Gott. Amen