Komm und folge mir nach

Lukas 18, 18 – 27

 18 Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

 Da ist etwas passiert: Die Frage nach dem ewigen Leben hat diesen Oberen eingeholt.

Es war vielleicht nicht immer seine Frage. Es mag eine Zeit gegeben haben, da hatte er andere Fragen. Wie geht es mit meinem Leben? Wie kann ich in dieser Zeit glücklich werden? Vielleicht hätte er auch eine Zeitlang gesagt: Die Frage nach dem ewigen Leben ist überholt. Was wirklich dran ist, ist die Frage nach Gerechtigkeit hier, nach Frieden jetzt, nach Glück jetzt. Und nach Freiheit jetzt, auch der Freiheit von den Römern und der Freiheit von Angst.

 Es ist gut, zu hören, dass einer diese Frage stellt, wissen will, was mit seinem Leben vor Gott ist, wozu sein Leben da ist, wie er gültiges Leben findet.

 19 Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 20 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!«

Jesus antwortet ihm so, wie er es wohl nicht erwartet hat. Jesu erste Antwort weist den Frager an die Gebote. Es gibt kein gültiges Leben an den Geboten Gottes vorbei. Es gibt kein Leben, das Beständigkeit hat, das festen Boden unter den Füßen hat, das die Ewigkeit Gottes erlangt an den Geboten vorbei. Da kann einer die großartigsten Sachen auf dieser Welt tun – wenn er dabei gegen Gottes Gebot lebt, dann wird er daran zerbrechen müssen. Da kann einer soziale Aktionen noch und noch starten und sich engagieren an allen möglichen Brennpunkten dieser Welt – wenn er nicht den kleinen Gehorsam gegen die Gebote lebt, dann wird sein Leben ins Leere laufen, dann ist alles andere ein Haschen nach Wind.

Das ist keine Frage der Moral – das ist ein Lebensgesetz dieser Welt: Es gibt ein Fragen nach dem Willen Gottes, das daran scheitert, dass die kleinen, einfachen Schritte des Gehorsams nicht gelebt werden, dass die Gebote als der offenkundige Wille Gottes nicht gelebt werden.

21 Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf.

 Dieses Verweisen an die Gebote löst Enttäuschung aus: Soll das alles sein? Das ist eine etwas kümmerliche Antwort. Das alles kenne ich doch schon von Jugend auf und ich habe es gehalten. So antwortet der Frager. Aber trotzdem bleibt die Frage nach dem ewigen Leben offen. Trotzdem bin ich nicht durch meine Ungewissheit hindurch. Daran wird etwas deutlich: Es gibt kein Leben das vor Gott besteht, an den Geboten vorbei – aber die Gebote schaffen das Leben nicht.

 22 Als Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!

 Deshalb führt Jesus nun in seiner Antwort einen Schritt weiter: Verkaufe alles und gib es den Armen.Das ist der Ruf in die Preisgabe der eigenen Lebenssicherungen, Dieser Ruf ist anstößig, damals wie heute. Dieser Ruf ist ärgerlich. Denn damit wird gefragt: Wie steht es mit deinen materiellen Sicherheitsmaßnahmen? Bist du bereit, dein Haus preis zugeben? Bist du bereit, deine Habe preis zugeben? Bist du bereit, dein bisheriges Leben preis zugeben?

 Und die Frage geht weiter: Wie steht es mit den geistlichen Sicherheitsmaßnahmen? Bist du bereit, nicht mehr auf deine eigene Frömmigkeit zu setzen? Bist du bereit, nicht mehr mit deinem Gehorsam, mit deinen guten Taten vor Gott argumentieren zu wollen? Bist du bereit, ganz aus dem Vertrauen auf Gott leben zu leben?

 Es gibt vor diesem Ruf: Verkaufe alles keinen Rückzugsweg. Es ist wirklich so, dass der Preis des ewigen Lebens die Preisgabe der Besitztümer ist, ob das nun materielle oder geistige Besitztümer sind, ob das Machtpositionen sind oder Einflussmöglichkeiten. Dieser Obere wird in aller Härte danach gefragt, ob das, was seine Sicherheit bis dahin war, zur Disposition steht oder nicht.

 Wie soll das gehen, dass einer alles dahin gibt, sein ganzes Leben preisgibt? Aber die Antwort Jesu, der Ruf ist nicht ganz gehört, wenn man hier Halt machen. Jesus hat mehr gesagt: Halte die Gebote! ist nicht die ganze Antwort. Auch: Gib die Lebenssicherungen preis! ist nicht die ganze Antwort.

“Komm und folge mir nach!” Das ist das Ziel der Antwort Jesu. Darauf läuft die ganze Geschichte hinaus. Jesus ruft diesen Menschen zu einem Leben in der Gemeinschaft mit sich selbst. Gehe von nun an deinen Lebensweg mit mir. Gehe mit mir durch die Armut meiner und deiner Tage. Gehe mit mir durch die Ängste meiner und deiner Tage. Gehe mit mir durch die Krankheiten. Gehe mit mir durch die Freude. Gehe an meiner Seite, an meiner Hand in die Zukunft, auch wenn sie arm sein wird. Lass von dieser Stunde an den Vater im Himmel, den ich dir zeige, die Sorge für dein Leben tragen. Lass von dieser Stunde an die Frage nach dem Ziel meine Sorge sein. Frage nach nichts mehr als danach, bei mir zu bleiben. Lass alles andere dahinter zurücktreten. Nur dieses eine soll für dich noch gelten: bei mir zu sein und zu bleiben.

Das ist ein Wort, das nicht von oben gesprochen wird, voller Macht und äußerem Glanz. Da steht diesem reichen, wohl auch an gesehenen Mann einer gegenüber, der nichts zu bieten. Nichts als seine Gemeinschaft. In einen Kreis von zwölf Jüngern und einigen Frauen wird er hinein gerufen, in ein Leben ohne festes Dach, ohne feste Stellung, ohne sichere Einkünfte wird er gerufen. In ein Leben, das näher bei den Bettlern als den Wohlhabenden ist, wird er gerufen. Da ist nichts vorweisbar, da ist nichts berechenbar, da ist nichts, was man als eine feste Gewinngröße ansehen könnte. Und nicht einmal das geschieht, dass Jesus in glühenden Farben ausmalen würde, was denn der Inhalt dieses Lebens in Gemeinschaft mit ihm wäre.

 23 Als er das aber hörte, wurde er traurig; denn er war sehr reich.

 Ist es ein Wunder, dass der reiche Mann sich abwendet? Kann Jesus das im Ernst selbst geglaubt haben, dass sein bloßes Wort genügt, einen Menschen aus seinem bisherigen, nach allen Maßstäben ganz gelungenen Leben zu lösen? Nur auf Worte hin gibt man doch nicht sein ganzes Leben preis! Nein, dass er traurig wird, ist kein Wunder. Er hat zu viel zu verlieren mit seinem Reichtum und seinen Lebenssicherungen. Es ist aber diese Traurigkeit sehr wohl Ergebnis einer Lebenshaltung, die sich von der Angst bestimmen lässt, mit dem eigenen Reichtum nicht nur irgendetwas, sondern das Leben selbst zu verlieren.

24 Als aber Jesus sah, dass er traurig geworden war, sprach er: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes! 25 Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme. 26 Da sprachen, die das hörten: Wer kann dann selig werden? 27 Er aber sprach: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.

 Aus dem einen Fall wird eine Schlussfolgerung gezogen. Es ist nicht nur dieser Eine, der es schwer hat, sich von seinem Besitz zu lösen. Es sind viele von ihrem Besitz besessen, nicht mehr Herr ihrer selbst, sondern Sklaven ihre Besitzungen. Und die Traurigkeit hat in diesem Fall auch keine positiven Folgen, weil sie nicht zur Umkehr führt, sondern nur umso mehr ankettet.

 Die Zuhörer Jesu hören richtig, wenn sie erschrecken. Sie hören richtig, weil sie sich selbst in dem reichen Man wiedererkennen, mit ihrer Verhaftungen an ihren Besitztümern, in der Gefahr, sich selbst zu binden an das, was sie besitzen. Es ist wohl auch, wieder einmal, über die erzählte Situation hinaus greifend, eine Warnung an die Gemeinde, die das Evangelium liest. Vergesst nicht, dass eure Schritte im Glauben nicht ein Produkt eurer Gläubigkeit, eurer Entschiedenheit, eurer Klarheit ist. Gott hat möglich gemacht, was von euch her unmöglich ist. Er hat das Herz gelöst, so dass es sich ihm anvertrauen kann.

 Gott                                                                                                                                        Du weißt wie ich bin                                                                                                             Du weißt woran ich hänge                                                                                                   was mich reich macht                                                                                                          Du weißt                                                                                                                                  wie viel mir meine äußerliche Unabhängigkeit wert ist

Du weißt                                                                                                                             was mich reich macht an inneren Werten                                                                                                                              Einstellungen                                                                                                           Lebenserfahrungen                                                                                                                und wie viel mir das wert ist                                                                                               innerlich frei zu sein

Gib alles auf – sagst Du mir                                                                                               Und führst mich dahin                                                                                                          wo ich scheitere                                                                                                                  Das kann ich nicht

Aber Du bist Gott                                                                                                                 der meine Trauer sieht                                                                                                        meinen Gehorsam kennt                                                                                                     mein Fragen hört

Du bist Gott                                                                                                                            der das Unmögliche möglich macht                                                                                    der auch Reichen den Weg zum Himmelreich öffnet und offen hält.

Du rufst mich zu Dir                                                                                                             Hilf mir, dass ich Dir folge                                                                                                 Mich loslassen kann zu Dir. Amen