Alle werden Dich sehn

Lukas 17, 20 – 37

 20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Das klingt wie die Frage nach dem Fahrplan, nach dem Zeitplan. Wenn es so etwas gibt, kann man sich darauf einrichten. Wenn wir wüssten, morgen ist es so weit…. Oder wüssten: erst in 2000 Jahren… Jede Auskunft über das Wann ist darin hilfreich, dass sie es erlaubt, Abstand zu gewinnen, Überblick, sich ein Bild von der verbleibenden Zeit zu machen.

 So tickt unsere Zeit ja auch: Der Film „Armageddon“ lebt davon, dass die Zeit herunter tickt, dass es eine Stunde, eine Sekunde „Null“ gibt. Bis dahin muss der Auftrag erfüllt sein.

Mit ihrer Frage haben die Pharisäer Anteil an der großen Sehnsucht. Es gibt von Anfang an eine Linie der Erwartung, der Sehnsucht: Nach der Welt, in der Gerechtigkeit wohnt und lohnt, nach der Welt, in der die Menschen miteinander freundlich umgehen, in der sie versöhnlich leben, nach der Welt, in der der Tod kein Thema mehr ist. Und von Anfang an fragen Menschen: Wann wird das sein? Wann wird diese Welt anders werden?

Seltsam, dass sie Jesus, der so oft vom „Heute“ redet als der Zeit, auf die alles ankommt, nach dem Morgen fragen. Seine Antwort dürfte kaum zufrieden stellend sein für die Fragenden: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann. Es gibt keine Beobachter-Position in Sachen Reich Gottes. Es gibt keine Neutralität und auch keine Kriterien, an denen man es fest machen könnte.

 Das ist ja unsere Vorstellung: Kein Krieg, keine Unrecht, keine Gewalt – da ist das Reich Gottes auf dem Plan. Und durch die ganze Zeit der Kirche und der Weiterwirkung eines christlichen Erbes hin hat es immer wieder diese Versuche gegeben: Wir schaffen ein paar lebensdienliche Strukturen und dann ist das Reich Gottes da. Das war – so denke ich – auch die Hoffnung von Karl Marx.

 Jesus hat anderes im Sinn. Keine objektive Sicht. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Wie auch immer der Satz zu übersetzen ist – er nimmt in Anspruch! Mitten unter euch – es geht auch: In eurer Mitte und es geht auch: Inwendig in euch. Jedenfalls wird immer die ganze Person beansprucht. Wenn es in unserer Mitte ist – wie schützen wir es und wie tragen wir es nach außen? Wenn es inwendig in uns ist – wie gelingt es, dass es nicht bei der Innerlichkeit bleibt?

 Für mich ist es von Bedeutung, dass Jesus dies sagt, als sie, Jünger und Pharisäer um ihn herum stehen. Auch so kann ich das ja verstehen, räumlich und zugleich sachlich: Wo Jesus in der Mitte ist, da ist das Reich Gottes da. Er als Person ist die Gegenwart des Reiches. Er bringt, was wir vom Reich erhoffen: Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, Vergebung, Sanftmut, Geduld, Wahrheit…..

Aber was Jesus hier sagt, ist dennoch oder gerade deshalb eine ungeheuerliche Aussage: Das Reich Gottes kommt nicht irgendwann, wenn… Damit hätten alle leben können. Auch damit: Es kommt nicht erst dann, wenn Menschen die Welt verbessert haben, wenn sie perfekt geworden ist.

 Aber er sagt: Das Reich Gottes ist da, in mir, in dem Mann Jesus von Nazareth. Die Pharisäer sehen ihn vor sich stehen: einen Menschen, einen Mann aus Galiläa, einen Mann, über den gestritten wird, einen Mann, über den gerätselt wird und er mutet ihnen dies zu. In mir ist das Reich Gottes da!

 22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.

 Es bleibt aber nicht so, dass Jesus immer in der Mitte ist. Es wird für die Jünger eine Zeit geben, in der sie nicht mehr um ihn herum stehen, mit ihm unterwegs sind, sich in allem einfach darauf beschränken können, Schritt für Schritt ihm nach. Da wächst die Sehnsucht und damit auch die Verführbarkeit. In dieser Zeit sind sie anfällig für Verführung und es wird nicht an Leuten fehlen, die sie locken: Hierher! Hier ist das Reich! Da gilt es zu widerstehen.

 Es kann uns auch als Christen geschehen, dass Menschen sagen: Wo ist denn euer Gottesreich? Was wir sehen, ist eine Kirche, in der es allzu menschlich zugeht. Was wir sehen ist eine Kirche, die sich viel zu oft angepasst hat. Was wir sehen, ist eine Kirche, in der so viel Schwäche ist, in der viel zu häufig die Tradition regiert. Was wir sehen ist eine Kirche, die nicht allzu viel an Ausstrahlungskraft hat, deren Worte und Taten auseinander klaffen.

Das ist eines der großen Themen im Neuen Testament, auch im Evangelium des Lukas: Wie können Christen unterscheiden – zwischen der wahren Botschaft und den falschen Boten? Wie können sie geschützt werden vor den Verlockungen der falschen Messiase?

 Ein Kriterium wird genannt: Wenn der Tag des Menschensohns kommt, wird es eindeutig sein. Keine Frage mehr. Der ganze Weltkreis wird es sehen. Es gibt dann keinen Interpretationsspielraum mehr. Das ist der Tag, an dem die Knechtsgestalt des Reiches sich wandelt in Herrlichkeit. Das ist der Tag, an dem der Glaube sich wandelt ins Schauen. Das ist der Tag, an dem es keinen Zweifel mehr gibt, an dem eine helle Klarheit die ganze Welt durchdringt und umfängt.

 Aber bevor es dazu kommt, ist eine andere Zeit – und jetzt klingt wieder eine Leidens-Ansage an: Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Das zieht sich seit dem Aufbruch nach Jerusalem wie ein roter Faden durch den Text

 26 Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird’s auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: 27 Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. 28 Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; 29 an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. 30 Auf diese Weise wird’s auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.

 Das Andere: Die Tagesordnung der Welt wird nicht nach dem Kalender aufgestellt, sondern nach dem Wesen der Menschen. Sie sind mit dem beschäftigt, was von Anfang an war: Essen und Trinken, für das Auskommen sorgen, Handel treiben, Gewinne machen. Wer glaubt, dass irgendwelche Weltuntergangszenarien die Menschen dauerhaft beschäftigen und ihr Handeln bestimmen würden, der irrt. Es ist müßig, sich umzusehen nach Zeichen, die uns erlauben zu sagen: Jetzt kommt die Zielkurve, im Lauf der Welt, jetzt ist die Zeit für einen Endspurt.

 Ist Jesus eine Pessimist im Blick auf die Verantwortlichkeit der Menschen? Im Blick auf die Möglichkeit, Menschen aufzurütteln – durch Katastrophenfilme, durch Gutachten, durch Appelle oder ähnliches? Wenn ich mir anschaue, wie es auf der Welt zugeht, dann sage ich: Diese Sicht Jesu ist so realistisch, so sehr, wie es kaum je bei einem Realisten der Fall war. Die Menschen sind allen großen Katastrophen zum Trotz mit ihrem kleinen Überleben befasst. Ich auch. Wir haben den großen Tag des Menschensohnes nicht auf unserer Agenda. Es ist nicht unser Tag.

Tänzer beim Tanz, Läufer beim Lauf                                                                                   sie alle werden dich sehn.                                                                                                   Schläfer im Schlaf und Käufer beim Kauf                                                                            sie alle werden dich sehn.     

Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?                                                                                Kommst du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein?

 Keiner weiß, wann; keiner weiß, wie;                                                                               doch alle werden dich sehn.                                                                                                Einer sagt: “jetzt”, ein anderer “nie”,                                                                                    doch alle werden dich sehn.                                                                                                           M. Siebald, CD Überall hat Gott seine Leute 1983

 Es ist wohl die große Frage: Kommt dieser Tag des Menschensohnes als die große Störung in den Alltagsgeschäften, für die Tagesordnung der Welt? Oder ist es doch der Tag, an dem sich alles, wirklich alles zum Guten wenden muss? Und je nachdem, wie einer diese Frage beantwortet, sieht er dem Tag entgegen – voller Schrecken oder erfüllt von einer unbändigen Hoffnung.

31 Wer an jenem Tage auf dem Dach ist und seine Sachen im Haus hat, der steige nicht hinunter, um sie zu holen. Und ebenso, wer auf dem Feld ist, der wende sich nicht um nach dem, was hinter ihm ist. 32 Denkt an Lots Frau!

 Das ist jetzt Ausschnitt aus dem großen Bild, Umschnitt auf das kleine Schicksal. Es gibt eine Situation, in der nichts mehr zu retten ist, allenfalls das nackte Leben. Von solcher Not erzählt die Menschheitsgeschichte reichlich – bei Kriegen, bei Naturkatastrophen, bei den großen und kleinen Weltuntergängen. Es gibt eine Not, in der der Blick zurück nichts mehr hilft. – Nur der Blick nach vorne hat Zukunft – Der Blick in die Zukunft, aus der der Retter kommt. Der Blick zurück lässt erstarren. Lots Frau ist Warnung genug. Und Jesu Wort warnt auch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (9,62)

 33 Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen.

Dieses Wort passt irgendwie hier nicht wirklich. Es steht ja sonst im Zusammenhang des Rufes in die Nachfolge. Hier hängt es dazwischen und erinnert allenfalls daran: Eine Nachfolge, die nicht in der Treue bleibt, weil sie aus Angst um das eigene Leben abweicht von dem Weg hinter Jesus her, verliert dabei genau, was sie zu bewahren sucht. Das allerdings ist dann eine ernste Mahnung: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10) Es gehört zur Ernsthaftigkeit des Christenlebens in den ersten Zeiten der Verfolgung, dass sie so zur Treue rufen.

 34 Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf “einem” Bett liegen; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben werden. 35-36 Zwei Frauen werden miteinander Korn mahlen; die eine wird angenommen, die andere wird preisgegeben werden.

 Hier wird es zur apokalyptischen Rede. In dieser letzten Stunde kommt es zur großen Scheidung. Das gehört zu den Themen, über die wir eher schweigen. Aber es gehört zugleich zur Erfahrung der Welt: Lebenswege laufen lange parallel. Und plötzlich treten Ereignisse ein, die diese Wege trennen. Schicksale laufen nicht mehr nach dem gleichen Muster. Einer überlebt, der andere wird weggerissen. Und wir wissen nicht, warum. Und wir finden keine Antwort.

 Manchmal ist es gut, sich schon der Frage zu verweigern. Nicht aus Feigheit. Sondern tapfer, um nicht Sinn zu behaupten, wo es keinen gibt. Zumindest wir sehen keinen. Ob Gott hinter all dem, was es an Schicksalsschlägen gibt, noch einen verborgen Sinn weiß – das überlasse ich getrost ihm. „Wenn die Wolken voll sind, so geben sie Regen auf die Erde, und wenn der Baum fällt – er falle nach Süden oder Norden zu -, wohin er fällt, da bleibt er liegen.Wer auf den Wind achtet, der sät nicht, und wer auf die Wolken sieht, der erntet nicht. Gleichwie du nicht weißt, welchen Weg der Wind nimmt und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, so kannst du auch Gottes Tun nicht wissen, der alles wirkt.“ (Prediger 11, 3 – 5) Es ist gut, sich bescheiden zu lernen.

 37 Und sie fingen an und fragten ihn: Herr, wo? Er aber sprach zu ihnen: Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier.

 So weit sind die Jünger noch nicht Sie fragen weiter – nicht mehr Wann, sondern jetzt fragen sie: Wo? Gibt es einen Ort, an dem sicher sein ist – so höre ich die Frage? Und die Antwort? Rätselhaft genug. Aber eine Richtung ahne ich: wo Leben ist, da ist kein Ort für die Geier. Sei voller Leben. Seid Menschen, die dem Leben des Geistes in sich Raum geben und ihr seid keine leichte Beute für die Aasfresser.

Jesus                                                                                                                                   Du bist das Reich                                                                                                                In Dir ist es da                                                                                                                      Wo Du bist                                                                                                                          fängt Gottes Friede an                                                                                                         ist Gottes Vergeben auf dem Plan                                                                                       finden Menschen ihren Weg des Lebens

Jesus                                                                                                                                   Wo Du bist hat die Angst vor der Zukunft kein Recht mehr                                                müssen wir uns nicht mehr fürchten vor dem Tod                                                               dem Welt-Untergang                                                                                                           dem Ende der Zeiten

Du bist unsere Zukunft                                                                                                        Du kommst auf uns zu                                                                                                    Du mit Deiner Liebe. Amen