Aufforderung zur Selbstprüfung

Sacharja 11, (1-3) 4 – 17

1 Tu deine Türen auf, Libanon, dass das Feuer deine Zedern verzehre! 2 Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen Baschans; denn der feste Wald ist umgehauen. 3 Man hört die Hirten heulen, denn ihre Herrlichkeit ist vernichtet; man hört die jungen Löwen brüllen, denn die Pracht des Jordans ist vernichtet.

 Gerichtsworte. Sie knüpfen an dem an, was wohl auch damals schon jeder und jede kannte: Waldbrände, Abholzungs-Aktionen, die nur Kahlschlag hinterlassen. Weideverluste. Der Gedanke drängt sich auf: Gerichte treffen nicht nur die Menschen, sondern auch die Natur. Und umgekehrt: Was der Natur widerfährt, ihr angetan wird, fällt als Gericht auf die Menschen zurück. Ich glaube nicht, dass das zu modern gedacht ist. Diese Verbindung von Natur-Ereignis und Menschenschicksal begegnet ziemlich häufig in der Schrift.

 4 So sprach der HERR, mein Gott: Hüte die Schlachtschafe! 5 Denn ihre Käufer schlachten sie und halten’s für keine Sünde, und ihre Verkäufer sprechen: Gelobt sei der HERR, ich bin nun reich! Und ihre Hirten schonen sie nicht. 6 Darum will ich auch nicht mehr schonen die Bewohner des Landes, spricht der HERR. Und siehe, ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs; sie werden das Land zerschlagen und ich will sie nicht erretten aus ihrer Hand.

 Das Bild wechselt – in ein überaus vertrautes Bild: Hirte und Herde. Hier: Schlachtschafe. In Unterschied zu Milchschafen, die man langfristig braucht. Hier sind Hirten und Käufer im Blick, die nur ihren Profit sehen, keine Fürsorge-Pflicht für die Schafe. Es ist sicherlich ein kritisches Bild für alle, die Macht über Menschen haben, denen Menschen anvertraut sind: Suchen sie nur ihre Macht, ihre Stellung, ihren Profit? Sind Menschen für sie nur Human-Kapital?

 Wenn das so ist, sagt der Herr, dann will ich dieses Verhalten auf die zurück fallen lassen, die sich so verhalten. Ich will die Leute fallen lassen, einen jeden in die Hand des andern und in die Hand seines Königs. Gott muss nicht vom Himmel her richtend mit Straf-Aktionen eingreifen. Es genügt, einfach geschehen zu lassen, was im Gang ist. Nicht retten aus den Willkürakten ist schlimm genug.7 Und ich hütete die Schlachtschafe für die Händler der Schafe und nahm mir zwei Stäbe; den einen nannte ich »Huld«, den andern nannte ich »Eintracht« und hütete die Schafe. 8 Und ich vertilgte die drei Hirten in “einem” Monat. Und ich mochte die Schafe nicht mehr und sie wollten mich auch nicht mehr. 9 Und ich sprach: Ich will euch nicht hüten; was da stirbt, das sterbe; was verschmachtet, das verschmachte; und von den Übriggebliebenen fresse ein jeder des andern Fleisch! 10 Und ich nahm meinen Stab »Huld« und zerbrach ihn, um meinen Bund aufzuheben, den ich mit allen Völkern geschlossen hatte. 11 Und er wurde aufgehoben am selben Tage. Und die Händler der Schafe, die auf mich achteten, erkannten daran, dass es des HERRN Wort war.

 Diese Worte lesen sich wie die Erzählung einer prophetische Zeichenhandlung. gerade auch in dem, dass es so alltäglich zugeht. Hirte ist in Israel nichts Ungewöhnliches, , auch nichts, was sofort allen ins Auge springt. Es sind die Hirtenstäbe, die mich auf die Idee bringen. Sie sind Hinweis darauf, dass es um mehr geht als einen „normalen Job“. Eintracht und Huld sind Werte, die dem Handeln Gottes zugrunde liegen, auf die es hinzielt.

 Aber diese Werte zerbrechen in der Beziehung zwischen Hirte und Herde. Das ist wohl die Beschreibung einer Entfremdung, wie sie auch uns geläufig ist. „Die da oben wissen“ nicht, was „wir da unten“ erfahren. Sie folgen einer Wertskala, die sie untauglich macht und die das Volk in den Ruin treibt.

 Der Hirte der Zeichenhandlung überlässt seine Herde sich selbst. Er zerbricht seinen Hirtenstab Huld und zeigt damit seine Demission an: Ich bin nicht mehr euer Hirte. Ihr seid nicht mehr meine Herde. Und was geschieht, zeigt auch: Da ist nichts mehr von Huld zu spüren.

 Was der Prophet hier tut, ist nicht folgenlose Symbolik. Er setzt – das ist der Ernst solcher Zeichenhandlungen – mit seinem Tun in Kraft was er tut. Hier also das Zerbrechen des Bundes. Dass Propheten das Volk führen könnten, hat sich als Täuschung erwiesen. „Da es sich um ein wirkmächtiges Zeichen handelt, ist damit ein erfolgloses Experiment: die Leitung des Volkes durch den Propheten im Auftrag seines Gottes, zuende.“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 111)

 Gleichwohl das Experiment scheitert – Dass es sich um ein Zeichen Gottes, um ein Wort Gottes handelt, wird erkannt. Zumindest von denen, die offene Augen haben, die auf diesen wunderlichen Hirten achten. Meine Frage ist: Wird damit die ganze Situation nicht noch gewichtiger? Denn dem erkannten Wort Gottes nicht zu folgen ist doch verweigerter Gehorsam und verweigerter Glaube.

 Es ist mitten im Buch eines Propheten ein ernüchterndes Fazit. Der prophetische Auftrag kann scheitern: Propheten findet mit ihren Worten und Taten nicht wie von selbst Gehör. Sie werden oft genug überhört.

 Es ist wie ein fernes Echo auf diese Worte im Munde Jesu, wenn er erzählt: „Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie.“(Markus 12, 1 – 5) Und doch hört Gott nicht auf, die Umkehr seines Volkes zu suchen. Er kann ja nicht anders. Sein Herz treibt in auf den Weg dieses Suchens.

Es mag eine tröstliche Erinnerung sein: Gott selbst hält diese Abkehr vom Hirtenamt nicht aus. Er hält es ja auch nicht aus, dass die Hirten nur sich selbst und ihr Wohlergehen suchen. Es ist ein Prophet, lange vor Sacharja, der sicher für diese Worte auch mit seinen Worten die Spur gelegt hat. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. …..Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“(Hesekiel 34, 11. 15-16) Erst wenn man diese Worte als Hintergrund sieht, versteht man die ganze Härte in dem Zeichen des Hirten, den Sacharja beschreibt.

 12 Und ich sprach zu ihnen: Gefällt’s euch, so gebt her meinen Lohn; wenn nicht, so lasst’s bleiben. Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberstücke. 13 Und der HERR sprach zu mir: Wirf’s hin dem Schmelzer! Ei, eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen! Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie ins Haus des HERRN, dem Schmelzer hin. 14 Und ich zerbrach meinen andern Stab »Eintracht«, um die Bruderschaft zwischen Juda und Israel aufzuheben.

 Der Seher bleibt noch in seiner Rolle. Er fordert seinen Hirtenlohn, der kärglich genug ausfällt. 30 Silberstücke! Das ist keine Entlohnung, sondern eine Missachtung. Es gibt Löhne, die schon durch ihre „Höhe“ die Missachtung der geleisteten Arbeit und des Arbeitenden zum Ausdruck bringen. Darum fordert Gott (!) seinen Propheten auf: Schmeiß das Drecksgeld weg. Denn es ist ja Gott selbst, der in seinem Propheten missachtet wird.

 Ich ziehe die Linie aus zu uns heute: Wer gerechte Löhne verweigert, der zerstört nicht nur die Solidarität innerhalb der Gesellschaft. Der setzt auch die Gottesbeziehung aufs Spiel. Es ist ja nicht nur dieser eine Vers bei Sacharja, den man dann als prophetischen Ausreißer abtun könnte. „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.“ (Sprüche 14,31)Es ist eine Form von Gewalt, Menschen klein zu machen durch Löhne, die ihnen ihre Würde rauben. Und es ist kein Wunder, dass Gesellschaften, die das dulden, erblinden für die Wirklichkeit Gottes. Die Gottesfinsternis der Zeit ist nicht nur Ergebnis der individuellen Blindheit, sondern auch des gesellschaftlichen Versagens in Sachen Gerechtigkeit. Wer den Willen Gottes permanent missachtet, wird irgendwann taub für sein Wort und blind für seine Gegenwart.

Diese Worte werden in der frühen Christenheit neu gelesen. Dreißig Silberstücke ist der Lohn für den Verrat des Judas. Und er braucht, als er die Folgen seines Verrates sieht, keine göttliche Stimme, die ihm sagt, was er zu tun hat. „Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich.“ (Matthäus 27, 3-5) Hungerlohn, Blutgeld. Es liegt kein Segen drauf.


 Mit dem weggeworfen Lohn und dem zweiten zerbrochenen Hirtenstab Eintracht wird der Bund sichtbar für alle gekündigt. Die Einheit zwischen Juda und Israel ist zerbrochen. Eine Wiedervereinigung der beiden Teile Groß-Israels wird es nicht mehr geben.

 15 Und der HERR sprach zu mir: Nimm abermals zu dir das Gerät eines Hirten, aber eines nichtsnutzigen!16 Denn siehe, ich werde einen Hirten im Lande erwecken, der nach dem Verlorenen nicht sehen, das Verlaufene nicht suchen, der das Zerbrochene nicht heilen und das Gesunde nicht versorgen wird; aber das Fleisch der Fetten wird er fressen und ihre Klauen zerreißen. 17 Weh über meinen nichtsnutzigen Hirten, der die Herde verlässt! Das Schwert komme über seinen Arm und über sein rechtes Auge! Sein Arm soll verdorren und sein rechtes Auge erlöschen.

 Und immer noch ist es nicht genug mit Zeichenhandlungen. Der Prophet soll sich die Ausrüstung eines nichtsnutzigen Hirten zulegen. Im Kommentar lese ich: „Die Anweisung Jahwes, sich die Gerätschaften eines schlechten (gottlosen) Hirten zu beschaffen, ist unanschaulich, denn wie sollte sich die von denen eines guten Hirten unterscheiden?“ (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.112 ) Der Bauern-Enkel in mir schmunzelt: Das sieht jedes Dorfkind, ob Geräte gepflegt sind, in Ordnung, sauber, oder ob das Gerät, mit dem alltäglich gearbeitet wird, vor sich hin verrottet. Daran kann man schon Qualitäten des Besitzers erkennen.

 Aber darum geht es nicht wirklich. Die Auslieferung des Landes, des Volkes an Hirten, die nur sich selbst kennen – das ist die eigentliche Botschaft. Was bei Hesekiel zum Grund des Gerichtes über die Hirten wird, dass sie nur sich selbst kennen – „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“ Hesekiel 34, 2-4) – das wird hier bei Sacharja zum Gericht über das ganze Volk. Durch diesen schlechten Hirten ist das Volk gestraft. Aber auch er selbst wird für seine Nichtsnutzigkeit zu büßen haben.

 Das Gegenbild zu diesem schlechten Hirten ist der gute Hirte. Jesus. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ (Johannes 10, 11-15)

 Es ist in meinen Augen müßig, nach geschichtlichen Identifikations-Möglichkeiten für diesen nichtsnutzigen Hirten zu suchen. Ich lese diese Passagen eher als eine Aufforderung zur Selbstprüfung: Wie gehst du mit denen um, die dir anvertraut sind? Suchst du ihr Leben oder suchst du nur deine Vorteile? Bist du ein Hirte, der die Herde verlässt? Fragen, die an jeden gestellt sind, der mit Menschen umgeht, und die sich deshalb nicht so leicht weg schieben lassen. Antworten? Die Antworten gibt mein Leben und nicht eine Erklärung, die ich abgebe.

Du bist ja doch der gute Hirte                                                                                                   mein Gott                                                                                                                              Dir darf ich mich anvertrauen                                                                                                 Du willst Dein Volk weiden

Wir aber haben Dir oft nicht geglaubt                                                                                   sind unsere eigenen Wege gegangen                                                                               haben uns selbst geweidet                                                                                               haben uns selbst genug sein wollen                                                                                    als Hirten und Herde

Ich danke Dir                                                                                                                       dass Du Dich für Deine Herde hingegeben hast                                                                     Dein Leben                                                                                                                             damit wir Deine Stimme neu hören                                                                                       die uns in Liebe ruft. Amen