Klartext wagen

2. Thessalonicher 3, 6 – 18

 6 Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch zurückzieht von jedem Bruder, der unordentlich lebt und nicht nach der Lehre, die ihr von uns empfangen habt.

 Es ist eine scharfe Trenn-Linie, die hier gezogen wird: Zieht euch zurück von denen, die unordentlich leben. Geht auf Abstand. Macht euch nicht mit ihnen gemein. Der Rückzug ist eine Form der Kritik. Er sagt: Wir leben anders. Ist das schon die Ausrufung des Ghettos? Die Sammlung einer „moralischen Elite“, die von der Selbstgefälligkeit bedroht ist?

Es ist wichtig zu sehen: Das ist hier keine Maßnahme einer Kirchenbehörde, die viel Macht hat. Es geht um eine Minderheiten-Gruppe und in ihr um das Durchhalten gemeinsamer ethischer Regeln. Weil – und das ist das eigentlich Aufregende: In der Art, wie eine, einer lebt, zeigt sich, wie er, sie glaubt. Unser Handeln, unser Verhalten erzählt von unserem Glauben. Die Folgerung daraus: Unordentliches Leben sagt eben etwas über „unordentlichen Glauben“! Kann man das in unsere Zeit hinein übertragen?

Kirchenzucht hat bei uns keine gute Presse. Unsere Gesellschaft hast sich darauf verständigt, dass keiner dem anderen moralische Vorschriften zu machen hat. Das halten wir für einen großen Fortschritt, der mit der Entmachtung der Kirchen in der Aufklärung verbunden ist. Seitdem ist die Ethik frei.

 Ich halte es auch für einen Fortschritt, dass die Kirche nicht mehr über Machtinstrumente verfügt, durch die sie Leben reglementieren kann. Pfarrer als „schwarze Polizisten“ sind mir eine Horror-Vorstellung. Aber: Das kann nicht bedeuten, dass ethisch alles gleich gilt, alles gleichgültig ist. Unordnung muss auch heute noch Unordnung genannt werden können. Veruntreuung ist Veruntreuung. Ehebruch bleibt Ehebruch, selbst wenn er massenhaft praktiziert wird. Lüge bleibt Lüge.

 Mir fallen eine Menge Trennlinien ein, die heute gezogen werden und die in keiner Weise als moralische Selbstgerechtigkeit interpretiert werden: Raucher vor die Tür. Wer nicht Gesundheitsvorsorge betreibt, bezahlt höhere Beiträge. Kein Geld für Eltern, die ihre Kinder nicht in die KiTa schicken wollen. Wer seine Kinder nicht in den Schwimm-Unterricht lässt, sie nicht in eine öffentliche Schule schicken will, wird verklagt. Ganz so tolerant sind wir als Gesellschaft auch wieder nicht, wie wir gerne tun. Vorsicht also, bevor wir hier gar zu schnell Ghetto-Mentalität oder Selbstgerechtigkeit wittern. 

 Die Frage ist: Was ist Rückzug in einer Kirche, die eine Mehrheitsposition inne hat? Da wird aus Verhaltensregeln leicht ein Macht-Instrument. Mit denen haben wir nichts zu tun – dieses Urteil schließt von Beteiligung aus. Darf man das? Oder muss man das sogar, damit wir nicht in einem moralischen Allerlei landen? Einzelfall-Prüfung – ein wunderbarer Ausweg. In das seelsorgerliche Ermessen stellen.

7 Denn ihr wisst, wie ihr uns nachfolgen sollt. Denn wir haben nicht unordentlich bei euch gelebt, 8 haben auch nicht umsonst Brot von jemandem genommen, sondern mit Mühe und Plage haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. 9 Nicht, dass wir dazu nicht das Recht hätten, sondern wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit ihr uns nachfolgt. 10 Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. 11 Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. 12 Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie still ihrer Arbeit nachgehen und ihr eigenes Brot essen.

 Wenn ich weiter lese, wird die Frontstellung ein wenig klarer. Unordentlich leben bezieht sich nicht auf sexuelle Wildereien, auch nicht auf ausschweifende Gelage. Es geht vor allem darum, dass manche nicht mehr arbeiten. „Hier ist nur von Faulheit die Rede, dass einige ihre Arbeit nicht ausführen, um sich vom eigenen Erwerb ernähren zu können.“ (W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S. 143)

Ihr Hintergrund lässt sich nur vermuten. Er wird nicht deutlich erkennbar. Vielleicht sind sie glaubensmäßig ein wenig exaltiert, so dass sie sagen: Der Herr kommt doch demnächst wieder, da lohnt es nicht mehr. Besonders fromme Leute mit einer brennenden Naherwartung.

 Was stellt Paulus dem entgegen? Sachlich zuerst das eigene Beispiel. Wir haben nicht umsonst Brot von jemandem genommen, sondern mit Mühe und Plage haben wir Tag und Nacht gearbeitet. Paulus und seine Freunde sind sich bewusst gewesen: Man muss an unserer Art zu leben ablesen können, was wir glauben. Es folgt ein steiler Satz: Wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit ihr uns nachfolgt. Das ist ziemlich selten im Neuen Testament. Nachfolge ist immer auf den Herrn Jesus bezogen. Darum ist das hier eine Spitzen-Argumentation: Nachfolge kann auch heißen, den Christuszeugen nachahmen, an ihm sehen, wie das Leben in der Nachfolge geht.

 Dabei ist es schon wichtig: Zum Vorbild wird man nicht durch Proklamation – ich will Vorbild sein. Vorbild wird man nur so, dass andere sehen und sagen: So will ich auch leben, reden, handeln.

 Neben das eigene Beispiel tritt aber auch die scharfe Klärung: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Das ist hart. Und sicher nicht die Aufforderung, Leute verhungern zu lassen. Es ist auch kein Wort zu Hartz IV oder zu der unsäglichen Debatte über soziale Hängematten und Ähnliches.

 In der Gemeinde damals ist es aber der überaus deutliche Hinweis: Lasst euch nicht ausnützen von Leuten, die eure Barmherzigkeit für ihre Faulheit missbrauchen. Lasst euch kein schlechtes Gewissen machen von denen, die angeblich schon bedürfnislos leben, weil sie dem Herrn entgegen warten. Und die sich dann doch von euch durchfüttern lassen. Weil es so schwer ist, sich gegen über-fromme Worte und über-frommes Verhalten zu wehren, wird Paulus so scharf. Er springt denen bei, die sonst leicht überfordert sein könnten.

 13 Ihr aber, liebe Brüder, lasst’s euch nicht verdrießen, Gutes zu tun. 14 Wenn aber jemand unserm Wort in diesem Brief nicht gehorsam ist, den merkt euch und habt nichts mit ihm zu schaffen, damit er schamrot werde. 15 Doch haltet ihn nicht für einen Feind, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder.

 Jetzt lenkt der Apostel zurück: Bleibt auf dem Weg, auf dem ihr Gutes tut. Kümmert euch zuerst und zuletzt um das eigene Leben. Das ist eure Verantwortung. Man kann sich auch dadurch gefährden, dass man sich ständig mit den – vermeintlichen – Fehlern anderer beschäftigt. Es liegt ganz auf der Linie, die Paulus auch sonst lehrt: „So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“(Römer 14,12-13)

 Paulus hat vorher scharfe Worte gefunden. Jetzt baut er Brücken. Geht mit denen, die sich verweigern, auch mit den Faulen, auch mit den „Super-Frommen“ so um, dass ihr sie wie Brüder behandelt. Hofft, dass sie zur Einsicht kommen – und dann werden sie sich wohl schämen für ihre Übertreibungen. Aber schließt sie nicht aus. Brecht die Brücken nicht ab!

 Wie viel wäre auch bei uns gewonnen, wenn wir uns trauten, klare Worte zu sagen und gleichzeitig aneinander fest zu halten. Es ist beides ein Hinweis auf Defizite im Glauben: dass man die klaren Worte scheut und dass man sich immerzu trennen will. Der Status confessionis (=Bekenntnis-Notstand) muss nicht bei jeder Gelegenheit ausgerufen werden!

 16 Er aber, der Herr des Friedens, gebe euch Frieden allezeit und auf alle Weise. Der Herr sei mit euch allen! 17 Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand. Das ist das Zeichen in allen Briefen; so schreibe ich.

 Am Ende: Frieden. Gott gebe Frieden. Er ist ja der Friedensfürst. Und die große Gabe, auf die wir im Glauben zuleben, ist sein Frieden. Solche Friedens-Wünsche am Ende sagen nicht: Alles ist gut. Aber sie sagen: Gott kann machen und will machen, dass alles gut wird. Lasst uns auf diesem Weg bleiben. Lasst uns nach dem Frieden Ausschau halten, damit wir ihn tun.

 Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden,
wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.
Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen –
die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.                               Dieter Trautwein

 Schließlich: Die Unterschrift. Es ist mein Brief. Darauf könnt ihr euch verlassen. Die Exegeten sind sich, wie so häufig, nicht einig. Aber niemand ist gehindert, diesen Brief als einen Paulus-Brief zu lesen. Es gibt eine Fülle an Beziehungen zu seinen sonstigen Briefen und Gedanken.

 18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen!

 Wie schön, dass die Gnade auch hier das letzte Wort hat. Es gibt Sätze, die müssen wiederholt werden, immer neu. So wie dieser Satz. So wie der Segen am Ende eines Gottesdienstes. Wie sollten wir leben können – ohne die Gnade, ungesegnet? Gott sei Dank, wir dürfen leben – unter der Gnade und unter dem Segen.

 Geh unter der Gnade, geh mit Gottes Segen,
geh in seinem Frieden, was auch immer du tust.
Geh unter der Gnade, hör auf Gottes Worte,
bleib in seiner Nähe, ob du wachst oder ruhst.                         Manfred Siebald

Manchmal                                                                                                                               mein Gott                                                                                                                                frage ich mich                                                                                                                    Was bleibt von meinen Gedanken                                                                                        Worten                                                                                                                            Überlegungen

Was bleibt von dem                                                                                                               worauf ich so viel Aufmerksamkeit verwendet habe                                                               Ich weiß es nicht

Und dann ist es gut                                                                                                             sich loslassen zu können                                                                                                        in Deinen Frieden hinein                                                                                                           in Deinen Segen hinein

Das wird bleiben                                                                                                                      in meinem Leben                                                                                                                  von meinem Leben                                                                                                                Dein Frieden und Dein Segen. Amen

 

Ein Gedanke zu „Klartext wagen“

  1. Lassen wir den Theologen W. Trilling mal weg, was bleibt dann noch über vom paulinischen Begriff der Arbeit als Zweck der Selbstversorgung ? Einen so definierten Arbeitsbegriff kann man zwar mit wenigen Stellen versuchen zu belegen, aber noch sehr viel mehr Stellen stehen dem entgegen. Erst recht im Blick auf die Zeugnisse Jesu in den Evangelien. Nein, Paulus meint mit “arbeiten” weder die Erwerbstätigkeit, noch mit “nicht essen” den Lebensmittelentzug. Diese verkehrte und menschenverachtende Sichtweise verdanken wir der “protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus” (Max. Weber)

Kommentare sind geschlossen.