Tochter Zion, freue Dich

Sacharja 9, (1-8) 9-12 (13 – 17)

 1 Die Last, die der HERR ankündigt, kommt über das Land Hadrach, und auf Damaskus lässt sie sich nieder – denn der HERR schaut auf die Menschen und auf alle Stämme Israels -, 2 dazu auf Hamat, das daran grenzt, auch auf Tyrus und Sidon, die doch sehr weise sind.

 War in den ersten acht Kapiteln des Buches der Blick ganz auf Jerusalem, mehr noch, auf den Zion ausgerichtet, so weitet er sich hier. Die Völker kommen ins Blickfeld, die Umwelt Israels. Der HERR schaut auf die Menschen. Es ist auch bei anderen Propheten zu beobachten, wie die Konzentration auf Israel nie dazu führt, dass vergessen wird, dass Israel Nachbarn hat und dass der Weg Israels nie ohne diese Nachbarn zu verstehen ist. Hamat, Tyrus und Sidon werden ausdrücklich genannt. Vor allem zu Tyrus und Sidon gibt es viele Beziehungen, sind sie doch Hafenstädte und Israel, selbst keine Seefahrer-Nation, ist darauf angewiesen, gute Kontakte zu ihnen zu pflegen.

 3 Denn Tyrus baute sich ein Bollwerk und sammelte Silber wie Sand und Gold wie Dreck auf der Gasse. 4 Aber siehe, der Herr wird es erobern und wird seine Macht ins Meer stürzen, und die Stadt wird mit Feuer verbrannt werden. 5 Wenn Aschkelon das sehen wird, wird es erschrecken, und Gaza wird sehr angst werden, dazu Ekron, denn seine Zuversicht wird zuschanden. Es wird aus sein mit dem König von Gaza, und in Aschkelon wird man nicht mehr wohnen, 6 und in Aschdod werden Mischlinge wohnen. Und ich will die Pracht der Philister ausrotten. 7 Und ich will das Blut von ihrem Munde wegnehmen und das, was mir ein Gräuel ist, von ihren Zähnen, dass auch sie unserm Gott übrig bleiben und wie ein Stamm in Juda werden und die Bewohner Ekrons wie die Jebusiter.

Wenn ich summarisch zusammenfasse: Die Völker um Israel herum erfahren so etwas wie den Gottesschrecken. Sie, die sich zeitweise gegen Israel gestellt hatten, die oft genug Allianzen beigetreten waren, die Jerusalem gefährdeten, sie werden jetzt selbst in Furcht und Schrecken versetzt. Es sind Schrecken, hinter denen der Herr steht.

 Es ist ein kurzer Weg von dieser Schilderung zu Psalm 46

Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen,                                                   das Erdreich muss vergehen,                                                                                                 wenn er sich hören lässt.                                                                                                   „Der Herr Zebaoth ist mit uns,“                                                                                           „der Gott Jakobs ist unser Schutz.“                                                                                     Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                                                 der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                                                         der den Kriegen steuert in aller Welt,                                                                                      der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt                                                                                und Wagen mit Feuer verbrennt.                                                                                       Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!                                                                         Ich will der Höchste sein unter den Heiden,                                                                          der Höchste auf Erden.                                               Psalm 46, 7 – 12

 Dieser Psalm ist kein Lobgesang auf die militärische Stärke Israels. Auch die Worte bei Sacharja nicht. Es ist aber das Rechnen mit dem Gott, dessen Augapfel Israel (2,9)ist.

Am Ende lese ich eine „versteckte Verheißung“: Der Rest der Philister, gereinigt vom alten Wesen, soll wie ein Stamm in Juda werden und die Bewohner Ekrons wie die Jebusiter. Da meldet sich die Hoffnung auf die Umkehr der Völker. Sie wird festgemacht in der Erwartung eines Handeln Gottes, dass diese Völker auf den Weg Israels führt.

 

 Ob historisch fassbare Ereignisse hinter diesen Worten stehen, ist unklar. Es gibt die Deutung auf den Sturmlauf Alexanders des Großen, dem die Region zum Opfer fällt. Dieser Sturm des großen Mazedoniers wird im Danielbuch zum Teil sehr deutlich angesprochen. Hier dagegen bleibt alles so in der Schwebe, dass Vorsicht geboten ist. Und wenn ich die Nähe zu Psalm 46 in Anschlag bringe, sehe ich meine Vorsicht eher bestätigt.

 8 Und ich will mich selbst als Wache um mein Haus lagern, sodass keiner dort hin- und herziehe und nicht mehr der Treiber über sie komme; denn ich sehe nun darauf mit meinen Augen.

 Der Abschluss der ersten Verse ist eine Beistands-Zusage. Gott selbst will die Wache um sein Haus sein. Hatte er 586 den Tempel den Feinden preisgegeben – jetzt tritt er selbst als Wächter auf. Wieder legt sich der Bezug zu einem Psalm nahe.

 Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                                                            so wacht der Wächter umsonst.                     Psalm 127,1

 Weil der Herr im hohen Himmel wacht, ist Jerusalem von nun an behütet und wachen auch die menschlichen Wächter auf den Zinnen nicht vergeblich.

 Und auch die folgende Passage aus den Königsbüchern ist nicht weit entfernt von diesem Wort. Eine Heeresgruppe des Königs von Aram soll Elisa gefangennehmen. Elisas Diener erblickt die Feinde und will schon alles verloren geben Aber Elisa tröstet ihn: Er sprach: Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind! Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“ (2. Könige 6, 15-17) Elisa ist in Gottes Obhut. So auch hier: Weil Gott ein Auge auf die Stadt Jerusalem geworfen hat, darum ist sie sicher.

 9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. 11 Auch lasse ich um des Blutes deines Bundes willen deine Gefangenen frei aus der Grube, in der kein Wasser ist; 12 so kehrt heim zur festen Stadt, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Denn heute verkündige ich, dass ich dir zweifach erstatten will.

Wie wechselt hier der Ton. Kein Wunder, dass man ursprünglich verschiedene Textteile vermutet. Und doch: Weil das Auge Gottes auf Jerusalem ruht, darum hat die Tochter Zion allen Grund zur Freude. Erst recht, wenn Gott sich in der Gestalt des Königs auf den Weg zu seiner Stadt macht.

 Für mich ist kein Zweifel: Hier wird das Bild des kommenden Königs bewusst über das historische Maß hinaus aufgesprengt. Es geht nicht um irgendeinen König im Jahr 515 oder 500 oder auch 450. Der Kommende wird charakterisiert in einer Weise, die die Macht-Attribute des Königtums doch auf den Kopf stellt. „Der Heilskönig wird einer sein, der Gottes Beistand genießt. ni heißt hier nicht „arm“, jedenfals nicht im wirtschaftlichen Sinne, sondern als Geisteshaltung:“demütig“. Auch damit ist die Gottesbeziehung gemeint. Der wahre König weiß seine Macht von Gott abhängig. Das heißt aber nicht, dass er ohnmächtig sein wird.“(H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S.95 ) ä

 Es geht um den kommenden König, der die Zeitenwende bringt. Ob der Seher das so schon sehen konnte, ist unerheblich. Ob er seine Sicht schon mit dem Mann Jesus von Nazareth verbinden konnte, ist erst recht unerheblich. Aber wir als Leser heute, wir können und dürfen diese Worte zusammenschauen mit dem Einzug Jesu in Jerusalem Wir nehmen sie damit Israel nicht weg. Wir lesen sie nur über die Zeit hinaus.

 13 Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf gelegt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Riesen machen. 14 Und der HERR wird über ihnen erscheinen, und seine Pfeile werden ausfahren wie der Blitz, und Gott der HERR wird die Posaune blasen und wird einherfahren in den Stürmen vom Südland. 15 Der HERR Zebaoth wird sie schützen, und die Schleudersteine werden fressen und niederwerfen und Blut trinken wie Wein und voll davon werden wie die Becken und wie die Ecken des Altars.

 Wieder ist es der HERR, der den Feinden entgegen tritt. So martialisch solche Texte auch in unseren Ohren klingen, sie sind in Wahrheit doch ein Vorbehalt gegen den hemmungslosen Gebrauch der Waffen und gegen die Verherrlichung des Krieges. Es ist Gottes Sache, sein Volk zu schützen. Gott aber ist kein Papiertiger. Er hat Macht. Daran hält Israel neu fest, auch nach allen Erfahrungen der katastrophalen militärischen Niederlagen: Unser Gott ist stark. Die Propheten eignen sich nicht für Parolen, die zum Aufgeben und Klein-beigeben aufrufen.

 16 Und der HERR, ihr Gott, wird ihnen zu der Zeit helfen, der Herde seines Volks; denn wie edle Steine werden sie in seinem Lande glänzen. 17 Denn wie groß ist seine Güte und wie groß ist seine Huld! Korn und Wein lässt er sprossen, Jünglinge und Jungfrauen.

 Das ist ein Komplementär-Ausdruck zu dem Bild vom Augapfel. Israel ist in den Händen Gottes, und nur so, wie ein Edelstein. Das steht im krassen Gegensatz zur erfahrenen Wirklichkeit. Erklärlich wird so etwas nur, wenn man die Größe Gottes in Anschlag bringt und dass er Israel in Händen hält und sein Angesicht auf es richtet. Zukunft hat Israel, weil Gott es in seinen Händen hält und lieb hat!

 Von der Sache her erinnere ich hier an Martin Luther Luther.

 „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand“ – „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ 1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These

 So also ist Israel ein Edelstein, weil der Herr es als Edelstein ansieht. Sein Sehen schafft den Glanz Israels.

 Heiliger Gott                                                                                                                           immer wieder sprichst Du                                                                                                     sagst uns Dein Wort                                                                                                            schenkst uns Deine Verheißungen                                                                                          rufst uns auf Deinen Weg

Wie oft steht uns im Weg                                                                                                    wie wir vorher gelebt haben                                                                                                  Wir hängen fest in der alten Spur wie in ausgefahrenen Weggleisen

Danke                                                                                                                                  dass Du auch dann nicht aufhörst                                                                                            nach uns festgefahren und festgelegten Menschen zu rufen                                                 Du glaubst an unser Kraft zu neuen Anfängen. Amen