Leben aus der Fülle Gottes

Johannes 4, 27 – 38

 27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du?, oder: Was redest du mit ihr?

 Die Geschichte geht weiter. Die Jünger kommen aus der Stadt zurück und wundern sich. Ihr Wundern macht noch einmal das doppelt Ungewöhnliche, vielleicht auch Ungehörige im Verhalten Jesu sichtbar. Er redet mit einer fremden Frau, noch dazu einer Samaritanerin. Aber sie sprechen ihre Irritation nicht aus. Das hat Schule gemacht, bis heute: Wir sind es nicht gewöhnt, Jesus, Gott, mit unseren Irritationen zu kommen. Wir glauben allzu oft, dass er nur unsere Zustimmung sucht. Dabei sucht er doch uns!

28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

 Die Jünger kommen, die Frau geht. Sie ist so aufgewühlt von diesem Gespräch, dass sie ihren Krug stehen lässt. Dabei ist sie – nach den Erzählungen der Evangelien in guter Gesellschaft. Bartimäus wirft seinen Mantel weg (Markus 10,50), Petrus&Co lassen ihre Boote zurück (Lukas 5, 11), Levi verlässt sein Zollhaus (Markus 2, 14). Immer wieder führt die Begegnung mit Jesus dazu, dass Menschen ihre seitherigen Sicherheiten zurücklassen, preisgeben, weil sie erfüllt sind, neu ins Fragen gekommen, einen neuen Weg vor sich sehen.

 Es hört sich viel vorsichtiger an als bei Andreas. Der sagte: Wir haben den Messias gefunden: Bei ihr ist es verhaltener: Seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Fest steht ihr: Er hat mein Leben durchschaut, mich bis in den Grund meiner Seele. Ein Prophet – das hätte sie sofort unterschrieben. Sagt sie auch selbst. Aber der Christus? Da ist sie eine Fragende. Sie darf es auch sein.

 Ich höre keine Kritik des Evangelisten an ihrer so vorsichtigen Formulierung. „Ganz knapp meldet sie das Erlebte den Mitbewohnern der Stadt. Sie zwingt ihnen keine fertige Glaubenserkenntnis auf! Sie müssen selbst ihre Erfahrung mit Jesus machen“. (G.Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S.75 ) Diese feine Zurückhaltung wünschte ich mir heute häufiger bei missionarisch bewegten Christinnen und Christen. 31 Inzwischen mahnten ihn die Jünger und sprachen: Rabbi, iss! 32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisst. 33 Da sprachen die Jünger untereinander: Hat ihm jemand zu essen gebracht?

 Die Jünger sind handfeste Leute. Für eine Reise braucht es Stärkung. Offensichtlich ist Jesus ihnen nicht so in Überirdische entrückt, dass sie ihn nicht mahnen würden: Iss! Es wird ihnen gut tun, dem Rabbi so raten zu können. Aber er irritiert sie gewaltig. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ (Matthäus 4,4) Ganz nahe bei diesem Wort ist Jesus hier mit seiner Antwort. Dass die Jünger das nicht verstehen, ist nur zu verständlich.

34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.

Den Begriffs-Stutzigen hilft Jesus weiter. Er lebt für den Willen Gottes, mehr noch, vom Willen Gottes, vom Tun dieses Willens. Das ist kein fremder Willen, sondern der Willen des Vaters, mit dem der Sohn eins ist. Und so ist es, sagt Jesus, meine Speise. Davon, dafür lebt er. Das ist die Wahrheit Jesu, die weit über die Situation am Brunnen bei Sychar hinaus geht

 35 Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht auf die Felder, denn sie sind reif zur Ernte. 36 Wer erntet, empfängt schon seinen Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit sich miteinander freuen, der da sät und der da erntet. 37 Denn hier ist der Spruch wahr: Der eine sät, der andere erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wo ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und euch ist ihre Arbeit zugute gekommen.

 Obwohl es – erzählerisch – eine Anrede an die Jünger ist: Was jetzt folgt, sprengt die Situation und auch den Anlass. Ein neues Thema. Jetzt ist Erntezeit. Nicht erst in vier Monaten. „Wo Gottes Wort ergeht und Menschen ergreift, da ist schon Erntezeit.“(G.Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S.75) Oder anders gesagt: „Für den Dienst am Offenbarungsgeschehen gibt es immer nur entscheidende Gegenwart, sie gehört nie erst in ein Dann, sondern im immer ins Jetzt.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 145) Heute ist die Zeit Gottes!

Es ist lohnende Arbeit. Und eine Arbeit, die nicht von der Mühe, sondern von der Freude bestimmt ist. Säemann und Erntearbeiter – beide freuen sich miteinander. Sie haben Anteil an der Freude Gottes. Ganz nebenbei zeigt der Evangelist seinen Leuten in der Gemeinde einen Weg des Miteinanders. Ihr lebt, Jede und Jeder, alle, von der Arbeit des Anderen – und alle von der Arbeit Gottes. Es gibt keinen Grund, sich gegenseitig übertreffen zu wollen. Es ist, als hätte Johannes Paulus gelesen. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.“(1. Korinther 3, 6-8) Nicht nur gelesen, sondern auch noch gut gefunden. Weil er weiß: Manchmal braucht die Gemeinde diese Erinnerung.

Manchmal bekomme ich eine Ahnung von dem                                                                      Herr Jesus                                                                                                                            was Du sagst                                                                                                                            Ich vergesse mich selbst                                                                                                       Ich sorge nicht mehr um mich                                                                                                Ich bin ganz Ohr für das                                                                                                       was mir anvertraut wird in Worten und Taten.

Und gewinne so neue Kraft                                                                                             werde gestärkt                                                                                                                    ermutigt                                                                                                                                    Ich bin nicht bei mir                                                                                                              sondern bei ihm                                                                                                                    bei ihr                                                                                                                                   und erfahre doch                                                                                                                  Du stillst meinen Hunger und Durst                                                                                meine Sehnsucht. Amen