Das Gottesgerücht

Sacharja 8, 1 – 3. (4-13). 14- 23

 1 Und es geschah des HERRN Wort: 2 So spricht der HERR Zebaoth: Ich eifere für Zion mit großem Eifer und eifere um seinetwillen in großem Zorn. 3 So spricht der HERR: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem eine Stadt der Treue heißen soll und der Berg des HERRN Zebaoth ein heiliger Berg.

 Der Zion ist Gott nicht gleichgültig. Das zeigt sich in der Liebe wie im Zorn. Das zeigt sich auch in seiner Rückkehr auf den Zion. Dahinter steht offensichtlich die Vorstellung, dass Gott mit der Zerstörung des Tempels auch die Stadt verlassen hat. Beim Propheten Hesekiel gibt es ja ein inneres Ringen um das Verstehen: Gott ist nicht menschenlos auf dem Zion zurück geblieben (Hesekiel 11, 22-25). Hier nun ist der umgekehrte Weg im Blick: Die Heimgekehrten sind auch in einem verwüsteten Jerusalem und mit den Trümmern des Tempels vor Augen nicht aus der Gegenwart Gottes heraus gefallen. Er ist da, wieder da. Es gibt einen Neuanfang für den Zion.

 4 So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, 5 und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.

 Das Bild für diesen Neuanfang sind die belebten Plätze Jerusalems. Alte und Junge finden dort ihren Platz. Sie müssen nicht arbeiten, sie können sitzen und spielen. Es ist sicher kein Zufall, dass hier Bilder auftauchen, wie sie auch Jesaja kennt: „Ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.“ (Jesaja 65, 19-21) Was da in Jerusalem anfängt, soll im Himmel an sein Ziel gelangen. Die Erde ist als Ort der Erfüllung zu klein.

 Es sind alters-adäquate Verhaltensweisen – die Alten dürfen ausruhen, die Kinder in das Leben hineinwachsen. In armen Gesellschaften ist das anders – da müssen Alte bis zu ihrem Sterben arbeiten und Kinder haben keine Zeit, Kinder zu sein, weil auch sie arbeiten müssen, oft genug für einen Hungerlohn. So malen die Worte nicht das Bild eines kargen Neuanfanges, sondern da ist Wohlstand, weil Gott da ist.

 6 So spricht der HERR Zebaoth: Erscheint dies auch unmöglich in den Augen derer, die in dieser Zeit übrig geblieben sind von diesem Volk, sollte es darum auch unmöglich erscheinen in “meinen” Augen?, spricht der HERR Zebaoth.

 Hat der Prophet die skeptischen Stimmen im Ohr, die sagen: Zu schön um wahr zu sein? Alles nur Zukunftsmusik? Es ist eine Auseinandersetzung, die über den Verheißungen Gottes ja oft entsteht: Sie sind zu groß für die Wirklichkeit, darum trauen wir ihnen nicht wirklich und geben uns mit dem zufrieden, was ist. Glauben aber ist, gegen die „Normativität des Faktischen“ (H. Lücke) dem Wort Gottes zu trauen, sich von seinen Verheißungen leiten zu lassen und so zu tun, als ob. Als ob sie heute schon Wirklichkeit werden könnten.

Es ist die große Herausforderung, vor der die Kirche aller Zeiten steht: Glauben wir nur, was wir sehen – so wie es die oft genug gottlose Vernunft suggeriert? Die Alternative: Wir hängen uns an die Verheißungen Gottes und glauben ihm, dass er neuen Anfang schenkt, da, wo nichts zu sehen und nichts zu erwarten ist. Abraham „zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste: Was Gott verheißt, das kann er auch tun.“ (Römer 4, 20-21) Das ist das Denken, das aus der Wiedergeburt kommt, dem alter natus entspricht! Was für ein wunderbares Wort: alternativ denken. Dazu lockt der HERR hier.

 7 So spricht der HERR Zebaoth: Siehe, ich will mein Volk erlösen aus dem Lande gegen Aufgang und aus dem Lande gegen Niedergang der Sonne 8 und will sie heimbringen, dass sie in Jerusalem wohnen. Und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein in Treue und Gerechtigkeit.

 Und wieder, als wäre es noch nicht genug, eine Zusage, eine Heilszusage, zusätzlich versehen mit einem Aufmerksamkeitsruf: Siehe.Gott kehrt nicht nur an den Zion zurück. Gott hat nicht nur große Pläne. Er löst sie auch ein. Er bringt sein Volk zurück, nach Hause, aus der Diaspora, ob in Babylon, ob in Ägypten, ob im Osten oder im Westen, in Norden oder im Süden.

 Wieder wird das Wort des Sacharja durchsichtig auf den Plan Gottes, nicht nur mit den Exulanten damals, sondern mit uns allen. „Wir leben im Exil. Was wir waren und bleiben wollten und vielleicht auch zu werden bestimmt waren, verlieren wir. Dafür finden wir was anderes. Selbst wenn wir denken, wir würden finden, was wir gesucht haben, ist es in Wahrheit etwas anderes.“(B. Schlink, Das Wochenende, Zürich 2008, S. 153). Trotz dieser eher resignativen Sicht: Es ist das Ziel Gottes mit seinen Leuten, seiner Welt, dass sie nach Hause kommen. Darum steht hier auch nicht von ungefähr die „Bundesformel“: Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und sie wird noch gefüllt mit dem, was aus ihr mehr als eine Formel macht, was dem Bund sein Gepräge gibt:  in Treue und Gerechtigkeit. 9 So spricht der HERR Zebaoth: Stärkt eure Hände, die ihr diese Worte hört in dieser Zeit durch der Propheten Mund – an dem Tage, da der Grund gelegt wurde zum Hause des HERRN Zebaoth, auf dass der Tempel gebaut würde.

 Die Verheißungen Gottes erfüllen sich nicht von selbst. Es ist eine eigenartige Form des Synergismus, der Mitarbeit, die hier sichtbar wird. So gewiss es keine Mitarbeit am Heil gibt – das Heil ist reine Gnade, Geschenk ohne alles Verdienst und alle Würdigkeit empfangen – so gewiss ist es doch, dass Gottes Verheißungen Handeln freisetzen wollen. Es braucht Hände, die anpacken, damit der Tempel neu gebaut wird. Es braucht Leute, die sich rufen lassen durch das Wort der Verheißung. Stärkt eure Hände – das findet ein fernes Echo, Jahrhunderte später: „Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie.“(Hebräer 12,12) Auch da ist die Aufforderung aus den Verheißungen „geboren“.

 10 Denn vor diesen Tagen war der Menschen Arbeit vergebens, und auch der Tiere Arbeit erbrachte nichts; und vor lauter Feinden war kein Friede für die, die aus- und einzogen, und ich ließ alle Menschen aufeinander los, einen jeden gegen seinen Nächsten. 11 Aber nun will ich nicht wie in den vorigen Tagen verfahren mit denen, die übrig geblieben sind von diesem Volk, spricht der HERR Zebaoth, 12 sondern sie sollen in Frieden säen. Der Weinstock soll seine Frucht geben und das Land sein Gewächs, und der Himmel soll seinen Tau geben. Und ich will denen, die übrig geblieben sind von diesem Volk, das alles zum Besitz geben. 13 Und es soll geschehen: Wie ihr vom Hause Juda und vom Hause Israel ein Fluch gewesen seid unter den Heiden, so will ich euch erlösen, dass ihr ein Segen sein sollt. Fürchtet euch nur nicht und stärkt eure Hände!

 Es ist eine große Wende. Nicht mehr vergebliche Arbeit, ohne Lohn. Nicht mehr nur Mühsal und Bedrängnis. Hier sind wohl die schwierigen Umstände des Neuanfangs in Jerusalem und Juda im Blick. Die Heimkehrer sind ja keineswegs von allen mit offenen Armen empfangen worden. Das Land war nicht über 70 Jahre menschenleer geblieben. Und der Wiederaufbau des Tempels löst bei manchen um Jerusalem herum Ängste und Widerstand aus. Aber Gott will den Neuanfang und will ihn im Frieden.

 Nicht mehr die Mühe, die Gaben werden in den Blick gerückt. Weinstock, Land und Himmel geben, was sie zu geben haben. Dahinter steht der gebende Herr. Schöpfungsbilder, um den Gang in der Geschichte zu beschreiben. Alles wendet sich zum Guten. Und es ist, als würde der Segen des Anfangs endlich eingelöst werden können. „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12,3) Wenn es Israel gut geht, wird es zum Segen für die Völker. So ist das mit dem Augapfel Gottes (2,12). Wie sollte der, der solche Worte für sich hat, dann noch resigniert im Nichtstun verharren können. Fürchtet euch nur nicht und stärkt eure Hände! Es gibt viel zu tun. Packt es an.

 14 So spricht der HERR Zebaoth: Gleichwie ich euch zu plagen gedachte, als mich eure Väter erzürnten, spricht der HERR Zebaoth, und es mich nicht gereute, 15 so gedenke ich nun wiederum in diesen Tagen wohlzutun Jerusalem und dem Hause Juda. Fürchtet euch nur nicht!

 In meinen Augen ist das ein wichtiger Hinweis. Diese Umkehr, zu der Israel gerufen wird, dieses Leben aus den Verheißungen hat seinen Grund in der Umkehr Gottes. Er hat sich selbst umgekehrt, abgekehrt von seinem Zorn und sich jetzt wieder neu zugekehrt. Ohne diese Umkehr Gottes in sich selbst gibt es keinen Neuanfang. Weil Gott sich neu in sich selbst orientiert, gibt es neue Wege für sein Volk. Deshalb noch einmal: Fürchtet euch nur nicht! Es muss viel Furcht im Land sein, dass das so oft gesagt werden muss.

 Die Schrift macht die Augen nicht davor zu, dass es viel Grund zur Furcht gibt, zur Angst, für das Gefühl, Schicksalsschlägen ausgeliefert zu sein, auch der Willkür von Menschen oft genug hilflos gegenüber zu stehen. Aber sie bleibt nie bei diesen Gründen der Angst stehen. Sie erschöpft sich nicht in Analysen und Diagnosen, sondern sie stellt das Wort und die Wirklichkeit Gottes gegen die Angst. „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“(Johannes 16,33)

 16 Das ist’s aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren, 17 und keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht der HERR.

 Noch einmal: diese Heilsworte Gottes suchen die Antwort des Volkes. Diese Antwort zeigt sich im konkreten Handeln. Es ist ein Handeln, das Gott schon immer bei seinen Leuten gesucht hat, das er schon durch die früheren Propheten (7,7) eingefordert hat. Es sind die immer gleichen Sätze. Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren, 17 und keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide. Die Propheten, könnte ich sagen, sind austauschbar. Die Zeiten sind austauschbar. Was Gott will, bleibt sich gleich – durch alle Zeiten hindurch. Verhalten, das dem Leben dient, dem Leben der Anderen und nicht nur dem eigenen Leben. Es gibt keinen gesegneten Wohlstand nur für Einzelne, wenn es allen Anderen nicht wohl sein kann. Aber wo es um alle wohl steht, da ist gut sein.

 18 Und es geschah des HERRN Zebaoth Wort zu mir: 19 So spricht der HERR Zebaoth: Die Fasten des vierten, fünften, siebenten und zehnten Monats sollen dem Hause Juda zur Freude und Wonne und zu fröhlichen Festzeiten werden. Doch liebt Wahrheit und Frieden!

 Sogar das Fasten wandelt sich. Aus einer Buß- und Trauerzeit wird es zur Freudenzeit. Die Zeiten des Fasten können deshalb verwandelt werden, weil Gott sich seines Volkes neu angenommen hat. Was Sacharja hier ansagt, berührt sich mit dem Reden Jesu von der Hochzeit, die kein Fasten kennt.

 20 So spricht der HERR Zebaoth: Es werden noch viele Völker kommen und Bürger vieler Städte, 21 und die Bürger einer Stadt werden zur andern gehen und sagen: Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir selber wollen hingehen. 22 So werden viele Völker, Heiden in Scharen, kommen, den HERRN Zebaoth in Jerusalem zu suchen und den HERRN anzuflehen.

 Weit öffnet sich jetzt die Perspektive. Völkerwallfahrt zum Zion. Weil es um Jerusalem gut steht, gewinnt der Zionsberg Anziehungskraft auf die Völker. Es ist das Konzept der „Mission durch Attraktivität“, nicht einer Mission durch Propaganda. Wo Leben in seiner Fülle sichtbar wird, da machen sich Menschen auf den Weg. Das gelebte Leben des Gottesvolk zieht andere an – oder es stößt ab, weil nichts zu spüren ist von Wahrheit und Frieden(8,19), Treue und Gerechtigkeit (8,8), Erbarmen und Versöhnung. .

 23 So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.

 Vor Jahren habe ich diese Worte neu lieben gelernt. „Das Gottesgerücht“ nennt M. Zulehner sie. Und es ist wahr: Wo im Miteinander von Juden, im Miteinander von Christen etwas spürbar wird von der Gegenwart Gottes, da kommen andere fast wie von selbst dazu. Weil ihre Sehnsucht geweckt wird. Das also ist, streng genommen, die Aufgabe einer missionarischen Existenz: So zu leben, dass die Gegenwart Gottes im eigenen Leben wahrnehmbar wird, das andere es sehen können: Da ist Gott zu Gange. Im Neuen Testament hört sich das so an: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Matthäus 5,14 – 16)

 Gleich neunmal heißt es in diesem einen Kapitel: So spricht der HERR Zebaoth, Natürlich gibt es eine exegetisch sinnvolle Erklärung: Es ist eine Aneinander-Reihung von ursprünglich selbstständigen Prophetenworten, die jedesmal mit der entsprechenden „Botenformel“ eingeleitet werden. Das wird wohl so sein. Für mich wichtiger: Diese Anhäufung ist Hinweis darauf, dass das Wort Gottes wirkt. Es tut, was es soll. Weil der Herr spricht, geschieht etwas, nicht irgendetwas, sondern Heil. Es ist der Wille zum Heil, der durch diese Botenformel so nachdrücklich unterstrichen wird. Dieser Wille Gottes zum Heil ist die innere Verbindung der Worte, die dann durch das „äußere Stilmittel“ nur noch einmal zusätzlich verdeutlicht wird. Am Anfang steht der Inhalt, nicht die Form.

Herr Gott                                                                                                                               Du sprichst Dein Wort und suchst mit ihm unseren Glauben                                              dass wir uns zu Schritten aus der Resignation rufen lassen                                                   dass wir anpacken                                                                                                            dass wir neue Wege gehen                                                                                                   dass wir nicht alles beim Alten lassen

Dein Wort will ein Echo finden in meinem Handeln                                                          mich aus meinen engen Grenzen führen                                                                              mich die Zukunft handeln vorweg nehmen lassen

Herr, Gott des Himmels und der Erde                                                                                  gib uns                                                                                                                                 dass in unserem Handeln schon etwas sichtbar wird von dem Himmel                            auf den wir warten. Amen