Ich bin es

Johannes 4, 15 – 26

 15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

 Das ist die tiefste Sehnsucht: Wasser, das den Durst für immer stillt. Den Lebensdurst. Die Frau spricht mir aus dem Herzen. Und es ist ja nicht oberflächlich: Ich möchte die Mühe des täglichen Brunnenganges los werden. Nein, sie möchte den tieferen Durst stillen können, für den der tägliche Gang zum Brunnen nur ein Bild ist. Wenn die Sehnsucht nach Leben, die Sehnsucht des Lebens, gestillt ist, muss man keine Angst mehr haben, ein Opfer seiner Sucht, seines so oft vergeblichen Suchens zu werden.

 16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! 17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. 18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

 Das ist keine Passage zur moralischen Bloßstellung der Frau. Es geht auch nicht um gescheiterte Beziehungen oder gar um Beziehungs-Unfähigkeit. Mit keiner Silbe wird angedeutet, welches Lebens-Drama sich hinter dieser Männerfolge verbergen mag. Wie viel Erniedrigung und Schmerz. Es geht vielmehr um die die Sehnsucht des Lebens. Bei der Suche, die Sehnsucht des eigenen Lebens zu stillen, spielt die Suche nach Beziehungen einen herausragende Rolle. Einen Menschen zu haben, dem man sich vertrauen kann. Mit dem man sich freuen kann. Bei dem man sich ausweinen kann. Dieser Durst bleibt ihr ungestillt. Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann.Mit leeren Händen und einem leeren Herzen steht sie da.

Ich kenne eine Deutung der fünf Männer auf die verschiedenen religiösen Angebote. Dann wäre im Bild der Beziehungssuche die Rede von der Suche nach der wahren Religion, die bei der Frau unerfüllt bleibt. Das ist für mich nicht unbedingt überzeugend, weil ich mehr daran glaube, dass es um die realen Lebensverhältnisse geht. Überall symbolische Rede zu vermuten wird dem Johannes-Evangelium meines Erachtens auch nicht gerecht.

 19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.

 So mit der eigenen Lebenswirklichkeit konfrontiert, wechselt die Gesprächspartnerin Jesu das Thema. Oder ist es in Wahrheit eine Anerkennung? Du bist ein Prophet. Einer, der den Weg Gottes weiß. Eine Autorität. Das ist ihr durch den Gesprächsgang unstreitig aufgegangen.

Darum ist es in ihren Augen sinnvoll, Jesus danach zu fragen , wo das Leben Grund und Halt findet. Sie, die in ihren Lebensvollzügen so ohne Erfüllung geblieben ist, sie fragt jetzt nach der Erfüllung der Sehnsucht nach Gott. Ist der Weg unserer Väter oder der Weg der Juden der richtige Weg. Unausgesprochen könnte die Frage auch heißen: Wohin soll ich denn gehen, ich mit meinem Suchen und Sehnen?

21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

 Jesus ist kein bequemer Gesprächspartner. Auch keiner, der Leuten nach dem Mund redet oder Luftbrücken baut. Er führt seine Gesprächspartnerin über den Gegensatz Samaritaner-Juden hinaus. Aber er lässt keinen Zweifel: Auch wenn Jerusalem nicht der eine Ort bleiben wird, an dem Gott zu suchen und zu finden ist. Das Heil kommt von den Juden. Jesus ist nicht irgendwo Menschen geworden. Er ist als Jude geboren. Fleisch geworden als Sohn einer jüdischen Mutter.

 Für mich gibt es keinen inhaltlich vernünftigen Grund, diesen V. 22 für eine spätere Glosse zu halten, einen Zusatz, der mehr verunklart als er klärt. Nein, der von oben her kommt, kommt in die Welt als Jude. Und weil es Gottes Weg seit altersher ist, durch dieses Volk hindurch das Heil der Welt zu suchen – was sonst sagt der Abrahams-Segen „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3), was sonst sagt das große Wort von der Völkerwallfahrt zum Zion „Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(Micha 4,2) – darum wird Jesus Jude, darum geht er seinen Weg in Israel, darum steht das Kreuz in Jerusalem.

 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Aber – dieses Wort signalisiert einen neuen Ansatz. Was folgt geht über das hinaus, was bisher gesagt ist. Es kommt eine neue Zeit. Es kommt ein neuer Ort der Anbetung. Nicht mehr der Tempel, hier oder dort. Sondern anbeten im Geist und in der Wahrheit. Die beiden Worte legen sich gegenseitig aus. Und sie wollen ausgelegt werden von dem Wort her, das im Evangelium später folgen wird: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (14,6) In Jesus wird die Wirklichkeit Gottes präsent, sichtbar. Wer ihm glaubt, an ihn glaubt, der wird in die Wahrheit Gottes gestellt und wird erkennen, dass Jesus ihm Gottes Wirklichkeit jetzt und hier offenbart.

Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten – das ist kein anti-liturgischer Satz, auch kein Satz gegen das Bekenntnis. Aber wir sind wohl als Kirche eine Weltzeit lang auf der Übungsspur. Wortlos beten. Über alle Worte hinaus. Im Schweigen. Aber genauso im jubelnden Lobgesang und mit vollen Chören. Im Vertrauen auf den Sohn. Und nicht zuletzt: Im Tun des Gerechten.

 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet.

 Irgendwie ist das alles schon zu viel für die Frau. Aber sie erinnert sich der Hoffnung, die im Volk ist, in ihrem und in dem der Juden. Es kommt einer, der alles klärt, diese Welt zurecht bringt und die Rätsel des Leben entschlüsselt. Der uns Gott zeigt.

 Und jetzt wird es ganz schlicht: Ich bin’s, der mit dir redet. Sie sieht einen jüdischen Mann. Vom Durst und den Strapazen der Reise gezeichnet. Einen, der aussieht wie viele andere. Einen ohne Heiligenschein. Und er fordert sie heraus, ihren Glauben, ihr Vertrauen. Der auf den du wartest, steht vor dir. Εγώ ειμι. Ich bin es.

 In den heiligen Schriften – auch der Samaritaner – wird es erzählt. Da brennt ein Dornbusch in der Wüste. Und aus dem Dornbusch eine Anrede an Mose. Und ein Name: ἐγώ εἰμιIch bin der Gott Deiner Väter.“ (2. Mose 3,6) Und nach dem Auszug, am Gottesberg – eine Stimme vom Berg, Gottes Stimme – und wieder eine Selbstvorstellung: ἐγώ εἰμι κύριος ὁ θεός σου.„Ich bin der Herr, dein Gott.( 2. Mose 20,2)

Und so sollen wir es wohl lesen und hören. Vor dieser Frau steht der Jude Jesus und in ihm – verkleidet, eingehüllt in die Menschengestalt, Fleisch geworden, der ewige Gott. Und gibt sich selbst zu erkennen mit diesen schlichten Worten: Ich bin es. Da ist nichts mehr zu erklären.

 Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still;
er betet an und er ermisst,
dass Gottes Lieb unendlich ist Christian Fürchtegott Gellert 1757

 Unser Verstehen und Begreifen wird an seine Grenzen geführt. Was bleibt, ist Staunen und Anbetung und – hoffentlich – Glauben.

Herr                                                                                                                                      öffne mir die Augen                                                                                                                dass ich Dich sehe                                                                                                                   in Dir den Vater                                                                                                                       den suchenden Gott                                                                                                              der uns liebevoll entgegen kommt

Öffne mir die Augen                                                                                                             dass ich Dich sehe                                                                                                      Mensch unter Menschen                                                                                                     einer wie wir                                                                                                                        und es glauben kann                                                                                                              Ich sehe den                                                                                                                           der vor aller Zeit war und in dem alle Zukunft geborgen ist                                                  und darf mich bergen in Dir. Amen