Neuer Reichtum

Lukas 18, 28 – 30

 28 Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.

Der gleiche Petrus, der mit den anderen Jüngern wohl erschrocken ist über Jesu hartes Wort über den Reichtum, nun steht er da und sagt: Wir haben alles verlassen. “Das habe ich alles gehalten!” hatte der Oberste gesagt. “Wir haben alles verlassen” sagt Petrus.

 Er hat Recht. Als er am See den Ruf gehört hat: Von nun an wirst du Menschen fangen, (5,10) da hat er alles verlassen. Boote und Netze blieben am Ufer liegen. Sein Haus in Kapernaum blieb ohne den rechtmäßigen Hausherr zurück. Seine Familie musste auf den Familienvorstand verzichten lernen.

 Dass Jesus einen Menschen in die Nachfolge, in den Aufbruch des Reiches Gottes hineinstellt, hat Folgen in seiner Existenz. Der arme Ruf verwandelt, wenn er gehört wird und ihm gehorcht wird, das Leben.

 Es ist kein harter Zwang, der Petrus und die Jünger getroffen hat, als sie alles verließen. Es ist nicht das Befehlswort eines Tyrannen. Als Jesus ruft, da wird für die Gerufenen schlagartig klar: Es gibt nichts Größeres auf der Welt als diesem Ruf zu folgen. Jetzt festhalten an dem, was man hat, das heißt die Chance des Lebens verpassen.

 29 Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, 30 der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

 Wo Jesus ruft und sein Ruf gehört wird, geschieht ein Aufbruch aus dem Privatleben: da geht es nicht mehr, dass das Privatleben alles ist, dass der private Lebensbereich in keiner Weise berührt werden darf. Wo Jesus ruft, da beginnt die Bewegung ins Reich Gottes hinein.

 Jesus redet hier nicht einfach so vom Loslassen. Er weiß, dass das ein Verlust ist, dass in jedem Loslassen ein Stück Schmerz für die Gerufenen liegt. Es geht nicht um Nebensächlichkeiten: Die Rede ist vom Haus, von der Frau, von den Kindern, von der Familie. Es sind Lebensbereiche, die unter Gottes Obhut stehen. Es sind Lebensbereiche, in denen Gottes Segen erfahren wird: Gerade in diesen Beziehungen, in diesem Geflecht der kleinen Lebensordnung darf der Mensch etwas von der Güte Gottes spüren.

 Und doch wird nun an diesem Wort Jesu deutlich: Diese „schöpfungsmäßigen Ordnungen” können nicht verabsolutiert werden. Sie sind nicht ausgenommen, wenn es um das Reich Gottes geht, wenn es um den Ruf aus der alten Existenz zu einem neuen Leben in der Nachfolge geht. Um des Reiches willen kann ein Mensch heraustreten aus diesen Ordnungen. Und wo Jesus ist, da ist das Reich schon angebrochen. Bei ihm sein, ist im Reich Gottes sein.

Was Jesus weiter sagt vom vielfältigen Wiederempfangen, das sind keine theoretischen Sätze. So wie die Lösung aus den Lebensbezügen, der Aufbruch um des Reiches willen für die Jünger und die erste Gemeinde keine blutleere, unvorstellbare Sache ist, so ist es auch der neue Reichtum nicht, das vielfältige Empfangen. Auch das ist die Erfahrung dieser ersten Gemeinde, die Erfahrung der Jünger.

Da ist das Erlebnis, dass das Brot nicht reichen wird, mitten der Wüste. Und in solcher Situation ist eigentlich jeder sich selbst der Nächste. Aber Jesus führt die Jünger dazu, dass sie den Gedan­ken an den eigenen Hunger hintanstellen. Er teilt das Wenige, das sie haben, aus. Er lässt nicht zu, dass einer seinen privaten Hunger stillt. Und die wunderbare Erfahrung: Alle werden satt. Was für zwölf kaum genug zu sein schien, das reicht unter den teilenden Händen Jesu für 5000. Vielfältig haben sie an diesem Tag wieder empfangen, was sie gegeben haben.

 Die Erfahrung der Gemeinde in Jerusalem: Häuser werden geöffnet, Menschen nehmen andere Menschen als Brüder und Schwestern auf. Über große Entfernungen hinweg entsteht eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht. Paulus sammelt für die Gemeinde in Jerusalem eine Kollekte, Unterstützung. (2. Korinther 8, 1 – 9,10) Sie ist ein Ausdruck dafür, dass die Gemeinden zusammengehören. Und sie zeigt es über-deutlich: Christsein ist nicht nur ein Wort, das ist ein Verhalten, das bis in den Geldbeutel, bis in die Besitzverhältnisse hinein greift. Manche Kapitel der Apostelgeschichte lesen sich wie ein Bilderbogen zu diesem Wort Jesu: Menschen, die aufgebrochen sind aus der Existenz, wie sie bis dahin möglich und geboten war, die alles verlassen haben, empfangen nun vielfältig, was sie dran gegeben haben.

 und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

 Man hat dem Glauben immer wieder vorgeworfen, dass er Vertröstung sei auf ein besseres Jenseits. Hier klingt es anders: In der Zeit schon, mitten in Verfolgung, mitten im Leid soll es die Gemeinde der Nachfolgenden erfahren, wie Gott mit lohnendem Leben auf die Nachfolge antwortet.

 Aber das Wort Jesu weist über die Zeit hinaus. Die Frage des Oberen, die das Gespräch ausgelöst hat (18,18) kommt hier zur Antwort: Lohnendes Leben wird in der Nachfolge empfangen für Zeit und Ewigkeit. Es geht nicht nur um ein neues Verhältnis zu den Menschen, es geht nicht nur um eine Ausweitung des Lebensraumes von der Familie in die Gemeinde, die Familie Gottes. Es geht um die Gemeinschaft mit Jesus, die bleibt. In dieser Gemeinschaft mit Jesus wird der Weg frei zum Vater, wird der Weg frei zu dem ewigen Gott, wird der Weg frei über den Tod hinaus zur Gemeinschaft sein Reiches.

 Petrus ist weit von uns weg                                                                                                 So radikal sind wir nicht                                                                                                      – wollen wir auch gar nicht sein                                                                                              Hat er nicht auch vielleicht doch den Mund zu voll genommen?                                             Aber – gesagt ist gesagt                                                                                                    Und: hätte er es gesagt                                                                                                     wenn er es nicht auch getan hätte?

Alles verlassen                                                                                                               Drangeben, was wir haben                                                                                              Drangeben, wen wir lieben                                                                                                   Heute? In unserer Gesellschaft?                                                                                       Auszug aus dem Jetzt?

Gott                                                                                                                                       Du willst nicht abgerungene Askese und selbstquälerischen Verzicht                                Du willst uns Leben in Fülle schenken

Dazu braucht es offene Hände                                                                                          offene Herzen                                                                                                                           die loslassen können                                                                                                       empfangen können                                                                                                             sich füllen lassen

Nimm uns die Angst vor dem arm werden                                                                             damit wir Deinen Reichtum empfangen                                                                               für Zeit und Ewigkeit. Amen