Hartnäckig dran bleiben

Lukas 18, 1 – 8

 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, 2 und sprach:

 Und wieder ein Gleichnis. Es gewinnt seine Dringlichkeit aus dem, was vorher war. Es gilt ja, das Herz fest zu machen in der Zuversicht auf Gott. Es gilt ja, beständig zu werden in der Hinwendung zu Gott, sich einzuüben in das Leben vor ihm und mit ihm. Es gilt, beten zu lernen. Haben die Jünger zuvor noch gesagt: Stärke uns den Glauben (17,5), so zeigt Jesus ihnen jetzt den Weg, wie das geht, dass der Glaube Stärke gewinnt.

 Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. 3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! 4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, 5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. 6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

 Richter sind unabhängige Leute. Das ist schon so, bevor es die Gewaltenteilung des demokratischen Staates gibt. Richter machen sich ihr Bild und entscheiden dann danach. Ein unabhängiger Richter, einer, der keine Furcht kennt – das ist eine Wohltat. Er ist nicht bestechlich, weder durch Geschenke noch durch Angst. Nicht einmal mit Gott kann man ihm Furcht einjagen.

Diesem unabhängigen Menschen stellt Jesus das Bild einer Witwe entgegen. Sie ist das Bild von Abhängigkeit. Sie ist angewiesen auf Wohlwollen in der Verwandtschaft. Sie ist angewiesen auf Unterstützung durch Wohltäter. Sie hat selbst praktisch keine Rechte und auch kaum die Möglichkeit, Ansprüche geltend zu machen.

 Aber sie ist hartnäckig. Und klagt ihr Recht ein. Ob sie Recht hat mit ihrer Klage, ist nicht der Gegenstand der Gleichniserzählung. Ob sie darauf hofft, dass sie Recht bekommt, wird auch nicht erzählt. Nur, dass sie hartnäckig ist, nicht klein bei-gibt, dem Richter viel Mühe macht. Das zeichnet sie aus. Sie gibt nicht nach.

 Sonderlich sympathisch scheint das alles nicht. Und wenn einer fürchten muss, dass sie zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage, weckt das auch keine Zuneigung. Sie erscheint als Powerfrau ohne Macht, zänkisch, rechthaberisch wohl auch, dafür aber mit einem großen Beharrungsvermögen. Und das alles führt dazu, dass sie ihren Prozess gewinnt. Es ist eine merkwürdige Formulierung: Ich will ihr Recht schaffen. Das klingt nach Rechtsbeugung, nach einem erwünschten Prozessausgang, damit endlich Ruhe ist und kein Personenschutz mehr nötig. Und Jesus nährt diesen Verdacht, wenn er sagt: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Er ist ja nicht ungerecht, weil er furchtlos ist, ohne Ansehen der Person urteilt, weder Gott noch die Menschen scheut. Es scheint vielmehr so, dass er nur deshalb ungerecht ist, weil er der Witwe Recht schafft.

 7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? 8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.

 Mit diesem ungerechten Richter setzt Jesus Gott in Beziehung. Wenn der Richter schon das Recht beugt, um seine Ruhe zu bekommen, wird dann nicht Gott erst recht das Recht seiner Leute wahren, es womöglich zu ihren Gunsten beugen, die nicht aufhören, ihm in den Ohren zu legen?

 Jesus hat keine Scheu vor zumindest ungewöhnlichen Vergleichen für Gott. Mit einer suchenden, armen Frau vergleicht er Gott, mit einem harten Herren, mit einem kühl rechnenden Kapitalisten, mit einem Großgrundbesitzer, und hier eben mit einem Richter, der das Recht beugt.

 Bis in die Wortwahl hält er das durch: Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten? Ob es dem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden entsprechen wird, wie Gott am Ende richtet? Ob es Gott kümmern wird, dass jemand sagt: das ist doch ungerecht? Kann Gott nicht richten, wie es ihm gefällt, wie es seiner Güte gefällt? Was für ein Bild von Gott und seiner Gnade! Rechtsbeugung zu Gunsten seiner Leute.

 Das andere, was Jesus anklingen lässt: Gott lässt sich die Zeit nicht bis ins Unendliche dehnen. Gott lässt es nicht zu, dass es so lange wird bis zum Jüngsten Tag, dass die Seinen darüber die Hoffnung und die Geduld verlieren. Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Das ist die Antwort Jesu auf den lauten Ruf: Herr, wie lange noch? Das ist die Antwort auf den Schrei der Märtyrer: Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offenbarung 6, 9-10)Gott stellt sich zu ihnen – und so schafft er Recht.

Recht, nicht Rache. Was uns befremdet, wird in der Schrift oft artikuliert. Die Feinde des eigenen Lebens werden schnell einmal in eines gesetzt mit den Feinden Gottes. Die einem das Leben eng machen, sollen weg.

 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!                                                                  Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!                                                                      Denn sie reden von dir lästerlich,                                                                                         und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.                                                                Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen,                                                                 und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?                                                               Ich hasse sie mit ganzem Ernst;                                                                                            sie sind mir zu Feinden geworden.                             Psalm 139, 19-22

 Wir haben unsere Psalm-Texte von solchen Rache-Ausrufen und Zornes-Ausbrüchen säuberlich gereinigt, wenigstens für den Gebrauch im Gottesdienst. Das macht uns aber hilflos im Gang mit Emotionen wie Zorn, Wut, Hass, Rachgier. Wir verbieten sie uns. Aber sind wir sie damit los? Die Beter in der Bibel geben ihrer Emotion Ausdruck – und damit geben sie sich und ihre Emotionen in Gottes Hand. Sie müssen nicht selbst in die Hand nehmen, sich zu rächen, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ (Römer 12,19) Das hilft, das aus dem Gefühl kein Handeln wird.

  Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

 Glauben – wie bei dieser hartnäckigen Witwe? Glauben – wie im Schrei der Märtyrer? Durchgehaltenen Glauben? Durchgehaltenes Gebet? Es ist seltsam, wie sich die Redeform hier verändert – aus einem sachlich klingenden Satz wird eine direkte Frage, an die, die um Jesus stehen, an die, die das Evangelium lesen. Was meinst du? Und so gefragt, muss ich doch antworten, wie es bei mir steht. Es ist ja nicht wichtig, wie ich die anderen beurteile. Was findet der Menschensohn bei mir?

 Jesus                                                                                                                                        so unangenehm hartnäckig bin ich eher selten                                                                        Das ist nicht mein Naturell                                                                                                     Ich gebe schneller auf                                                                                                        schneller klein bei                                                                                                                 Ich habe gelernt                                                                                                                    mich zu schicken in die Umstände                                                                                          in das Gegebene

Du aber willst                                                                                                                      dass wir nicht aufgeben                                                                                                            klein beigeben                                                                                                                 nachlassen                                                                                                                          uns fügen                                                                                                                              Du willst                                                                                                                                dass wir Gott in den Ohren liegen                                                                                        ihm zusetzen                                                                                                                            ihm zu schaffen machen                                                                                                   nicht locker lassen

Hilf Du mir                                                                                                                             der Du Tag und Nacht zu Gott gerufen hast                                                                            zu solcher Hartnäckigkeit                                                                                                     die Gott sein Handeln abzwingt                                                                                             abnötigt. Amen