Wort aus der Wirklichkeit Gottes

Johannes 3, 31 – 36

 31 Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen 32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

 Der ganze Abschnitt könnte gut vor der Passage über den Täufer stehen. Aber er steht hier. Und wirkt so. als würde er sagen: Habt ihr dem Täufer nicht zugehört? Der Täufer und der, der von oben kommt – beide bezeugen ja das, was den engen Kreis der Erde sprengt. Sie reden nicht von der Erde. Sie haben eine Botschaft vom Himmel.

 Es ist bemerkenswert. Im Griechischen ist hier von der Erde die Rede – γη̃ς – und nicht von der Welt, dem Kosmos, κόσμος. Der Mensch ist von der Erde genommen und wird wieder zur Erde werden – so sagen wir es in der Liturgie bei Beerdigungen. Himmlisches wird von diesen so irdischen Menschen nicht erwartet. So unendlich nüchtern ist biblische Anthropologie: Da ist kein Gottes-Gen. Da ist nichts Göttliches am Menschen. Alles Erde.

 Darum können wir nur sagen, was sich uns aus der irdischen Existenz erschließt. „Die Menschheit ist gefangen auf der Erde – der blaue Äther ist ihre Kerkermauer. Gefesselt an die Erde, gebunden ist die Menschheit. Ihre Gedanken sind die Gedanken der Erde, sie ist die Trägerin der Gedanken der Erde. Und sie trägt sie mit sich, als wären es Girlanden, als wären es keine lastenden Erdenketten.“ (E. Stucken, Die weißen Götter, Berlin 1918, S. 5) Was der Romanschreiber sagt, liest sich wie eine klagende, resignierte Zustimmung zur Botschaft des Evangelisten.

 Dieser Beschränkung steht der eine gegenüber, der vom Himmel kommt. Augenzeuge,Sachverständiger für das, was wir nicht verstehen. Er bezeugt, was jenseits unseres Horizonts ist. Von diesem Zeugnis gilt: Sein Zeugnis nimmt niemand an. „Gerade das von jenseits kommende Wort wird von der Welt, die nur das liebt, was zu ihr gehört (15,19), der die Sprache des Offenbarers fremde Laute sind, abgewiesen.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 118) So vergeblich arbeitet der Gesandte Gottes. Und das leistet sich Gott: Den Sohn zu senden in eine Welt, die ihn nicht hört, weil sie ihm nicht gehören will, ihn zu senden in sein Eigentum, das sich ihm verweigert. Immer wieder betont das Johannes-Evangelium dieses Verschlossensein – von Anfang an (1,11). Aber es gibt Ausnahmen.

 33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.

 Aber es gibt die, die sein Zeugnis annehmen. Die, die Gott Recht geben. Die, die sich dem Urteil Gottes beugen und ihn damit als den bezeugen, der wahrhaftig ist, glaubwürdig, vertrauenswürdig. Es mögen wenige sein. Das scheint Johannes nicht zu kümmern. Nur, daran ist kein Zweifel: Dieses Annehmen ist Gnadengeschenk. Nichts, mit dem man sich brüsten könnte. Nur tiefe Dankbarkeit bleibt als Reaktion.

 34 Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.

Das ist das Zeugnis des Johannes von Jesus. Er redet Gottes Worte. Später wird Petrus – so erzählt das Johannes-Evangelium – sagen: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (6,68) Seine Worte kommen aus dem Hören auf den Vater, aus dem Gespräch mit dem Vater. Mehr noch: „In den Worten des gottgesandten Offenbarers redet Gott selbst.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 118) Jesus ist nicht nur einmal, bei der Taufe, vom Geist berührt. Auf ihm ruht der Geist. Ganz.

Noch einmal eine Unterscheidung, die man erst im Griechischen machen kann, die aber durchaus bemerkenswert ist. Im Anfang war das Wort – da steht λόγος, Logos. Ein bei den Griechen durch und durch philosophisch und religös besetztes Wort, das aber nicht den Charakter der Anrede hat, sondern das Vernünftige, Sinnhafte herausstellt. Hier dagegen wird das Wort ρη̃μα verwendet. Das bezeichnet vorrangig „das Wort als ausgesprochenen Willen“ (Theologisches Wörterbuch Bd. IV, Stuttgart 1942, S. 78). So wie es im Schöpfungsbericht heißt: „Und Gott sprach – und es geschah so.“ (1. Mose 1, 4ff) Von diesem Wort Gottes, ρη̃μα, heißt es: „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55,11) Die Worte des Gesandten, die Worte Jesu, sind keine folgenlosen Worte. Sie tun, was er sagt. Sie wirken.

35 Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. 36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Dann folgt hier eine erste Formel, die die Zusammengehörigkeit des Vaters mit dem Sohn, des Sohnes mit dem Vater so eindringlich vor Augen stellt. Das ist eines der Herzensanliegen des Evangelisten: Jesus und der Vater sind eins. Im Sohn ist der Vater da, präsent, in der Welt. Sie sind nicht nur nahe beieinander. Eins. Geeint durch die Liebe. Der Vater hat den Sohn lieb. Und es ist eine unauflösliche Liebe. Auch durch den Tod hindurch.

 Und wer an den Sohn glaubt, der gewinnt an dieser Liebe Anteil. Einer Liebe, die vor dem Zorn Gottes schützt, die das Leben eröffnet, das in Ewigkeit geborgen ist.

Herr Jesus                                                                                                                            von oben redest Du                                                                                                              aber nicht von oben herab                                                                                                Deine Worte wirken                                                                                                            schaffen neue Wirklichkeit

Du sagt uns Deine Liebe zu und wir sind geliebt                                                                     Du sagst uns Deine Gnade zu und wir können aus ihr leben                                              Du sagst uns Deine Treue zu und sie trägt uns

Du öffnest uns durch Dein Wort den engen Kreis unserer Erde                                          und die Ewigkeit Gottes ist uns offen                                                                                 Der Himmel erwartet uns                                                                                                        Du erwartest uns                                                                                                                 und niemand kann uns mehr den Weg verschließen. Amen