Das Leben nach vorne ausrichten

1. Thessalonicher 5, 1 – 11

 1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.

 Es geht weiter um die Frage: Wann wird es so weit sein? Wann kommt der Herr? Es ist ein Jesus-Wort, das offensichtlich in der jungen Christenheit treu weitergegeben wird, das Paulus hier zitiert: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Matthäus 24, 42-44) Es ist eine Thema, um das sich viel Gedanken ranken. Aber es ist ganz auf der Linie Jesu, dass die Gemeinde sich keinen Fahrplan baut, dass sie aber in der Erwartung lebt. Wachsam. Bereit.

 Denn, er wird ja wiederkommen!

Keiner weiß, wann; keiner weiß, wie;                                                                               doch alle werden dich sehn.                                                                                                   Einer sagt: „jetzt“, ein anderer“nie“,                                                                                     doch alle werden dich sehn.

 Du hast gesagt, du kommst zurück,                                                                                  und alle werden dich sehn.                                                                                                    Du allein weißt den Augenblick,                                                                                              doch alle werden dich sehn.                                                                                                   Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?                                                                                Kommst du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein?

Keiner weiß, wann…                                          Manfred Siebald

3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.

 Keine falsche Sicherheit. Wer die sind, von denen es heißt Wenn sie sagen werden ist unklar. Aber es werden Stimmen innerhalb der Christen sein. Mit denen „draußen“ muss Paulus sich nicht auseinander setzen. Sie sind sowieso blind. Aber eben auch Christen können blind sein für das Kommende, für den Kommenden. „Gerade das ist das Wesen des Zeitpunktes, dass er nicht als solcher erkannt wird. Er ist markiert durch die Parole: Friede und Sicherheit.“(T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S. 215)

 Es ist eine uralte Traditionslinie, die in die Irre führt.Propheten und Priester gehen alle mit Lüge um und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede. (Jeremia 6,13-14) Es ist geradezu das Kennzeichen der falschen Propheten, dass sie Frieden verkündigen und in Sicherheit wiegen, wo der Sturm schon dabei ist, loszubrechen. Ειρήνη καί ασφάλεια Frieden und Sicherheit. Damit kann man auch heute noch erfolgreich werben. Die Leute hören das gerne.Es ist eine Parole, wie für große Plakate geschaffen. Die Leute Gottes aber stören den faulen Frieden. Sie rütteln auf. Sie halten wachsam.

 Das schreiben, heißt sofort fragen: Wo rütteln wir auf? Wo zeigen wir, dass der Frieden faul ist und die Sicherheiten brüchig sind? Man muss nicht investigativ unterwegs sein, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie faul und zur Ernte reif unsere Lebensweise in den reichen Ländern ist.

 Wenn der Herr wieder kommt – wir werden zu antworten haben: Warum habt ihr es an Liebe fehlen lassen, zu denen, die bei Euch Zuflucht gesucht haben? Warum habt ihr euren Reichtum verteidigt und nicht geteilt? Warum habt ihr nur auf Profite geachtet und die Gerechtigkeit mit Füßen getreten? Warum habt ihr es zugelassen, dass Kindern die Kindheit gestohlen worden ist unter Leitungsdruck und Leistungswahn? Warum habt ihr verschwiegen, dass meine Gnade größer ist als alle Schuld? Warum habt ihr so wenig auf mich, den Gekreuzigten gezeigt, in dem Gott alle bis zum Äußersten liebt? Wirklich alle! So wird er uns in den Kirchen fragen.

4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

Es ist eine Redefigur, die die Briefe des Paulus durchzieht. Er redet seine Leserinnen und Leser immer wieder daraufhin an, was sie durch den Glauben sind – hier: Kinder des Lichtes, Kinder des Tages. Seid, was ihr seid. Lebt nicht unter dem Niveau, das ihr von Gott her habt. Ihr müsst keine Dunkelmänner sein, keine licht-scheuen Gesellen. Ihr seid doch „Lichtgestalten“, alle miteinander.

 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.

 Bilder leben von Kontrasten. So auch hier. Die anderen schlafen. Wir wachen. Die anderen sind betrunken. Wir sind nüchtern. Es geht nicht um moralische Überlegenheiten. Es geht nicht um Hochmut und Dünkel. Es geht um ein Leben in Wachheit, das nicht verschläft, was im Gang ist und sich nicht betäubt, um nichts wahrnehmen zu müssen. Es geht darum, aus dem Glauben eben nicht „Opium für das Volk“ (K. Marx) zu machen, keine „goldenen Ketten“ (K. Marx), sondern gerade aus der Erwartung des Heils wachsam zu sein.

 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.

 Das führt zu diesem so kämpferischen Bild. Es geht nicht um Hochrüstung der Christen. „Das Bild der Rüstung entspricht der Sicht des Lebens als Kampf….. Die Wappnung besteht in den Grundbefindlichkeiten christlichen Seins, Glaube, Hoffnung, Liebe.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S.227 )Es geht also um ein Wachsein im Glauben, das sich stellt, auch dem Gegenwind stellt, auch den Anfeindungen stellt.„Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“. Mehr noch braucht er, braucht sie die Bereitschaft, einzustehen für die Wahrheit.

 „Und mit unserer kleine Kraft üben gute Ritterschaft“ Christian David 1741

 Es gibt in früheren Zeiten ein Wissen um die „Kämpfe.“, die der Glauben mit sich bringt, innere Kämpfe mit sich selbst und auch äußere Kämpfe mit denen, die das mit der unbedingten Verpflichtung des Glaubens so eng nicht sehen mögen. Die widersprechen. Andere Wege gehen. Da geht es nie um Waffengewalt. Aber immer darum nicht kampflos aufzugeben, beizudrehen, sich einfach anzupassen.

 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

 Wie selbstverständlich schreibt Paulus hier: Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir zugleich mit ihm leben. Das klingt fast beiläufig, ist in Wahrheit aber die zentrale Botschaft des Paulus. Es ist Erinnerung an die Predigt, mit der Paulus und seine Brüder die Christen in Thessalonich für den Glauben gewonnen haben. Nicht Neues, sondern das Fundament ihres Glaubens und Lebens.

 Dieses Fundament ist es, auf das es ankommt. „Hier… wird der Unterschied zwischen denen, die wachen und denen, die schlafen, im Blick auf das Christusheil für irrelevant erklärt.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S.231 ) Das ist eine Erfahrung, die im Glauben öfters auftritt: Es gibt Fragen, die heftig zu schaffen machen können und die sich dann doch, wenn sich der Blick auf Christus richtet, als nebensächlich oder überholt oder erträglich erweisen.

 Das ist der letzte Grund: Gott hat uns bestimmt, das Heil zu erlangen. Aus diesem Wissen um die eigene Bestimmung, die uns voraus ist, können Christen frei handeln. Aus diesem Wissen heraus können sie ihren Weg gehen. Und in diesem Wissen stärken sie einander. Es ist ein Leben und Handeln von den Zusagen Gottes her. Verheißungsorientiert. Wer dem Wort Gottes traut, kann sich trauen, und kann anderen zum Vertrauen helfen. So einfach ist das. Auch wenn es sich dann im Leben als höchst anspruchsvoll erweist, als Herausforderung, die alle unsere Kräfte beansprucht.

 Aber, wie sagt Paulus an anderer Stelle: „Schafft, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“(Philipper 2,12-13) Verheißungen machen nicht träge. Sie richten das Leben nach vorne aus.

Herr Jesus                                                                                                                            nicht den Tag verträumen                                                                                                  sich nicht in den Himmel davon schleichen                                                                         die Erde nicht aus den Augen verlieren                                                                                  das willst Du von uns

Du schenkst uns die Hoffnung auf die Ewigkeit                                                                     damit wir frei sind                                                                                                                    die Welt zu gestalten                                                                                                           das Notwendige zu tun                                                                                                         Liebe zu üben                                                                                                                 Gerechtigkeit zu wirken                                                                                                    Andere mit unserer Hoffnung anzustecken

Gerade weil uns der Himmel sicher ist                                                                            versprochen von Dir                                                                                                          können wir uns in die Welt hinein engagieren                                                                   ohne Angst                                                                                                                             dass wir uns darin verlieren. Amen