Die Grenzen der Macht

Sacharja 2, 1 – 9

 1 Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, da waren vier Hörner.

 Wieder sieht Sacharja. Er muss dafür seine Augen aufheben, öffnen. Wohl auch wegschauen von dem, was er immer vor Augen hat, um mehr sehen zu können. Vier Hörner sieht er. Die nachfolgende Frage zeigt, dass es auch ihm nicht sofort klar ist, was diese Hörner bedeuten.

 2 Und ich sprach zu dem Engel, der mit mir redete: Wer sind diese? Er sprach zu mir: Es sind die Hörner, die Juda, das ist Israel, und Jerusalem zerstreut haben.

Der Kommentar hilft mir verstehen: Hörner stehen für Macht. „Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, ist für sie wie das Horn des Wildstiers.“(4. Mose 23, 22) So kann Gott beschriiben werden in seiner schützenden Macht. Häufig aber beschreibt es die Mächte, die gegen Israel stehen. „Als ich aber auf die Hörner Acht gab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.“(Daniel 7,8) In Sacharjas Gesicht geht es um die, die Jerusalem zerstört haben und deren Macht sich über Juda ausgetobt hat, um die Babylonier. Wie Stierhörner waren sie.

 3 Und der HERR zeigte mir vier Schmiede. 4 Da sprach ich: Was wollen die machen? Er sprach: Jene sind die Hörner, die Juda so zerstreut haben, dass niemand sein Haupt hat erheben können; diese aber sind gekommen, jene abzuschrecken und die Hörner der Völker abzuschlagen, die ihr Horn gegen das Land Juda erhoben haben, um es zu zerstreuen.

 Die Hörner wachsen nicht bis in den Himmel so wenig wie Bäume bis in den Himmel wachsen. Es kommen Schmiede, die die Hörner abschlagen. Das ist der Lauf der Geschichte. Diesmal ist es gut für Jerusalem. Die Macht der Babylonier wird gebrochen. Man könnte auf die Idee kommen: Es ist eine Strafe für das unverhältnismäßige Maß ihrer Vernichtung, für ihren Übermut gegenüber Jerusalem.

Dass der HERR die Schmiede zeigt, ist wohl indirekt der Hinweis: Er ruft sie sie an ihr Werk. Der HERR ist doch Herr der Geschichte und nicht ein ohnmächtiges Berg-Göttlein auf dem Zion. Für ein Volk, das gerade 70 Jahre lang ausgeliefert war an die Weltmacht, das gezweifelt hat an der Macht seines Gottes und oft genug wohl verzweifelt war im Blick auf die eigene Zukunft, ist das eine gute Botschaft.

5 Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, ein Mann hatte eine Messschnur in der Hand. 6 Und ich sprach: Wo gehst du hin? Er sprach zu mir: Jerusalem auszumessen und zu sehen, wie lang und breit es werden soll.

 Wieder sieht Sacharja, weiter, als er eigentlich sehen kann. Ein Mann hatte eine Messschnur in der Hand. Das könnte auch ein Gerichtsbild sein. Aber hier ist es offensichtlich das Gegenteil. Es ist ein Bild dafür, dass Jerusalem wieder Maß gewinnt, wieder eine Stadt wird, die eine eigene Ausdehnung hat. Das Bild löst bei mir Erinnerung aus an die Berichte im Nehemia-Buch, die erzählen, wie Nehemia sorgfältig den Wiederaufbau vorbereitet, Pläne macht, Maß nimmt.

 7 Und siehe, der Engel, der mit mir redete, stand da, und ein anderer Engel ging heraus ihm entgegen 8 und sprach zu ihm: Lauf hin und sage diesem jungen Mann: Jerusalem soll ohne Mauern bewohnt werden wegen der großen Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein wird. 9 Doch ich will, spricht der HERR, eine feurige Mauer rings um sie her sein und will mich herrlich darin erweisen.

Eine offene Stadt wird Jerusalem sein. Weil es anders den Zustrom, die große Menge der Menschen und des Viehs, gar nicht bewältigen kann. Eine Mauer um die Stadt wäre nur Einengung. Nur ein Zugeständnis an ein Sicherheitsbedürfnis, das doch zu kurz greift. Mehr noch, das sich als überflüssig erweist. Gott selbst wird eine feurige Mauer rings um sie her sein. Gott selbst übernimmt den Schutz der Stadt, den sonst Mauern zu leisten haben, Wächter zu leisten haben.

Es ist ein Anknüpfen an alte Grundüberzeugungen in Israel, an alte Bilder, die nie ihre Anziehungskraft verloren haben.

„Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,                                                                               eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.                                              Darum fürchten wir uns nicht,                                                                                         wenngleich die Welt unterginge                                                                                          und die Berge mitten ins Meer sänken,                                                                           wenngleich das Meer wütete und wallte                                                                               und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.                                                            Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben                                                                   mit ihren Brünnlein,                                                                                                                da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.                                                                 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben;                                                              Gott hilft ihr früh am Morgen.                                Psalm 46, 2 – 6

 „Jahwes Herrlichkeit wird nicht nur im Tempel, sondern in der Stadt gegenwärtig sein. Damit ist in Aufnahme alter Zionstradtionen die auch noch in dieser Zeit lebendig sind, eine Zeit der Heilsvollendung angekündigt.“ (H.Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 47) Weil Gott da ist, können Menschen darauf verzichten, sich selbst sichern zu müssen, werden sogar Stadtmauern überflüssig. Ich lese darin keine Kritik am Bau-Programm des Nehemia. Aber der Blick des Sacharja geht weiter als Nehemia, persischer Beamter jüdischer Herkunft und Real-Politiker in seiner Zeit, zu schauen vermag.

 Noch einmal weiter wird das Gesicht des Sacharja im Neuen Testament ausgesponnen: „Und der mit mir redete, hatte einen Messstab, ein goldenes Rohr, um die Stadt zu messen und ihre Tore und ihre Mauer. Und die Stadt ist viereckig angelegt und ihre Länge ist so groß wie die Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr: zwölftausend Stadien. Die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich. Und er maß ihre Mauer: hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, das der Engel gebrauchte. Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen.“ (Offenbarung 21, 15 – 19) Die Stadt wird vermessen – aber jetzt hat sie Idealmaße – zwölf mal zwölf mal tausend. Besser geht es nicht. Und die Mauer ist nur noch ein Schmuckstück. Es braucht sie nicht mehr, denn der Herr selbst, der ewige Gott ist die Mitte dieser Himmels-Stadt.

 So voll nimmt der Glaube den Mund in dürftiger Zeit. Und weckt Sehnsucht nach der Fülle der Zeit. Damals. Heute.

Mein Gott                                                                                                                                Tag für Tag                                                                                                                          Abend für Abend sehe ich Nachrichten                                                                Schreckensmeldungen                                                                                     Machtdemonstrationen                                                                                                     Stärke wird zur Schau gestellt

Aber ich spüre es                                                                                                                  Da sind Grenzen der Macht                                                                                                   die überspielt werden                                                                                                          verdeckt                                                                                                                           verschleiert

Du bist die Grenze aller Macht und aller Mächtigen                                                             der großen Großmächtigen                                                                                                    die wir sehen                                                                                                                         weil sie uns vorgeführt werden                                                                                           und der kleinen Mächtigen                                                                                                    die im Verborgenen ihr Wesen treiben

Herr                                                                                                                                          ich danke Dir                                                                                                                         dass Du die Grenze aller Macht bist. Amen