Augapfel Gottes

Sacharja 2, 10 – 17

 Auf, auf! Flieht aus dem Lande des Nordens!, spricht der HERR; denn ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der HERR. 11 Auf, Zion, die du wohnst bei der Tochter Babel, entrinne!

 Kein triumphaler Heimweg. Es gibt eine deutliche Differenz zur Vision des Jesaja. „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.“ (Jesaja 40,3-5) Hier, bei Sacharja, klingt es mehr nach Flucht, Entrinnen, Entkommen. Aber es ist, auch als Entrinnen, ein Weg nach vorne. Aus der Knechtschaft. In die Freiheit. Die Knechtschaft in Babylon findet ein Ende. Der HERR ruft in die Freiheit.

 12 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.

 Gleich dreimal heißt es: So spricht der HERR. Er kündigt an und was er ankündigt, geschieht, ist Folge seines Redens. Das ist die Eigenschaft des Prophetenwortes, das Anteil am Wort Gottes hat: Es wirkt, was es ankündigt. Wer ist der Gesandte? Bezieht sich das auf Sacharja? Dann ist es so etwas wie eine Bekräftigung seines Auftrages. Erst recht, wenn die Worte noch nicht vor aller Augen erfüllt sind. Die Völker haben ja immer noch Macht und Einfluss und Israel ist ihnen gegenüber nicht so souverän, wie es sich das wohl alle wünschen möchten.

Aber gerade dann. Was für ein schönes Wort: Israel als der Augapfel Gottes. Wer dieses Volk angreift, greift damit Gott selbst an. Es ist eine Identifikations-Formel, die geradezu atemberaubend ist. Bis heute Menschen provoziert. Wie kann man nur dazu kommen, ein Volk so in die Nähe Gottes zu rücken. Rechtfertigt man damit nicht alles, was dieses Volk tut?

So schwindelerregend ist die Gleichsetzung Israel – Augapfel, dass jüdische Rabbiner davor zurück geschreckt sind. Aber sie findet trotzdem ihre Fortsetzung in Texten des Neuen Testamentes. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10,16) Und in dem großen Gleichnis vom Weltgericht gleich zweimal – positiv und negativ: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40) und später „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“( Matthäus 25,45) Dabei ist jedesmal wichtig: Die Identifikation geht in Sacharja von Gott aus, im Gleichnis Jesu vom König. Es sind nicht die Menschen, die sich vergöttlichen durch solche Identifikation. Es ist Gott, der darin deutlich macht: Was ihr an meinen Menschen tut, das tut ihr mir.

Auf diesem Hintergrund frage ich schon lange: Was haben wir Deutschen getan, als wir Israel angetastet haben, es in die Gasöfen gejagt haben, es der „Endlösung“ zuführen wollten? Wir haben es wohl nicht gewusst oder nicht wissen wollen, dass wir mit dem Volk Gott selbst antasten. So denken wir ja nicht mehr, heutzutage. Aber Christen dürften das nicht aus den Augen verlieren: Wer Gottes Leute antastet, gleichgültig, aus welchem Volk, der tastet Gott selbst an.

Und: Hat Luther Anteil an diesen Übergriffen, weil er allzu rasch und geradlinig ein Wort über Israel auf uns als Christen übertragen hat: „Das ist eine teure Verheißung zu trefflichen Trost und Trutz der Christen gegen ihre Verfolger, dass sie wissen, dass es ihm so nahe geht und er so hart sich unseres Leidens annimmt. Dass es ihm bedeutet, seinen Augapfel anzugreifen und er es so wenig ertragen kann, dass man ihm seinen Augapfel antaste.“ (M. Luther, Schriften 28. Bd., S. 150b zit. nach: Luther Brevier, Weimar 2007, S. 150) Diese eilige und einfache Übertragung des Prophetenwortes auf die Kirche der eigenen Zeit mutet mich fast wie eine Einteignung Israels an. Mit verhängnisvollen Folgen.

13 Denn siehe, ich will meine Hand über sie schwingen, dass sie eine Beute derer werden sollen, die ihnen haben dienen müssen. – Und ihr sollt erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat.

 Das wird zur Umkehrung der Verhältnisse führen: Herren werden Knechte und Knechte werden Herren. Die Sieger von früher werden die Verlierer von heute. Oft genug ist das so in der Geschichte. Aber genauso oft ist es auch nur eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt. Ich hoffe auf die Zeit, in der niemand mehr eines anderen Beute ist, in der es keine Sieger und keine Besiegten mehr gibt. In der das Schema von oben und unten überholt ist.

 Ich hoffe auf die Zeit, in der wir erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat. Und wieder ist da die Frage: Wer ist hier ich? Ist es Sacharja? Dann ginge es um seine Legitimation als Prophet. Oder wird das Ich erst durch einen ganz anderen, ganz anders erfüllt? So glaube ich ja, über das Buch Sacharja und das Alte Testament hinaus. Diese Worte drängen auf Jesus zu.

 14 Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR. 15 Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. –

 Jetzt kommt ein scharfer Sicht-Wechsel. Ist eben noch der Blick nach Babel gerichtet, auf die, die dem Exil entrinnen, so ist jetzt die Stadt Jerusalem im Blick. Die Tochter Zion. Es ist eine Redeform, wie sie auch Jesaja hat. „Schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene! Mach dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion!“ (Jesaja 50,2) Die Stadt wird zur Person. Aus Jerusalem wird die Tochter Zion. Das ist in der Antike eine geläufige Redeweise, auch bei Griechen und Römern.

Diese Stadt, deren Trümmer Sacharja doch noch vor Augen hat, hat Grund zur Freude. Aus einem einzigen Grund. Gott selbst macht sich auf den Weg zu ihr. Ich will bei dir wohnen sagt Gott. Darum wird sie zur Freude gerufen. Die alte Zions-Theologie wird wieder hervor geholt. Sie ist mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels nicht einfach obsolet geworden. Sie kann neu ausgesagt werden – aber sie kann es nur, wenn und weil es zu einem neuen Verhältnis zu Gott, zu einem neuen Gehorsam gegen Gott kommt.

 Das ist ja die große Frage, die sich hier stellt. Werden nur alte Träume neu formuliert, weil Menschen nicht ohne solche Träume leben können? Aber der Traum von der Stadt, in der Gott wohnt und die deshalb unangreifbar ist, hatte ja zu einer falschen Sicherheit geführt. Er war zur Ideologie geworden und musste in der Katastrophe 586 zerbrechen.

 Wenn jetzt die alte Zions-Theologie wieder so in Worte gefasst wird – ist das ein Rückfall in alte Zeiten oder das Ergebnis eines geistlichen Lernweges? Neu ist: Jerusalem ist nicht mehr nur die Stadt Israels, es wird die Stadt, in der viele Völker sich zum HERRN wenden und sie sollen mein Volk sein. Jerusalem den Juden – das ist mit Sacharja nicht zu machen! So wird die Zions-Theologie ganz neu gefasst.

 Das ist die Erwartung, die sich ja auch bei Micha und Jesaja schon findet, lange vor Sacharja, im Bild von der Völkerwallfahrt zum Zion. „In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Micha 4, 1-2/Jesaja 2, 2-3) Wir buchstabieren bis heute an dieser Weite der alten Propheten ziemlich engstirnig herum.

 Gleich mehrfach habe ich zu den Versen 2,13 und 2,15 die Frage gestellt: Wer ist der Gesandte? Es ist klar: Kein Bote der Perser: Einer, von Gott gesandt. Wer der Gesandte wirklich ist, wird erkannt, so lese ich, wenn Gott bei den Menschen wohnt, wenn sie seine Völker geworden sind.

 Aber weil diese Sätze so merkwürdig in der Schwebe bleiben, irgendwie unbestimmt, deshalb ist es kein Wunder, dass Sacharja von den ersten Christen so auf Jesus hin gelesen worden ist. Das wird sich ja auch an anderen Stellen noch zeigen. Ein Lesen über die historische Zeit um 520 hinaus und eine Auslegung, die nicht nur auf die Historie schaut, hat viel für sich.

 16 Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. 17 Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

 Diese Stadt der Völker wird sich Gott zum Erbteil erwählen. Kein Exklusiv-Recht mehr für Juden auf ihren Gott und seine Stadt. Wenn man manche Passagen aus Nehemia und Esra neben diese Worte hält – Auflösung der Mischehen, die schroffe Scheidung zu den Samaritanern -, dann ahnt man etwas von dem erbitterten Ringen in Israel, in Jerusalem, um einen Weg nach dem Exil. Ist die große Scheidung angesagt, die Abgrenzung, um die eigene Identität zu wahren? Oder können wir es uns leisten zu sagen: Wir sind Gottes Volk. Er wohnt doch bei uns – das genügt.

 Und wie durchsichtig ist das alles auf die Situation in Israel, in Jerusalem, wie sie sich heute darstellt. Es will mir scheinen, als würden die alten Kämpfe zwischen Esra, Nehemia, Sacharja, Micha und Jesaja heute wieder ausgetragen: Enge oder Weite? Exklusivität oder angst-freier Umgang mit alten Feinden?

 Unser Textabschnitt hat Langzeitfolgen in das Neue Testament hinein. „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“(Offenbarung 21,3). „Ein Volk aus vielen Völkern“ verdeutlicht die Neue Genfer Übersetzung. So wie es hier bei Sacharja ja auch schon anklingt. Und da wird dann auch alles Fleisch stille sein vor dem HERRN, weil es zur Ruhe kommt, da, wo Gott wohnt.

Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN – wie anders klingt diese Aufforderung gegenüber der früheren Klage im Sacharja-Buch: „Alle Lande liegen ruhig und still.“(1,11) Die trostlose Klage wandelt sich in ein getrostes Schweigen. Gott hat sich erbarmt. Gott wird sich erbarmen. Darum ist die Zeit des Klagens begrenzt und eines Tages vorbei.

 Es liest sich wie ein Kommentar zum ganzen Abschnitt, was Paul Gerhardt in dürftiger Zeit getextet hat.

 Das schreib dir in dein Herze, Du hochbetrübtes Heer,
Bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr.
Seid unverzagt! Ihr habet die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.

Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,
Wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht;
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb‘ und Lust,
All‘ Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewußt.                 Paul Gerhardt 1653

Herr Jesus                                                                                                                               Du bist der Kommende                                                                                                        Dir warte ich entgegen                                                                                                             Auf Dich richtet sich meine Sehnsucht

Hilf Du mir                                                                                                                           dass ich diese Zeit des Wartens nicht vertue                                                                   dass ich in ihr nicht Liebe schuldig bleibe                                                                          dass ich Not wende                                                                                                               dass ich helfe                                                                                                                        wie es in meinen Kräften steht

Gib mir                                                                                                                                dass ich mit jedem Menschen umgehe in den Wissen                                                         Er ist Dir kostbar                                                                                                                Dein Augapfel. Amen