Klartext wagen

2. Thessalonicher 3, 6 – 18

 6 Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch zurückzieht von jedem Bruder, der unordentlich lebt und nicht nach der Lehre, die ihr von uns empfangen habt.

 Es ist eine scharfe Trenn-Linie, die hier gezogen wird: Zieht euch zurück von denen, die unordentlich leben. Geht auf Abstand. Macht euch nicht mit ihnen gemein. Der Rückzug ist eine Form der Kritik. Er sagt: Wir leben anders. Ist das schon die Ausrufung des Ghettos? Die Sammlung einer „moralischen Elite“, die von der Selbstgefälligkeit bedroht ist?

Es ist wichtig zu sehen: Das ist hier keine Maßnahme einer Kirchenbehörde, die viel Macht hat. Es geht um eine Minderheiten-Gruppe und in ihr um das Durchhalten gemeinsamer ethischer Regeln. Weil – und das ist das eigentlich Aufregende: In der Art, wie eine, einer lebt, zeigt sich, wie er, sie glaubt. Unser Handeln, unser Verhalten erzählt von unserem Glauben. Die Folgerung daraus: Unordentliches Leben sagt eben etwas über „unordentlichen Glauben“! Kann man das in unsere Zeit hinein übertragen?

Kirchenzucht hat bei uns keine gute Presse. Unsere Gesellschaft hast sich darauf verständigt, dass keiner dem anderen moralische Vorschriften zu machen hat. Das halten wir für einen großen Fortschritt, der mit der Entmachtung der Kirchen in der Aufklärung verbunden ist. Seitdem ist die Ethik frei.

 Ich halte es auch für einen Fortschritt, dass die Kirche nicht mehr über Machtinstrumente verfügt, durch die sie Leben reglementieren kann. Pfarrer als „schwarze Polizisten“ sind mir eine Horror-Vorstellung. Aber: Das kann nicht bedeuten, dass ethisch alles gleich gilt, alles gleichgültig ist. Unordnung muss auch heute noch Unordnung genannt werden können. Veruntreuung ist Veruntreuung. Ehebruch bleibt Ehebruch, selbst wenn er massenhaft praktiziert wird. Lüge bleibt Lüge.

 Mir fallen eine Menge Trennlinien ein, die heute gezogen werden und die in keiner Weise als moralische Selbstgerechtigkeit interpretiert werden: Raucher vor die Tür. Wer nicht Gesundheitsvorsorge betreibt, bezahlt höhere Beiträge. Kein Geld für Eltern, die ihre Kinder nicht in die KiTa schicken wollen. Wer seine Kinder nicht in den Schwimm-Unterricht lässt, sie nicht in eine öffentliche Schule schicken will, wird verklagt. Ganz so tolerant sind wir als Gesellschaft auch wieder nicht, wie wir gerne tun. Vorsicht also, bevor wir hier gar zu schnell Ghetto-Mentalität oder Selbstgerechtigkeit wittern. 

 Die Frage ist: Was ist Rückzug in einer Kirche, die eine Mehrheitsposition inne hat? Da wird aus Verhaltensregeln leicht ein Macht-Instrument. Mit denen haben wir nichts zu tun – dieses Urteil schließt von Beteiligung aus. Darf man das? Oder muss man das sogar, damit wir nicht in einem moralischen Allerlei landen? Einzelfall-Prüfung – ein wunderbarer Ausweg. In das seelsorgerliche Ermessen stellen. „Klartext wagen“ weiterlesen

Er ist treu

2. Thessalonicher 2, 13 – 3, 5

 13 Wir aber müssen Gott allezeit für euch danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch als Erste zur Seligkeit erwählt hat in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit, 14 wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.

 Gott sei Dank, möchte ich fast sagen. Jetzt geht es wieder um die Gemeinde. Der Blick löst sich von dem Bösen und der Brief sieht auf die Christinnen und Christen. Er sieht auf sie als auf die, die zur Seligkeit erwählt sind, die in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit dieser Erwählung auch entsprechen. Die Lebensführung der Christen hat, so gesehen, ein Fundament, das sie nicht selbst gelegt haben.

 Sie sind in dieses Leben berufen durch unser Evangelium. Das unserEvangelium zeigt etwas vom Selbstbewusstsein des Paulus, ähnlich wie im Brief nach Korinth (2. Korinther 4,3). Neben unserem Evangelium ist kein Platz für „ein anderes Evangelium.“(2. Korinther 11,4) Das ist die Sicht auf die Verkündigung: Sie stellt auf ein Lebensfundament, das in der Zeit trägt und in Ewigkeit hält. Sie ist mehr als ein Zeit-Kommentar.

 15 So steht nun fest, liebe Brüder, und haltet euch an die Lehre, in der ihr durch uns unterwiesen worden seid, es sei durch Wort oder Brief von uns.

 Darum kann der Apostel auch auffordern: Steht nun fest. Haltet euch an die Lehre. Wer das tut, greift nicht ins Leere.Es geht um Glaubensgewissheit und Heilsgewissheit. Sie lässt Paulus schreiben und sie soll entstehen – ob durch das gesprochene Wort oder den geschriebenen Brief. An einem Meinungsaustausch über religiöse Überlegungen liegt dem Apostel nichts. An der Festigung des Glaubens legt ihm alles.

 16 Er aber, unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater, der uns geliebt und uns einen ewigen Trost gegeben hat und eine gute Hoffnung durch Gnade, 17 der tröste eure Herzen und stärke euch in allem guten Werk und Wort.

 Ist das jetzt versöhnlich? Mein Eindruck ist anders. Es ist das Signal, dass der Apostel weiß, dass es seine Worte nicht sind. Er mag zu Herzen reden. Er mag trösten. Aber das alles greift zu kurz, wenn nicht unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater selbst das Wort nimmt. Wenn er nicht aus den Worten des Apostels sein Wort macht, aus dem Trösten des Apostels seinem Trost, aus dem Stärken Wollen des Apostels seine Stärke, dann ist alles zu kurz geraten. Dann sind es immer noch gute Worte. Aber sie reichen nicht sehr weit.

 Es ist der sehr grundsätzliche Vorbehalt über aller Glaubensverkündigung, der hier anklingt. Wenn der Herr nicht das Wort nimmt und es wandelt in sein Wort, dann bleibt es Wort ohne Ewigkeits-Tiefe.

 Wenn der HERR nicht das Haus baut,                                                                                    so arbeiten umsonst, die daran bauen.                                                                                    Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                                                                so wacht der Wächter umsonst.                                       Psalm 127, 1

Wenn der Herr nicht das Wort nimmt                                                                                   predigen die Verkündiger vergeblich                                                                                        bleibt es Wort ohne Kraft aus Gottes Heil „Er ist treu“ weiterlesen

Gegen die Faszination des Bösen

2. Thessalonicher 2, 1 – 12

 1 Was nun das Kommen unseres Herrn Jesus Christus angeht und unsre Vereinigung mit ihm, so bitten wir euch, liebe Brüder, 2 dass ihr euch in eurem Sinn nicht so schnell wankend machen noch erschrecken lasst – weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort oder einen Brief, die von uns sein sollen -, als sei der Tag des Herrn schon da.

 Wie ungehört scheint mir dieser Rat. Bis auf den Tag heute lassen sich Leute erschrecken, in Furcht versetzen mit der Botschaft: Der Tag des Herrn ist da. Er steht vor der Tür. Es will scheinen, als würde der Schreiber zurückgreifen auf frühere Botschaft. Wir haben es doch klar gelegt, was es mit dem Kommen des Herrn auf sich hat. Der erste Brief nach Thessalonich ist ein seelsorgerliches Schreiben, das die Angst nehmen will. Niemand wird den Tag versäumen. Niemand muss Angst um die haben, die schon gestorben sind. Auch sie werden nicht ausgeschlossen sein von der Freude über den wiederkommenden Herrn.

 Es scheint Leute, wichtige Leute gegeben zu haben, die Unruhe in die Gemeinde gebracht haben. Darum wird jetzt ein neuer Anlauf genommen, um zu klären. Es ist ein bisschen mühsam zu lernen. Aber es gibt viele Fragen im Leben – und auch im Glauben, die sind nicht mit einem Mal ein für allemal geklärt. Sie melden sich wieder, beunruhigen wieder. Sie erfordern nicht unbedingt neue Antworten. Aber sie verlangen neue Aufmerksamkeit.

 3 Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit offenbart werden, der Sohn des Verderbens. 4 Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.

 Auf den ersten Blick wird jetzt doch so etwas wie ein Zeitplan sichtbar. Oder zumindest Elemente, Markierungspunkte, die Zeitabfolgen suggerieren. Der Mensch der Bosheit, der Sohn des Verderbens muss sich zeigen, offenbar werden. Die Versuche, hier eine historische Verankerung zu finden, sind unbefriedigend. Aber es ist oft versucht worden. Fast jeder und fast jede Zeit hat so „Lieblingsböswichte“, die dann ins Spiel gebracht werden. Das können politische Führer sein, Tyrannen, Diktatoren. Das können auch Kirchenfürsten sein, Geistesgrößen. Selbst der Papst musste – bei Luther! – herhalten für diese Rolle.

 Ich weiß es nicht und finde mich damit in der Gesellschaft so gut wie aller, die mit dem Text umzugehen haben. Es ist wohl besser, hier auf historische Zuordnungen zu verzichten.

 5 Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und ihr wisst, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. 7 Denn es regt sich schon das Geheimnis der Bosheit; nur muss der, der es jetzt noch aufhält, weggetan werden, 8 und dann wird der Böse offenbart werden.

 Diese Resignation ist umso ärgerlich, weil der Brieftext nahe legt: Die Thessalonicher müssen eine Vorstellung gehabt haben, von wem oder wovon die Rede ist. Sie werden an Gespräche zum Thema erinnert. Es wird ihnen unterstellt: Ihr wisst! Und wir wissen – nichts!

 Ich frage mich selbst: Wie klingt das für dich? Da hält jemand das Böse, den Bösen auf. Wenn dieses Aufhalten zu Ende ist, dann wird es keine Schranke mehr für das Böse, den Bösen geben. Dann entfaltet es sich zu voller Größe.

So geht es ja in Diktaturen manchmal. Da gibt es erst noch hemmende Kräfte, aber dann auf einmal wird alles zügellos. „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – und ein enthusiastischer Jubelschrei ist der Anfang vom Untergang. Es gibt kein Halten mehr. Das kann man in der Geschichte vielfach beobachten. Wenn die besonnenen Kräfte ausgeschaltet sind, nichts mehr zu sagen haben, feiert die Bosheit Triumphe. Und erstickt an sich selbst. „Gegen die Faszination des Bösen“ weiterlesen

Es ist Deine Sache

2. Thessalonicher 1, 1 – 12

 1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

 Fast wortgleich wie der erste Brief beginnt der zweite Brief nach Thessalonich. Die Unterschiede sind gering: Statt „in Gott, dem Vater“ (1.Thessalonicher 1,1) heißt es in Gott, unserm Vater. Das kann ein Signal sein. Die Vater-Bezeichnung für Gott hat an Akzeptanz gewonnen. Darum wird sie vielleicht auch bei dem Gnaden-Wunsch gleich noch einmal aufgegriffen.

Mich beschäftigt mehr: Das ist unser Kanzelgruß. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Mit diesen Worten grüße ich ganz oft die Gemeinde zum Beginn der Predigt. Dieser Gruß stellt mich gewissermaßen neben die Schreiber dieser Briefes. Und sagt damit: Ich stehe in dieser Kette. Ich will wie sie das Wort weitergeben.

 3 Wir müssen Gott allezeit für euch danken, liebe Brüder, wie sich’s gebührt. Denn euer Glaube wächst sehr und eure gegenseitige Liebe nimmt zu bei euch allen.

 Das klingt ein bisschen gestelzt. Wir müssen Gott für euch danken, wie sich’s gebührt. Was ist das für ein „Müssen“? frage ich. „Wir sind genötigt“  könnte man auch übersetzen. „Das „müssen“ bringt zum Ausdruck, dass Danksagung Gott gegenüber nicht ins Belieben gestellt, nicht Angelegenheit besonders Frommer ist, sondern die angemessene und verpflichtende Antwort auf das Geschenk Gottes.“ (W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S. 44) Das ist ein Schritt über die eigene Befindlichkeit hinaus. Was die Schreiber sehen als Wachsen des Glaubens in der Gemeinde in Thessalonich führt sie, „zwingt“ sie regelrecht zur Dankbarkeit.

 Es scheint zusammen zu hängen: Der Glaube wächst und die gegenseitige Liebe. Das ist ein wichtiger Hinweis: Wo die Liebe fehlt, gibt es auch kein Wachsen im Glauben. Vielleicht gilt auch umgekehrt: Wo das Gottvertrauen fehlt oder ein kümmerliches Dasein fristet, kann auch die Liebe nicht auf-blühen. Beide Verstehensmöglichkeiten stellen unser so individualistisches Konzept von Glauben: „Jeder hat seinen privaten Glauben und den macht er mit sich ab“ massiv in Frage. Wo Glauben und Liebe so ineinander hängen, ist klar: Es geht um ein Verhalten aus Glauben und nicht nur um ein Wahr-halten von theologisch bedeutsamen Sätzen. „An der Liebe zeigt sich die Kraft des Glaubens und des Christentums.“ (W. Trilling, Der Zweite Brief an die Thessalonicher EKK XIV; Neukirchen 1980, S.45)

 4 Darum rühmen wir uns euer unter den Gemeinden Gottes wegen eurer Geduld und eures Glaubens in allen Verfolgungen und Bedrängnissen, die ihr erduldet, 5 ein Anzeichen dafür, dass Gott recht richten wird und ihr gewürdigt werdet des Reiches Gottes, für das ihr auch leidet.

 „Ihr seid unsere Ehre und unsere Freude.“(1. Thessalonicher 2,20) Hier: Wir rühmen uns euer. Es macht Freude, von Gemeinden zu erzählen, in denen es gut läuft. In denen schöne Gottesdienste gefeiert werden. In denen es Angebote für viele gibt – Hilfen für Bedrängte, Sorge um die Schwachen, Trost für Traurige, Beistand für die, die mit dem Leben nicht klar kommen. Und wenn das erst „meine Gemeinde“ ist – das macht schon auch ein wenig stolz. „Es ist Deine Sache“ weiterlesen

Das letzte Wort: Gnade

1. Thessalonicher 5, 12 – 28

 12 Wir bitten euch aber, liebe Brüder, erkennt an, die an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch ermahnen; 13 habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

 Es geht um die „Lehrer“, um die, die in der Gemeinde leitend Verantwortung tragen. In unserer Sicht sind es die, die Macht haben und ausüben. Die, die kontrolliert werden müssen. Die, die sich Fragen gefallen lassen müssen, nach ihren Motiven, nach ihren Zielen, nach ihren Fähigkeiten. Wie anders klingt das alles in diesem Brief: Erkennt sie an… Habt sie umso lieber um ihres Werkes willen.

 Das schreibt Paulus ja nicht nur, weil er selbst einer dieser Lehrer ist, selbst aus ihrer Perspektive auf die Gemeinde schaut. Ich glaube, er schreibt es, weil es ohne dieses Anerkennen kein wirkliches Leiten gibt, weil es ohne das sich gefallen Lassen, dass wir geleitet, ermahnt, ermutigt werden, das alles gar nicht gibt. Da wird dann aus Leiten unwillig erlebte Herrschaft.

 Und: Es ist ja das Werk, das Gott den Leitenden aufgetragen hat. Sie machen das nicht, weil sie sich darum beworben haben – vielleicht ist das der große Unterschied zu heutiger Vergabepraxis kirchenleitender Aufgaben – , sondern weil sie dafür begabt und deshalb (!) auch damit beauftragt sind. „So sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“ (Römer 12, 5-8) Das ist das Bild, das Paulus in seinen Gedanken leitet.

 Haltet Frieden untereinander. 14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.

 Frieden ist nicht grundsätzlich verdächtig für Christen. Es ist ja das große Erbe des Alten Testamentes, dass das Heil Gottes auch Frieden ist, Shalom. Eine Ordnung des Lebens, in der Alles und Alle, die ganze Schöpfung an ihr Ziel kommt. Frieden – das ist, dass Gott wieder sagen kann: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1, 31) Dieser große Friede ist ganz Gottes Geschenk.

 Aber auf dem Weg dorthin gibt es viele kleine Schritte des Friedens.Sie sind Aufgabe in der christlichen Gemeinde. Ich habe gelernt, aus meiner Erfahrung: Aufforderungen signalisieren Aufgaben. Vielleicht auch Defizite. Kann es sein, dass es so friedlich nicht zuging unter den Thessalonichern? Dann gewinnt diese Aufmunterung zusätzlich Dringlichkeit. Jedenfalls: sie sagt nichts, was ohnehin selbstverständlich ist. „Das letzte Wort: Gnade“ weiterlesen

Das Leben nach vorne ausrichten

1. Thessalonicher 5, 1 – 11

 1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.

 Es geht weiter um die Frage: Wann wird es so weit sein? Wann kommt der Herr? Es ist ein Jesus-Wort, das offensichtlich in der jungen Christenheit treu weitergegeben wird, das Paulus hier zitiert: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Matthäus 24, 42-44) Es ist eine Thema, um das sich viel Gedanken ranken. Aber es ist ganz auf der Linie Jesu, dass die Gemeinde sich keinen Fahrplan baut, dass sie aber in der Erwartung lebt. Wachsam. Bereit.

 Denn, er wird ja wiederkommen!

Keiner weiß, wann; keiner weiß, wie;                                                                               doch alle werden dich sehn.                                                                                                   Einer sagt: „jetzt“, ein anderer“nie“,                                                                                     doch alle werden dich sehn.

 Du hast gesagt, du kommst zurück,                                                                                  und alle werden dich sehn.                                                                                                    Du allein weißt den Augenblick,                                                                                              doch alle werden dich sehn.                                                                                                   Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?                                                                                Kommst du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein?

Keiner weiß, wann…                                          Manfred Siebald

3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.

 Keine falsche Sicherheit. Wer die sind, von denen es heißt Wenn sie sagen werden ist unklar. Aber es werden Stimmen innerhalb der Christen sein. Mit denen „draußen“ muss Paulus sich nicht auseinander setzen. Sie sind sowieso blind. Aber eben auch Christen können blind sein für das Kommende, für den Kommenden. „Gerade das ist das Wesen des Zeitpunktes, dass er nicht als solcher erkannt wird. Er ist markiert durch die Parole: Friede und Sicherheit.“(T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S. 215)

 Es ist eine uralte Traditionslinie, die in die Irre führt.Propheten und Priester gehen alle mit Lüge um und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede. (Jeremia 6,13-14) Es ist geradezu das Kennzeichen der falschen Propheten, dass sie Frieden verkündigen und in Sicherheit wiegen, wo der Sturm schon dabei ist, loszubrechen. Ειρήνη καί ασφάλεια Frieden und Sicherheit. Damit kann man auch heute noch erfolgreich werben. Die Leute hören das gerne.Es ist eine Parole, wie für große Plakate geschaffen. Die Leute Gottes aber stören den faulen Frieden. Sie rütteln auf. Sie halten wachsam.

 Das schreiben, heißt sofort fragen: Wo rütteln wir auf? Wo zeigen wir, dass der Frieden faul ist und die Sicherheiten brüchig sind? Man muss nicht investigativ unterwegs sein, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie faul und zur Ernte reif unsere Lebensweise in den reichen Ländern ist. „Das Leben nach vorne ausrichten“ weiterlesen

Keiner soll trostlos bleiben

1. Thessalonicher 4, 13 – 18

 13 Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben.

 Es ist ein bedrängendes Thema: Was ist mit denen, die gestorben sind? Verpassen sie die Wiederkunft Christi? Sind sie womöglich nicht beteiligt an der Freude über sein Kommen? Fragen, die uns heute fremd vorkommen mögen, die aber so fremd auch uns nicht sind? Wie oft fragen Menschen auch heute: Wo sind denn die, die uns genommen worden sind? Werden wir sie wiedersehen? Werden wir sie wieder erkennen?

 Would you know my name /If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‚Cause I know I don’t belong / Here in heaven

Would you hold my hand / If I saw you in heaven?
Would you help me stand / If I saw you in heaven?

I’ll find my way / Through night and day
‚Cause I know I just can’t stay /Here in heaven

Time can bring you down / Time can bend your knees
Time can break your heart /Have you begging please
Begging please

Beyond the door / There’s peace, I’m sure
And I know there’ll be no more / Tears in heaven

Would you know my name / If I saw you in heaven?
Would it be the same / If I saw you in heaven?

I must be strong /And carry on
‚Cause I know I don’t belong / Here in heaven

‚Cause I know I don’t belong /Here in heaven                   Eric Clapton, Tears in Heaven

Es sind unsere Fragen, die sich so schon zwischen den Zeilen des Briefes nach Thessalonich finden. Es ist Seelsorge, die auf diese Fragen eingeht, und nicht ein Spekulieren über das, was wir nicht wissen können.

 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. 15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.

Es braucht keinen Wettlauf zur Auferstehung. Und es gibt keinen Vorsprung für irgendjemanden bei der Ankunft des Herrn.Das ist wohl die Sorge: Die einen kommen früher als die anderen. Die noch leben, wenn der Herr wiederkommt, sind besser dran als die, die entschlafen sind. „Keiner soll trostlos bleiben“ weiterlesen

Bitten und Ermahnen

1. Thessalonicher 4, 1 – 12

 1 Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns. empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, dass ihr darin immer vollkommener werdet.

 Keine Befehle. Behutsames Werben. Erinnern an das, was sie gelernt haben, was sie gesehen haben. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass das, was man an einem anderen als Lebenspraxis sieht, viel mehr überzeugt als Vorträge oder Anweisungen. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen haben“(Matthäus 28.19) sagt der auferstandene Christus. Und „befohlen“ meint da: Gezeigt, vorgelebt, aufgetragen. Es ist ja seine Lebenspraxis, die er gelehrt hat. In diese Spur sollen, so der Wunsch des Paulus, die Thessalonicher immer mehr hinein finden.

Bitten und ermahnen in dem Herrn Jesus. Das ist ein bisschen fremd für unsere Ohren. Aber damit wird die gemeinsame Basis benannt, die hinter diesem Bitten und Ermutigen steht. Mehr noch: „Wenn Paulus bittet und ermahnt, so bringt er nicht seine persönliche Meinung über gewisse ethische Fragen zum Ausdruck. Er ermahnt aus der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus, so dass nicht Paulus, sondern Christus selbst durch den Apostel der Redende ist.“ (G. Friedrich., Der Erste Brief an die Thessalonicher, NTD 8; 1976, S. 236) Christus ist die Autorität, die hinter den Worten des Paulus und seiner Brüder steht. Damit ist deutlich: Es geht nicht um ein belangloses „So sehe ich das“, sondern um verbindliche und beanspruchende Worte.

2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. 3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht 4 und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, 5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

Eure Heiligung ist das Ziel alles dessen, was folgt. Statt Heiligung könnte ich auch sagen: Dass ihr dem mit eurem Leben entsprecht, was Gott an euch getan hat. Dass ihr „Christusförmig“ werdet. Dass „Christus in euch Gestalt gewinnt.“(Galater 4,19) Dem dient die Verkündigung des Evangeliums. Dem dient auch, dass klare Lebensregeln, Gebote, Weisungen ins Bewusstsein gerufen werden.

Das griechische Wort παραγγελία ist schwächer als andere Worte, die sonst im Neuen Testament für Gebot verwendet werden. Trotzdem sind es „bindende Weisungen, die nicht durch Begründung, sondern durch Autorität Geltung haben.“ (T. Holtz, Der Erste Brief an die Thessalonicher EKK XIII; Neukirchen 1986, S. 154) Sie sind ja durch den Herrn Jesus gegeben. Er will die Heiligung seiner Leute. Paulus ist nur sein Bote.

Es ist nicht das Thema Nr. 1, aber es ist ein wichtiges Thema, wenn es um Ehe und Sexualität geht. Es ist ein Thema, in dem es nicht nur den Willen und die Triebe der Menschen gibt, sondern auch und vor allem um den Willen Gottes. Gott ist der Geber des Lebens – wie sollte er da nicht auch in dem, was diese so starke Lebenskraft der Sexualität betrifft, Wegweisung geben?

 Unzucht meiden, die eigene Frau gewinnen, sich nicht den Trieben unterwerfen. Das sind klare Worte gegen eine frei umher schweifende, damals im Heidentum unproblematisch weithin übliche Sexualpraxis. Aber Paulus ist nicht weltfremd. Auch in der Ehe kann es zu Übergriffen kommen. Mit Paulus ist sexuelle Gewalt in der Ehe nicht zu rechtfertigen. „Bitten und Ermahnen“ weiterlesen

Grenzenlose Liebe

1. Thessalonicher 3, 1 – 13

 1 Darum ertrugen wir’s nicht länger und beschlossen, in Athen allein zurückzubleiben, 2 und sandten Timotheus, unsern Bruder und Gottes Mitarbeiter am Evangelium Christi, euch zu stärken und zu ermahnen in eurem Glauben, 3 damit nicht jemand wankend würde in diesen Bedrängnissen.

Darum. Wie oft schließen die Gedanken bei Paulus und anderen so an vorhergehende Sätze an. Und oft ist solch ein Darum, mit dem ein neues Kapitel anfängt, der Hinweis, dass diese Kapiteleinteilungen Werk späterer Bibelausgaben sind, aber nicht vom Autor selbst gewollt.

 Es ist eine ungewöhnlich emotionale Ausdrucksweise: Wir ertrugen es nicht länger. Es setzt Paulus zu, dass er im Ungewissen ist. „Das Leben der anderen ist für die echte Liebe so wirklich ein Stück des eigenen Lebens geworden, dass das sorgende Bangen um die anderen unerträglich werden kann.“(W. de Boor, Die Briefe des Paulus an die Thessalonicher, Wuppertal 1977, S. 57) So sehr, dass Paulus es auf sich nimmt, allein zu bleiben in Athen.

 Es ist nicht nur die Sorge um die Thessalonicher, die sie nicht ruhen lässt, die dazu führt, dass sie Timotheus schicken. Es ist auch die Sehnsucht nach der Freude, die sich an den anderen freuen will. Paulus ist offenkundig weit davon entfernt, nur problemorientiert denken zu können. Er hofft auf gute Nachrichten und damit die wirklich kommen können, wird er aktiv. Timotheus soll stärken und ermahnen, ermutigen im Glauben. Alles, damit keiner aufgibt, keiner weggeht, keiner klein bei-gibt in diesen Bedrängnissen.

 Wie nahe sind diese Sätze beieinander: „Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.“(Hebräer 12,12) Auch da der Verzicht darauf, die Bedrängnisse, das, was zum Straucheln bringen könnte, konkret zu benennen. Vielleicht ist das ja das Geheimnis dieser Worte: Weil sie im Schwebenden bleiben, was die ganz konkrete Gefährdung angeht, sind sie wie ein Mantel, den sich viele anziehen können, in dem viele sich aufgehoben fühlen können, weil sie sagen: Bedrängnis – das kenne ich auch.

 Seit vielen Jahren liegt ein Gebet auf meinem Schreibtisch, das genau an diese Stelle anknüpft:

Gib Du in unser Bangen unser Sorgen                                                                               Dein heilsam Wort, dass unsre Angst vergeh                                                                     wie dunkle Nacht an einem hellen Morgen                                                                             Richt‘ auf den Müden, dass er wieder steh‘                                                                        und mache sicher seine leisen Schritte                                                                                Bleib auch in unserer Schwachheit unsere Mitte.

Ich habe mich oft an diesen Worten festgehalten. Sie sind mein Mantel für die Bedrängnisse meines Lebens, die es reichlich gibt. „Grenzenlose Liebe“ weiterlesen

Sehnsucht nach der Gemeinde

1. Thessalonicher 2, 13 – 20

 13 Und darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt.

Atemberaubend! Die Worte der Apostel sind den Thessalonichern zu Gottes Wort geworden. Sie haben in der menschlichen Rede die Anrede Gottes gehört. Und Paulus sagt: Ihr habt damit in Wahrheit recht gehört. Es sind nicht unsere Worte, über die wir verfügen. Es ist nicht die Wirkung menschlicher Überredungskunst, der die Thessalonicher erlegen sind. „Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ (1. Korinther 2, 1 – 5) Gott hat aus Menschenworten sein Wort werden lassen.

 Wenn ich es richtig sehe, geht es Paulus nicht so sehr um eine komplizierte Verhältnisbestimmung vom Gotteswort im Menschenwort. Ihm geht es darum seine Leser zu vergewissern: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Gott selbst hat an euch gehandelt, durch unsere Worte.

 Das alles sagt er nicht hochmütig, sondern demütig. Es ist ja nicht sein Wort. Er hat es auch empfangen und er gibt nur weiter, was er empfangen hat: „Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe…“ (1. Korinther 15, 1-3) Das Evangelium zu sagen ist eine Sache der Treue gegen das empfangene Wort. An dieses Wort, die Schrift Alten und Neuen Testamentes sind die Boten gebunden, bis heute.

 14 Denn, liebe Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa nachgefolgt, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt dasselbe erlitten von euren Landsleuten, was jene von den Juden erlitten haben.

 So wie Paulus in einer Kette der Weitergabe steht, so sind die Thessalonicher in eine „Kette“ eingetreten. Sie folgen den Gemeinde Gottes in Judäa nach. Die heidenchristliche Gemeinde in Thessalonich erlebt nichts anderes als die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem. Es gibt so etwas wie eine Leidens- und Schicksalsgemeinschaft im Glauben. Beide sind sie Gemeinden Gottes, die in Christus Jesus sind. Das also bestimmt Gemeinde, dass sie in Jesus Christus ist, in ihm ihren Grund und ihre Hoffnung hat. Das schließt Leidensgemeinschaft mit ein – so folgt sie ja dem gekreuzigten Herrn und allen, die in seiner Nachfolge Leiden geschmeckt haben. „Sehnsucht nach der Gemeinde“ weiterlesen