Das letzte Wort: Gnade

1. Thessalonicher 5, 12 – 28

 12 Wir bitten euch aber, liebe Brüder, erkennt an, die an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch ermahnen; 13 habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

 Es geht um die „Lehrer“, um die, die in der Gemeinde leitend Verantwortung tragen. In unserer Sicht sind es die, die Macht haben und ausüben. Die, die kontrolliert werden müssen. Die, die sich Fragen gefallen lassen müssen, nach ihren Motiven, nach ihren Zielen, nach ihren Fähigkeiten. Wie anders klingt das alles in diesem Brief: Erkennt sie an… Habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

 Das schreibt Paulus ja nicht nur, weil er selbst einer dieser Lehrer ist, selbst aus ihrer Perspektive auf die Gemeinde schaut. Ich glaube, er schreibt es, weil es ohne dieses Anerkennen kein wirkliches Leiten gibt, weil es ohne das sich gefallen Lassen, dass wir geleitet, ermahnt, ermutigt werden, das alles gar nicht gibt. Da wird dann aus Leiten unwillig erlebte Herrschaft.

 Und: Es ist ja das Werk, das Gott den Leitenden aufgetragen hat. Sie machen das nicht, weil sie sich darum beworben haben – vielleicht ist das der große Unterschied zu heutiger Vergabepraxis kirchenleitender Aufgaben – , sondern weil sie dafür begabt und deshalb (!) auch damit beauftragt sind. „So sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“ (Römer 12, 5-8) Das ist das Bild, das Paulus in seinen Gedanken leitet.

 Haltet Frieden untereinander. 14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.

 Frieden ist nicht grundsätzlich verdächtig für Christen. Es ist ja das große Erbe des Alten Testamentes, dass das Heil Gottes auch Frieden ist, Shalom. Eine Ordnung des Lebens, in der Alles und Alle, die ganze Schöpfung an ihr Ziel kommt. Frieden – das ist, dass Gott wieder sagen kann: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31) Dieser große Friede ist ganz Gottes Geschenk.

 Aber auf dem Weg dorthin gibt es viele kleine Schritte des Friedens.Sie sind Aufgabe in der christlichen Gemeinde. Ich habe gelernt, aus meiner Erfahrung: Aufforderungen signalisieren Aufgaben. Vielleicht auch Defizite. Kann es sein, dass es so friedlich nicht zuging unter den Thessalonichern? Dann gewinnt diese Aufmunterung zusätzlich Dringlichkeit. Jedenfalls: sie sagt nichts, was ohnehin selbstverständlich ist.

Wenn man das griechische Wort ειρηνεύετεwörtlich übersetzen wollte, müsste man wohl sagen: „Friedet miteinander.“ Oder ein wenig missverständlich: „Befriedigt einander.“ So etwas gibt es im Deutschen nicht. Aber es macht deutlich: Es geht um die Art des Umgangs, nicht um das Erreichen eines hehren Ideals, um das Herstellen eine Zustandes. Es ist eine Handlungsanweisung.

 Und diese Handlungsanweisung wird in den nachfolgenden Aufforderungen konkretisiert. Das ist „befrieden“: Unordentliche zurecht weisen, Kleinmütige trösten, Schwache tragen, geduldig sein gegen jedermann. Nicht alles unter den Teppich kehren, sondern mit allen so umgehen, dass sie gestärkt werden, ermutigt, auf dem Weg des Lebens Kraft gewinnen.

 Und dann, gewissermaßen als Top-Leistung: Aussteigen aus dem Echo-Verhalten. Nicht mehr: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ und „Wie du mir, so ich dir.“ Sondern unabhängig werden im eigenen Verhalten, sich ganz an der Liebe orientieren, „die nicht das Ihre sucht, sich nicht erbittern lässt, nicht das Böse zurechnet.“ (1. Korinther 13,5) Und das nicht nur unter den Brüdern und Schwestern, sondern gegen jedermann. Paulus kennt keine innergemeindliche Spezialethik.

 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. 19 Den Geist dämpft nicht. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.

 Jeder einzelne Satz ist wunderbar. Und über jeden einzelnen Satz lohnt es sich zu predigen. Es geht um eine Einweisung in ein fröhliches Leben als Christ, das geprägt ist von Dankbarkeit, sich freuen kann an allem Guten. Ein Leben, das nicht angst-bestimmt und angst-besessen ist, sondern großzügig und weitherzig. Ein Leben, das glauben kann: „Das Leben gelingt meistens einigermaßen. Nicht immer, leider, aber meistens gelingt es allen Widrigkeiten und Fehlern zum Trotz.“ (G. Hartmann, Erfrische Geist und Sinn; Frankfurt 1997, S. 29)

 So zu denken, macht aufmerksam. Vorurteilsfrei wahrnehmungsfähig. Und es lässt wirklich genau hinhören. Es könnte ja sein, dass der Geist Gottes sich zu Wort meldet in den Worten, die mir eine Andere, ein Anderer sagt. Es lässt aber auch nicht hinter allem her laufen. Weil sich ein feines Sensorium entwickelt für das, was nicht geht, das Böse. Das kommt uns ja oft in überaus plausibler Gestalt entgegen. Als Allgemeinplatz. Als Slogan. Als Angst.

 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun. 25 Liebe Brüder, betet auch für uns.

 Am Ende der Segen. Segen erinnert: Du kannst dich nicht vor der Welt und ihren Unbilden selbst schützen. Du musst es auch nicht. Du stehst ja unter dem Segen Gottes. Er, Gott selbst, wird bewahren. Darum lege ruhig alle Schutzkleidungen und Panzerungen ab. Er selbst wird helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Darum sei mutig in deinen Entscheidungen Er selbst bringt dich ans Ziel. Du bist ein geborgener Mensch. Und er ist treu.

 26 Grüßt alle Brüder mit dem heiligen Kuss. 27 Ich beschwöre euch bei dem Herrn, dass ihr diesen Brief lesen lasst vor allen Brüdern.

Ein kleines Rätsel ist der heilige Kuss. Ist das ein liturgischer Akt im Gottesdienst? Im Judentum ist das kein Brauch. Oder ist das etwas, was Paulus erfunden hat, Signal der Zusammengehörigkeit? Für Menschen, die eher auf Distanz aus sind, eine ziemliche Zumutung. Aber: wir lernen es ja, uns umarmen zu lassen. Vielleicht lernen wir irgendwann dann auch den heiligen Kuss. Er unterscheidet sich ja inhaltlich sicher von den Bruderküssen erzwungener Freundschaften und mafiösen Verbindungen.

 Offensichtlich sind nicht alle Briefe vorgelesen worden. Manche sind auch verloren gegangen. So wie der Brief nach Laodicea(Kolosser 4,16) Es liegt den Dreien viel daran, dass ihr Schreiben nicht bei der Gemeindeleitung abgeheftet wird. Es ist ja doch an alle gerichtet und sie alle sollen durch diese Worte aufgerichtet werden.

 28 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!

 Die Gnade ist das letzte Wort. Die Gnade behält auch das letzte Wort. Das glaubt Paulus zusammen mit seinen Mitautoren. Am Ende steht – und sie trägt alles – die Gnade unseres Herrn Jesus Christus.

Weil Du treu bist                                                                                                                       mein Herr Jesus                                                                                                               kann ich nach vorne gehen                                                                                                    Weil Du treu bist                                                                                                                 muss ich der Furcht nicht Raum geben in meinem Sorgen und Planen                                 Weil Du treu bist                                                                                                                kann ich darauf verzichten                                                                                                  alles tausendfach abzusichern

Deine Treue öffnet den Raum vor mir und ich darf und kann glauben                               Wohin ich auch gehe                                                                                                              Du bist schon da und kommst mir entgegen                                                                      mit weit geöffneten Armen. Amen