Bitten und Ermahnen

1. Thessalonicher 4, 1 – 12

 1 Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns. empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, dass ihr darin immer vollkommener werdet.

 Keine Befehle. Behutsames Werben. Erinnern an das, was sie gelernt haben, was sie gesehen haben. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass das, was man an einem anderen als Lebenspraxis sieht, viel mehr überzeugt als Vorträge oder Anweisungen. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen haben“(Matthäus 28.19) sagt der auferstandene Christus. Und „befohlen“ meint da: Gezeigt, vorgelebt, aufgetragen. Es ist ja seine Lebenspraxis, die er gelehrt hat. In diese Spur sollen, so der Wunsch des Paulus, die Thessalonicher immer mehr hinein finden.

Bitten und ermahnen in dem Herrn Jesus. Das ist ein bisschen fremd für unsere Ohren. Aber damit wird die gemeinsame Basis benannt, die hinter diesem Bitten und Ermutigen steht. Mehr noch: „Wenn Paulus bittet und ermahnt, so bringt er nicht seine persönliche Meinung über gewisse ethische Fragen zum Ausdruck. Er ermahnt aus der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus, so dass nicht Paulus, sondern Christus selbst durch den Apostel der Redende ist.“ (G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 236) Christus ist die Autorität, die hinter den Worten des Paulus und seiner Brüder steht. Damit ist deutlich: Es geht nicht um ein belangloses „So sehe ich das“, sondern um verbindliche und beanspruchende Worte.

2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. 3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht 4 und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, 5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

Eure Heiligung ist das Ziel alles dessen, was folgt. Statt Heiligung könnte ich auch sagen: Dass ihr dem mit eurem Leben entsprecht, was Gott an euch getan hat. Dass ihr „Christusförmig“ werdet. Dass „Christus in euch Gestalt gewinnt.“(Galater 4,19) Dem dient die Verkündigung des Evangeliums. Dem dient auch, dass klare Lebensregeln, Gebote, Weisungen ins Bewusstsein gerufen werden.

Das griechische Wort παραγγελία ist schwächer als andere Worte, die sonst im Neuen Testament für Gebot verwendet werden. Trotzdem sind es „bindende Weisungen, die nicht durch Begründung, sondern durch Autorität Geltung haben.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S. 154) Sie sind ja durch den Herrn Jesus gegeben. Er will die Heiligung seiner Leute. Paulus ist nur sein Bote.

Es ist nicht das Thema Nr. 1, aber es ist ein wichtiges Thema, wenn es um Ehe und Sexualität geht. Es ist ein Thema, in dem es nicht nur den Willen und die Triebe der Menschen gibt, sondern auch und vor allem um den Willen Gottes. Gott ist der Geber des Lebens – wie sollte er da nicht auch in dem, was diese so starke Lebenskraft der Sexualität betrifft, Wegweisung geben?

 Unzucht meiden, die eigene Frau gewinnen, sich nicht den Trieben unterwerfen. Das sind klare Worte gegen eine frei umher schweifende, damals im Heidentum unproblematisch weithin übliche Sexualpraxis. Aber Paulus ist nicht weltfremd. Auch in der Ehe kann es zu Übergriffen kommen. Mit Paulus ist sexuelle Gewalt in der Ehe nicht zu rechtfertigen.

Das ist eine fremde Stimme in einer Zeit, in der auch so formuliert werden kann: „Ein Mensch darf alles machen, was er mit seiner Frau machen will, gleich dem Fleisch, das aus dem Schlächterladen kommt: Will er es mit Salz essen, so darf er es; gebraten, so darf er es; gekocht, so darf er es“ (Strack-Billerbeck , Kommentar zum Neuen Testament III; München 1979, S. 68) Wie anders dagegen Paulus, der angeblich nicht so sonderlich frauen-freundlich war. Paulus will einen wirklich respektvollen Umgang miteinander. „Der Christ soll nie vergessen…dass die Frau, mit der er verkehrt, nicht ein willenloses Objekt zur Befriedigung seiner zügellosen Leidenschaft ist, so dass sie ihm jederzeit zur Verfügung stehen muss, wo und wann er es will, sondern dass sie eine Person ist, die ihre Ehre hat und der er Ehre erweisen soll.“(G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 238) Solche Worte stören auch heute in einer Gesellschaft, die in Sachen Sexualität ziemlich orientierungslos geworden erscheint.

 6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.

Damit verlässt der Brief das Thema und geht zu dem anderen über, das kaum weniger brisant ist. Die Art unseres Handelns miteinander, unserer Geldgeschäfte ist vor Gott nicht gleichgültig. Es gibt keine Anerkennung des eigengesetzlichen Marktes, der vermeintlichen oder auch tatsächlichen Sachzwänge, die auch das Tricksen, Täuschen und Übervorteilen rechtfertigen. Was da geschieht, unterliegt nicht nur den Regeln des Marktes. Gott, der Herr ist ein Richter über das alles.

 7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. 8 Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.

 Noch einmal die Erinnerung: Anders zu leben als es diesen Worten des Paulus entspricht, ist ein Verweigern der Konsequenzen des Glaubens. Wer glaubt, sich über diese Wegweisung hinweg setzen zu können, missachtet damit nicht Paulus und Silas und Timotheus, sondern in Wahrheit den Willen Gottes. Er schlägt die gute Gabe Gottes aus, der seinen Heiligen Geist in euch gibt. Man darf es nicht überlesen: Das sagt Paulus in die Gemeinde hinein und nicht über Leute, die als Heiden mit dem Glauben an Jesus Christus nichts im Sinn haben.

 9 Von der brüderlichen Liebe aber ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst seid von Gott gelehrt, euch untereinander zu lieben. 10 Und das tut ihr auch an allen Brüdern, die in ganz Mazedonien sind.

Nach diesen strengen Worten wird es jetzt versöhnlicher, milder. So hat es den Anschein. Und doch. Auch diese negative Formulierung: Es ist nicht nötig, euch von der brüderlichen Liebe zu schreiben ist ja in Wahrheit doch eine Erinnerung. Lebt das auch wirklich. Macht euren Ruf nicht zunichte.

 Dahinter steht ein tiefes Wissen: Liebe lebt nicht von selbst. Nicht die Liebe zwischen Mann und Frau, nicht die Liebe in der Gemeinde, nicht die Liebe zu allen Menschen. Es ist immer ein Weg, der Kraft abverlangt, manchmal viel Mühe macht. Und es kostet Mühe, die Grenzen der Liebe, ich sage gerne auch die Grenzen der sorgfältigen, zugewandten Aufmerksamkeit, zu überschreiten.

 Die Thessalonicher bleiben nicht auf ihr Stadtgebiet beschränkt mit ihrer brüderlichen Liebe, φιλαδελφία. So soll es sein, auch heute. Liebe taugt nicht als Rückzugsprogramm auf die eigenen vier Wände, in die eigene Gemeinde, nur für die eigenen Volksgenossen. Die Liebe Gottes ist grenzüberschreitend. Sie überschreitet ja auch die Grenze zu uns Sündern. Wie sollten wir da Grenzen ziehen können, eine Festung aus unserem Kontinent Europa machen dürfen? Bloß, damit unser Wohlstand nicht angerührt wird? Damit wir unter uns bleiben können? Aber wie wohl steht es um uns, wenn wir uns hartherzig abgrenzen?

 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder, dass ihr darin noch vollkommener werdet, 11 und setzt eure Ehre darein, dass ihr ein stilles Leben führt und das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, wie wir euch geboten haben, 12 damit ihr ehrbar lebt vor denen, die draußen sind, und auf niemanden angewiesen seid.

 Auf diesem Weg der Heiligung kann es keinen Stillstand geben. Kein selbst-zufriedenes: satis est. Es ist genug. Nein, hier gilt wirklich: „Weiter, immer weiter“ (O.Kahn) Es ist die Ehre der Christen, dass sie arbeiten, dass sie fleißig sind, dass sie nicht darauf aus sind, im Rampenlicht zu stehen. Es ist ein Wort gegen eine innere Haltung, die glaubt, das Reich Gottes herbei zwingen zu können – durch Askese, durch Aktionen, durch einen Ausstieg aus dem normalen Leben. Und es ist ein Wort gegen eine Haltung, die sagt: Es lohnt sich nicht mehr, in dieser Welt zu arbeiten. Morgen ist sowieso alles vorbei.

Dahinter steht vermutlich die Erwartung, dass es mit der Welt ein Ende haben wird, in der allernächsten Zeit, weil Jesus wieder kommt. Wenn das Reich Gottes sichtbar da ist, braucht es nicht mehr unsere alltägliche Mühe. „Vielleicht war es nur die innere Erregung über den neuen Glauben und die neue Gemeinschaft, die in einigen Gemeindegliedern einen aktivistischen Übereifer erzeugte, der sie die gewohnte Lebensweise aufgeben ließ und in ein ordnungsloses Leben trieb.“(T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S.178) Deshalb wird der eine oder andere das Arbeiten schon eingestellt haben. „Typisch “griechische“ Auffassungen und Neigungen kamen dem entgegen. Für den „freien Mann“ war „Arbeit“, Arbeit mit den eigenen Händen, im Grunde etwas „Unwürdiges.“ (W. de Boor, Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Wuppertal 1977, S.73) Ähnliches Verhalten kennen wir heutzutage von Sekten, die aus dem normalen Leben aussteigen, alles verkaufen, weil sie die Entrückung erwarten.

 Für die meisten unserer Zeitgenossen ist das kein Thema. Aber dass Leute aufhören zu arbeiten, dass sie in Passivität versinken, dass sie sich hängen lassen, weil „es ja doch nichts bringt“, das erleben wir heute wieder und wieder. Ein Aufgeben, weil es nicht vorwärts geht, weil die Mühe zu groß wird, weil die Frustration, das „Vergeblich“ alle Hoffnung verschlingt. Dagegen setzen die Briefschreiber ihre Ermahnung!. Dagegen versuchen sie ihre Leser immun zu machen. Haltet durch! Bleibt fleißig! Bleibt dem Heute treu und scheut die Mühe der alltäglichen Arbeit nicht.

 Nein, sagt Paulus. „Was er von der Gemeinde erwartet, ist ein Leben in der Ordnung.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S.179) Auch wenn uns das langweilig, konservativ oder angepasst vorkommen mag. Das Reich Gottes wird nicht durch unseren mehr oder weniger exaltierten und enthusiastischen Lebensstil herbei geführt. Gott wird es in Kraft setzen. Und er tut es auch so, dass seine Leute der Liebe Raum geben, im Tun des Gerechten (D. Bonhoeffer) und im Tun dessen, was heute dran ist. Und das Erwarten des Reiches Gottes – morgen oder übermorgen – erlaubt nicht die Flucht in die Träume oder das Nichtstun.

Herr Jesus                                                                                                                            Leben in Deiner Spur fordert heraus                                                                                       verlangt Entscheidungen                                                                                                       kostet

Und doch ist es Leben                                                                                                        das Erfüllung erfährt                                                                                                                 das Geschenk der Freundschaft und der Liebe                                                                       das Glück helfen zu können                                                                                                die Freiheit von den Schablonen                                                                                             die uns Verhalten diktieren wollen

Bestehen in der Freiheit der Kinder Gottes                                                                       dazu machst Du uns Mut durch Deinen Apostel. Amen