Welche Freiheit!

Johannes 1, 19 – 28

 19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du?

 Der Täufer Johannes hat im Jordantal Zulauf aus allen Bevölkerungsschichten. Er tauft und predigt. Was am Jordan geschieht, bleibt der Aufmerksamkeit der Religionsbehörde in Jerusalem nicht verborgen. Eine Über-Prüfung wird gestartet. Diese Kommission wird in den Kommentaren leicht negativ registriert. Beispiel: „Die Juden werden werden als obrigkeitliche Behörde vorgestellt, die eine Gesandtschaft von Priestern und Leviten zum Zweck der Inquisition dirigiert.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 36) Aber solche Zeichnungen sagen mehr über das Verhältnis der Exegeten zu Behörden aus als über das, was im Text steht.

 Ich denke, die Jerusalemer, die Juden haben das Recht dazu, ja sogar die Pflicht zu fragen. Was ist da los? Was oder wer steckt hinter Johannes? Welchen Anspruch hat er – an sich selbst und damit auch an uns? Der Erfolg, der Zulauf zu Johannes ist doch noch kein Qualitätsmerkmal in sich, kein Letzt-gültiger Wahrheitsbeweis, auch keine theologisch-geistliche Rechtfertigung. Man kann nicht einfach sagen: Weil alle es toll finden, muss es auch toll sein. Darum kommt eine Kommission, mit Fachleuten zum Thema Taufe/Reinigung, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Wort „martyria“, μαρτυρία im griechischen Text, weist auf den offiziellen Charakter der Gesandtschaft hin. Es ist ein Wort aus der Rechtssprache. Es geht um Zeugnis vor Gericht. das auch vor Gericht Bestand hat. Zeugnis ist nie nur: „ich denke mal“; „Meine Meinung ist….“

 20 Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus.

 Auch bekennen und nicht leugnen sind Worte, die der Gerichtssprache entlehnt sind, und nicht zuvörderst religiöse Vokabeln. Daran erinnern bis heute die schrecklichen „Bekennerschreiben von Terroristen“. Durch sie werden Taten aktenkundig gemacht.

 Johannes stellt sich der Befragung und gibt es, freimütig, zu den Akten: Ich bin nicht der Christus. Also kein Messias, kein Führungsanspruch politisch-religiöser Art. Nicht der Heilsbringer. Könnten die Mitglieder der Fachkommission da nicht beruhigt sein? „Kein Grund zur Aufregung“ nach Jerusalem melden?

21 Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin’s nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. 22 Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann?, dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst?

Sie fragen weiter. Wohl doch, weil sie spüren, dass da nicht einfach nur Zulauf ist. Es steckt mehr hinter Johannes als ein bisschen Aufregung des Volkes. Aber was? Um das zu erfahren, fragen sie. Nicht: Was machst Du? Sondern: Wer bist du? Um zu verstehen, ob Johannes tun darf, was er tut, müsste man wissen, wer er ist. Das ist ja immer so. Um jemand zu verstehen, muss man fragen, wer er ist und nicht nur, was er tut.

 Dabei sind die Angebote der Kommission hoch gegriffen! Sie ahnen: Hier ist nicht nur ein wild gewordener Asket am Werk. Wenn du nicht der Christus bist, bist Du der Elia, oder der Prophet? Oder was sonst? Bei den Synoptikern begegnet eine ähnliche Reihe, wenn Jesus seine Jünger fragt: Wer sagen die Leute, dass ich sei? Da werden als Antworten aufgezählt: Johannes der Täufer – Elia – der Prophet. Diese Frage-Reihe der Kommission zeigt etwas von der Wertschätzung, die Johannes  in der Sicht des Volkes gefunden hat.

 23 Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3).

Umso ernüchternder seine Antworten: Das alles bin ich nicht. Das alles greift viel zu hoch. Nur eine Stimme eines Predigers in der Wüste. Nur ein Wegbereiter. Später wird Johannes sagen: Nur der Freund des Bräutigams (3, 29) Und: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ (3, 30) Dass er sein Wirken so in die Wüste verlegt, an den Rand, das mag erst einmal Erinnerung sein, an den Propheten Jesaja. Er hat ja das Kommen Gottes, die Wende aus dem Elend so angekündigt: „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!….. denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden.“(Jesaja 40,3+5) So wird sein Tauf-Ort auch ein Zeichen sein. „Es ist so weit – zwischen Gott und der Welt kommt es zur heilsamen Wende.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 41)

 24 Und sie waren von den Pharisäern abgesandt 25 und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet? 26 Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. 27 Der wird nach mir kommen, und ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse. 28 Dies geschah in Betanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte.

 Es könnte eine zweite Gesandtschaft, sein, die der offiziellen Gesandtschaft folgt. Oder sie gehört sie zur ersten der Priester und Leviten irgendwie dazu. Das macht der Text nicht klar. Eine Gruppe der Pharisäer – sozusagen der interessierten Laien. Das Recht nach zu fragen ist nicht nur das Recht der Religionsbehörden! Auch der interessierte Laie darf nachfragen und sich ein eigenes Urteil bilden.

Die Frage entsteht wohl durch den Unterschied der Johannes-Taufe zu den Tauf-Bädern in Qumran. Die werden häufig wiederholt, während die Johannes-Taufe einmalig ist. Ist sie damit nicht doch ein Hinweis auf eine größere Bedeutung? Johannes bleibt dabei: Ich bin nur Vorspiel. Meine Taufe ist nur eine mit Wasser. Es wird um mehr gehen als um eine eindrucksvolle, symbolträchtige Wasser-Zermonie.

 Und: Er nimmt das alles, um den Unterschied zu verdeutlichen zwischen sich selbst und dem Kommenden, der schon da ist, unerkannt, mitten unter euch getreten. „Man muss die Spannung nachempfinden. So unvergleichlich groß ist er, dass ich zu gering bin, ihm die Sandalen abzubinden (vgl. wieder zu Markus 1,7) Wer wird’s sein?“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 41)

 Es ist etwas Kostbares und sehr Seltenes. Johannes hat das Wissen um die eigenen Grenzen: Ich bin es nicht, von dem das Heil kommt! Johannes, der Zeuge Jesu, weist von sich weg auf den hin, für den er da ist. Es geht nicht um mich. „Der Täufer ist nur noch Zeuge für Jesus.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 65) Es ist eine große Versuchung, sich selbst wichtiger zu machen, wichtiger zu nehmen. Johannes widersteht ihr. Auch davon zeugt das Evangelium.

 Johannes bleibt sich treu: Ich bin einer, der nur der Wegweisung Gottes folgt und dient. Diese Haltung des Johannes liegt quer zu einer Welt, in der der es angesagt zu sein scheint: Ich bin es! Ich bin Deutschland! Wir sind Papst! Ich kann Kanzler! Johannes lebt eine merk-würdige Freiheit von der Versuchung aus, sich selbst ins Rampenlicht zu stellen.

Herr Jesus                                                                                                                           das möchte ich lernen                                                                                                       nicht mehr sein zu wollen als ich bin                                                                                mich einzufinden in den Auftrag                                                                                            der mein Leben von Gott her prägt

Das möchte ich lernen                                                                                                      mich nicht selbst zu überschätzen                                                                                       und es auch zu korrigieren                                                                                                    wenn andere mich größer sehen                                                                                        weiser                                                                                                                                   frömmer                                                                                                                                        als ich es bin.

Ich bin dankbar für dieses Beispiel                                                                                       das Johannes mir gibt                                                                                                          für seine Freiheit                                                                                                                    So frei möchte ich auch werden. Amen