Die Sucherin

Lukas 15, 8 – 10

 8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und “einen” davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.

 Nur eine weitere Variation des gleichen Themas – so könnte man denken. variatio delectat ist ein Ratschlag an Rhetoriker und Schriftsteller. Ist es wirklich nicht mehr, nur eine Variation?

 Eine Frau stellt das Haus auf den Kopf, um ihren Silbergroschen zu finden Von den zehn Drachmen, die sie besitzt, ist eine ihr verloren gegangen. Allein schon das macht deutlich: Sie ist eine arme Frau. Sie hat so wenig, dass sie sofort merkt, wenn ihr etwas von dem Wenigen fehlt, das sie hat. Eine Reiche hätte suchen lassen oder es wohl gar nicht bemerkt, dass ihr in ihrem Reichtum etwas fehlt. Sie aber merkt es und sucht – mit Fleiß. Es macht ihr Mühe, sie macht sich Mühe. In ihrem bemühten Suchen ist sie wie eine Schwester der Martha, die sich auch viel Mühe macht. Und sie ist wie eine Schwester der armen Witwe, die ihr ganzes Vermögen in den Opferstock gibt.

 Suchet, so werdet ihr finden! (11,9) hat Jesus gesagt. Und hier erzählt er: Es ist wahr – Suchen ist keine vergebliche Liebesmühe. Ihr Suchen mündet ein in die Freude, eine Freude, die sie nicht für sich selbst behalten kann. Sie ruft Freundinnen und Nachbarinnen und teilt ihr Freude mit ihnen, teilt sie an sie aus.

 10 So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 So wie diese Frau mit ihrer Freude stellt euch die Freude im Himmel vor. Die Freude ist nicht erst groß, wenn Großartiges gefunden wird. Sie ist schon groß bei dem Kleinen. Sie ist groß bei dem, was wir gering schätzen, bei den Sündern, auf die herab geschaut wird, die nicht zählen, nichts gelten.

Es ist ein gewagtes Bild: Gottes Freude gleicht der Freude einer armen Frau. Der Hohe, Erhabene, Ewige freut sich wie eine namenlose Frau, der eine Kleinigkeit verloren war und die sie wieder gefunden hat. Der, für den die Völker wie ein Tropfen an einem Eimer (Jesaja 40,15) sind, freut sich über jeden, den er wieder findet, der zu ihm zurück findet.

Gott wie eine fröhliche arme Frau – das ist bis heute ein Bild, das quer liegt zu den Bildern von Gott, die wir haben, die wir lehren, die uns leiten. Und doch kann uns dieses Bild Gott nahe bringen, weil es ihn herunter holt vom Sockel der Unberührbarkeit, der Unnahbarkeit, weil es eine Alltagserfahrung – mühevolles Suchen und glückhaftes Finden – zu einem Bild werden lässt, das uns Gott in seiner Freude vor Augen stellt.

Jesus                                                                                                                                     Du kümmerst Dich nicht um unsere Gottesbilder                                                                 Du fragst nicht                                                                                                                        ob uns Deine Worte zumuten neu über Gott nachzudenken

Du stellst uns Gott vor Augen im Alltagsbild einer suchenden Frau                                       So ist Gott – auf der Suche nach euch                                                                               seinen verlorenen Silberstücken                                                                                             Ihr seid ihm ihr Suchen wert                                                                                                Sie gibt nicht Ruhe bis sie euch gefunden hat.

Die Freude im Himmel ist groß über allen                                                                             die gefunden werden                                                                                                             die den Weg zurück zur Umkehr finden                                                                                 Darum suche ich euch. Amen