Dienen und Warten

1. Thessalonicher 1, 1 – 10

 1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade sei mit euch und Friede!

 Es ist der übliche Anfang eines Briefes in der Antike. Und doch gleich mit dem Anfang ein wichtiges Signal. Es sind drei, die den Brief zusammen schreiben. Das Bild des einsamen Missionars Paulus wird allein dadurch schon ein wenig korrigiert. Er schreibt zusammen mit Silvanus und Timotheus, seinen Weggefährten, Schülern (?), Brüdern auf dem Weg des Glaubens.

Und das Erste, was sie der Gemeinde zu sagen haben ist ein Segensgruß. Alles, was später noch folgen wird, steht unter diesem Vorzeichen: Gnade und Friede. Damit sind der tragfähige Grund und das hoffnungsvolle Ziel im Spiel.

 2 Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet 3 und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.

 Es gibt eine Verbundenheit, die sich auch dann bewährt, wenn man nicht beieinander ist. Füreinander beten schafft so eine Brücke über große Entfernungen hinweg. In der Art, wie die Drei das tun, wird die Trias sichtbar, die für Paulus auch andernorts das Geschehen des Glaubens zusammen fasst. Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei. (1. Korinther 13, 13) Es ist eine dreifache Lebenswende: Ihr habt euch bekehrt hin zu Gott – das ist euer Glaube. Ihr habt angefangen, auf Menschen neben euch ganz neu zu achten und für sie da zu sein – das ist Dienen in Liebe. Und ihr wartet auf das Kommen des Reiches Gottes – das ist eure Hoffnung. Vielleicht darf man es sagen: Wo dieses drei bleiben, da bleiben auch das Werk und die Arbeit und die Geduld. Alles, weil es in Jesus Christus, unserem Herrn aufgehoben ist und vollendet wird.

 4 Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; 5 denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.

 Gibt es das, dass man um Erwählung wissen kann? Paulus sagt: Ja. Erwählung wird sichtbar, erkennbar im Verhalten. „Die „Erwählung“ zeigt sich im Wirksamwerden des Wortes.“ (W. de Boor, Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Wuppertal 1977, S.31) Wo das Wort in einem Herzen starke Wurzeln schlägt, da ist Gottes Erwählen am Werk. Es gibt einen Gleichklang, Zusammenklang, das Finden einer gemeinsamen Wellenlänge, in dem das Wort Kraft gewinnt, in dem Heiligen Geist zu großer Gewissheit führt und leitet. Diese Wendung hat etwas geradezu Überschwängliches – im Griechischen steht da πολλή πληροφορία, viel volle Zuversicht,als ob volle Zuversicht noch nicht genug wäre.Dieses Zusammenspiel entzieht sich menschlichem Vermögen – wir können es nicht machen. Aber es ereignet sich nicht ohne das Tun von Menschen, ohne ihre Worte, ohne ihr Hören, ohne das Öffnen ihre Herzen.

 Es sind Worte, die auf uns dogmatisch wirken mögen. Aber je länger ich sie betrachte, umwandere, umso mehr spüre ich die Wärme in diesen Worten, die Zuneigung, die Verbundenheit, die sich hier ausdrückt. Die Schreiber können es wagen zu erinnern: Ruft euch ins Gedächtnis, wie wir uns bei euch aufgeführt haben. Wir dagegen sind manchmal froh, dass sich Menschen nicht daran erinnern, wie wir bei ihnen waren: distanziert, sachlich, nur an der Klärung von Sachverhalten interessiert. Hier ist Erinnerung an menschliche Zuwendung und geschwisterliche Begegnung.

 Wenn ein Mensch damals – und heute – zum Glauben an Jesus Christus findet, dann ist das immer ein Wunder. Wenn ein Mensch sein Lebensvertrauen auf Jesus Christus setzt und in ihm den Zugang zu Gott für sich geöffnet sieht, in ihm die Zukunft seines Lebens aufgehoben findet, dann ist das ein Wunder. Niemand kann von sich aus, aus eigener Kraft oder Vernunft an Jesus Christus glauben. So haben es Generationen von Christen gelernt. Glauben ist ein Geschenk, Frucht des Geistes – und wo es dazu kommt, da hat Gott mitten in dieser Welt sein Wunder gewirkt.

 6 Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, 7 sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. 8 Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen.

 Es ist zum wunderbaren Echo-Verhalten gekommen. Das Beispiel des Glaubens der Boten hat Widerhall gefunden. Und die, die in den Aposteln ihr Beispiel, ihr Vorbild gefunden haben, sind so selbst zum Vorbild geworden. Anders wird wohl niemand zum Vorbild, als dass er/ sie selbst Vorbilder findet und an ihnen wächst. Vorbilder aber gewinnen Strahlkraft, über die Grenzen einer Stadt hinaus. Das Wort läuft.

Es ist wichtig, genau zu lesen: Ihr seid ein Vorbild geworden. Das Passiv bewahrt davor, das Vorbild-werden als Aufgabe zu sehen. Es gibt bei Paulus nicht die Aufforderung: „Werdet Vorbilder.“(1. Petrus 5,3) Auch da ist sie nicht so zu lesen, dass einer sich zum Vorbild macht oder als Vorbild hinstellt. „Werde, der du von Gott her, durch seine Wahl und Gnade, schon bist.“ Das ist die Aufgabe, die Paulus immer wieder in den Blick rückt. Andere werden es dann sehen und sich für ihren Weg, zu werden, was sie von Gott her schin sind, ermutigen lassen.

 Steckt dahinter: Die Thessalonicher sind missionarisch aktiv geworden und haben sich aufgemacht in ihre Umgebung? Oder ist es einfach so, dass das veränderte Leben nicht verborgen bleiben konnte? Jedenfalls: Der Glauben ist hier nicht Privatsache. Er wird mitgeteilt und teilt sich mit. An allen Orten wissen Menschen Bescheid.

9 Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott 10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.

 So wird die Wende im Leben der Thessalonicher beschrieben: Von den Abgöttern zu Gott, dem lebendigen und wahren Gott. Dabei ist es wichtig, wie das geschieht: „Der Bekehrung zu Gott ging nicht eine Abkehr vom Heidentum voraus, sondern die Reihenfolge ist umgekehrt: Die Hinwendung zu Gott hat die Aufgabe des Götzendienstes automatisch zur Folge.“ (G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 215)

 Es sind zwei Lebenshaltungen, in die diese Umkehr, die Bekehrung hineinführt: dienen und warten. Beide Haltungen werden im nachfolgenden Brief noch weiter zur Sprache kommen, anschaulich werden. Hier reicht: So sieht Christsein aus. Dienen und warten.

 Wenn ich es richtig sehe, ist die Reihenfolge Hinkehr-Abkehr nicht zufällig, vielmehr ist sie grundsätzlich zu verstehen. Das Evangelium wird nicht erst dann gesagt, wenn zuvor eine Defizit entstanden ist. Sondern es ist umgekehrt: Die Verkündigung des Evangeliums deckt auf, dass das, was bisher das Leben bestimmt hat, nicht hinreicht, nicht wirklich „Leben“ im Vollsinn ist. Mit dieser Reihenfolge Hinkehr – Abkehr ist gegeben: Durch den Glauben wird nicht eine vorher entstandene Leere gefüllt. Sondern der Glaube führt aus einer anderen Lebenserfüllung heraus. Aus einem Leben, das im Hier und Heute gelebt wird, kommt es zu einem Leben, das gekennzeichnet ist durch warten auf seinen Sohn vom Himmel.

 Wenn man so will: Da ist auf einmal eine Leerstelle im Leben, Sehnsucht über die Welt hinaus. Der Inhalt dieser Sehnsucht ist schlicht: Jesus. Ihm warten die Christen entgegen und in ihm ihrer Rettung.

 Herr Jesus                                                                                                                            fülle mich neu mit Deiner Gnade                                                                                           Hilf mir                                                                                                                                 dass ich Leere in meinem Leben                                                                                          nicht ersatzmäßig fülle                                                                                                         Hilf mir ein wartender Mensch zu werden                                                                           der sich Dir entgegenstreckt

Ich danke Dir für alle                                                                                                            die mir zum Warten helfen                                                                                                     Brüder und Schwestern an meiner Seite. Amen