Einen neuen Weg suchen

Sacharja 1, 1 – 6

 Im achten Monat des zweiten Jahrs des Königs Darius geschah das Wort des HERRN zu Sacharja, dem Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos, dem Propheten:

 Das Buch beginnt mit einer konkreten Zeitangabe. Das Wort des HERRN geschieht im Jahr 520. Darauf weist die synchronistische Datierung anhand der Reigerungszeit des Darius, die unseren Kalender ersetzt. Es geschah heißt es. Das wird oft von Prophetenworten gesagt, nicht nur hier. Sie geschehen. Warum heißt es nicht: und der Herr sprach? Es könnte daran liegen, dass es um mehr geht als um einen Hörvorgang. Wenn Worte geschehen, dann ist das mehrdimensional. Nicht nur Hören, sondern auch Sehen, Fühlen, Riechen, hinein gezogen Werden.

 Sacharja ist nicht der einzige Prophet in dieser Zeit. Haggai ist sein Zeitgenosse. Mir fällt auf: Er wird ausdrücklich als Prophet bezeichnet. Das ist seine Berufung, wohl nicht sein Beruf. Denn der Tempel, an dem Berufspropheten aktiv sind, ist ja noch nicht wieder aufgebaut. Sacharja trägt einen Namen, der wie ein Programm ist. Er ist die Kurzform von „Sacharjahu – Jahwe hat gedacht“. (H. Graf Reventlow, Die Propheten Haggai, Sacharja, Maleachi, ATD 25,2; Göttingen 1993. S. 32) Darum wird es in diesem Buch ja gehen, darum geht es ständig in Israel, dass der Herr gedenkt, dass er gedacht hat, das er nicht wegschaut, sondern hinschaut.

 2 Der HERR ist zornig gewesen über eure Väter.

 Was Gott gesehen hat bei seinem Hinschauen, was er wahr genommen hat bei seinem Gedenken, wird in dem einen Satz lapidar zusammengefasst. Und die Reaktion Gottes: er ist zornig gewesen. Das ist Urteil nicht nur über einige, sondern über die Väter, gilt also von den Anfängen an.So sieht es lange vor Sacharja schon Hosea: „Er wird Jakob heimsuchen nach seinem Wandel und ihm vergelten nach seinem Tun. Er hat schon im Mutterleibe seinen Bruder betrogen und im Mannesalter mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, er weinte und bat ihn. Dann hat er ihn zu Bethel gefunden und dort mit ihm geredet – der HERR ist der Gott Zebaoth, HERR ist sein Name -.“(Hosea 12,3-6) Es ist Israels Art von den Väter Tagen her, dass es den Weg des Herrn verlässt. Darum ist der Zorn Gottes auch berechtigt. Und Gott hat Israel nur die Folge seines Tuns schmecken lassen.

 3 Aber sprich zum Volk: So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt euch zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth.

 Aber steht da. Es muss nicht zwangsläufig so weiter gehen. Das Volk ist nicht auf Gleise gestellt, die keinen anderen Weg erlauben. Es ist nicht auf einer Bahn, von der es kein Abweichen gibt. Sie sind nicht naturgemäß die Unverbesserlichen. Das Aber signalisiert einen Neueinsatz Gottes. Und er sucht mit seinem Neueinsatz den neuen Anfang des Volkes.

 Es gibt eine – vorexilische – Prophetie, die nur noch Gericht ankündigen kann. Der Ruf zur Umkehr ist verstummt, weil er sich abgenützt hatte, ungehört blieb und es nun dem Gericht entgegen drängt. Jeremia ist über weite Strecken so ein Prophet. Ihm wird sogar die Fürbitte für das Volk untersagt. „Du sollst für dies Volk nicht bitten und sollst für sie weder Klage noch Gebet vorbringen, sie auch nicht vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören.“(Jeremia 7,16)

 Dem gegenüber steht die Botschaft an Sacharja. Er darf wieder zur Umkehr rufen. Er darf es, weil Gott sich nicht endgültig vom seinem Volk abgekehrt hat, sondern sich ihm wieder neu zugekehrt hat. Die Botschaft des Sacharja, sein ruf zur Umkehr erfolgt ja nach der Rückkehr aus dem Exil. Gott hat längst den ersten Schritt getan. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich das Volk ihm neu zukehrt.

 4 Seid nicht wie eure Väter, denen die früheren Propheten predigten und sprachen: »So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt um von euren bösen Wegen und von eurem bösen Tun!«, aber sie gehorchten nicht und achteten nicht auf mich, spricht der HERR.

 Der Ruf zur Umkehr ist ein Ruf weg von den Wegen der Väter. Es gibt ein Denken über den Glauben, das Glauben nur als Traditionstreue verstehen kann. Da gelten dann die immer gleichen Regeln, Riten, Gottesdienst-Formen und wer davon abweicht ist angeblich ein Zerstörer des Glaubens. Hier wird es sehr eindrücklich ausdrücklich gesagt: Verlasst den Weg der Väter. Macht sie nicht nach. Es ist nicht alles schon deshalb gut, weil es die Väter (und Mütter!) so gemacht haben.

Sie haben die früheren Propheten gehört und ihnen nicht gehorcht. Und weil sie ihnen nicht gehorcht haben, haben sie ihn nicht geachtet, der sie dich gesandt hatte, den Herrn. Die gleiche Denke steht hinter den Worten Jesu, wenn er positiv sagt: „Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Johannes 13,20). Das gilt dann aber auch umgekehrt. Wer die Boten nicht hört, lehnt den ab, der sie gesandt hat.

 5 Wo sind nun eure Väter? Und die Propheten, leben sie noch?

 Ein Zwischenruf, an dem viel herum gerätselt wird. Und doch scheint es mir klar zu sein. Es ist die Erinnerung: Mögen jene tot sein – die Väter wie die Propheten – heute ist der Tag, an dem ihr hören könnt. Und ihr lebt. Euch wird mit diesem Ruf der Weg zur Umkehr geöffnet, den sie nicht gefunden haben.

6 Aber haben nicht meine Worte und meine Gebote, die ich durch meine Knechte, die Propheten, gab, eure Väter getroffen, dass sie haben umkehren müssen und sagen: »Wie der HERR Zebaoth vorhatte, uns zu tun nach unsern Wegen und Taten, so hat er uns auch getan«?

 Daran schließt ja ganz logisch dieses überführende Wort an. Haben es die Väter – und diesmal ist nicht die ganze Kette der Generationen gemeint, sondern die Generation, die den Fall Jerusalems und das Exil erlebt hat – haben sie nicht erlebt, dass die Worte der Propheten sich erfüllt haben? Sie haben doch erlebt, dass Gottes Drohungen nicht leeres Stroh sind, dass Gott nicht am Ende doch wieder klein beigibt und der liebe Gott ist. Sie haben erlebt, dass ihr Verhalten den Zorn Gottes nicht nur erregt hat, sondern das sie ihn haben spüren und tragen müssen. Was wir den Tun-Ergehen-Zusammenhang nennen, unser Zeit gern als „Ursache-Wirkung“ beschreibt, das ist im Fall und im Exil manifest geworden.

 Gott hat seine Wort erfüllt, auch im Gericht. Gilt es nicht umso mehr, dem Ruf zur Umkehr jetzt zu trauen, weil Gott auch dieses Wort erfüllen wird. Kehrt euch zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth. Es ist ein herzliches Werben um Vertrauen, das Sacharja hier aufgetragen ist.

Herr Gott                                                                                                                                 Du willst unseren Gehorsam heute                                                                                         unseren Glauben heute                                                                                                        unsere Treue heute

Darum fängst Du mit jeder Generation neu an                                                                      Keine Generation vor uns ist Dir näher als wir                                                                     Und wir sind nicht festgelegt darauf  die alten Wegen immer neu nachzuahmen

Du rufst uns auf den Weg des Glaubens unter den Bedingungen unserer Zeit                     Gib uns                                                                                                                                 dass wir Deinem Ruf folgen. Amen