Angesehen – erkannt

Johannes 1, 43 – 51

43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.

 Wieder wird einer, Philippus, gefunden, unterwegs, auf dem Weg nach Galiläa, wie zufällig. Aber das Finden Jesu ist kein Zufall. Das zeigt sich an dem Ruf: Folge mir nach! Bei Markus heißt es: Und er rief zu sich, welche er wollte.“(Markus 3,13) Das steckt hinter dem Finden Jesu: Er hat Philippus gewollt.

45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!

Das Gefunden werden löst neues Finden aus. Jetzt ist es Philippus, der Nathanael findet. Und wie zuvor Andreas wird auch Philippus zum Zeugen Jesu. Nicht so knapp wie Andreas, nicht mit einem Hohheits-Titel, nicht: Der Christus. Es ist ein wenig umständlich, wie Philippus redet. Und doch trifft sein Zeugnis eine Grundüberzeugung der ersten Gemeinde. Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben. Das glaubt ja die Christenheit: Mose und die Propheten weisen hin auf ihn, auf Jesus. Er ist es, von dem sie immerzu reden.

Er kommt aus Nazareth, einem Kaff in Galiläa. „Dass Nazareth in einem schlechten Ruf gestanden habe, ist unnötig zu vermuten; es genügt, dass es ein unbedeutendes Dorf war.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 73) Nathanael ist darüber irritiert. Der Verheißene Gottes kommt doch nicht aus so einem Nest. Nichts spricht für Nazareth als Herkunftsort. „Angesehen – erkannt“ weiterlesen

Kommen und Sehen

Johannes 1, 35 – 42

 35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

 Ein neuer Tag, aber die gleiche Botschaft. Johannes hat an dem nächsten Tag nichts anderes zu sagen als am Tag zuvor. Siehe, das ist Gottes Lamm! Wir erfahren ja nicht, wer am ersten Tag die Worte des Johannes gehört hat und welches Gehör sie gefunden haben. Jetzt aber hören zwei Jünger des Johannes (!) und folgen Jesus.

 Dahinter mag historische Erinnerung stehen, dass es Johannes-Jünger gab, die zu Jesus-Jüngern geworden sind. Aber dem Evangelisten liegt nicht an dieser historischen Richtigkeit. Ihm liegt daran zu zeigen, dass das Zeugnis: Siehe, das ist Gottes Lamm! Glauben, Nachfolge auslöst. Seine Leserinnen sollen es hören: Zum Glauben kommt es durch dieses Sagen von Jesus und Zeigen auf Jesus. Anders geht es nicht. Du kannst und musst keinen zum Glauben überreden.

 38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

 Lese ich zu viel: Wo so auf Jesus gezeigt wird, da wendet er sich zu? Wo einer, eine anfängt, den Weg hinter Jesus her zu gehen, da wendet er sich zu. Da sieht er hin. Was sucht ihr? fragt Jesus. Es gehört zur Eigenart Jesu, die auch bei den anderen Evangelisten sichtbar wird, dass er Menschen fragt: Was willst Du? Was erwartest Du? Und hier eben: Was sucht ihr?

τί ζητει̃τε; ist das erste Wort, das Jesus im Evangelium spricht; es ist offenbar die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt, über die er sich klar werden muss.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 70) Solche Fragen sind Hilfen, sich selbst klar zu werden. Und wie wichtig ist das, vor dem Weg in die Nachfolge, für den Weg in die Nachfolge, sich selbst klar zu werden: Was erwarte ich – für mich, von ihm? „Kommen und Sehen“ weiterlesen

Von Anfang an: Für uns. Für die Welt

Johannes 1, 29 – 34

29 Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! 30 Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. 31 Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.

 Manchmal haben Texte Hinweise, die wir leicht überlesen. Gleich zweimal sagt Johannes: „Und ich kannte ihn nicht“! Wer die Texte des Lukas im Ohr hat, wundert sich: Johannes und Jesus sind doch Verwandte! Aber darauf bezieht sich das Wort des Johannes offensichtlich nicht. Selbst wenn er wusste: Das ist Jesus von Nazareth, Sohn der Cousine meiner Mutter: Er kennt ihn nicht.

Das heißt doch: Das natürliche Wissen über die Herkunft Jesu sagt noch nichts über ihn. Johannes kennt – vorläufig gesagt – die Bestimmung Jesu nicht aus eigener Kraft und Weisheit. Was an ihm „dran“ ist, wer er in Wahrheit von Gott her ist, das weiß Johannes nicht aus seiner Bekanntschaft.

 Bei den Synoptikern wird die Taufe Jesu so erzählt: In der Taufe Jesu wird sichtbar, wer er ist – für Jesus selbst. Er hört den Satz vom Himmel her: Du bist mein geliebter Sohn. Im Johannes-Evangelium wird das so nicht erzählt. Wohl aber wird gesagt: Dem Täufer gehen die Augen auf, weil sie ihm geöffnet werden. Das ist kein Zufall – das ist die Absicht, Sinn seiner Sendung. Dazu war Johannes zum Täufer geworden, dass er in der Taufe dieses einen, Jesus, erkennt, wer der ist – und dass er dann auch zu seinem Zeugen wird. „Von Anfang an: Für uns. Für die Welt“ weiterlesen

Welche Freiheit!

Johannes 1, 19 – 28

 19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du?

 Der Täufer Johannes hat im Jordantal Zulauf aus allen Bevölkerungsschichten. Er tauft und predigt. Was am Jordan geschieht, bleibt der Aufmerksamkeit der Religionsbehörde in Jerusalem nicht verborgen. Eine Über-Prüfung wird gestartet. Diese Kommission wird in den Kommentaren leicht negativ registriert. Beispiel: „Die Juden werden werden als obrigkeitliche Behörde vorgestellt, die eine Gesandtschaft von Priestern und Leviten zum Zweck der Inquisition dirigiert.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 36) Aber solche Zeichnungen sagen mehr über das Verhältnis der Exegeten zu Behörden aus als über das, was im Text steht.

 Ich denke, die Jerusalemer, die Juden haben das Recht dazu, ja sogar die Pflicht zu fragen. Was ist da los? Was oder wer steckt hinter Johannes? Welchen Anspruch hat er – an sich selbst und damit auch an uns? Der Erfolg, der Zulauf zu Johannes ist doch noch kein Qualitätsmerkmal in sich, kein Letzt-gültiger Wahrheitsbeweis, auch keine theologisch-geistliche Rechtfertigung. Man kann nicht einfach sagen: Weil alle es toll finden, muss es auch toll sein. Darum kommt eine Kommission, mit Fachleuten zum Thema Taufe/Reinigung, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Wort „martyria“, μαρτυρία im griechischen Text, weist auf den offiziellen Charakter der Gesandtschaft hin. Es ist ein Wort aus der Rechtssprache. Es geht um Zeugnis vor Gericht. das auch vor Gericht Bestand hat. Zeugnis ist nie nur: „ich denke mal“; „Meine Meinung ist….“

 20 Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus.

 Auch bekennen und nicht leugnen sind Worte, die der Gerichtssprache entlehnt sind, und nicht zuvörderst religiöse Vokabeln. Daran erinnern bis heute die schrecklichen „Bekennerschreiben von Terroristen“. Durch sie werden Taten aktenkundig gemacht.

 Johannes stellt sich der Befragung und gibt es, freimütig, zu den Akten: Ich bin nicht der Christus. Also kein Messias, kein Führungsanspruch politisch-religiöser Art. Nicht der Heilsbringer. Könnten die Mitglieder der Fachkommission da nicht beruhigt sein? „Kein Grund zur Aufregung“ nach Jerusalem melden? „Welche Freiheit!“ weiterlesen

Gott – Zum Anschauen

Johannes 1, 14 – 18

 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 Jahr für Jahr steht dieses Wort über Weihnachten. Ich taste an ihm herum, seit vielen Jahren. „Er ist Mensch geworden. Er ist Fleisch geworden; ich sage ein Drittes: Er ist Sünde geworden.“ (H. Bezzel, 1903, zit. nach M. Seitz, Hermann Bezzel, München 960, S. 140) So unfassbar weit geht Bezzel. „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“(2.Korinther 5,21) Trägt Bezzel hier Paulus in das Evangelium des Johannes hinein? Oder sind sich Paulus und Johannes an dieser Stelle ganz nah? Höre ich das, in dieser Tiefe? „Einer wie wir“, sage ich gerne. Das stimmt. Er wird Fleisch, wird einer wie wir. Und bleibt doch ganz anders.

 Es fängt ja schon da an: Das Wort wohnte unter uns. So übersetzt Luther. „Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns.“(Neue Genfer Übersetzung) Da steht im Griechischen εσκήνωσεν. Wörtlich übersetzt: Er schlug sein Zelt auf, zeltete bei uns. Das zeigt Leichtigkeit an, signalisiert Zugänglichkeit. Das gleiche Wort kommt in der Offenbarung vor: „Siehe da, die Hütte Gottes (σκήνη) bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen (σκηνώσει), und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenbarung 21, 3) Gott, der bei seinen Leuten zeltet in seinem Zelt. So nahe, so zugänglich.

 Ob das nicht auch die Herrlichkeit ist, die sie sahen – die, in deren Namen Johannes das Wort nimmt? Die Zeugen. Das macht seine Herrlichkeit aus, dass er der eingeborene Sohn ist, dass er die gestaltgewordene Gnade ist, die Wahrheit, die dem Leben dient und das Leben hält, die Zugänglichkeit Gottes. Eine Herrlichkeit, die ihn nicht entrückt, sondern die Nähe stiftet.

„Normal“ ist es anders. Menschen halten die Herrlichkeit Gottes (Hebräisch: kabod) nicht aus. Sie müssen vergehen. Hier aber, in dem menschgewordenen Gott, können wir sie sehen und aushalten und sie lässt uns leben.

 Diese Herrlichkeit, diese δόξα sehen, führt zum Lob, zur Anbetung, in die Doxologie. Das ist die Wahrheit in diesem so starken Anfang des Evangeliums. Die gleiche Wahrheit lässt Lukas in seinem Anfang des Evangeliums Lied an Lied reihen. „Gott – Zum Anschauen“ weiterlesen

Jesus – das Wort

Johannes 1, 1 – 14

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Es gibt Worte, vor denen stehe ich und schaue sie an. Ich lese sie, zweimal, dreimal, vielfach – und spüre: Zu groß. Das wirst du nie fassen Das übersteigt deine Vernunft so hoch wie der Himmel über der Erde ist.

 Es gibt Worte, die sind gar nicht zum Begreifen da. Sie laden zum staunen ein, zum mitsingen, zur Anbetung. Aber sie wollen, um Himmels willen, nicht in ein theologisches System eingefasst und eingepasst werden.

 Es ist ein Anfang, wie er im Buch steht. Es ist ein Anfang, der singt. Die Exegeten sagen, dass es ein Hymnus ist, den der Evangelist hier zitiert. Ein Loblied, ein Anbetungs-Lied. Das ist wohl die einzig angemessene Sprache, wenn man es mit dem Geheimnis Gottes zu tun bekommt, mit dem Leben, dem Licht, dem Gott, der sich selbst schenkt.

 „Im Anfang war das Wort“: Es gibt die Welt nur, weil Gott sie ins Leben gerufen hat. Das ist keine naturwissenschaftliche Erklärung, wie unsere Kinder sie heute lernen. Es ist eine steile Aussage: Die Welt – und das meint den ganzen riesengroßen, unendlichen Kosmos und nicht nur unseren blauen Planeten – entstammt dem Willen Gottes. „Und Gott sprach – und es geschah“ – so heißt es am Anfang der Bibel. Es ist sicher Absicht, dass es im Anfang des Johannesevangelium so klingt wie im Anfang der Schrift: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ ( 1. Mose 1,1)

 Kann ich das überhaupt richtig hören in dem ungeheuren Anspruch, der in solchen Worten steckt? Dass es die Welt gibt – Gabe Gottes. Dass es Leben gibt – Gabe Gottes. Dass es Tag um Tag weiter geht – Gabe Gottes. Unser Leben hat in ihm seinen Grund. Es hat in ihm seinen Halt und sein Ziel. Keiner von uns kann auch nur einen Atemzug machen, ohne dass Gott ihn darin trägt. Keiner von uns kann auch nur einen Gedanken denken, ohne dass Gott ihn darin hält. Keiner von uns kann auch nur ein Wort sagen, ohne dass Gott ihm nicht die Stimme, die Luft und den Mund dazu gibt. Keiner von uns kann auch nur den geringsten Handgriff tun, ohne dass Gott es ihm ermöglicht. „Jesus – das Wort“ weiterlesen

Der Vorläufer kommt

Maleachi 3, 13 – 24

13 Ihr redet hart gegen mich, spricht der HERR. Ihr aber sprecht: »Was reden wir gegen dich?« 14 Ihr sagt: »Es ist umsonst, dass man Gott dient; und was nützt es, dass wir sein Gebot halten und in Buße einhergehen vor dem HERRN Zebaoth? 15 Darum preisen wir die Verächter; denn die Gottlosen gedeihen, und die Gott versuchen, bleiben bewahrt.«

 Normalerweise geht es anders herum. Wir klagen, dass Gott sich hart gegen uns stellt. Heutzutage sitzt Gott oft auf der Bank des Beklagten. Wenn er überhaupt noch wichtig genommen wird, dann als Angeklagter. „Und sie fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. ER war doch der liebe Gott!“ (Jörg Zink, Die letzten sieben Tage der Schöpfung, 1970). Wie anders hier. Durch das Buch Maleachi zieht sich eine Kette von Anklageworten Gottes. Er klagt an, das Volk sitzt auf der Anklagebank und gerät in Verteidigungsposition.

 Die Anklage Gottes lautet: Ihr sagt, es lohnt sich nicht, Gott zu dienen, sein Gebot zu halten. Und in Sack und Asche gehen bringt es auch nicht.

 Ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                                           als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                                  Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                                                         gesund und feist ist ihr Leib.                                                                                                  Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                                                        und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                                                           Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel.                                                      Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst,                                                                                  sie tun, was ihnen einfällt.                                                                                                      Sie achten alles für nichts und reden böse,                                                                             sie reden und lästern hoch her.                                                                                            Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                                                was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                                                                      Darum fällt ihnen der Pöbel zu                                                                                             und läuft ihnen zu in Haufen wie Wasser.                                                                           Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen?                                                                             Wie sollte der Höchste etwas merken?                                                                         Siehe, das sind die Gottlosen;                                                                                              die sind glücklich in der Welt und werden reich.               Psalm 73, 3 – 12

 Es ist die Anfechtung der frommen Leute: Den Gottlosen gelingt ob ihrer Unverschämtheit das Leben, während es uns oft genug unter den Fingern zerbricht. Eine Anfechtung, die bis heute nicht verstummt: Warum haben wir es so schwer? Warum gibt es im eigenen Leben so viel Scheitern? Warum – und jeder kann die Frag-Kette beliebig verlängern und aus den eigenen Erfahrungen konkretisieren.

 16 Aber die Gottesfürchtigen trösten sich untereinander: Der HERR merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch geschrieben für die, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken. 17 Sie sollen, spricht der HERR Zebaoth, an dem Tage, den ich machen will, mein Eigentum sein, und ich will mich ihrer erbarmen, wie ein Mann sich seines Sohnes erbarmt, der ihm dient. 18 Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.

 Es braucht, um diese Anfechtung bestehen zu können, ein Hören auf andere Stimmen und eine andere Blickrichtung. Es braucht die wechselseitige Tröstung. Consolatio fratruum ( M. Luther, Schmalkaldische Artikel, 1537), brüderliche Ermahnung. Heute: Geschwisterliche Ermutigung. Es braucht den Blickwechsel, der sich vom kurzzeitigen „Erfolg“ nicht blenden lässt, sondern auf das Ende sieht.

 Als Schüler musste ich es lernen, auswendig, als Jahresmotto unserer ehrwürdigen Schule: „Quidquid agis. prudenter agas et respice finem.“ – Was du auch tust, handele bedacht – und bedenke das Ende! Oder, wie es der Volksmund sagt: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

 Biblisch hört sich das so an:

Die mit Tränen säen,                                                                                                               werden mit Freuden ernten.                                                                                                   Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen                                                            und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.             Psalm 126, 5-6 „Der Vorläufer kommt“ weiterlesen

Wer soll umkehren?

Maleachi 3,6 – 12

 6 Ich, der HERR, wandle mich nicht; aber ihr habt nicht aufgehört, Jakobs Söhne zu sein: 7 Ihr seid von eurer Väter Zeit an immerdar abgewichen von meinen Geboten und habt sie nicht gehalten.

 Gott ist treu. Gott ist sich treu. Gott ist nicht heute so und morgen ganz anders. Auf ihn ist Verlass. Aber – das ist Gottes Anklage: Ihr seid nicht, wie ihr es sein sollt und sein könnt. Ihr lebt unter dem Niveau, dass ich euch zugedacht habe. Es ist eine harte Kritik: Der Stammvater Jakob war ein Täuscher und Betrüger und ihr seid von seiner Art. Es ist eine eigenwillige Lektüre der Jakobs-Erzählung, die hier sichtbar wird: Nicht sein zähes Festhalten an der Verheißung ist im Blick, sondern sein Tricksen und Täuschen, seine Wandelbarkeit bis hin zur Falschheit. Was bei ihm sichtbar wird an Winkelzügen, List, Wandlungen, das hat Israel als Treulosigkeit und Ungehorsam immer neu wiederholt.

Manchmal denke ich, dass das der Lernweg ist, der uns abverlangt wird: Aus einer Religiosität, aus einem Glauben heraus zuwachsen, der Gott nur um unseretwillen suchen. Weil es mir Vorteile bringt, weil es gut für mich ist, weil Gott es bringt. So sieht es ja bei Jakob am Anfang. So unterstellt es der Satan auch Hiob: „Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!“ (Hiob 1,9-11)

 

Hineinwachsen aber sollen wir in einen Glauben, der Gott um Gottes willen sucht, der nichts will als Gott selbst. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde“ (Psalm 73,25) An Gott festhalten, selbst wenn er mich in die Hölle schickt. Ich schaue mich an und weiß: Das ist noch ein weiter Weg, bis mein Glaube so tief in Gott verankert ist. Und ob ich je so weit kommen, ich weiß es nicht.

 

 So bekehrt euch nun zu mir, so will ich mich auch zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth.

 Aber diese Kritik ist nicht das letzte Wort. So seid ihr – sagt der Prophet – und ruft doch im Namen Gottes zur Umkehr. Der Ruf zur Umkehr gilt nicht makellosen Leuten. Er gilt denen, die sich abgekehrt haben, ihre eigenen Wege und Ziele verfolgt haben, denen Gott oft genug nur ein Mittel für ihre Zwecke war. Es gilt zu hören auf diesen Ruf, weil dahinter die Verheißung groß ist: so will ich mich auch zu euch kehren. Indem Gott so ruft, macht er den Weg frei und sichert seine Zuwendung zu, dem, der sich rufen lässt.

 Ihr aber sprecht: »Worin sollen wir uns bekehren?« 8 Ist’s recht, dass ein Mensch Gott betrügt, wie ihr mich betrügt? Ihr aber sprecht: »Womit betrügen wir dich?« Mit dem Zehnten und der Opfergabe! 9 Darum seid ihr auch verflucht; denn ihr betrügt mich allesamt.

 Immer noch trifft das Rufen Gottes auf begriffsstutzige Hörer. »Woran sehen wir, dass du uns lieb hast?- »Wodurch verachten wir denn deinen Namen?« »Womit opfern wir dir denn Unreines?« – »Womit machen wir ihn unwillig?« – »Womit betrügen wir dich?«. Fragen, die eine Unschuld beteuern, die es nicht gibt. Es gehört zur Eigenart dieses Propheten Maleachi, dass er die Worte des Volkes aufnimmt, mit denen es die Anklagen Gottes abzuwehren versucht und sie dann entkräftet.

 Wir doch nicht – das ist der Chor bis heute. Es gehört zum guten Ton, seine Hände in Unschuld zu waschen, sich als unbeteiligt zu verstehen, überhaupt nicht begreifen zu wollen, was denn der andere hat. Darum fragen sie auch: »Worin sollen wir uns bekehren?« Wer gelernt hast zu sagen: Ich bin o.k. – Du bist o.k., der versteht diese Rufe Gottes zur Umkehr nicht. Umkehr – das ist doch nur etwas für die, die auf falschen Wegen sind – Räuber, Diebe, Mörder, Gewalttäter, Huren… Aber für uns doch nicht. „Wer soll umkehren?“ weiterlesen

Gegen das Unrecht

Maleachi 2,17 – 3,5

 17 Ihr macht den HERRN unwillig durch euer Reden! Ihr aber sprecht: »Womit machen wir ihn unwillig?« Dadurch dass ihr sprecht: »Wer Böses tut, der gefällt dem HERRN, und an solchen hat er Freude«, oder: »Wo ist der Gott, der da straft?«

 G.o.t.t. – das kann man auch so lesen: Guter Opa, total taub. Das ist mehr als der freche Spruch unreifer Jugendlicher. Es ist ein Lebenshaltung, die es zu allen Zeiten gegeben hat, damals in Israel und die es auch heute noch gibt. Gott ist doch nicht (mehr) wichtig. Er hat ja keine Durchsetzungsmacht. Er ist doch ein lieber Gott, der nie straft. „Vergeben ist sein Geschäft.“ (Voltaire) Er kann ja gar nicht anders. Wer wird sich da schon nach Gott richten?

 Es sind perverse Verdrehungen. Es sind Verfälschungen, die aus dem Wort Gott eine Leerformel, eine Worthülse machen. Und es sind Worte, die den Weg zu Gott verstellen, weil sie ihn für lebensfern und unwichtig erklären.

 3,1 Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt!, spricht der HERR Zebaoth.

 Das ist die Antwort Gottes: Ein Bote. Ein Wegbereiter. Einer, der es aufleuchten lässt, dass Gott nicht irgendwo hinter den Sternen die Welt versäumt, sondern dass er nah ist, gegenwärtig. Ein Engel, der die Sehnsucht, die sich auch noch in den schrägen Sprüchen und Spötteleien zeigt, ans Licht bringt. Gott bleibt nicht in dem Schmollwinkel, in den Menschen ihn verbannen wollten. Er kommt. „Gegen das Unrecht“ weiterlesen

Wegweiser und Wegweisung

Maleachi 2, 1 – 16

 1 Und nun, ihr Priester, dies Wort gilt euch: 2 Wenn ihr’s nicht hören noch zu Herzen nehmen werdet, dass ihr meinem Namen die Ehre gebt, spricht der HERR Zebaoth, so werde ich den Fluch unter euch schicken und verfluchen, womit ihr gesegnet seid; ja, verfluchen werde ich euren Segen, weil ihr’s nicht wollt zu Herzen nehmen. 3 Siehe, ich will euch den Arm zerbrechen und den Unrat eurer Festopfer euch ins Angesicht werfen, und er soll an euch kleben bleiben.

 Die Priester sind massiv beteiligt an der Entwertung des Opfers. Sie lassen es durchgehen, warum auch immer, dass „Unrat“ auf dem Opfertisch landet. Darum werden sie zur Umkehr gerufen. Ihre Umkehr wäre: Die Reinheit des Opfers wahren. Bleiben sie ihren Dienst schuldig, so wenden sich ihre Taten und ihre Worte gegen sie. Wenn sich Segen in Fluch verwandelt, wenn das Opfer nicht mehr rettet, dann ist kein Ausweg mehr. Das macht diese Worte so bitter ernst.

 „Wenn das Salz nicht mehr salzt, ist es zu nichts mehr nütze.“(Matthäus 5,13) Wo das Evangelium schal geworden ist, stumpf und leer, da bleibt nichts Rettendes mehr übrig. Manchmal überfällt mich abgrundtiefe Angst, wenn ich das bedenke – im Blick auf mein eigenes Reden, Lehren, Beten, aber auch im Blick auf den Weg der Kirche. „Wegweiser und Wegweisung“ weiterlesen