Gott liebt diese Welt

Johannes 3, 14 – 21

 Aus dem Gespräch ist eine Rede Jesu geworden. Ein Monolog. Nikodemus ist längst im Dunkel der Nacht verschwunden. „Von V. 12 an redet nur noch der göttliche Lehrer. Von einem Dialog findet sich auch nicht mehr die geringste Spur!“(S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 53) Das ist aber auch sachgemäß. Ein Dialog beruht darauf, dass die beiden Partner in Augenhöhe miteinander reden. Hier aber spricht der Eine von himmlischen Dingen, die dem Anderen von seiner und ihrer Natur her völlig verschlossen sind. Diese himmlische Wirklichkeit erschließt sich nicht in Frage und Antwort. Sie wird nur im Wort dessen erschlossen, der aus dem Himmel ist.

 14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

 Das Bild von der erhöhten Schlange gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Es hing in unserer einklassigen Volksschule an der Wand. Und es erschloss sich durch das gegenüber hängende Bild von Golgatha. Hier wie dort ging es um den Blick auf das Unheil, auf das Böse, auf die Sünde. „Der Aufblick zur Schlange rettete aus dem Gottesgericht, das man sich durch die Versündigung selbst zugezogen hatte.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S.62) Im Aufsehen und sich diesem Urteil stellen, geschieht Freispruch. Ich vermag kaum zu ermessen, wie tief sich dieses Bild meiner Seele und meinem theologischen Denken eingeprägt hat.

 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

 Es kommt der Satz, von dem schon gesagt worden ist, dass er das Evangelium in einen einzigen Satz zusammen fasst. Die Summe des Evangeliums. Mehr zu wissen sei nicht nötig. So sehr hat Gott die Welt geliebt…. So weit geht Gott in seiner Liebe. Was mir wichtig ist. Diese Liebe ist Tat, Geschehen, Ereignis. Anders als durch diese Liebe ist die Welt ja auch nicht zu retten. 

 „Gott liebt diese Welt“ – in der Lampedusa und Syrien Wirklichkeiten sind, der immer währende Konflikt um Jerusalem, in der es Menschen wie Nelson Mandela gibt, aber auch solche wie Adolf Hitler und Josef Stalin und Idi Amin. Menschen, die ihre Hände in Unschuld waschen, weil sie nie etwas gehört und gesehen haben, sich immer raus gehalten haben. Aber auch solche, an deren Händen Blut klebt, die durch den tiefsten Dreck gegangen sind. Und solche, die Erbarmen geübt haben, sich eingemischt haben, Mitmenschlichkeit praktiziert. Diese Welt, der κόσμος, in dem das Unrecht zum Himmel schreit, die Güter so ungleich verteilt sind, die Einen im schamlosen Überfluss innerlich veröden und die Anderen im unfassbaren Mangel ausdorren.

 Diese Liebe gilt allen. Aber sie findet ihr Echo nur in denen, die an ihn glauben. Und in diesem Echo wird sie zur Lebenswirklichkeit, zum neuen Fundament. In diesem Echo wird sie zur Eröffnung der Zukunft über die Welt hinaus. Der enge Kreis des Kosmos wird gesprengt in die Ewigkeit Gottes – durch die Liebe, die in Jesus erschienen ist.

Es ist das „Missgeschick“ unserer Sprache und Welterfahrung, dass wir nur in den Kategorien von Raum und Zeit zu denken und zu reden vermögen. Deshalb reden wir von der Ewigkeit Gottes auch in diesen Bildern – als dem Ort im Himmel und als dem Weg durch die Zeit dorthin. Aber vielleicht ist das ja auch die einzig angemessene Weise von dem zu reden, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat (1. Korinther 2,9), was uns aber die Sehnsucht des Herzens abgewinnt.

 Wer glaubt, muss sich nicht mehr fürchten. Er darf auch dem Offenbarwerden vor dem Richterstuhl Gottes (wieder so ein Bild, für das wir keinen Ersatz haben!) getrost entgegen sehen. Denn er begegnet dort ja dem, der ihm die Liebe Gottes hier leibhaftig, wahrhaftig zugesichert hat, zugelebt in der eigenen Hingabe, bis ans Kreuz. Das Kreuz steckt in diesem winzigen Wort gab, έδοκεν, eng verwandt mit dem Wort dahingegeben, παρέδοκεν(Römer 1,24 + Römer 4,25!) das Paulus doppelt gebraucht: Um unser Unterworfensein unter die Sünde und ihre Folgen zu beschreiben und um die Hingabe des Sohnes Gottes zu unserer Erlösung zu beschreiben. Wer an diesen Sohn glaubt, ihm seine Erlösung, seine Liebe glaubt, der muss das Gericht nicht mehr fürchten.

 19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

 Für einen Augenblick bleibt Johannes bei dem anderen, bei der Frage, die so quälen kann. Was ist mit denen, die nicht glauben? Sie sind verblendet, blind für das Licht, verliebt in die Wirklichkeit, wie sie sie sehen. Wir tun gut daran, hier alle moralischen Kategorien auszuschalten. Es geht nicht um Moral. Es geht um eine verfehlte Existenz in der Weise, dass der Grund des Lebens, die Liebe Gottes in Jesus Christus, nicht erfasst wird. Mit unserem Denken in solchen Formeln wie der vom „gelingendem Leben“ hat das aber auch nicht das Geringste zu tun.

 Existenzverfehlung, weil wir uns Gott schuldig bleiben, uns Gott vorenthalten. Dabei sind wir doch sein Eigentum, wir und die Welt (1, 11). diese Existenzverfehlung ist nicht anders zu überwinden als durch das Wunder von oben, άνωθεν, durch die Wiedergeburt. Unsere menschliche Möglichkeit ist es nicht – weder bei den Ungläubigen noch bei den Gläubigen.

 21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

 Wo aber dieses Wunder geschieht, da hinterlässt es Spuren. Alltagsspuren. Im Tun der Wahrheit, im Tun dessen, was tragfähig ist, lebensdienlich, aus der Liebe geboren. Hier muss man wohl mehr hören wie ein Hebräer, dem die Wahrheit keine theoretische Richtigkeit ist, sondern eine Lebensgrundlage, der man sich vertrauen kann.

 Herr Jesus                                                                                                                              so weit geht Deine Liebe                                                                                                        die Liebe des Vater zu uns                                                                                                   zu dieser Welt                                                                                                                   dass Du den Himmel räumst und einer wirst unter uns                                                      dass Du Dein Leben gibst                                                                                                        damit wir glauben und leben

Unser Vertrauen suchst Du                                                                                                 nicht unsere Unterwerfung                                                                                                   Unsere Liebe suchst Du                                                                                                           nicht unser Nachgeben oder Aufgeben

Uns selbst suchst Du                                                                                                         damit wir Dir nicht verloren gehen auf unseren eigensinnigen Wegen                                   Danke                                                                                                                                   dass Du uns so suchst und liebst. Amen