Gegen die Faszination des Bösen

2. Thessalonicher 2, 1 – 12

 1 Was nun das Kommen unseres Herrn Jesus Christus angeht und unsre Vereinigung mit ihm, so bitten wir euch, liebe Brüder, 2 dass ihr euch in eurem Sinn nicht so schnell wankend machen noch erschrecken lasst – weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort oder einen Brief, die von uns sein sollen -, als sei der Tag des Herrn schon da.

 Wie ungehört scheint mir dieser Rat. Bis auf den Tag heute lassen sich Leute erschrecken, in Furcht versetzen mit der Botschaft: Der Tag des Herrn ist da. Er steht vor der Tür. Es will scheinen, als würde der Schreiber zurückgreifen auf frühere Botschaft. Wir haben es doch klar gelegt, was es mit dem Kommen des Herrn auf sich hat. Der erste Brief nach Thessalonich ist ein seelsorgerliches Schreiben, das die Angst nehmen will. Niemand wird den Tag versäumen. Niemand muss Angst um die haben, die schon gestorben sind. Auch sie werden nicht ausgeschlossen sein von der Freude über den wiederkommenden Herrn.

 Es scheint Leute, wichtige Leute gegeben zu haben, die Unruhe in die Gemeinde gebracht haben. Darum wird jetzt ein neuer Anlauf genommen, um zu klären. Es ist ein bisschen mühsam zu lernen. Aber es gibt viele Fragen im Leben – und auch im Glauben, die sind nicht mit einem Mal ein für allemal geklärt. Sie melden sich wieder, beunruhigen wieder. Sie erfordern nicht unbedingt neue Antworten. Aber sie verlangen neue Aufmerksamkeit.

 3 Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit offenbart werden, der Sohn des Verderbens. 4 Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.

 Auf den ersten Blick wird jetzt doch so etwas wie ein Zeitplan sichtbar. Oder zumindest Elemente, Markierungspunkte, die Zeitabfolgen suggerieren. Der Mensch der Bosheit, der Sohn des Verderbens muss sich zeigen, offenbar werden. Die Versuche, hier eine historische Verankerung zu finden, sind unbefriedigend. Aber es ist oft versucht worden. Fast jeder und fast jede Zeit hat so „Lieblingsböswichte“, die dann ins Spiel gebracht werden. Das können politische Führer sein, Tyrannen, Diktatoren. Das können auch Kirchenfürsten sein, Geistesgrößen. Selbst der Papst musste – bei Luther! – herhalten für diese Rolle.

 Ich weiß es nicht und finde mich damit in der Gesellschaft so gut wie aller, die mit dem Text umzugehen haben. Es ist wohl besser, hier auf historische Zuordnungen zu verzichten.

 5 Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und ihr wisst, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. 7 Denn es regt sich schon das Geheimnis der Bosheit; nur muss der, der es jetzt noch aufhält, weggetan werden, 8 und dann wird der Böse offenbart werden.

 Diese Resignation ist umso ärgerlich, weil der Brieftext nahe legt: Die Thessalonicher müssen eine Vorstellung gehabt haben, von wem oder wovon die Rede ist. Sie werden an Gespräche zum Thema erinnert. Es wird ihnen unterstellt: Ihr wisst! Und wir wissen – nichts!

 Ich frage mich selbst: Wie klingt das für dich? Da hält jemand das Böse, den Bösen auf. Wenn dieses Aufhalten zu Ende ist, dann wird es keine Schranke mehr für das Böse, den Bösen geben. Dann entfaltet es sich zu voller Größe.

So geht es ja in Diktaturen manchmal. Da gibt es erst noch hemmende Kräfte, aber dann auf einmal wird alles zügellos. „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – und ein enthusiastischer Jubelschrei ist der Anfang vom Untergang. Es gibt kein Halten mehr. Das kann man in der Geschichte vielfach beobachten. Wenn die besonnenen Kräfte ausgeschaltet sind, nichts mehr zu sagen haben, feiert die Bosheit Triumphe. Und erstickt an sich selbst.

Beim Lesen bin ich auf eine interessante Variante gestoßen. Tertullian (*150 – 223+), einer der großen Verteidiger des christliche Glaubens, sieht als den, der jetzt noch die Bosheit aufhält, den römischen Staat. „Wir wissen, dass die gewaltige Katastrophe, die dem Erdkreis droht, ja das das Ende der Welt, das entsetzliche Drangsale herauf beschwört, nur durch die Frist aufgehalten wird, die dem Imperium Romanum gewährt ist. Darum wollen wir dies nicht auf die Probe stellen, und indem wir um Aufschub beten, fördern wir die Dauer Roms“ ( Tertullian, Apologie 31,2 zit. nach: W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S.97 ) Wenn ich das von der konkreten Sicht ablöse, heißt das: Staatliche Ordnung dient dem Aufschub, hindert das Ausbrechen der Bosheit. Ein Gedanke, der zumindest eine Nähe zum Römerbrief hat. Die Obrigkeit(=die staatliche Macht) „ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“(Römer 13,4) Damit ist noch längst nicht alles gesagt, was zum Staat zu sagen wäre. Aber immerhin gibt es auch diese positive Sicht das Staates im Denken christlicher Lehrer.

 Ihn wird der Herr Jesus umbringen mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.

 Das ist der hoffnungsvolle Satz mitten in diesem Dunkel. Die Macht des Bösen zerbricht. Mit dem Hauch seines Mundes setzt der Herr Jesus ihr das Ende. Kein Kampf, dessen Ausgang noch offen wäre, auch kein Kampf zwischen gleichstarken Gegnern. Es ist der Hauch des Lebens, der den Todesgeruch der Bosheit vertreibt. Es ist der Lebensatem, der am Ende doch ganz recht behalten wird. Es ist kein Kampf von gleich zu gleich, der hier ausgefochten wird. Jesus ist kein feuerspeiender Drache. Es ist das Wort des Lebens, das er spricht – und das Böse und der Böse haben verspielt. Wir sollten ihm deshalb nicht zu viel Aufmerksamkeit zuwenden.

 9 Der Böse aber wird in der Macht des Satans auftreten mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern 10 und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. 11 Darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, sodass sie der Lüge glauben, 12 damit gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit

 Es gibt eine Satz von Nietzsche, ich habe ihn als Motto in einem Krimi gefunden, der mich seit geraumer Zeit begleitet: „Wer mit Ungeheuern kämpft, muss zusehen, dass er dabei nicht zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Es ist eigentlich schon alles zum Bösen gesagt. Längst genug. Fast schon zu viel. Aber irgendwie kommt Paulus aus der Nummer nicht heraus. Er hängt fest.

 Und dabei wird ihm das helle Bild Gottes verdunkelt. Darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, sodass sie der Lüge glauben. Plötzlich ist ihm Gott der, der verdirbt, der in die Irre führt. Ich weiß, dass er mit solche Sätzen einzelne Geschichten des Alten Testamentes auf seiner Seite hat.

 Micha sprach: Darum höre nun das Wort des HERRN! Ich sah den HERRN sitzen auf seinem Thron und das ganze himmlische Heer neben ihm stehen zu seiner Rechten und Linken.Und der HERR sprach: Wer will Ahab betören, dass er hinaufzieht und vor Ramot in Gilead fällt? Und einer sagte dies, der andere das. Da trat ein Geist vor und stellte sich vor den HERRN und sprach: Ich will ihn betören. Der HERR sprach zu ihm: Womit?  Er sprach: Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein im Munde aller seiner Propheten. Er sprach: Du sollst ihn betören und sollst es ausrichten; geh aus und tu das! Nun siehe, der HERR hat einen Lügengeist gegeben in den Mund aller deiner Propheten; und der HERR hat Unheil gegen dich geredet. (1. Könige 22, 19 – 23) Es geht um einen Kriegszug und darum, dass Ahab in seinem falschen Wollen bestärkt wird. Aber ich wehre mich dagegen, aus dieser Einzel-Geschichte Grundsatzaussagen über Gott abzuleiten – nach dem Motto: Wenn er will, verwirrt er auch, verführt er auch, lockt er ins Verderben.

 Mein Glaube ist anders: Auch die, die der Wahrheit nicht glaubten, die Lust hatten an der Ungerechtigkeit, bekommen noch einmal eine Tür geöffnet in dem Herrn Jesus Christus. Er will keinen als Sohn der Bosheit und Mensch des Verderben preisgeben. Er will retten, zur Umkehr rufen, in das Leben. Alle. Und wer ihn hört, und sei es in letzter Stunde, der wird dem Abgrund entrinnen.

Herr Jesus                                                                                                                              wehre Du aller Faszination des Bösen                                                                                Lenke meine Blicke auf das Gute                                                                                     Mache mich frei von der Angst                                                                                              die vergisst                                                                                                                          dass Du der Sieger bist                                                                                                           dass Du uns in die Güte Gottes stellst                                                                                dass Du die Tür für den Weg zu Gott aufgemacht hast                                                      und niemand kann sie mehr zuschließen

Lass mich nüchtern sein und damit rechnen                                                                   dass es manches gibt                                                                                                           was belastet                                                                                                                         Leben zerstört                                                                                                                           böse ist

Aber lass es mich nie aus den Augen verlieren                                                                     dass über der Welt der Satz Gottes steht                                                                               Und siehe da, es war sehr gut. Amen