Fragen über Fragen

Sacharja 4, 1 – 14

 1 Und der Engel, der mit mir redete, weckte mich abermals auf, wie man vom Schlaf erweckt wird, 2 und sprach zu mir: Was siehst du? Ich aber sprach: Ich sehe, und siehe, da steht ein Leuchter, ganz aus Gold, mit einer Schale oben darauf, auf der sieben Lampen sind und sieben Schnauzen an jeder Lampe, 3 und zwei Ölbäume dabei, einer zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken.

 Kein Traumgesicht. Sacharja ist geweckt. Ist es also Erinnerung, was er sieht, und es müsste in Wahrheit heißen: Was hast Du im Schlaf gesehen? Es kann aber auch so sein – das Bild erscheint vor den Augen des aufgeweckten Sacharja. Er sieht Kult-Gegenstände. Ein Leuchter, eine Schale, sieben Lampen, zwei Ölbäume. Das ist Ausstattung de Tempels. Meine Vermutung: Es ist eine Eingangs-Situation – ob am Tempel, ob zum Himmel, das ist unklar. Aber es geht um Zugang,wie auch immer.

 4 Und ich hob an und sprach zu dem Engel, der mit mir redete: Mein Herr, was ist das? 5 Und der Engel, der mit mir redete, antwortete und sprach zu mir: Weißt du nicht, was das ist? Ich aber sprach: Nein, mein Herr.

 Mit meinen unsicheren Fragen bin ich in guter Gesellschaft. Sacharja weiß auch nicht zu deuten, was er da sieht. Er ist auf den Engel angewiesen. Das ist wohl oft so: Ohne Engel, ohne die Boten aus der Wirklichkeit Gottes, sind wir aufgeschmissen. Wir sehen nur, was vor Augen ist. Wir sehen nicht die tiefere Wirklichkeit, des Himmels, Gottes. Wenn man so will: wir Menschen sind von Natur aus oberflächlich und nicht tiefgründig. Auch wir Deutschen mit unserem Hang zum Tiefsinn nicht.

 6 Und er antwortete und sprach zu mir: Das ist das Wort des HERRN an Serubbabel: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. 7 Wer bist du, du großer Berg, der du doch vor Serubbabel zur Ebene werden musst? Er wird hervorholen den Schlussstein, sodass man rufen wird: Glück zu! Glück zu! 8 Und es geschah zu mir das Wort des HERRN: 9 Die Hände Serubbabels haben dies Haus gegründet, seine Hände sollen’s auch vollenden, damit ihr erkennt, dass mich der HERR Zebaoth zu euch gesandt hat. 10 Denn wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein in Serubbabels Hand.

 Das ist keine Erklärung des Gesichts von den Ölbäumen. Es ist ein Heilswort über Serubabbel. Es könnte gut auch ohne das vorher erzählte Gesicht stehen. Serubabbel ist am Wiederaufbau des Tempel maßgeblich beteiligt. Ein Hoffnungsträger der Zurückgekehrten. Das Wort an ihn entlastet: Es ist nicht seine Kraft, die das Werk des Wiederaufbaus des Tempels vorwärts bringen muss. Es ist nicht seine Kraft, die die Widerstände, die sich wie ein hoher Berg auftürmen, zur Seite schaffen muss. Es ist, weil es um Gottes Tempel geht, Gottes eigenstes Werk und sein Geist wird das Werk vorwärts treiben.

 So wie Serubabbel den Bau angefangen hat, so wird er ihn auch zu Ende bringen. Aus Esra haben wir eine Ahnung von den Widerständen, die es zu überwinden galt. Hier wird dem „Bauleiter“ der Rücken gestärkt. In den Augen Gottes ist der Bau schon fertig. Es ist wie so oft in biblischen Texten: Die Zukunft ist von Gott her schon in Kraft gesetzt – die Menschen müsse nur noch nachkommen.

Alle Skeptiker werden zum Schweigen kommen. Im Haus der Stille bei Greifenstein in Hessen, das vor 20 Jahren seine Arbeit aufgenommen hat und sie nächstes Jahr beenden wird, liegt ein Stein von der Einweihungsfeier 1993 mit diesem Wort: Wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein. Es gab eine Menge Skeptiker, die dieses Haus für überflüssig, ja für eine Totgeburt gehalten haben. Wenn die Arbeit jetzt – nach nur zwanzig Jahren – eingestellt werden wird, haben sie dennoch nicht Recht behalten. Da ist eine Segensgeschichte, die Segens-Spuren im Leben vieler Menschen hinterlassen, sogar im Leben der Kirche, die dieses Haus nie ganz zu ihrem Haus machen wollte. Der Schlussstein wird keine vertane Zeit markieren, sondern einen Segensweg.

 Jene sieben sind des HERRN Augen, die alle Lande durchziehen.

 Als hätte er es vergessen über den Segenswort an Serubabbel, kommt Sacharja auf die sieben Augen des Steines zurück. Sie sind ein Bildwort für die Gegenwart Gottes. Die Augen des Herrn sind überall. Das ist nicht die Frühform des Überwachungsstaates, auch wenn das Bild von den Augen wohl auch auf persische und andere Geheimdienste der Zeit damals angewendet worden ist. So gesehen gilt: Die neuzeitliche Überwachung ist nicht sonderlich originell, auch wenn sie technisch hochgerüstet wie nie ist.

 Die Augen Gottes aber sind zum Heil auf die Menschen gerichtet. „Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“ (1. Mose 16,13) So staunt Hagar, als Gott sie in der Wüste findet und rettet.

 „Deine Augen sahen mich,                                                                                                    als ich noch nicht bereitet war,                                                                                           und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,                                                                   die noch werden sollten und von denen keiner da war.“              Psalm 139,16

 Ein großes Staunen erfasst den Beter. Ich bin ein angesehener Mensch. Nicht ein überwachter. Gottes Reich ist kein Überwachungsstaat wider Willen. Es ist das Reich, in dem alles offen zu Tage liegen kann, weil es die Augen voller Barmherzigkeit sind, die auf die Menschen schauen.

 Die Augen leuchten voller Gnade                                                                                         in alles Dunkel, alles Leid                                                                                                    Sein Trösten heilet allen Schaden                                                                                     kommt auch in deine Einsamkeit.                                                                                      Wie groß auch deine Angst und Pein                                                                                   Gott lässt dich nimmermehr allein.                             Hanna Hümmer 1960

 11 Und ich hob an und sprach zu ihm: Was sind die zwei Ölbäume zur Rechten und zur Linken des Leuchters? 12 Und ich sprach weiter zu ihm: Was sind die beiden Zweige der Ölbäume bei den zwei goldenen Röhren, aus denen das goldene Öl herabfließt? 13 Und er sprach zu mir: Weißt du nicht, was sie sind? Ich aber sprach: Nein, mein Herr. 14 Und er sprach: Es sind die zwei Gesalbten, die vor dem Herrscher aller Lande stehen.

 Der Seher kehrt zurück zu seinem Gesicht. Es lässt ihm keine Ruhe. Er will verstehen. Darum fragt er. Es ist gut, dass biblische Texte das Fragen nie unterdrücken. Auch nie diffamieren. Es ist in Ordnung, wenn wir die Wirklichkeit Gottes nicht begreifen. Aber wir sollen uns mit unserem Nicht-Begreifen nicht abfinden. Wir sollen fragen lernen. Sacharja ist ein Vorbild in diesem Fragen lernen.

 Was es mit dem Fragen auf sich hat, wird schön an eine Liedtext von Gerhard Schöne sichtbar, den ich aber nur in knappstem Auszug hier aufnehme.

…..  Worauf können Sie jetzt sofort verzichten?
Was ist Ihnen vielleicht heilig?
Würden Sie gern mit Ihrem Enkel tauschen?
Wie heißt Ihre kleine Hoffnung?
Würden Sie gern Ihren Lebenslauf
an ein paar Stellen korrigier`n?
Konnte ich mit einer Frage
irgendeinen wunden Punkt berühr`n?

Fragen, Fragen, Fragen …
Wo sitzt das Unbehagen?
Geht’s schon um Kopf und Kragen?
Fragen, Fragen.                                        Gerhard Schöne CD Lieder 1993

Antworten sind nicht immer so, dass alles geklärt ist. Sie sind oftmals so, das sich neu Fragen stellen. So auch hier: Es sind die zwei Gesalbten, die vor dem Herrscher aller Lande stehen.Nur so viel ist klar: Die Ölbäume stehen für zwei Personen. Aber wer diese beiden sind, darüber lässt sich trefflich streiten oder rätseln. Es gibt die Deutung auf Jeschua und Serubabbel. Aber diese Deutung überzeugt nicht – mich nicht. Es gibt die andere Deutung auf zwei nicht näher benannte und deshalb auch nicht bekannte „Ölsöhne“. Sie sind „gleicher Macht und gleicher Ehren“, aber wer sie sind, wissen wir nicht.

Mir geht die Bitte der Zebedaiten durch den Sinn: „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“(Markus 10,37) Diese Bitte wird ihnen abgeschlagen: Das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater.“(Matthäus 20,23) Es mag so sein, dass es Geheimnisse gibt, die sich uns erst entschlüsseln, wenn Gottes Zeit dafür da ist. Bis dahin müssen wir uns manchmal eingestehen, zusammen mit Sacharja, auch auf die Frage hin: Weißt du nicht, was sie sind? Ich aber sprach: Nein, mein Herr.

Es kommt die Zeit                                                                                                                     in der die Träume sich enthüllen                                                                                               in der Deine Wirklichkeit                                                                                                           mein Gott                                                                                                                              hell und klar sein wird                                                                                                                in der die Fragen überholt sind                                                                                                in der wir Dich sehen werden                                                                                                wie Du bist                                                                                                                           und die Wege unseres Lebens                                                                                               wie Du sie siehst – mit Augen voller Gnade

Ich danke Dir                                                                                                                         dass ich dieser Zeit hoffnungsvoll entgegen warten darf                                                   und es bis dahin aushalten kann                                                                                         mir und Dir einzugestehen                                                                                                   Ich habe tausend Fragen. Amen