Jesus – das Wort

Johannes 1, 1 – 14

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Es gibt Worte, vor denen stehe ich und schaue sie an. Ich lese sie, zweimal, dreimal, vielfach – und spüre: Zu groß. Das wirst du nie fassen Das übersteigt deine Vernunft so hoch wie der Himmel über der Erde ist.

 Es gibt Worte, die sind gar nicht zum Begreifen da. Sie laden zum staunen ein, zum mitsingen, zur Anbetung. Aber sie wollen, um Himmels willen, nicht in ein theologisches System eingefasst und eingepasst werden.

 Es ist ein Anfang, wie er im Buch steht. Es ist ein Anfang, der singt. Die Exegeten sagen, dass es ein Hymnus ist, den der Evangelist hier zitiert. Ein Loblied, ein Anbetungs-Lied. Das ist wohl die einzig angemessene Sprache, wenn man es mit dem Geheimnis Gottes zu tun bekommt, mit dem Leben, dem Licht, dem Gott, der sich selbst schenkt.

 „Im Anfang war das Wort“: Es gibt die Welt nur, weil Gott sie ins Leben gerufen hat. Das ist keine naturwissenschaftliche Erklärung, wie unsere Kinder sie heute lernen. Es ist eine steile Aussage: Die Welt – und das meint den ganzen riesengroßen, unendlichen Kosmos und nicht nur unseren blauen Planeten – entstammt dem Willen Gottes. „Und Gott sprach – und es geschah“ – so heißt es am Anfang der Bibel. Es ist sicher Absicht, dass es im Anfang des Johannesevangelium so klingt wie im Anfang der Schrift: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ ( 1. Mose 1,1)

 Kann ich das überhaupt richtig hören in dem ungeheuren Anspruch, der in solchen Worten steckt? Dass es die Welt gibt – Gabe Gottes. Dass es Leben gibt – Gabe Gottes. Dass es Tag um Tag weiter geht – Gabe Gottes. Unser Leben hat in ihm seinen Grund. Es hat in ihm seinen Halt und sein Ziel. Keiner von uns kann auch nur einen Atemzug machen, ohne dass Gott ihn darin trägt. Keiner von uns kann auch nur einen Gedanken denken, ohne dass Gott ihn darin hält. Keiner von uns kann auch nur ein Wort sagen, ohne dass Gott ihm nicht die Stimme, die Luft und den Mund dazu gibt. Keiner von uns kann auch nur den geringsten Handgriff tun, ohne dass Gott es ihm ermöglicht.

 Was uns als der Raum und die Zeit erscheint, als die Kraft und die Natur, über die wir frei verfügen können, das ist in Wahrheit doch jeden Augenblick allein durch Gottes Gnade erhalten, damit wir darin leben können.

 “Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                               nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.                              Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,                                               und du machst neu die Gestalt der Erde.                                         Psalm 104, 29-30

 Und nun: Dies alles durch das Wort, den λόγος. Durch Gott selbst. Weil er der λόγος ist. Und doch ist da Unterschied – die Welt ist nicht göttlich. Sie ist Schöpfung. Göttliche Gabe, durch das Wort. Noch ist der Name nicht genannt, der zum Thema des ganzen Evangeliums wird – und doch wird hier schon unüberbietbar von ihm geredet: Jesus.

 Johannes greift mit dem Wort λόγος ein Wort auf, das in seiner Umgebung voll tiefer Bedeutung ist. Das Machtwort Gottes bei den Juden, die Weltvernunft bei den Griechen. Aber immer ein ES, kein Du. Hier aber, bei Johannes wandelt es sich. „Das Johannes-Evangelium wollte zeigen, dass der ewige, göttliche Logos dieser Mensch Jesus, dieser Mensch Jesus der ist, der im Anfang bei Gott war – dass eben der ewige göttliche Logos nicht anderswo als in diesem Menschen Jesus gefunden und erkannt werden kann.“ (K. Barth, Kirche Dogmatik III,2; Zürich 1959, S. 76) Ist das wahr, so kann man nur noch anbetend singen – darum der Hymnus.

 6 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. 7 Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten. 8 Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht.

 Dieser Hymnus wird unterbrochen durch einen Hinweis, der wohl der Zeit und Umwelt des Evangeliums geschuldet ist. Johannes, von Gott gesandt, ist groß. So groß, dass manche ihn wohl für den Christus halten wollten (1,19). Aber er ist es nicht und sagt es frei heraus, dass er es nicht ist. Er hat seine Rolle, unverwechselbar, einmalig. Er ist der Vorläufer, der Zeuge am Anfang der Zeugenkette, in die die Sänger des Hymnus und die Leser und Leserinnen des Evangeliums eintreten sollen. Der erste Zeuge. Darin ist er einzigartig. Aber das Licht ist er nicht – nur einer, der zeugen sollte von dem Licht, hinweisen auf ihn.

 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

 Ein Lobgesang und doch auch ein Schmerz. Die Welt erkannte ihn nicht. Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Obwohl er doch in seine Welt kam, in sein Eigentum. Obwohl doch alles durch ihn ist. Das ist keine unbeteiligte Feststellung. Es geht ja nicht nur um einen intellektuellen Defekt. „Das Erkennen ist nicht ein theoretisches Apperzipieren, sondern Anerkennen.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 34) So meldet sich hier schon der Schmerz zu Wort, der das Evangelium auch durchziehen wird. Und man ahnt es: Dieser Weg in seine Welt, die für ihn blind ist, die ihn, das Licht der Welt, nicht erkennt, ist ein Weg in die Niedrigkeit.

 Er entäußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.

 Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran.         Nikolaus Hermann 1560

 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

 Und dann ist es wie ein befreiter Jubelruf. Es kommt doch auch zum Erkennen, zum Aufnehmen in das eigene Leben, zum Glauben an seinen Namen. Dass es dazu kommt, ist nicht unsere Macht. Es ist Gabe Gottes, Vorrecht, εξουσία, Vollmacht aus Gottes Geben. „Wir können Gott nur erkennen, wenn er sich selbst zu erkennen gibt.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 37) Aus dem eigenen Vermögen, der eigenen Logik, aus der Vernunft der Welt heraus ist das nicht möglich. Dass Einer, Eine glaubt, ist immer Wunder, Zeichen der Gnade.

 Diese Sätze V. 12-13 habe ich am Anfang meines bewussten Christseins, vor 47 Jahren, auswendig gelernt, weil es mir ein Seelsorger gesagt hat. Ich wusste damals nicht so recht, warum ich das tun sollte. Er aber war offensichtlich der Überzeugung, dass es wichtig ist, von Anfang an zu wissen: Mein Glaube ist Geschenk und nicht eigenes Werk, nicht Einsicht, erarbeitet mit der suchenden und fragenden Vernunft. Er ist und bleibt bis ans Ende Gabe aus der Ewigkeit.

Was für ein Geschenk macht mir der Evangelist, der mir erlaubt, sein Staunen zu teilen, seine Freude mit zu freuen, in seine Anbetung einzustimmen. Ich muss nicht mehr alles verstehen und erklären können. Ich nähere mich dem Alter, in dem ich, tief dankbar, einfach der Freude Raum lassen kann. Und ahne: Schon der Versuch, das alles nachzudenken, wird im Stammeln landen müssen. Oder im Hymnus, im Lobgesang. Wie Johannes.

 Staunend stehe ich vor Dir                                                                                                      Jesus                                                                                                                                    mein Gott und Herr                                                                                                              Ich fasse Dich nicht                                                                                                           nicht mit meinen Worten                                                                                                       meinen Gedanken                                                                                                                  meinen Sinnen

Du bist vor allem Anfang und kommst doch in unsere Welt                                                  in das Dunkel unserer Zeit                                                                                                        zu mir

Ich halte mich Dir hin                                                                                                         damit Du mich erfüllst                                                                                                           mit Licht                                                                                                                                    Leben                                                                                                                                   Freude und Wonne. Amen