Von oben

Johannes 3, 1 – 13

 1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

 Aus den vielen tritt jetzt einer ins Licht. Nikodemus, ein Pharisäer, Angehöriger des Synhedrium. Er ist auf Jesus aufmerksam geworden – durch die Zeichen (2,23)? Jedenfalls will er mehr wissen und sucht Jesus auf. Die Nacht ist Zeit für das Studium der Schrift. „Wer sich in der Nacht mit der Tora beschäftigt, über den zieht Gott den Faden der Huld bei Tage.“ (Strack-Billerbeck II; S. 420) Nicht die Furcht, der Wunsch nach Klarheit lässt Nikodemus bei Nacht zu Jesus kommen.

Ein Lehrer ist Jesus für Nikodemus. Und es liegt Anerkennung, ja Ehrfurcht in seinen Worten. Er ist weit entfernt von denen, die sagen „Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.“(Markus 3,22) Für ihn steht Jesus auf der Seite Gottes, Gott an der Seite Jesu.

 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Mit seiner Antwort geht Jesus nicht wirklich auf diese Worte ein. Er sucht nicht die Anerkennung des Nikodemus. Er will ihm den Weg weisen. Es ist, als würde er auf die Frage antworten, die ein anderer Oberster nach einem anderen Evangelium Jesus gestellt hat: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Lukas 18,18) Aber wir wissen nicht, ob Nikodemus so gefragt hat.

 Es braucht nicht weniger als eine neue Geburt, eine Neuschöpfung, um das Reich Gottes zu erlangen. Nicht Besserung, Steigerung, Vervollkommnung. Alles, was wir ethisch einsetzen könnten, reicht nicht. Eine neue Geburt.Άνωθεν,von oben, von neuem. Aus einem Handeln Gottes heraus.

 „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.  Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hesekiel 36,26-27) Ein neues Herz hatte Gott verheißen. Eine neue Geburt nennt Jesus als den Weg in das Reich Gottes. Nur hier im ganzen Evangelium ist vom Reich Gottes die Rede. Der Weg dorthin ist ganz Gabe Gottes an den Menschen, nicht menschliche Möglichkeit.

 Das ist auch schroffe Grenzziehung gegen alle Versuche, das Reich Gottes als den Zielpunkt der Entwicklung der Menschheit zu begreifen. Als Reich, das wir Menschen aufrichten könnten. Wann immer Menschen das versucht haben, ist es in Strömen von Blut geendet. Ob als Gottesstaat, als Priesterherrschaft, als tausend-jähriges Reich, als Arbeiter- und Bauernparadies oder als God’s own country. Wir übernehmen uns, wenn wir es nicht empfangen wie ein Kind. (Lukas 18,18)

 Es ist kein Wunder, dass Nikodemus nicht versteht. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Wie soll das zugehen?Ist der Zug nicht abgefahren für einen wie Nikodemus? Keiner kann doch zurück in den Mutterschoß. Mitten im Missverständnis hat Nikodemus auch richtig verstanden. Was hier gefordert ist, ist nicht meine Möglichkeit. „In der menschlichen Sphäre kann es so etwas wie Wiedergeburt nicht geben. Denn Wiedergeburt bedeutet nicht einfach so etwas wie eine Besserung des Menschen, sondern bedeutet dieses, dass ein Mensch einen neuen Ursprung erhält.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 97) Das ist harte Grenze für das Wollen und zugleich Befreiung vom Sollen.

Wie kann es zu einem neuen Anfang kommen? Nach dem Scheitern an der ehelichen Treue, nach langem Alkoholmissbrauch, nach der Verstrickung in Lügengeschichten ohne Ende. Nach der Abwendung von Glauben und Kirche. Nach Missbrauch und Schändung, nach Bloßstellung und tiefster Kränkung. Eine Frage, die mich oft quält und bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Frage steckt ja in der Frage des Nikodemus: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Ich weiß es nicht.

 Ich weiß nur, dass ich das Wunder neuer Anfänge miterlebt habe. Ich habe sie nie verstanden, nie erklären können. Meine einzige „Erklärung”: Gott hat Rückenwind geschickt. Gott hat in menschliches Kämpfen hinein seinen Rückenwind gegeben. Der führt nicht unbedingt in das kirchliche Biotop. Aber er führt zu Lebensschritten, ins Leben, in das Reich seiner Gegenwart. Diese Erfahrung lässt mich hoffen, auch da, wo nichts zu hoffen ist.

 5 Jesus antwortete: Wahrlich,wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

 Jesus wiederholt – und erklärt in seiner Wiederholung doch auch weiter. Es geht nicht um eine Wiederholung der natürlichen Geburt. Keine Rückkehr in den Mutterschoß. Geboren werden aus Wasser und Geist, das ist der Weg in das Reich Gottes. Unsere Natur ist nicht reichs-fähig. πνευ̃μα, die Geistkraft Gottes muss am Werk sein. Pfingsten muss geschehen. Die neue Geburt ist ganz und gar Geschenk, ohne alles Zutun des Menschen.

 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

 Jetzt greift Jesus zum Bild, um Nikodemus eine Brücke zu bauen. Aber es ist ein Bild, das mehr verhüllt als erklärt. Wie die Herkunft des Windes verborgen ist, wie sein Ziel verborgen ist, so ist es auch mit dem Geist. Er weht, wo er will. „Das wunderbare Wirken des Geistes ist an keine berechenbare Regel gebunden, aber es erweist sich in seiner Wirkung.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 101) Die Wirkung des Geistes Gottes liegt in seiner Freiheit, ist sein Geheimnis.

 Die Folgerung liegt auf der Hand: „Christen tragen das Geheimnis ihrer neuen Geburt mit sich herum. Sind sie auch immer noch die „fleischlichen“, also die Erdmenschen, so sind sie doch zugleich schon so, wie Gott sie sieht – und wie er uns sieht, so sind wir.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S.61) Hier wird etwas deutlich von dem, dass wir als Christen nie so richtig „selbstbewusst“ sein können. Wir leben aus einer Wurzel, einem Geschehen, einem Sein, das uns doch auch noch verborgen ist. Ein wenig Demut im Auftreten ist deshalb immer angesagt.

Sieh nicht mehr an, was du auch seist.                                                                                    Du bist dir schon entnommen.                                                                                                  Nichts fehlt dir jetzt, als dass du weißt:                                                                                    Gott selber ist gekommen!                                                                                                       Und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft,                                                                                         ein Fürst, der ewgen Frieden schafft.                                                                                       Dem Anblick deiner Sünden                                                                                                     will er dich selbst entwinden.                               Jochen Klepper 1937

 9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht?

 Nikodemus hängt immer noch an der Frage nach dem Wie fest. Er kommt über ihr nicht dazu, weiter zu fragen. Nach ihm, der vor ihm steht, mit dem er redet. Und Jesus lässt ihn hängen. „Wenn schon Du das nicht weißt.“ So lese ich diesen Satz. Aber es ist ja nur logisch, nach allem, was Jesus schon zuvor gesagt hat und was er nachfolgend noch sagen wird. Nikodemus kann nur innerhalb der Grenzen der Vernunft denken und reden. Das aber, wovon das Reich Gottes handelt, übersteigt unser Verstehen und Begreifen (Philipper 4,7).

 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? 13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.

 Das ist der Unterschied: Jesus redet von den Angelegenheiten des Himmels, von der himmlischen Wirklichkeit, von der welt-übersteigenden Wirklichkeit Gottes. Wohl ist wahr: „Die Wiedergeburt als der heilsnotwendige Existenzwandel, als die Vorbedingung für das Sehen der Gottesherrschaft, gehört doch nur zu den irdischen Dingen.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 58) Sie geschieht an Menschen dieser Erde. Aber schon sie versteht Nikodemus nicht. Wie soll dann einer wie er, der in der Welt gefangen ist, das verstehen können, was Jesus über den Himmel sagt?

 Ich mag den Spruch:

Im Kreis gehen die Menschen im Käfig ihres Planeten weil sie vergessen haben dass man zum Himmel aufblicken kann               Eugene Ionesco

 Aber das Problematische daran ist, dass er so klingt, als wäre der Aufblick in den Himmel, der Durchblick in die himmlische Wirklichkeit doch irgendwie unsere eigene Möglichkeit. Nein, sagt Jesus, ihr wisst nicht, wovon ihr redet, wenn ihr vom Himmel redet.

 Was mir auffällt, ist der Wechsel zwischen wir und ich. Dieser Satz: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. hört sich an wie ein Satz der Gemeinde des Johannes, der Christen oder der Jünger Jesu gegenüber denen, mit denen sie im Gespräch sind. Er beschreibt genau die Situation, die Christen nur zu gut kennen, bis heute. Sie sagen, was sie glauben und der andere versteht nichts. Er hört die Worte, aber er schenkt ihnen keinen Glauben. Das Zeugnis geht ins Leere. Das christliche Zeugnis ist keine niemals endende Erfolgsgeschichte. Es ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Das hören wir in den „Volkskirchen“ nicht so gerne. Aber es ist die Wirklichkeit.

 Aus anderen Schriften des Neuen Testamentes wissen wir, dass es mancherlei Erzählungen von Entrückungen und Himmelsreisen gegeben hat. Auch im Umfeld der christlichen Gemeinden. (vgl. 2. Korinther 12, 2 – 4) Diesem Reden wird hier ein Riegel vorgeschoben. Damit auch einem Denken, dass jeden, der den Rahmen des Normalen sprengt, zu einem Himmelswesen zu machen neigt, ihn zu vergotten in Gefahr steht: „Als aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf Lykaonisch: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen. Und sie nannten Barnabas Zeus und Paulus Hermes, weil er das Wort führte.“ (Apostelgeschichte 14, 11-12)

Uns mag das fremd sein. Wir haben nur noch Fußballgötter und den Wettergott. Dem Denken zur Zeit des Johannes waren Vergottungsgedanken nicht fremd. In der Gnosis ahnte man in jedem Menschen einen göttlichen Seelenfunken, vom Himmel gekommen und von der Sehnsucht nach dem Himmel beseelt.

 Dem gegenüber stellt Jesus in der Sprache des Johannes-Evangeliums fest: Es ist nur einer, der in den Himmel aufgefahren ist. Der auch aus dem Himmel gekommen ist. Der Satz bindet Prä-Existenz und Himmelfahrt Jesu zusammen. Und weiß: Damit gegenüber dem Unglauben zu argumentieren ist müßig. Er wird es nicht begreifen. Der Glaube aber wird erkennen, wie groß der Herr ist, dem er sich vertraut.

Herr Jesus                                                                                                                              es geht mir wie Nikodemus                                                                                                    ich höre und verstehe nicht                                                                                                     ich sehe auf Dich und sehe doch nicht wirklich                                                                      wer Du bist                                                                                                                               mit wem ich es zu tun habe                                                                                                     Du kommst vom Himmel                                                                                                      aber das sehe ich ja nicht                                                                                                       In Dir steht Gott vor mir                                                                                                        aber meine Augen sehen nur den Mann aus Nazareth

Es braucht andere Augen                                                                                                       andere Sinne                                                                                                                         ein neues Herz                                                                                                                       eine neue Geburt – von oben –                                                                                            damit sich mir Deine Wirklichkeit ein wenig mehr erschließt.

Gib mir erleuchtete Augen                                                                                                   die Dich schauen. Amen