Vorbild: Kind

Lukas 18, 15 – 17

 15 Sie brachten auch kleine Kinder zu ihm, damit er sie anrühren sollte.

 Das ist im Erzähl-Ganzen des Lukas-Evangeliums eine Szene, die völlig aus dem Rahmen fällt. Kinder spielen durch das Evangelium nun wirklich keine Hauptrolle. Sie sind, wenn überhaupt, im Hintergrund. Sie sind die, die zur Heilung gebracht werden. Sie sind Gegenstand des Erbarmens Jesu. Hier aber werden sie in der Vordergrund gebracht. Von wem, wird nicht klar: Sie ist sehr unbestimmt. Es könnten die Mütter sein. Väter haben damals wohl kaum Kinder durch die Gegend getragen oder auch zu Fuß irgendwohin gebracht.

 16 Als das aber die Jünger sahen, fuhren sie sie an.

 Dass das ungewöhnlich war, nicht alltägliche Praxis, zeigt sich auch an der schroffen Reaktion der Jünger., Sie fuhren sie an. Es ist leicht, die Jünger hier zu kritisieren, zumal aus einer heutigen Sicht, die Kinder mangels Masse sehr hoch hält und sie gerne in die Mitte rückt, ob es passt oder nicht. Aber die Jünger sind verunsichert und sie wollen Jesus vor lästigen Erwartungen schützen. Sie sehen ihn als den, der genug mit den Erwachsenen zu tun hat – was sollen da Kinder?

 Und was haben sie davon, wenn er sie anrührt? Es ist ja auch nicht das Dauerthema bei Lukas, dass Jesus segnend durch das Land geht. Er rührt Kranke an. Er heilt Besessene durch Berührung. Er legt den Segen auf Blinde. Aber er geht nicht durch die Reihen und sucht, wen er segnen kann. 16 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

Jesus aber fällt seinen Jüngern in den Arm – oder muss ich sagen: in den Rücken? Er bremst sie, er weist ihre Intervention zurück. Ihm geht nichts verloren – an Würde, an Kraft, an Zeit, wenn er sich diesen Kindern zuwendet. Es ist der völlig andere Blick auf die Situation. Er sieht diese Kinder so, wie er den Abrahamssohn Zachäus (19,9) sieht und die Abrahamstochter , die er am Sabbat heilt (13, 7–10) Er sieht sie als die, die das Reich Gottes empfangen, weil er sie empfängt, denen das Reich Gottes gehört, weil er es ihnen zueignet. Indem er sich zu ihnen wendet, sind sie dem Reich Gottes nahe.

 17 Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hinein kommen.

 Hier wird der Grund genannt, der Jesus gegen seine Jünger reden und handeln lässt. Die Kinder sind Beispiel, ja Vorbild dafür, wie es zur richtigen Einstellung zum Reich Gottes kommt. Und sofort ist die Frage: Was macht sie beispielhaft, ja vorbildlich?

 Da ist einmal de Unabsichtlichkeit von Kindern. Kinder sind nicht intentional unterwegs. Sie verzwecken nicht. Sie verfolgen keine Absichten. Sie sind einfach da und sie lassen sich mitnehmen, hinreißen, verlocken. Sie wollen, oft intensiv, aber sie wollen nicht, um damit ein anderes Ziel zu erreichen. Sie wollen immer direkt, unmittelbar, gegenwärtig. Das alles unterscheidet sie von Erwachsenen, die oft genug bestimmte Ziele haben, Dinge, Menschen, Situationen für andere Zwecke einsetzen, die langfristig planen und kalkulieren, die auch Heiliges für ihre Zwecke gebrauchen können.

 Das andere: Kinder können empfangen. Sie können sich hemmungslos beschenken lassen ohne zu fragen, wie sie sich revanchieren können. Sie sind Meister der leeren Hände. Sie müssen nichts haben, um alles zu erwarten. In dieser Haltung sind sie geradezu prädestiniert für den grundlos schenkenden Gott und sein Reich.

 Und schließlich: Kinder können sich hinreißen lassen und freuen über jede noch so kleine Zuwendung. Sie sind auf Beziehungen aus und nicht auf Sachen. Für sie steht die Liebe im Vordergrund und nicht die Macht. Sie sind dankbar, aber ihre Dankbarkeit ist nie aus einer gefühlten Verpflichtung geboren, sondern immer nur unmittelbar.

 Ist dazu romantisch, zu ideal gedacht? Sind Kinder also die besseren Menschen? Womöglich nicht erlösungsbedürftig? Das sind gute Fragen, aber doch wohl an der falschen Stelle gestellte Fragen. Jesus sieht auf die Kinder in ihrer Bereitschaft, sich beschenken zu lassen ohne wenn und aber, ohne jede Moral – und das hebt er heraus. Die Überlegungen, die dazu gestellt werden, versuchen nichts, als diesen Gedanken ein wenig nach zu zeichnen.

Jesus                                                                                                                                    ich bin kein Kind mehr                                                                                                             ich bin erwachsen                                                                                                                     ich habe gelernt wie es in der Welt zugeht                                                                          Ich habe gelernt zu geben                                                                                                    damit ich empfange                                                                                                           mich zuzuwenden                                                                                                             damit ich nicht allein bleibe

Ich habe gelernt                                                                                                                  dass mein Verhalten Verhalten der anderen                                                                      des Gegenübers auslöst                                                                                                 Zurückhaltung lässt andere zurück halten                                                                  Offenheit erleichtert Offenheit

Aber Du suchst Menschen                                                                                                  die sich beschenken lassen                                                                                                ohne sich zu revanchieren                                                                                                 sich lieben lassen ohne Angst vor dieser Liebe                                                                  die sich helfen lassen ohne die Angst                                                                                 dadurch klein zu werden

Du suchst Menschen                                                                                                           die mit leeren Händen empfangen

Gib mir den Mut zu leeren Händen                                                                                          zu einem Herzen                                                                                                                  dass sich freut an der Gabe                                                                                                 der es nie adäquat entsprechen kann. Amen