Die Freude des Freundes

Johannes 3, 22 – 30

 22 Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte. 23 Johannes aber taufte auch noch in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. 24 Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis geworfen. 25 Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung.

 Genug geredet? Ohne klaren Grund und Abschluss ist die Rede an Nikodemus zu Ende. Danach ein Ortswechsel. So schließt der Evangelist gerne neue Situationen an. Wo der Ort der Begegnung mit Nikodemus war, bleibt unklar. Jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern – wo kommen die so plötzlich wieder her? – in Judäa. Und dann, völlig einmalig: Er taufte. Später wird es richtig gestellt werden: – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -,(4,2) Es bleibt dennoch irritierend. Die anderen Evangelien wissen nichts von Taufen Jesu, auch nichts von einer Tauftätigkeit seiner Jünger vor Auferstehung und Himmelfahrt. Weiß das Johannes-Evangelium also mehr, Älteres als die anderen?

 Aus dem Nebeneinander der beiden „Täufer“ ergibt sich eine Konkurrenz-Situation. Historisch richtig mag daran sein, dass es eine Zeit gegeben haben kann, in der Jesus wie ein Johannes-Jünger wirkte. Dann löste er sich von dem Täufer. Auch seine Jünger waren – zum Teil – Johannes-Jünger, bevor sie ihm folgten. Auch da erzählen die anderen Evangelien anders. Bei ihnen ist der Täufer Johannes im Gefängnis, als Jesus sein Wirken beginnt. Mir will es scheinen, als sei das Johannes-Evangelium nicht sonderlich daran interessiert, der Erzähl-Reihenfolge der anderen Evangelien getreulich nach zu eilen. Es folgt seiner eigenen Historie.

 Es ist wie eine Erinnerung an die Jerusalemer Kommission, die Johannes befragt hatte. Es kommt zu einer Debatte der Johannes-Jünger mit einem Juden über die Reinigung. Die ganze „Tauferei“ macht Unruhe. Nicht nur bei den Behörden in Jerusalem. Auch bei denen, die aktiv verwickelt sind. Was gilt denn nun?

 26 Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm.

 Darum kommen die Johannes-Jünger zu ihrem Meister. Sie registrieren den Zulauf Jesu. Jedermann kommt zu ihm. Meldet sich hier Eifersucht auf den Erfolg Jesu zu Wort? Müssten sie sich nicht freuen – sie haben doch das Zeugnis des Täufers noch im Ohr: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“(1,29) Vielleicht aber ist es auch schlicht menschlich, dass das Verstehen dieses Zeugnis noch nicht in ihre Herzen vorgedrungen ist. Wir erinnern uns: Von neuem, von oben geboren werden, ist die Voraussetzung um zu sehen. Diese Geburt steht wohl auch für die Johannes-Jünger noch aus.

 27 Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. 28 Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. 29 Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. 30 Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.

 Der Täufer aber sieht mehr als seine Jünger. Er glaubt in dem „neuen Stern“ den Himmel selbst am Werk. Darum erinnert er seine Jünger: Ich bin doch nicht der Christus. Und ich habe nie so getan, als wäre ich es oder würde es werden wollen. Das kann man ja auch nicht werden wollen. Überaus menschlich redet der Täufer. Ihr verwechselt den Bräutigam und seinen Freund. Es gibt doch für den Freund keine größere Freude als zu sehen, wie er die Braut gewinnt. Und dann der Satz, der das Täufer-Kapitel endgültig für beendet erklärt: Diese meine Freude ist nun erfüllt.

 Wieder weiß Johannes mehr als die anderen Evangelisten. Die führen in ihrer Täufer-Erzählung zu der Frage: Bist du, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Lukas 7,20)Und es folgt das Wort Jesu: „Geht und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ (Lukas 7,22-23)

Hier ist bei dem Täufer kein Fragen, kein Zweifeln. Hier ist nur die Gewissheit: Der Bräutigam ist da. Und damit auch das Wissen: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Meine Zeit ist vorbei. Sätze voller Freude! Diese Freude nehme ich dem Täufer ab. Erst recht, wenn ich sein Bild vor Augen habe, wie es Matthias Grünewald mit dem Isenheimer Altar gemalt hat.

 Für mich gehört das zum Großartigsten, was im Neuen Testament von Menschen erzählt wird, wie Johannes seine Rolle annimmt. „Nur“ eine Stimme, „nur“ der Freund, „nur“ der Zeuge. Ich lese das alles auch als eine Anweisung an die Christen, an die Leserinnen und Leser des Johannes-Evangeliums. Die eigene Rolle anzunehmen. Es zu wissen, dass wir nichts zu tun brauchen als hinzuweisen auf das Heil, auf den Heiland, auf den Bräutigam. Mit unseren Worten und unseren Taten.

Jesus                                                                                                                                       Du hast es gesagt                                                                                                        Johannes ist groß unter den Menschen                                                                               Einer                                                                                                                                         der auf Dich hinweist                                                                                                                 der Deine Herrlichkeit sieht                                                                                                    Dir den Weg bahnt                                                                                                                Das ist seine Größe

Und das ist groß                                                                                                                      dass er seinen Platz kennt                                                                                                 Vorläufer und Freund                                                                                                               seine Grenze                                                                                                                      Und in beidem sich freuen kann

Gib mir                                                                                                                               dass ich nichts Anderes suche für mein Leben                                                               Hinweisen auf Dich                                                                                                              Dir den Weg bahnen                                                                                                               Dir das Herz öffnen                                                                                                         Deine Herrlichkeit schauen

Schenke Du mir                                                                                                                 uns                                                                                                                                            diese innere Freiheit                                                                                                             dass Du unsere Freude bist. Amen

 

Ein Gedanke zu „Die Freude des Freundes“

  1. Lieber Herr Lenz, dass haben Sie wunderbar ausgelegt, wie immer bei Ihnen.
    Besonders wichtig ist es für mich, dass Sie auch auf die unterschiedliche Berichterstattung in Bezug auf die anderen Evangelien hingewiesen haben, was uns auch Raum läßt,: es gibt eben verschiedene Auffassungs- und Verstehensweisen, selbst auch bei gleichem Miterleben., und nicht nur ein für alle dogmatisches und verbindliches Verstehen und Glauben- müssen. Ihr Hinweis, dass Johannes für uns als Vorbild sehr wichtig ist, dass auch wir nichts können oder brauchen, als auf auf den hinzuweisen, der unser aller Heil ist, leuchtet mir sehr ein. Danke.
    Das ist wohl auch mit den Versen bei Lukas gemeint, wenn Jesus sagt, dass es unter den Sterblichen keinen größeren gibt als Johannes. Was aber der Nachsatz bedeutet: und der, der der Kleinste ist im Reich Gottes, ist größer als er, war mir immer ein Rätsel. Mit freundlichen Grüßen Wiebke Alewell

Kommentare sind geschlossen.