Gehalten festhalten

Lukas 17, 5 – 6

 5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

 „Stärke uns den Glauben!” So bitten die Jünger Jesus. Wer so bittet, kommt sich nicht stark vor. Der erlebt es vielmehr immer wieder, dass sein Glaube schwach ist, angefochten, geprüft und geschüttelt im Sturm des Lebens. Diese Bitte entsteht am Leben, in den Stunden des Alltags und ganz normalen Begegnungen unter Menschen und nicht in irgendeiner Sonderwelt.

 Zum Alltag gehört der Gang zu trauernden Menschen. Das ist oft ein schwerer Gang. Das ist ein Gang, auf dem der Mut einen verlassen kann. Es geht dann ja Menschen entgegen, die schwer getroffen sind: Sie tragen eine offene Wunde in ihrem Leben. Sie schlagen sich mit Fragen herum. Sie haben Anklagen in ihrem Herzen. Und dann inmitten dieses Leides ein Zeuge Gottes sein? Da wird der Glaube herausgefordert – nicht das Wissen um die Worte der Schrift, sondern das Vertrauen auf den lebendigen und gegenwärtigen Gott, auf den Herrn, der mitten im Leid nahe ist. Da lernt einer dieser Bitte: „Mehre uns den Glauben!

Die Jünger sind keine rekord- oder wundersüchtigen Leute: Sie sind Menschen, die um die Schwäche und die Anfälligkeit ihres Glaubens wissen. Sie sind Leute, die darum wissen, dass das Leben eine stärkere Kraft braucht, als sie sie von sich aus haben, dass die Begegnung mit all den Anforderungen sie bis ins Letzte fordert und dass sie nur standhalten können, wenn ihr Glaube stark ist.

 Was für ein Irrtum herrscht da, wo man sagt: Wir nehmen unser Schicksal in unsere Hände. Was für ein Irrtum herrscht da, wo man so tut, als könnte man mit ein bisschen gutem Willen und ein bisschen Verstand und ein bisschen Mitmenschlichkeit und humaner Gesinnung das Leben meistern. Wer noch an sich selbst und seine Kräfte glaubt, der wird die Bitte der Jünger nicht mitsprechen. Wer aber in seinem Leben die Ohnmacht des guten Willens und des Verstandes schon erfahren hat, der wird diese Bitte immer wieder zu seiner eigenen machen. Der erfährt allein schon darin, dass Jesus diese Bitte nicht abweist, ein Stück Evangelium, ein Stück gute Botschaft.

 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

 Jesu Antwort ist keine Aufforderung zu glaubensmäßigen Bravourstückchen. Jesus will nicht aus seinen Jüngern Leute machen, die es nun probieren: Kann mein Glaube eine Sykomore ins Meer verpflanzen, kann mein Glaube Berge umstürzen? Jesus will nicht, dass einer an seinem Wort nun verzweifelt, weil er sich es sagen muss: So etwas habe ich noch nie erlebt. So etwas hat mein Glaube noch nie zustande gebracht – und dann die Schlussfolgerung zieht: Demnach ist es mit meinem Glauben überhaupt nichts – nicht einmal wie ein Senfkorn ist er. Ich habe einen Glauben, der nichts erlebt, nichts bewirkt, nichts zustande bringt. So ein Glaube ist gar kein Glaube.

 Jesus antwortet auf die demütige Bitte nicht mit einem geradezu zynischen Wort. Er antwortet mit einer Verheißung: Du, der du an deinem Glauben verzweifelst, der du seine Schwäche siehst, der du ihn in seiner ganzen Kleinheit und Kleinmütigkeit vor Augen hast – du brauchst eines nicht zu vergessen: Auch der kleinste Glaube hängt an einem großen Herrn. Auch der kleinste Glaube darf sich in die Worte zusammenfassen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9,24)

 Damit korrigiert Jesus das Denken über den Glauben: Nicht an der Glaubensfestigkeit hängt es – an dem Herren hängt alles. Nicht daran, dass wir alle Angst und allen Zweifel ständig selbst überwinden – dass er der Herr ist, der aller Angst und allem Zweifel zum Trotz die Stimme auch des kleinsten Glaubens noch hört. Wir wünschen uns manchmal einen großen Glauben: Aber was wir brauchen ist etwas anderes: In der konkreten Situation den Mut, mit unserem kleinen Glauben Jesus zu vertrauen.

 Mancher wird von Ängsten und Nöten, von den Bedrängnissen, die er durchstehen muss, getrieben. Und manchmal ist auch die Gemeinschaft der Glaubenden keine Hilfe, wenn die Lasten der Seele zu groß werden. Dann bleibt immer noch der Schritt in die Klage vor Gott, bleibt immer noch der Ruf nach diesem Herrn.

Glaube wächst nicht anders als im Wagnis: der kleine Glaube muss riskiert werden, muss ausprobiert werden und er wird darin erstarken, weil er eine unerhört beglückende Erfahrung macht: In meinem kleinen Glauben ist mir der Herr doch nahe.

 Ein großer Glaube ist ein Glaube, der alles weiß und versteht, der die Rätsel der Welt entschlüsseln kann und der sich in dieser Welt zurecht findet und zurecht helfen kann. Solch einen großen Glauben wünscht man sich wohl oft. Aber Not tut uns etwas anders: Dass wir an Jesus hängen, dass wir von ihm abhängig bleiben und nichts anderes tun als ihm unsere ganze Lebenslage entgegen rufen – mit dem Glauben, der in uns ist, mit dem Maß, das er uns geschenkt hat: Der uns den Glauben gibt nach seinem Maß, der wird uns auch erhören.

 Jesus                                                                                                                                    das kenne ich                                                                                                                        was die Jünger so sagen lässt                                                                                         dieses                                                                                                                                      Ich kann nicht mehr                                                                                                               Ich weiß nichts mehr                                                                                                              Ich bin überfordert

Das kenne ich                                                                                                                     was die Jünger so sagen lässt                                                                                               die Angst selbst zu kurz zu kommen                                                                                verletzlich zu werden                                                                                                        ausgenutzt zu werden

Das kenne ich                                                                                                                     was die Jünger so sagen lässt                                                                                         dass Verzeihen zur Dummheit erklärt wird                                                                         und Vergebung zur Schwäche                                                                                             wenn die das Feld behalten                                                                                                      die draufschlagen und sich durchsetzen

Hilf Du uns                                                                                                                            festhalten an Dir                                                                                                                   festhalten an Deinen Weisungen                                                                                       durchhalten mit langem Atem                                                                                               wenn das eigene Recht auf dem Spiel steht                                                                       und ich gegen alle Vernunft verzeihen will                                                                             wenn es an die eigene Bedürfnisse geht                                                                             und ich gegen alle Gefühlslage zurückstecken soll

Hilf Du uns festhalten an Dir                                                                                                wenn die Angst mich zuschlagen lassen will                                                                       wenn der Hass mich blind machen                                                                                       und die Wut mir das Handeln diktieren will

Hilf Du uns festhalten an Dir in unserem Glauben                                                               kleiner als ein Senfkorn –                                                  Jesus                                                                                                                              stärke uns den kleinen Glauben                                                                                          damit wir in Deiner Liebe durchhalten                                                                                 und Deine Liebe uns durchtragen kann. Amen