Über die Angst hinaus

Sacharja 10, 1 – 12

 1 Bittet den HERRN, dass es regne zur Zeit des Spätregens, so wird der HERR, der die Wolken macht, euch auch Regen genug geben für jedes Gewächs auf dem Felde. 2 Denn die Götzen reden Lüge, und die Wahrsager schauen Trug und erzählen nichtige Träume, und ihr Trösten ist nichts. Darum geht das Volk in die Irre wie eine Herde und ist verschmachtet, weil kein Hirte da ist.

 Die Erinnerung sitzt tief in Israel: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) Gott ist kein Wettergott. Aber er weiß, dass die Erde Regen braucht, dass Wasser in Wüstengegenden Leben ist. Zu ihm gilt es zu rufen. Nach seinem Erbarmen, das keine Grenze kennt, keinen Schluss-Strich. Die Volksklage aus dem Buch Jeremia liest sich wie ein Vorwegnehmen der Worte hier: „Ist denn unter den Götzen der Heiden einer, der Regen geben könnte, oder gibt der Himmel Regen? Du bist doch der HERR, unser Gott, auf den wir hoffen; denn du hast das alles gemacht.“ (Jeremia 14,22)

 Auch das geht mir durch den Kopf. Matthäus nimmt die Worte des Sacharja auf um zu beschreiben, wie Jesus dem Volk gegenüber tritt. „Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ ( Matthäus 9,36) Er wird selbst der Hirte für diese verwahrloste Herde und er beruft seine Jünger als Hirtenhelfer. Das ist die Aufgabe der Gemeinde bis heute.

 3 Mein Zorn ist entbrannt über die Hirten, und ich will die Böcke heimsuchen; denn der HERR Zebaoth wird seine Herde heimsuchen, nämlich das Haus Juda, und wird sie zurichten wie ein Ross, das geschmückt ist zum Kampf.

 Ein merkwürdiger Bildwechsel. Aus der Herde, gemeint ist doch wohl eine schutzbedürftige Herde von Schafen und Ziegen, werden Schlachtrosse. Es gibt eine Zeit des Hütens und es gibt eine Zeit der Vorbereitung auf den Kampf. Ohne hier großartig Zeitanalyse treiben zu wollen: Immer, wenn in der Christenheit nur der eine Aspekt betont und der andere vernachlässigt wird, gerät die Gemeinde in eine Schieflage. Dass Christsein auch Kampf ist, ist heute nicht so im Blick. Wir betonen mehr die Geborgenheit in Gott, die behütete Herde.

4 Die Ecksteine, Pflöcke, Kriegsbogen, alle Mächtigen sollen aus ihr hervorgehen. 5 Und sie sollen sein wie Riesen, die im Kampf den Feind niedertreten in den Dreck auf der Gasse, und sie sollen kämpfen, denn der HERR wird mit ihnen sein, dass die Reiter zuschanden werden.

 Hier aber ist die kämpferische Seite des Gottesvolkes im Blick. Verständlich in Zeiten, in denen Juda am Boden liegt, Jerusalem neu aufgebaut werden muss, es nicht einfach ist, sich missgünstige Nachbarvölker vom Leib zu halten.

 6 Und ich will das Haus Juda stärken und das Haus Josef erretten und will sie wieder einsetzen; denn ich erbarme mich ihrer. Und sie sollen sein, wie sie waren, als ich sie nicht verstoßen hatte; denn ich, der HERR, bin ihr Gott und will sie erhören.

Die Zeit der Erneuerung kommt. Das Gericht Gottes an seinem Volk hat ein Ende. Es soll wieder sein wie früher. Das ist nicht Nostalgie. Es kommt ja auch nicht zu einer Wiederherstellung des davidischen Königtums, auch nicht der politischen Selbstständigkeit Judas. Und der Tempel ist nicht mehr der salomonische Tempel. Kein Zurück in die Vergangenheit. Wohl aber ein Zurück in die Gottesbeziehung. Sie sollen wieder Gottes Volk sein, nicht länger verworfen und verstoßen.

 7 Und Ephraim soll sein wie ein Riese, und ihr Herz soll fröhlich werden wie vom Wein; ihre Söhne sollen’s sehen und sich freuen, ihr Herz soll fröhlich sein über den HERRN. 8 Ich will sie locken und sie sammeln, denn ich will sie erlösen, und sie sollen sich mehren, wie sie sich vormals gemehrt haben. 9 Ich säte sie unter die Völker, dass sie meiner gedächten in fernen Landen und leben sollten mit ihren Kindern und wieder heimkehren. 10 Denn ich will sie zurückbringen aus Ägyptenland und sie sammeln aus Assyrien und will sie ins Land Gilead und zum Libanon bringen, dass man nicht Raum genug für sie finden wird.

 Es ist eines der großen Bilder der Propheten: Die Diaspora der Israeliten wird zurück gesammelt in das Land der Väter. Es ist zugleich eine Deutung der Zerstreuung Israels: sie ist nicht aus Reise- oder Abenteuerlust entstanden, auch nicht aus einer Welt-Bemächtigungs-Idee des „internationalen Judentums“. Der HERR selbst säte sie unter die Völker. Mit zwei Absichten: Damit die Völker durch die, die in sie eingesät werden, Anteil am Segen gewinnen. Und damit sie in der Ferne das Festhalten an Gott einüben.

 Es ist ein Bild, das bis heute seine Wirkung hat, auch seine politische Wirkung. Manche Aktion des Staates Israel, um Juden aus aller Welt zurück zu führen ins Land, hat hier eine biblische Legitimation.

 11 Und wenn sie in Angst durchs Meer gehen, so wird er die Wellen im Meer schlagen, dass alle Tiefen des Wassers vertrocknen werden. Da soll dann zu Boden sinken die Pracht Assyriens, und das Zepter Ägyptens soll weichen. 12 Ich will sie stärken in dem HERRN, dass sie wandeln sollen in seinem Namen, spricht der HERR.

 Diese Rückkehr ist wie ein zweiter Durchzug durch das Schilfmeer. Es ist ein Weg in Angst. Die Wege Gottes sind nicht immer angstfrei, so ist die Welt ja nicht beschaffen. Aber sie haben die Freiheit von aller Angst zum Ziel. „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“(Johannes 16,33) Die Pracht der Völker, die sich gegen Israel stellen, sinkt zu Boden, vergeht.

 Israel aber wird bewahrt und in dieser Heimkehr neu als das Volk des HERRN erstehen. So hoch greift das prophetische Wort im Versuch, die eigene Zeit zu deuten. Es ist eine regelrechte Neugründung des Gottesvolkes. Und: Dass es so kommt, ist einzig und allein im Willen Gottes zu diesem Neuanfang begründet, nicht im Überlebenswillen Israels. Es ist zugleich auch die Verpflichtung Israels, nun wirklich im Namen des HERRN zu wandeln.

 Herr                                                                                                                                        Du öffnest vor uns neuen Raum                                                                                          Du stellst Dein Volk auf den Weg                                                                                           der über alle Angst hinaus führt

Lass es nicht zu                                                                                                                       dass wir in den Tälern der Angst hocken bleiben                                                                den Aufbruch verweigern                                                                                                         der Resignation das Wort reden

Lass es nicht zu                                                                                                                   dass wir aus Deinen Wort nur schöne Bilder machen                                                      ohne Kraft                                                                                                                                die Gegenwart zu wandeln.

Mache uns mutig zu handeln im Vertrauen auf Dein Wort. Amen