Mensch unter Menschen

Lukas 13, 18 – 21

 18 Er aber sprach: Wem gleicht das Reich Gottes, und womit soll ich’s vergleichen? 19 Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.

 Lukas verzichtet auf irgendeine Übergangsbemerkung. Darum stelle ich mir die Synagoge als Ort für diese Gleichnis-Rede vor. Eben hat Jesus geheilt und jetzt spricht er vom Reich Gottes. Es liegt nicht so fern, die Heilung dann wie so ein Senfkorn anzuschauen, das er in seinem Garten sät. Und das Leben dieser Frau ist dann die Frucht. Sie kann wieder aufatmen, wieder den Himmel sehen, wieder ihren Alltag bestehen.

 Ist es nicht genau das: Menschen können leben. Sie können im Vertrauen auf Gott Schritte tun. Sie können ihre Schwierigkeiten bewältigen. Sie können ihren Hoffnungen eine Gestalt geben, vorläufig, bruchstückhaft, aber doch eine Gestalt. Wo Leben aufblüht, wächst das Reich Gottes. Wo Menschen miteinander zurecht kommen, wo sie Schritte der Versöhnung wagen, wo sie sich gegenseitig helfen in den tausend Aufgaben des Alltags, wächst das Reich Gottes.

 Ich habe das Reich Gottes viel zu lange gedanklich eingesperrt in einen frommen Bezirk, in ein frommes Ghetto. Ich habe es mit dem ausgebuchten Gemeindehaus verwechselt. Aber es findet da statt, wo wir leben und nicht da, wo wir fromme Veranstaltungen machen. Es findet da Raum, wo es ein Zuhause anbietet – für die Vögel unter dem Himmel, für die heimatlosen Menschenkindern auf der Erde, für alle, die auf dem Weg und der Suche nach ihrem Zuhause sind.

„Mit der Krankheit nahm er die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen, an den Fußsohlen mit. Und erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält. Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich.“ (Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, S. 56) Mitten in der Welt ist die Sehsucht nach dem Himmelreich und sie hat wunderliche Kleider an. Manchmal denke ich: Sie muss sich verkleiden, damit wir sie ernst nehmen.

 20 Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? 21 Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

 Und nun der zweite Anlauf und wieder eine Alltagsszene. Eine Frau mengt Sauerteig unter das Mehl. So ist es mit dem Reich Gottes. Es wird darunter gemengt, unter unsere Alltagsbeschäftigungen. Es trägt keinen Heiligenschein. Und weil es drunter gemengt ist, „inter esse“, sehen wir es nicht und spüren es nur. Wir schmecken es. Weil Friede anders schmeckt als Streit, weil Verständnis anders schmeckt als Härte, weil Geduld und Sanftmut anders schmecken als Antreiben und Fordern.

 Es braucht für das Drunter-Mengen Zeit. Es ist die Aufgabe, die Jesus hat, dass er das Reich Gottes in die Zeit hinein senkt, dass er es zu den Menschen trägt mit seinen Worten, mit seinem Heilen, mit seinem Rufen zum Vertrauen. Seine Wanderschaft durch die Dörfer und Städte, sein Umgehen mit den Menschen ist dieses Einmischen des Reiches Gottes in den Alltag, in das ganz normale Leben mit seinen Ängsten und Nöten, Freuden und Feiern.

 Es ist ein Aspekt, der mir zunehmend wichtiger wird – Jesus mischt das Reich Gottes in das Leben hinein – indem er Menschen begegnet, mit ihnen spricht und lacht, klagt und seufzt, ihre Tränen sieht und ihre Hoffnungen, ihnen den Himmel zeigt und sie mit ihrer irdischen Existenz versöhnt. Und ganz häufig sagt man wohl: Da ist ja nur ein Mensch unter Menschen und es ist gar nichts Besonderes – und doch ist genau so das Reich Gottes da.

Jesus                                                                                                                                      Du redest                                                                                                                                 lachst                                                                                                                                       isst                                                                                                                                         weinst mit Menschen                                                                                                             Du tröstest                                                                                                                         ermutigst                                                                                                                            richtest auf                                                                                                                          bestärkst                                                                                                                               Du widersprichst                                                                                                                    streitest                                                                                                                                     bist hart in Deinen Worten

Du bist Mensch unter Menschen                                                                                            einer wie wir                                                                                                                           der das Leben teilt                                                                                                            austeilt                                                                                                                                  mit Hoffnung infiziert und der Resignation widersteht

Du sagst                                                                                                                                So kommt das Reich                                                                                                           wie ein Samenkorn                                                                                                                  wie ein Sauerteig                                                                                                                  tief hinein gehüllt                                                                                                               dazwischen getan in unsere Alltags-Mühen und Alltagshoffnungen.

Danke für dieses Dazwischen                                                                                              Dein inter esse. Amen