Weggetragen

Sacharja 5, 1 – 11

 Und ich hob meine Augen abermals auf und sah, und siehe, da war eine fliegende Schriftrolle. 2 Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, die ist zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit. 3 Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn alle Diebe werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt und alle Meineidigen werden nach dieser Schrift von hier ausgefegt. 4 Ich will ihn ausgehen lassen, spricht der HERR Zebaoth, dass er kommen soll über das Haus des Diebes und über das Haus dessen, der bei meinem Namen falsch schwört. Und er soll in dem Haus bleiben und soll’s verzehren samt seinem Holz und seinen Steinen.

 Ich verstehe nicht wirklich. Eine überdimensionale Schriftrolle fliegt durch den Himmel. Nicht geworfen. Sie fliegt. Was auf der Schriftrolle steht, kann ich nur aus dem Zusammenhang vermuten. Es müssen Worte sein, die den Diebstahl und den Meineid ächten. Das könnte auf die Gebote hinweisen.

 Das Gebot ist da, vom Himmel her. Aber hier ist es nicht Wort, das leitet, sondern Wort, das richtet. Da kommt einer – mit den Anklagen dieser Schriftrolle! Und er kommt als Richter. Und es werden eine Menge Gründe angedeutet, die sein Kommen zum Gericht rechtfertigen – Diebstahl, falsche Eide, zuerst. Aber sie sind wohl nur die Spitze des Eisberges. Die Schrift an der Wand fällt mir ein – gezählt, gewogen und zu leicht befunden (Daniel 5). Aber ob es das ist? Nur so viel scheint mir deutlich, dass es keine freundliche, keine tröstliche Vision ist, sondern eher eine, die Furcht auslöst.

5 Und der Engel, der mit mir redete, trat hervor und sprach zu mir: Hebe deine Augen auf und sieh! Was kommt da hervor? 6 Und ich sprach: Was ist das? Er aber sprach: Das ist eine Tonne, die da hervorkommt – und sprach weiter: Das ist die Sünde im ganzen Lande. 7 Und siehe, es hob sich der Deckel aus Blei und da war eine Frau, die saß in der Tonne. 8 Er aber sprach: Das ist die Gottlosigkeit. Und er stieß sie in die Tonne und warf den Deckel aus Blei oben auf die Öffnung. 9 Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, zwei Frauen traten heran und hatten Flügel, die der Wind trieb – es waren aber Flügel wie Storchenflügel -, und sie trugen die Tonne zwischen Erde und Himmel dahin. 10 Und ich sprach zum Engel, der mit mir redete: Wo tragen diese die Tonne hin? 11 Er aber sprach zu mir: Dass ihr ein Tempel gebaut werde im Lande Schinar und sie dort aufgestellt werde.

Das Bild sehe ich. Aber es geht mir wie dem Seher: Ich sehe und verstehe nicht. Das gibt es ja oft, dass man etwas sieht und es nicht zu deuten vermag. Wieder habe ich Einfälle. Die Büchse der Pandora. Die enthält gemäß der griechischen Mythologie alle Übel der Welt. Und als Pandora sie öffnet, wird die ganze Welt versucht. Hier aber öffnet nicht eine Frau die Tonne, sondern sie ist in der Tonne. Einem Getreidegefäß, wie mich der Kommentar belehrt. Und sie ist die Sünde.

 Ich muss nicht nachschauen, um Ideen zu bekommen. Die Frau als Quelle allen Übels, als gestaltgewordene Sünde – das hat eine lange, unheilvolle Auslegungstradition hervor gebracht. Sie wird nicht dadurch besser, dass fromme Leute so etwas bis heute verteidigen. Es gibt eine Furcht vor der Frau, die sich in solche abenteuerlichen Sehweisen verkleidet.

Aber die Botschaft ist hier gerade nicht: Die Frau ist an allem schuld – Eva als Urmutter und alle Frauen nach ihr. Es sind ja auch – merkwürdig genug – zwei Frauen, mit Flügeln, wie Engel (?), die diese Tonne mit der personifizierten Sünde wegtragen. Darauf kommt es an: Die Sünde wird weggetragen. Das Land, gemeint ist sicher Juda, wird gereinigt von der Sünde. Und der Sünde wird ein Haus gebaut, ein Tempel, im Land Schinar.

Dort liegt Babylon. Dort stand schon der Turm, der zum himmel reichen sollte, Symbol menschlichen Größenwahns (1. Mose 11). Jetzt also wieder ein Haus für die Sünde. Ein harsches Urteil ist das über die Tempel in Babylon. Sie sind Sündenhäuser. Im fremden Land, im Elend, ist die Sünde zu Hause. Aber hier, in Juda ist ihr Platz nicht länger.

Das ist am Ende, ohne dass es gesagt wird, ein Hoffnungsstreifen am düsteren Horizont. Wo die Sünde weggetragen wird, da gibt es wieder Zukunft, wieder Hoffnung auf das Heil. Mir geht das Bild von großen Versöhnungstag, Yom Kippur, durch den Sinn. Da wird die Sünde hinausgetragen aus der Stadt, damit wieder Heil werden kann. Und mir geht der Satz nach, der sich darauf bezieht: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ (Hebräer 13, 12-13)

Ob das weit her geholt ist? Aber Bilder wollen doch Assoziationen frei setzen. Sie wollen Hoffnungen in uns auslösen. Und ich finde es gut, dass diese düstere Vision der Schriftrolle nicht alles ist und dass sich mit der so seltsamen Vision von der Frau in der Tonne doch Hoffnungen verbinden lassen

Heiliger Gott                                                                                                                            wie klein sind meine Hoffnungen geworden                                                                         Dass ich einigermaßen ordentlich lebe                                                                                    nicht schuldig werde                                                                                                              nicht Böses tue                                                                                                                Menschen das Leben nicht eng mache.

Wie groß ist das Bild                                                                                                           das Sacharja sieht                                                                                                                Das Land ist frei von Sünde                                                                                                  Sie ist weggetragen                                                                                                             Ein Land als sündloser Raum                                                                                                 Ist das nur ein schöner Traum?

Herr                                                                                                                                      lass mich darum beten                                                                                                            und lass mich dafür arbeiten                                                                                                     – und schicke Du Deine Engel                                                                                              die das Land befreien von der Last der Sünde. Amen