Kein Grund zum Hochmut

Lukas 17, 1 – 4

 1 Er sprach aber zu seinen Jüngern:

 Wechselt die Zuhörerschaft und mit ihnen das Thema? Zuvor waren Pharisäer um Jesus herum. Jetzt spricht er mit seinen Jüngern. Zuvor war der Reichtum das verbindende Thema, jetzt wird ein anderes Thema angeschlagen. Es geht um die Gemeinde. Die Worte Jesu sind nach innen gerichtet.

Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! 2 Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.

 Jesus ist illusionslos. Er weiß um die Gefahr der Verführung, um die Gefahr der Stimmen,m die von außen auf die Gemeinde eindringen, den Glauben in Frage stellen, Enge verbreiten oder in eine Weite locken, in der man sich verlieren kann. Aber es sind nicht die Verführer von außen, die hier gemeint sind. Es sind die, die in der Gemeinde ihre Stimme erheben und auf falsche Wege locken.

Das ist in vielen neutestamentlichen Schriften ein Thema. Paulus findet schärfste Worte, wenn es um „Irrlehrer“ geht:Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren. Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.“ (Galater 1,6-8) Und er ist gewiss kein Einzelfall.

Man kann schon bei flüchtiger Durchsicht der entsprechenden Texte den Eindruck haben, dass die Gefahr der Verwirrung durch christliche Abweichler höher eingeschätzt wird als die Gefahr, die aus der Bedrängnis und dem Angriff von außen entsteht. Der Druck von außen führt zusammen, die unterschiedliche Lehre aber spaltet.

 Von daher ist auch die Schärfe dieses Jesus-Wortes wohl zu verstehen. Wer sich durch irgendwelche Lehren von der Gemeinde entfernt, der findet kaum noch den Rückweg. Er geht der Gemeinde „verloren“. Er endet im Niemandsland. 3 Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. 4 Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben.

 Es gibt daneben die andere Gefahr, die nicht aus der Lehre, sondern aus dem Leben entsteht. Menschen verletzten einander. Menschen, auch Christen verrennen sich manchmal im Leben. Sie tun, was die Gemeinde belastet, womöglich zerstört. Das kann alles Mögliche sein – Gerede, Falschheit, Suchen des eigenen Vorteils, unfaires Verhalten, Ausnützen, aber auch sexuelle Übergriffigkeit und Machtgier. Die Formulierung ist wohl bewusst unscharf, um nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Es geht aber wohl immer um Sünde, die verletzt, andere belastet und in ihrer Person beeinträchtigt. Das legt sich durch den Ausdruck an dir sündigen nahe.

 Gefordert ist dann vergeben, vergeben, bis an die Grenzen des Erträglichen – oder müssten man nicht sagen: Über die Grenze des Erträglichen hinaus? Es gehört zum Alltag, dass Menschen durch Streit und Zorn hindurch wieder zurechtkommen müssen. Sie sind verletzt worden und werden um Vergebung gebeten. Wer wollte da nicht verzeihen. Aber wenn es sich dauernd wiederholt? Wenn einer dauernd mit einem in übler Weise umgeht und meint, es mit einigen Worten wieder gutmachen zu können? Wo ist da die Grenze? Jesus nennt sie seinen Jüngern: siebenmal. Das klingt maßvoll gegenüber dem, was Matthäus in ähnlichem Zusammenhang überliefert: „siebenmal siebzigmal.“(Matthäus 18,22) Wer aber weiß, wie schwer Vergeben werden kann, der weiß auch, dass siebenmal schon hart an die Grenze gehen kann.

 Und doch: Die Gemeinschaft in der Gemeinde und dass keiner aus der Gemeinde abirrt und verloren geht, sei es durch falsche Lehre, sei es durch falsche Lebensschritte ist ein hohes Gut. Darum sich zu mühen ist die Aufgabe aller und wer immer wieder Vergebung übt, der stellt sich dieser Aufgabe. Er erlebt aber auch, wie sehr er darin angewiesen ist auf eine stete Stärkung des eigenen Glaubens. Also: Kein Grund zum Hochmut.

 Herr Jesus                                                                                                                             wie oft habe ich anderen Lasten zugemutet durch meine Worte                                            meine Überzeugungen                                                                                                          mein Verständnis des Glaubens                                                                                              Wie oft sind Menschen irritiert worden durch das                                                                was ich sage                                                                                                                        vollmundig                                                                                                                         selbstsicher                                                                                                                             als sei es vom Himmel herab gesprochen

Wie oft auch haben meine Freiheiten                                                                                   die ich mir nehme                                                                                                          andere irritiert                                                                                                                  verunsichert                                                                                                                          womöglich sogar verletzt und gekränkt

Ich bin nicht der                                                                                                                    der unentwegt vergeben muss                                                                                               Ich bin sehr angewiesen                                                                                                   dass andere mir vergeben                                                                                                    Worte und Werke                                                                                                                 Taten und Ansprüche                                                                                                        Haltungen und Verweigerungen

Herr, erbarme Dich. Amen